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Freitags in Tel Aviv…

Seit Mitte der Woche liege ich mit einer Magendarmgrippe im Bett. Eigentlich hatte ich für dieses Wochenende zwei tolle Unternehmungen geplant, über die ich anschließend auf meinem Blog schreiben wollte. Das eine war ein Konzert von Daniel Zamir in Jerusalem, das aber vom Veranstalter kurzfristig abgesagt wurde (vielleicht hat Daniel Zamir auch eine Magendarmgrippe?) und das andere war die Fresh Paint Kunstmesse in Tel Aviv. Ich wollte mit einer guten Freundin dorthin, stattdessen jedoch sitze ich jetzt vor einem Glas dampfend heißen Kamillentees.
Ich hatte in Deutschland nie Magendarmgrippen. Vielleicht liegt das an dem warmen Klima hier. Die erste Magendarmgrippe vor zwei Jahren erwischte mich so hart, dass ich nachts ins Krankenhaus musste. Wir wohnten damals noch in Rishon LeZion. Neben mir in der Notaufnahme lag ein muslimischer Mann mit Bauchkrämpfen. Seine Frau stand neben ihm und sah ziemlich hilflos aus. Die beiden sprachen kaum ein Wort Hebräisch, der Mann wurde jedoch genauso schnell und intensiv behandelt wie alle anderen Patienten (soviel zu dem idiotischen Thema „Apartheid in Israel“).
Freitag ist normalerweise der beste Tag der Woche, das Wochenende hat begonnen, Tel Aviv ist voller Leben, überfüllte Cafés und Restaurants an allen Ecken und Enden. Straßenmusiker spielen auf den großen Alleen, Freunde treffen sich zu einer Partie Boule auf dem Rothschild Boulevard, auf dem in der Mitte ein breiter Fußgängerstreifen mit Flächen zum Boulespielen angelegt ist. Mein Mann und ich nutzen diesen Tag für lange Spaziergänge und Restaurantbesuche. Nur heute leider nicht. Darum habe ich beschlossen, Bilder von unseren Freitagen in Tel Aviv zu zeigen:

 

Auf dem Platz neben dem Theater "HaBima"

Auf dem Platz neben dem Theater “HaBima”


 

Eine Fotocollage die Hafen und Strand von Tel Aviv zeigt - All rights reserved Noam Yosef

Eine Fotocollage die Hafen und Strand von Tel Aviv zeigt – All rights reserved Noam Yosef


 

Der Aufpasser. Ein großer Hund am Eingang zu einem Kinderspielplatz. Unklar war mir, ob er aufpasste, dass keine Kinder rauslaufen, oder ob er keine Leute hereinlassen wollte. Ich habe es dann auch nicht ausprobiert...

Der Aufpasser. Ein großer Hund am Eingang zu einem Kinderspielplatz. Unklar war mir, ob er aufpasste, dass keine Kinder rauslaufen, oder ob er keine Leute hereinlassen wollte. Ich habe es dann auch nicht ausprobiert…


 

Der Schornstein im Hintergrund gehört zum Elektrizitätswerk "Reading". Das Bild ist eine Fotocollage - All rights reserved Noam Yosef

Der Schornstein im Hintergrund gehört zum Elektrizitätswerk “Reading”. Das Bild ist eine Fotocollage – All rights reserved Noam Yosef


 

Auf dem Rothschild Boulevard - All rights reserved Noam Yosef

Auf dem Rothschild Boulevard – All rights reserved Noam Yosef


 

Überfüllte Cafés, Fotocollage. All rights reserved Noam Yosef

Überfüllte Cafés, Fotocollage. All rights reserved Noam Yosef


 

Pizza aus dem Steinofen - in der Bograshov Street kann man bei der Zubereitung zuschauen.

Pizza aus dem Steinofen – in der Bograshov Street kann man bei der Zubereitung zuschauen.


 

Was im ersten Moment aussieht wie eine Fotocollage, ist in Wirklichkeit eine Spiegelung im Fenster eines meiner Lieblingsrestaurants, "Sus Etz" in der Shenkin Street

Was im ersten Moment aussieht wie eine Fotocollage, ist in Wirklichkeit eine Spiegelung im Fenster eines meiner Lieblingsrestaurants, “Sus Etz” in der Shenkin Street


 

Zum Schluss noch ein Stück von Daniel Zamir, „Ich glaube“ („Ani ma’amin“). Das Video habe ich vor ein paar Jahren mal gemacht, mit Bildern von Israel.

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Das alte Liebspaar

In Tel Aviv ist Vieles recht kurzlebig. Ein Trend kommt auf, wird zelebiert und verschwindet alsdann wieder, oftmals nach nur wenigen Wochen. Zu Beginn des Sommers standen plötzlich Klaviere auf den großen Boulevards der Stadt und luden ein zum Musizieren. Jeder der wollte, konnte sich setzen und einfach herumklimpern oder seine virtuosen Fähigkeiten beweisen.
Jetzt gibt es einen neuen Trend: Guerilla Stricken. Er hat bereits mehrere Großstädte befallen und ist vor etwa einem Monat auch hier angekommen. Der Baum auf meinem Foto wurde bestimmt schon tausendfach fotografiert und er sieht wirklich toll aus. Ich stelle mir vor, dass die Kunstwerke hier deutlich länger halten werden als in den nasskalten Städten wie Hamburg oder London….

Guerilla Knitting

Es gibt allerdings noch zwei Bäume, die ich wunderschön finde. Sie sind unscheinbarer und finden möglicherweise kaum Beachtung. Ihre Stämme sind so dick, dass ich nicht sicher sagen kann, ob sie jeweils nur aus einem einzelnen Baum gewachsen sind. Ich weiß nicht, ob sie immer schon dort standen. Sie könnten auch an ihren Platz verplanzt worden sein, denn sie sehen älter aus als das Kulturzentrum, auf dessen Gelände sie sich befinden.
Die knorrigen Bäume erzählen eine Geschichte, die man über den Verkehrslärm hinweg mit ein bisschen Phantasie hören kann, wenn man ihren Blättern nur lange genug beim Rauschen im Wind zuhört. Sie sind zusammen gealtert und vielleicht werden sie in Hundert Jahren noch immer an diesem Platz stehen. Ihr Dasein ist wie ein Zeichen für die Beständigkeit einer tiefen Liebe, die alles überdauert und sogar im Alter immer noch an Schönheit gewinnt…

photos by Saskia


Ein Jahr später

Ich stehe auf der Straße, die vor einem Jahr voller Zelte war. Jetzt ist der Rothschild Boulevard leer und nichts erinnert mehr an die Sozialproteste, die hier letzten Sommer stattfanden. Es waren damals so viele Menschen auf der Straße, dass ich an eine gesellschaftliche Umwälzung wirklich glauben konnte.
Auf meinem Spaziergang durch die Allee komme ich an etlichen neuen Bauprojekten vorbei, Prestigeobjekte für Unternehmen und wohlhabende Privatleute. Studenten werden dort jedenfalls nicht leben, genauso wenig wie Familien aus der Mittelschicht.

Als ich vor einem Jahr zu den Protesten ging und die Zeltstädte besuchte, fiel mir auf, wie stark nicht nur über Mietpreise und Lebenshaltungskosten diskutiert wurde, sondern auch über den Friedensprozess. Insgesamt forderten die Demonstranten eine Änderung der politischen Orientierung des Landes. Tel Aviv war voller Menschen, die abends auf den Straßen zusammen musizierten und füreinander kochten. In dieser Stimmung der gegenseitigen Unterstützung und Achtung schwang etwas ganz Einzigartiges mit.

So plötzlich, wie die Zeltstadt auf dem Rothschild Boulevard gewachsen ist, verschwand sie jedoch am Ende des Sommers wieder. Ein paar Demonstranten verweigerten sich dem Zeltabbau und wollten weitermachen, aber ihre Zelte wurden schließlich auch entfernt. Ein Jahr später hebt die Regierung die Mehrwertsteuer an, die Mietpreise sind dieselben und ein Blick in die Regale der Supermärkte verrät, dass Grundnahrungsmittel nicht wirklich billiger geworden sind. Es gab diesen Sommer einige Demonstrationen, die jedoch nicht annähernd die Größe erreicht haben, die sie letztes Jahr hatten. Stattdessen liegt ein Schatten über allem, der Debatten über soziale Reformen momentan irgendwie unwichtig erscheinen läßt. Die Bedrohung durch das iranische Atomprogramm und ein möglicher Krieg nehmen die Titelseiten aller Zeitungen ein und lassen andere Probleme völlig in den Hintergrund rücken…

photos by Saskia