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Ein Spaziergang durch…

Jerusalem, das ist die Stadt, die nachts zu einem Meer aus funkelnden Lichtern wird. Es ist die Stadt, die sich unter meinen Füßen so unendlich alt anfühlt, dass ich in ihrer Geschichte klein werde wie ein Regentropfen in einem Gewitter.

Als ich das erste Mal nach Jerusalem fuhr, war es extrem heiß. Die Hitze erschlug mich förmlich, und trotzdem hielt mich das nicht davon ab, mich in die Stadt zu verlieben. Ich schlenderte durch die Altstadt, verlor mich in den Gassen, schaute dem bunten Treiben auf den Plätzen zu und ging zur Klagemauer. Die Sonne brannte auf den weißen Stein und blendete. Im jüdischen Viertel gibt es irgendwo ein wunderschönes Mosaik unter einem Torbogen. Falls Sie sich ebenfalls in der Altstadt verlieren, kommen Sie sicher daran vorbei.

Jewish Quarter Street

Mosaik im Jüdischen Viertel in der Altstadt

„Sie sollten unbedingt…“ ist eine Phrase, mit der Reiseführer auf Sehenswürdigkeiten hinweisen. Jerusalem ist kein Ort für solche Sätze. Man kann die Stadt nicht mit einem Lehrbuch kennenlernen, weil sie größer ist. Größer in ihrer Tiefe. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.
Ich glaube, es liegt daran, dass Menschen aus aller Welt mit religiösen Gefühlen nach Jerusalem kommen. Man sieht den Unterschied in ihren Augen: Es gibt Touristengruppen („Sie sollten unbedingt…“) und dazwischen gibt es diese Stimmen, die man singen hört, bevor man die Gesichter dazu sieht: freudestrahlend und zutiefst bewegt.
Auf dem Basar in der Altstadt verkaufen Händler Schals, fliegende Teppiche, Finjan-Kaffeekännchen, Schmuck und allerlei Krimskrams der glitzert und glänzt. Viele der angebotenen Dinge sind nicht unbedingt die hochwertigste Qualität. Die armenischen Töpferwaren stehen inzwischen jedoch stapelweise in meinem Küchenregal, weil sie sich sehr bewährt haben. Sie sind hübsch anzusehen und die Auswahl an Formen und Farben ist auf dem Basar riesig.

Bazar in Jerusalem

Der Basar in der Altstadt

Etwas außerhalb der Altstadt befindet sich ein Restaurant, das ich als Geheimtipp weiterempfehlen möchte. Es liegt in der Yafo Street 31 im kunterbunten Viertel Nachalat Shiv’a. Diese Gegend ist voller Straßencafés, Restaurants und Künstlerateliers. Das Restaurant, in dem ich regelmäßig in Jerusalem essen gehe, heißt „Eldad vezeo“ und ist dekoriert mit schönen Antiquitäten. Die anspruchsvolle Küche ist mediterran mit Speisen aus Nahost und Europa.

Doch auch auf dem großen Mahane Yehuda Markt gibt es Restaurants, die wirklich empfehlenswert sind. Auf dem Markt findet man frisches Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Gewürze, Süßes… Die kleinen Restaurants dort sind um die Mittagszeit sehr voll und man findet kaum einen Platz, es empfiehlt sich daher, eher am frühen Nachmittag zum Essen dorthin zu kommen. Am Freitag platzt der Markt aus allen Nähten, denn dann kommen die Menschen um den Einkauf vor Shabbat zu machen. Samstags ist der Markt geschlossen. Schön ist ein Besuch unter der Woche, wenn man nicht durchgeschoben wird und sich noch frei bewegen kann…

Mahane Yehuda

Der Mahane Yehuda Markt

Am Nachmittag brauche ich immer eine Tasse Kaffee. In Jerusalem gibt es ein Café, an dem sicher nicht nur Bücherfreunde Gefallen finden: An den Wänden stehen Bücherregale und man hat das Gefühl, in einem Wohnzimmer aus dem 19. Jahrhundert zu sitzen. Zudem ist die Auswahl and Tee- und Kaffeespezialitäten sehr gut. „Tmol Shilshom“ in der Yoel Moshe Salomon Street 5 ist definitiv einen Besuch wert. Dabei ist es trotz seiner Berühmtheit keineswegs ein extravaganter Ort mit überteuerten Preisen.

In der Deutschen Kolonie findet man ebenfalls schöne Cafés. Die malerischen Häuser dort, die im ausgehenden 19. Jahrhundert entstanden, haben einen europäischen Baustil und man kann sich beim Spaziergang durch die Straßen lebhaft vorstellen, in einem alten deutschen Dorf gelandet zu sein.

Jerusalem kann man immer wieder neu entdecken. Neben den touristischen Seiten hat die Stadt außerdem auch ein sehr tolles kulturelles Programm zu bieten.

Mishkenot Sha'ananim

Ausblick auf das Viertel Mishkenot Sha’ananim

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Anmerkung zu Mea She’arim:
In einem Buchladen blätterte ich vor einiger Zeit in verschiedenen Reiseführern über Israel. Enttäuscht stellte ich fest, dass sie sich in vielen Punkten sehr ähnelten. Zum Beispiel in ihren Empfehlungen zu Mea She’arim.
Reiseführer beschreiben dieses Jerusalemer Viertel als Kuriosität, die man nicht verpassen sollte. Israel ist ein äußerst gastfreundliches Land, das Besucher mit offenen Armen empfängt. Warum müssen Reiseführer die Menschen dann ausgerechnet in jenes Viertel in Jerusalem schicken, dessen Bewohner – als große Ausnahme in Israel – absolut keine Touristenvisiten wünschen? Dieses Viertel wird bewohnt von streng religiösen bis hin zu (ich sage es nur ungern) fanatischen Menschen. Leider kam es in diesem Viertel in der Vergangenheit immer wieder vor, dass Touristen (nicht nur) verbal angegriffen wurden. In der Reiseliteratur wird kurz auf die Problematik eingegangen, aber eher in der Form eines Hinweises, lange Kleidung zu tragen (unschickliche Kleidung ist in Mea She’arim vorsichtig ausgedrückt eine Todsünde!), sich unauffällig zu verhalten und bloß nicht zu fotografieren. Leider beweisen etliche Fälle dennoch, dass diese „Vorsichtsmaßnahmen“ unzulänglich sind und vor allem Reisegruppen trotzdem ungewollt den Zorn der Bewohner des Viertels auf sich ziehen.

All photos by Saskia


Mein gefährliches Leben in Israel

“Wir würden ja schon gerne mal dort Urlaub machen, aber ist es denn nicht zu gefährlich?” ist eine Aussage, die ich in Deutschland schon oft gehört habe. “Dort” – damit ist Israel gemeint. Vor Kurzem waren mein Mann und ich unterwegs in Bayern. Wir standen in einem Juweliergeschäft in Rothenburg und unterhielten uns auf Hebräisch. Da kam eine Frau auf uns zu und meinte, was für eine wunderschöne Sprache Hebräisch doch sei und dass sie so gerne mal nach Israel reisen würde. Ich antwortete ihr, dass sie das unbedingt machen solle, vor allem im Frühjahr wenn alles grünt und blüht. Da fragte sie mich erstaunt, ob man denn einfach so nach Israel reisen könne. “Da explodieren doch ständig Bomben?!”

Nun, wie soll ich es am besten sagen… Israel ist ein ruhiges und wunderschönes Land. Uns fliegen nicht ständig Bomben um die Ohren und ich mache mir auch keine Sorgen, wenn ich in den Bus einsteige. Die Wahrscheinlichkeit, in Süditalien von einem verrückten Autofahrer über den Haufen gefahren zu werden ist deutlich höher als die Wahrscheinlichkeit, in Israel Zeuge eines Anschlages zu werden oder gar eine Rakete zu sehen. Trotzdem halten die Leute Sizilien für ein sicheres Urlaubsparadies. Ich war oft in Südeuropa und kann nur sagen, dass ich den Straßenverkehr in Palermo sogar noch schlimmer fand, als die dunkelsten Ecken von Marseille…
Aber zurück zu Israel. Laut Statistik ist es hier genauso sicher wie in Deutschland. Das bestätigt der Report von Control Risks, einem Unternehmen, das weltweite Sicherheitsrisiken bewertet und damit Organisationen unterstützt, die spezifische Informationen über Risiken und Gefahren benötigen. Dabei werden zum Beispiel Korruption, politische Instabilitäten und Krisen bewertet.
Süditalien schneidet bei dem Report übrigens schlechter ab: die Sicherheitsrisiken werden dort nicht als gering eingestuft, sondern bereits als mittelhoch, womit Süditalien auf derselben Stufe mit Brasilien und Angola steht.

Fazit: Visit Israel! Aber Vorsicht, die Gefahr, dass Sie hier dann gar nicht mehr weg wollen und zu lange im Meer plantschen ist riesig!

Global risks

Details sind abzurufen unter http://www.controlrisks.com/RiskMap/Pages/Security.aspx


Frühstück im Winter am Meer

Draußen ist es stürmisch. Die Wellen brechen an den Felsen und Gischt spritzt bis auf die Hafenpromenade. Ich sitze gemütlich im Café Landwer und frühstücke. Ein Frühstück in Tel Aviv am Meer ist mein absoluter Geheimtipp für Israelreisende. Egal zu welcher Jahreszeit, es ist der ideale Ort um den Tag zu beginnen.

Cafe Landwer

In Israel gibt es am Morgen frischen Salat, Müsli, Omeletts, verschiedene Streichkäse und natürlich Shakshuka, ein allseits beliebtes orientalisches Frühstück mit Tomaten und Eiern.
Ich komme etwa einmal im Monat an den Hafen, um zu frühstücken. Im Sommer sitze ich draußen und lausche dem Rauschen des Meeres, während ich meinen Cappuccino trinke. Jetzt, im Winter, sitze ich drinnen und schaue aufs raue Meer, das schäumt und tobt. So richtig kalt werden die Winter in Tel Aviv nicht, die Israelis sprechen zutreffend vom „warmen und kalten Sommer“. Jetzt haben wir den kalten Sommer mit Temperaturen von 17°C tagsüber. Die tiefste Temperatur, die ich hier erlebt habe, war 8°C, letztes Jahr im Januar.
Der israelische Winter ist verregnet, allerdings gibt es immer wieder sonnige Tage zwischendurch und der Himmel ist nicht durchgehend bedeckt und grau. Trotzdem bin ich ein Fan des Sommers, ganz egal ob es dann Tag ein Tag aus über 30 Grad hat und man ohne Klimaanlage nicht gut schlafen kann. Die bayerischen Regensommer haben sehr dazu beigetragen, dass ich mich stets nach heißen Sommern sehne, ganz egal wie heiß sie dann letzten Endes tatsächlich sind…

Landwer Namal

Heute nehme ich das „Landwer Frühstück“. Mein Mann entscheidet sich auch dafür, was ich sehr praktisch finde, weil dieses Frühstück ein Müsli mit Joghurt beinhaltet und er das nicht mag. Daher kann ich seine Portion ebenfalls essen und das kommt mir sehr gelegen. Wer in Deutschland Frühstücken geht, erhält häufig eine Auswahl an Käse- und Wurstsorten, dazu Brötchen und einen Kaffee. Nun, das wäre ja eigentlich auch super.
Der Käse und die Wurst liegen allerdings oft auf einem Teller zusammen und als Vegetarier darf ich mir meine Käsescheiben dann von der Leberwurst runterkratzen. Ich bin nicht die Sorte Vegetarier, die mit erhobenem Zeigefinger zu anderen geht, um sie zu „bekehren“. Es ist mir ganz egal, was andere Menschen essen, für meinen Mann koche ich regelmäßig Fleisch und kaufe selbstverständlich Wurst für ihn ein. Ich möchte aber trotzdem nicht, dass mein Käse direkt auf der Salami liegt. In Israel gibt es so was nicht. Natürlich nicht aus Rücksicht auf Vegetarier, sondern schlicht und einfach wegen der Kaschrut, den Regeln koscheren Essens. Fleisch und Milchprodukte dürfen demnach nicht zusammen serviert und gegessen werden. Zwar sind nicht alle Restaurants und Cafés in Israel koscher, aber dennoch habe ich es noch nie erlebt, dass zum Frühstück Käse und Wurst auf ein und demselben Teller serviert wurden. Mein Mann lacht jedes Mal im Urlaub in Deutschland über mich, wenn er meine weit aufgerissenen Augen sieht, sobald uns das Frühstück serviert wird und der Käse auf demselben Teller liegt, wie die Wurst…

breakfast at landwer

Der Himmel ist grau geworden. Ein Gewitter zieht auf und wir beschließen, uns auf den Heimweg zu machen. Bis zum nächsten Frühstück am Meer in ein paar Wochen. Dann sieht der Strand vielleicht schon wieder so aus:

Tel Aviv beach

All photos by Saskia


Wie lernt man Hebräisch?

Israel empfängt Touristen mit offenen Armen und reichlich Gastfreundschaft. Die Menschen sind stets hilfsbereit, sei es wenn man nach dem Weg fragt oder nach einem guten Restaurant für ein schönes Abendessen. Mit Englisch kommt man in Israel als Tourist sehr weit, doch im Alltag ist es manchmal wirklich schwierig , wenn man sich ohne Hebräisch duchschlagen muss.

So ging es mir am Anfang in Israel: Ich stand im Supermarkt und versuchte krampfhaft, die Wörter auf der Inhaltsliste der Produkte zu verstehen, da ich als Vegetarier gerne wissen wollte, ob ich wirklich Gemüsebrühe in den Händen hielt oder eher die Variante der Hühnersuppe. Aber auch das Kühlregal mit den Käsesorten und Yoghurts war ein rotes Tuch für mich. Ich wollte mal einen Käsekuchen backen und suchte nach Quark. Selbstverständlich sind die Becher ausschließlich in Hebräisch beschriftet und sehen zu allem Unglück auch irgendwie alle gleich aus. Letztlich gab es dann einen Schokokuchen und ich fragte am nächsten Tag meine Arbeitskollegin, was man in Israel kauft, wenn man Käsekuchen backen möchte. Natürlich „Gvina lavana“, weißen Käse!
Achso. Natürlich.

Busfahren war nicht minder kompliziert. Einmal war ich mit einer Freundin zum Kino verabredet. Ich wohnte damals noch in Rishon LeZion und musste mit dem Bus irgendwie zu ihr nach Hause nach Tel Aviv kommen. Sie nannte mir den Namen der Bushaltestelle, an der ich aussteigen sollte. Ich nahm also den Bus nach Tel Aviv und fragte den Fahrer, wo diese Haltestelle ungefähr sei. Der Busfahrer antwortete mir auf Hebräisch, dass er kein Englisch spricht. Naja, dachte ich, kein Problem. Ich sprach den Mann neben mir im Bus an, ob er mal eben kurz für mich übersetzen könne. Der Mann schaute mich entschuldigend an und antwortete ebenfalls auf Hebräisch, dass er kein Englisch spricht. Nach weiteren Versuchen bei anderen Fahrgästen gab ich es dann auf. Ich hatte an diesem Tag kein Glück und fuhr also etwas orientierungslos durch Tel Aviv, ohne genau zu wissen, wo ich nun aussteigen sollte. Das Blöde ist ja, dass in Israel die Bushaltestellen keine Schilder in lateinischer Schrift haben. Mein Hebräisch reichte aber auch noch nicht aus, um in der kurzen Zeit schnell die hebräischen Schilder mit dem Namen der Bushaltestelle zu entziffern. Letztlich rief ich meine Freundin an und bat sie, mich von der Haltestelle abzuholen. Ich hielt nach ihr Ausschau und stieg dann aus, als ich sie sah.

Schnell wurde mir klar, ich musste Hebräisch lernen, und zwar besser heute als morgen. Es frustrierte mich, dass ich ständig auf die Dolmetscherhilfe von Fremden angewiesen war und hatte einen enormen Ehrgeiz, Hebräisch zu lernen. Doch wie lernt man eine Sprache, deren Worte man sich bereits deshalb kaum einprägen kann, weil sie in einem anderen Schriftsystem geschrieben werden?

Die beste Voraussetzung ist eine Schwiegermutter. Sie redet auf einen ein, ohne Punkt und Komma, stellt jede Menge Fragen und wartet ungeduldig auf Antworten. Wenn man sie dann mit einem Fragezeichenblick ansieht, wird sie irritiert ausrufen „Lama at lo medaberet ivrit?!“ – Warum sprichst du kein Hebräisch?!
Erklärungen, etwa, dass man erst seit einem Monat in Israel lebt, läßt eine Schwiegermutter nicht gelten. Sie ist ein Ansporn, so schnell wie möglich so viel wie möglich verstehen und antworten zu können, weil man sich dann auch endlich gegen all die blöden Fragen wehren kann, denen man permanent ausgesetzt ist (Wann bekommt ihr endlich ein Kind? Warum isst du so wenig, du hast ja erst einen Teller gegessen?! Warum willst du kein drittes Stück Kuchen? …)

Jedoch reicht eine Schwiegermutter nicht aus, um effizient die hebräische Grammatik zu erlernen. Dazu sollte man schon einen Ulpan besuchen, einen Hebräischkurs, der an Universitäten und Privatschulen angeboten wird. Ich besuchte den Ulpan der Universität von Tel Aviv. Man lernt dort das Alphabet, Hebräisch zu lesen und auch zu schreiben, falls man das nicht schon von den kleinen Enkelkindern der Schwiegermutter beigebracht bekommen hat. Anschließend erhält man einen Überblick über die Strukturen der Verben und über die Satzbildung. Außerdem geht man in der Pause in die Cafeteria, um seine neuen Vokabeln anzuwenden: „Hafuch benoni im sucar, bevakasha“ – einen mittelgroßen Cappuccino mit Zucker, bitte.

Hebräisch hat eine einfache Grammatik. Es gibt eine Gegenwartsform, eine Vergangenheitsform und eine Zukunft. Außerdem hat die Sprache kaum Unregelmäßigkeiten, die man auswendig lernen müsste. Die größte Schwierigkeit lag für mich persönlich darin, dass ich die Worte nicht visualisieren konnte, solange meine Kenntnisse der hebräischen Schrift noch nicht ausreichten. Es ist bis heute so, dass ich mir nicht immer sicher bin, ob ich ein Wort mit Alef oder Ain schreiben muss, da beide Vokale ziemlich gleich klingen. Dasselbe gilt für Kuf und Kaf, zwei Buchstaben, deren Aussprache häufig identisch ist.
In Hebräisch werden die Verben unterschiedlich konjugiert, je nachdem ob ein Mann oder eine Frau gemeint ist. Unterhalte ich mich mit einem Mann, passe ich alle ihn betreffenden Verben der männlichen Verbform an. Rede ich hingegen über mich selbst oder mit einer Frau, sind die Verben in der weiblichen Form. Das kann für Anfänger eine ziemliche Fallgrube sein. Man ist so sehr mit der korrekten Aussprache und dem Zurechtlegen von Sätzen beschäftigt, dass man versehentlich einen Mann fragt: „Ma shlomech?“ anstelle von „Ma shlomcha?“ – wie geht es dir? Ma shlomech ist für die Anrede von Frauen. Die entsetzten Blicke, die man für so einen Ausrutscher erntet, tragen sehr zum Lerneffekt bei…

Haggadah

Cockerel, c1460-c1475. Hebrew script in the shape of a strutting rooster. From the Ashkenazi Haggadah. Copied and illuminated by Joel Ben Simeon Feibusch, South Germany.

Das moderne Hebräisch ist eine Sprache, die im ausgehenden 19. Jahrhundert zu neuem Leben erweckt wurde. Im Grunde unterscheidet sie sich nicht vom „biblischen Hebräisch“, abgesehen davon, dass das Hebräisch der Thora nicht für moderne Alltagsgespräche taugt. Zumindest kommen Worte wie „Kino“ oder „Regenschirm“ nicht darin vor. Eliezer Ben-Yehuda erfand etliche Worte für den neuen Sprachgebrauch und war der erste Vorsitzende und Gründer des Hebrew Language Committee, das Wörterbücher und Zeitschriften zum Thema herausgab. Ich stelle mir das so vor, dass Eliezer Ben-Yehuda immer wieder Briefe bekam, in denen er darum gebeten wurde, neue Wörter für den modernen Alltag zu erfinden:
„Lieber Eliezer,
wie geht es dir und deiner Frau? Vielen Dank, dass du uns neulich wieder ein so schönes Wort geschenkt hast. Wir müssen dich nun leider erneut um Hilfe bitten. Wie sollen wir Eiscreme benennen? Es ist sehr dringend, da der Sommer bevorsteht. Bitte antworte uns schnell.
Mit den besten Grüßen,
Am Yisrael“

Eliezer Ben-Yehuda veröffentliche bald auch eine eigene Zeitung in hebräischer Sprache, die es den Menschen erleichtern sollten, Hebräisch zu lesen und die Sprache im Alltag anzuwenden. Ich finde es genial, wie er durch sein Engagement dieser uralten Sprache neues Leben eingehaucht hat. Er war ein herausragender Geist, dem wir verdanken, dass heute Hebräisch eine lebendige gesprochene Sprache ist.

Wenn man aus dem deutschsprachigen Raum kommt und in Israel lebt, fallen einem immer wieder deutsche Wörter mitten in Unterhaltungen auf. Der Einfluss der jiddischen Sprache ist allgegenwärtig. Mein Mann sagt zum Beispiel am Wochenende häufig, dass er eine Schlafstunde braucht. Er benutzt das deutsche Wort Schlafstunde und meint damit ein Nickerchen. Lustig wird es, wenn Leute über etwas fluchen und man mitten in einem hebräischen Satz das Wort „Dreck“ hört (die Bedeutung ist die Gleiche wie im Deutschen). „A bissele“ antwortet die Tante jedesmal, wenn ich ihr Wein anbiete. Und jemand, der ständig Pech hat, wird als Shlimazel bezeichnet, er steckt also ständig im Schlamassel. Es gibt viele dieser Wörter und sie bringen mich jedesmal zum Schmunzeln.

Nach einem Jahr in Israel war mein Hebräisch nach wie vor mittelmäßig. Es gab Bereiche, die ich mit meinem Vokabular abdecken konnte, aber Vieles eben noch nicht. Für die Käsetheke im Supermarkt reichte es, doch ich wollte mit meinem Mann richtig Hebräisch sprechen können, weil ich mich mit Englisch immer wie ein Außenseiter fühlte. Auf Parties waren wir die Einzigen, die nicht Hebräisch sprachen und ich fand das einfach doof.

Ich entschied mich für eine Privatlehrerin, die mir Einzelunterricht gab und mich genau an dem Punkt abholte, an dem ich sprachlich stand. Sie zwang mich dazu, Texte auf Hebräisch zu schreiben, Rezepte zu übersetzen, Bücher zu lesen, meinen Lebenslauf in Hebräisch zu verfassen, Lückentexte auszufüllen, Dialoge mit ihr zu führen und Vokabeln zu politischen Themen zu pauken. Außerdem musste ich anfangen, Zeitung zu lesen, weil ihre erste Frage in einer jeden Unterrichtsstunde stets lautete „Und, was ist diese Woche in Israel passiert?“
Meine Schwiegermutter und die Tanten haben den Unterschied auch bald bemerkt. Neben lobenden Kommentaren zu meinen Fortschritten kam auch bald die Erkenntnis, dass es besser ist, mich nie wieder zu fragen, ob ich als Vegetarierin nicht doch mal die Hackfleischbällchen probieren will. Was so ein deutlicher Satz auf Hebräisch alles ausmacht…