Tag Archives: Raketen

Der Garten der Menschenrechte

Unter der Woche gehen wir abends zum Laufen in einen nahegelegenen Park. Um 21 Uhr, wenn es nur noch 27 Grad hat und die Hitze nicht mehr lähmt, lassen wir dort unsere Arbeitstage sportlich ausklingen. Ich empfinde den Park als einen großen Garten, mit Palmen, einem kleinen See und wunderschönen Blumenbeeten. Er ist bis spät nachts voller Menschen. Manchmal tummeln sich sogar so viele auf den Wegen der Parkanlage, dass wir Slalom laufen müssen, um nicht über all die Kinder zu stolpern, die auf Fahrrädern, Inlineskates und Dreirädern herumsausen. Auf den Wiesen verteilt feiern unzählige Familien Kindergeburtstage oder grillen mit Freunden nach Feierabend. Ehepaare sitzen auf den Bänken und unterhalten sich im Mondschein bei lautem Entengequake im Hintergrund. Im Vorbeilaufen höre ich Wortfetzen in Russisch, Arabisch, Hebräisch, Äthiopisch, Philippinisch und Amerikanisch. Es ist ein Ort, an dem die Menschen unterschiedlicher nicht sein könnten: Muslimische Frauen mit Kopftuch spazieren genauso an der Uferpromenade des Sees entlang, wie orthodoxe Juden. Äthiopier nutzen den Park für Hochzeitsfotos, Sportler kommen zum Trainieren.
 

Abends im Park in Ramat Gan

Abends im Park in Ramat Gan


 

Doch dieser Park ist keine Oase, in der etwas Ungewöhnliches passiert. Es ist ein ganz normaler Ort in Israel, an dem der ganz normale Alltag stattfindet: Die Menschen leben friedlich nebeneiner und miteinander, ganz egal welcher Religion sie angehören, aus welchem Land sie ursprünglich kommen und welche Sprache sie sprechen.
Der „Garten der Menschenrechte“ – das ist kein kleiner Park irgendwo in Ramat Gan. Es ist dieses Land im Nahen Osten, Israel.

Nur hier findet man eine lebhafte Demokratie und können Menschen ihre politische Gesinnung öffentlich zum Ausdruck bringen, ganz gleich in welche Richtung sie geht. Nur hier gibt es ein Rechtssystem, das die Menschen untereinander gleichstellt. Egal ob sie Mann oder Frau sind, homosexuell oder heterosexuell, ob sie an Gott glauben oder nicht, an welchen Gott sie glauben und woher sie stammen. Dennoch wird Israel oftmals als menschenfressendes Monster dargestellt, während in den Nachbarländern, von den Medien weitgehend ignoriert, die Hölle tobt. Hölle – das sind nicht nur Bürgerkriege und gewaltsame Umwälzungen in den Gesellschaften, sondern auch der Alltag vieler Frauen, die kein selbstbestimmtes Leben führen dürfen, Mädchen, die extrem jung an alte Männer verheiratet werden, Scharia, Sklaverei.

Nun gibt es wieder Friedensverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern und die Welt schaut mit großen Erwartungen auf dieses Zusammentreffen. Die Palästinenser stellten als Vorbedingung für Verhandlungen, Israel solle Terroristen freilassen. Ich gehe davon aus, dass die Welt es begrüßt hat, als Israel sich darauf einließ. Würde an Deutschland eine derartige Forderung gerichtet, man könnte den Aufschrei der Bevölkerung bis zum Mars hören. Natürlich würde die Bundesrepublik keinen einzigen Straftäter auf freien Fuß setzen und sich nicht erpressen lassen. Israel wird nun aber tatsächlich Schwerverbrecher freilassen. Als Antwort auf den Beginn der Verhandlungen flog aus Gaza bereits eine Rakete nach Israel. Klingt doch alles sehr vielversprechend und friedlich, nicht wahr?
Ich bin ein Befürworter der Zweistaatenlösung, aber ich halte sie für eine Utopie. Israel hat etliche Schritte in Richtung der Palästinenser getan, hat deren unverschämte Forderungen immer wieder erfüllt, um an den Verhandlungstisch zurückkehren zu können und hat niemals vergleichbar krasse Forderungen an die palästinensische Seite gestellt. Das Problem für den Frieden sind die Phantasien der Palästinenser, das gesamte Gebiet des heutigen Israels zu erobern. Ich frage mich dabei immer, wozu sie das Land überhaupt wollen. Dieser Paradiesgarten hier ist ja nur deshalb so schön, weil die israelische Bevölkerung in Frieden lebt und das Land kultiviert, Hightech hervorbringt, Kindergärten und Schulen geschaffen hat, weil alle Menschen vor dem Gesetz gleichgestellt sind und weil das Land von Grund auf demokratisch ist. In dem Moment, in dem die Palästinenser ihren eigenen Staat haben, wird dort Sodom und Gomorra ausbrechen, so wie in jedem anderen arabischen Staat, der nicht vom Ölreichtum profitiert. Würde Israel von der Landkarte verschwinden, dann gäbe es hier denselben Nahostkonflikt, eben nur zwischen arabischen Parteien. Wir sehen das ja in Syrien, Ägypten, Libyen… „Arabischer Frühling“ wurden die Umwälzungen dieser Gesellschaften anfangs genannt. Wer diese idiotische Bezeichnung dafür erfunden hat, möchte ich gerne wissen.
 

Am Strand von Tel Aviv - muslimische Frauen mit Hijab beim Baden

Am Strand von Tel Aviv – muslimische Frauen mit Hijab beim Baden


 
Sehr oft höre ich von Israelkritikern den Satz „Der UN-Menschenrechtsrat sagt, dass..“, was wohl als Untermauerung einer Argumentation gegen Israel dienen soll. Wenn selbst der Menschenrechtsrat sagt, dass Israels Operationen in Gaza falsch sind, ja dann können sie ja nur falsch sein! Irgendwie scheint es niemanden zu stören oder auch nur aufzufallen, dass im UN-Menschenrechtsrat Länder wie Saudi Arabien vertreten sind. Saudi Arabien! Dieses Land saß von 2009 bis 2012 im Menschenrechtsrat. Das ist ungefähr so, wie einen Pädophilen im Kindergarten arbeiten zu lassen. Wer sich die Liste der Mitgliedsländer beim UN-Menschenrechtsrat einmal anschaut, wird anschließend die Qualität der dort getroffenen Entscheidungen hoffentlich in Frage stellen.

In Europa freut man sich indes, dass die Palästinenser und die Israelis an einen Tisch zurückgefunden haben. Zum Glück hat Israel sich zum Auftakt bereit erklärt, Terroristen freizulassen, als Zeichen des guten Willens. Jetzt kann der Frieden also kommen.

 
Photos by Saskia

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Sozialer Wohnungsbau auf Arabisch

Sie wollten schon immer im Grünen leben? Vielleicht mit einem schönen Garten ums Eigenheim herum? Mit viel Platz für die Kinder zum Spielen und einer Sonnenterrasse?

Im Libanon erfüllt sich dieser Traum jetzt für etliche Menschen. Dort verpachtet und verkauft die Hisbollah nämlich aus tiefem Mitgefühl und Nächstenliebe Häuser zu Niedrigstpreisen an arme schiitische Familien. Unter einer Bedingung: in mindestens einem Raum oder im Keller müssen die Familien Raketen platzieren, welche auf Israel zu feuern sind, wenn die Hisbollah es anordnet.

Sobald diese Raketen auf israelische Dörfer und Städte geschossen werden, wird Israel den Abschussort lokalisieren… Wir können dann alle live dabei sein, wenn es in den Nachrichten wieder heißt: „Israel beschießt mittellose Zivilisten“

Sollten Sie unter diesen Voraussetzungen immer noch Interesse haben an dem schönen Haus mit Ausblick in die sanfte Hügellandschaft, dann melden Sie sich noch heute bei der Hisbollah.

Hört sich an wie ein schlechter Scherz, aber es ist die bittere Wahrheit, von der die Welt nichts erfährt, weil internationale Medien darüber nicht berichten.

Quelle: Ynet


Im Schatten von Gaza

„Es ist wie beim Fußball. Wie viele Tote habt ihr? Achtzehn. Wie viele Tote hat die andere Seite? Fünf. Unsere Toten zählen nicht, weil es weniger sind. Sind unsere Leben weniger wert für die Welt? Sind unsere Angehörigen einen anderen Tod gestorben, einen, der nicht erwähnenswert ist? Punktsieg für Gaza.“ Alfredo Juarez

 

Als ich am Morgen losfuhr wusste ich nicht, was mich an diesem Tag erwarten würde. Ich hielt eine Liste mit Telefonnummern in der Hand und machte mich auf den Weg Richtung Gaza. Ich würde israelische Familien treffen, deren Angehörige durch Raketenangriffe stark traumatisiert, verletzt oder sogar getötet wurden.

Kfar Aza ist ein Kibbuz, der direkt neben Gaza liegt. Dort treffe ich Anna. Ihr Hund springt an mir hoch, als ich ihr Haus betrete und Anna begrüßt mich mit einem Lächeln. Sie bietet mir Kaffee und Kuchen an und während sie den Kaffee kocht, beginnt sie von ihrem Mann zu erzählen. Jimi ist ihre große Liebe. War.
Er starb vor einigen Jahren, als eine Mörsergranate aus Gaza direkt neben dem Haus einschlug. Er wurde nur 47 Jahre alt. Überall im Haus hängen Bilder von ihm und ich frage Anna, wo sie entstanden sind. Die beiden sind viel zusammen gereist. Jimi war sportlich, ein begeisterter Gleitschirmflieger, der auf seinen Ausflügen unzählige Luftaufnahmen gemacht hat. Überhaupt wirkt das ganze Haus sehr lebhaft, so, als wäre es nicht das Zuhause einer Witwe. „Ich habe mich nach diesem Verlust zunächst total zurückgezogen und ganz stark abgenommen. Aber dann begann ich zu Töpfern. Deshalb stehen hier diese bunten Tonfiguren herum.“. Sie sind wunderschön. „Jimi und ich, wir haben uns immer einen alten Olivenbaum für unseren Garten gewünscht. Darüber haben wir oft gesprochen, aber leider sind alte Olivenbäume sehr teuer und man kann sie nicht einfach so irgendwo ausgraben und umpflanzen. Den Olivenbaum, den du jetzt neben der Eingangstür siehst, habe ich nach Jimis Tod geschenkt bekommen. Er ist 491 Jahre alt. Es ist merkwürdig, dass unser Traum ausgerecht mit Jimis Tod in Erfüllung gegangen ist. Der Baum steht an der Stelle, an der mein Mann starb.“ Anna hat den Baum nach Jimis Tod von der Keren Kayemeth LeIsrael geschenkt bekommen, einer Organisation, die sich um die Erhaltung der natürlichen Ressourcen kümmert und viele Aufforstungsprojekte in Israel leitet.
Wir gehen nach draußen in die Sonne und Anna zeigt auf einen großen blauen Blumentopf, der total beschädigt neben dem Eingang steht. „Der Topf ist zerbrochen, als die Granate in der Nähe einschlug und die Splitter überall landeten. Ich sehe ihn jeden Tag, wenn ich nach Hause komme. Auch der Golden Retriever wurde getroffen, weil er meinem Mann überall hin gefolgt ist.“ Der Hund hat überlebt. Jimi nicht.
Ich schaue über die hügelige Landschaft voller Grüntöne und sehe in der Ferne Gaza City. Dann schaue ich zurück zu Anna, die mit dem Hund spielt.

 

Eine Bushaltestelle mit Raketenschutzraum - Alltag in Südisrael

Eine Bushaltestelle mit Raketenschutzraum – Alltag in Südisrael

 

Kurze Zeit später treffe ich auf Yankale, der auch in Kfar Aza mit seiner Familie lebt. Seine Enkelin wurde bei einem Raketenangriff um Haaresbreite getötet. Die Rakete fiel in ihr Zimmer, doch wie ein Wunder überlebte Shir. Yankale ist eine wichtige Person nicht nur für den Kibbuz, sondern für die gesamte Umgebung. Er hat einen Zoo für therapeutische Behandlungen traumatisierter Kinder. Letztes Jahr musste er sein Therapiezentrum schließen, weil das Gebäude zu unsicher war. Die Tiere wurden notdürftig woanders untergebracht und Yankale versucht nach allen Kräften, seine Arbeit weiterzumachen. Er legt mir einen großen Python um den Hals und wendet sich dann einer Schar Kinder zu, die ihn umringen. Ein Mädchen möchte einen Hasen streicheln, ein anderes Kind will den orangenen Papagei auf die Hand nehmen. In der Ecke steht ein Junge und traut sich nicht, näher zu kommen, weil er Angst vor der Schlange hat. Der Python um meinen Hals ist total gleichgültig, wahrscheinlich hat er sich an die vielen Kinderhände gewöhnt, die ihn dauernd betatschen. Yankale kann extrem gut mit Kindern umgehen, ich weiß nicht, wie er es schafft, aber am Ende will der ängstliche Junge den Python gar nicht mehr loslassen.
Das Engagement dieses Mannes ist unbezahlbar. Er schenkt den Kindern ein Lachen und lässt sie vergessen, was sie durchmachen müssen. Wenn „Zeva Adom“ ertönt, haben die Menschen 15 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Erst am Abend zuvor gab es wieder Raketenalarm. Diesmal war es ein falscher Alarm, aber das wussten die Menschen natürlich in diesem Moment nicht. In Deutschland kann man sich das nicht vorstellen. Eine deutsche Mutter kennt das Gefühl nicht, das eine israelische Mutter hat, wenn sie ihre Kinder in den Kindergarten oder in die Schule schickt. Es gibt keine Routine im Krieg. Die Panik bleibt immer dieselbe, wenn der Raketenalarm ertönt. Kinder im Alter von sieben Jahren sind im Süden Israels oft Bettnässer und leiden an schlimmen Schlafstörungen. Yankales Enkelin war Augenzeugin, als der Nachbar bei einem Raketenangriff ums Leben kam. Wie viel kann eine Kinderseele ertragen?

 

„Warum lebt ihr hier im Süden?“, frage ich Alfredo und Diana, die in Mefalsim leben. „Als wir aus Argentinien nach Israel eingewandert sind, lebten wir zunächst in Ra’anana im Zentrum des Landes, aber wir wollten aufs Land ziehen. Wir hatten genug von Buenos Aires und wollten nicht mehr in einer Stadt wohnen. Damals war es im Norden Israels sehr unruhig, also zogen wir in den Süden. Jetzt leben wir hier seit etwas mehr als 10 Jahren und die Lage hat sich dramatisch verschlechtert. Aber wegziehen können wir nicht einfach so. Unsere gesamte Familie ist mit uns hierher gekommen und der Konflikt ist zudem nicht konstant an einem Ort, es ist ein Auf und Ab, manchmal ist es an einem Ort ruhiger, dann wieder an einem anderen. Wir können nicht unser Leben alle fünf Jahre aufgeben und woanders hinziehen.“
Alfredo saß im Auto, als eine Rakete neben ihm einschlug. Eine andere Rakete traf das Café der Familie im Kibbuz. Alfredo erzählt mir, dass er wochenlang nicht mehr aus dem Haus gegangen ist, nachdem das passiert ist. Er wollte auch seine Kinder nicht mehr zur Schule schicken, die gesamte Familie war völlig paralysiert. „Ich dachte immer, dass man diesen Konflikt mit Dialogen lösen kann.“ Nachdem die Rakete neben seinem Auto einschlug, hat er diese Hoffnung aufgegeben. „Wenn es morgens auf meinem Weg in die Arbeit Raketenalarm gibt, finde ich oft Zuflucht bei Familien, die in dieser Situation ihre Haustüren öffnen und den Fremden Zuflucht gewähren. Dann sehe ich ihre Kinder, die schreiend in der Ecke kauern. Ich sehe Tag für Tag, was dieser Konflikt mit unseren Kindern macht.“ Die Familie zeigt uns ein Video, das Vater und Sohn gemeinsam gemacht haben. Darin erzählt Alfredo (mit englischer Übersetzung) davon wie es ist, neben Gaza zu leben. „Wir sind voller Träume und Hoffnung nach Israel gekommen. Es war nicht einfach. Und hier sind wir jetzt und versuchen, alle Schwierigkeiten zu meistern.“

 

 

Hintergrund: Wie es zu den Treffen kam.
Mein Mann, ein israelischer Fotograf, wurde von der amerikanischen Organisation Adopt a Family kontaktiert und gefragt, ob er Bilder von betroffenen Familien im Süden Israels machen könnte. Er sagte sofort zu und so fuhren wir zusammen eines Samstags dorthin. Die Treffen waren nicht als Interviews geplant, mein Mann sollte einfach Fotos der Menschen machen und ihre Lebenssituation mit Bildern dokumentieren. Wir rechneten beide nicht damit, dass die Familien ein so großes Bedürfnis haben würden, uns ihre Geschichte zu erzählen. Ich erkannte, dass ihnen zu wenig Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit dem Konflikt und den Folgen geschenkt wird. Diese Menschen möchten nicht still und leise trauern, sie wollen gehört werden. Die Welt soll sehen, dass es fernab der grauenvollen Fotos getöteter Kinder aus Gaza eine Realität gibt, die der breiten Öffentlichkeit vollkommen verborgen bleibt. Eine Vermarktung der Bilder von Getöteten zu politischen Propagandazwecken lässt sich mit ehrlicher tiefer Trauer absolut nicht vereinbaren.
Leider führt das einseitige Fotografieren und Filmen von Toten und Schwerverletzten mit Mobiltelefonen auf palästinensischer Seite dazu, dass die Weltöffentlichkeit keine emotionale Verbindung zu dem Leid auf der anderen, der israelischen Seite herstellt. Wir können den Tod eines fremden Menschen nicht als persönlichen Schmerz begreifen, weil uns jeglicher Bezug zu dem abstrakten Begriff „Tod“ fehlt. Erst durch Bilder verlieren wir diese Distanz, teilweise sogar so sehr, dass wir gar nicht mehr hinterfragen, wer ein Interesse daran hat, Tote im Internet zu präsentieren und in welchem Zusammenhang die Bilder überhaupt entstanden sind.

 

 

Ich widme diesen Artikel Jimi, über den ich viel erfahren habe und dessen Präsenz auch Jahre nach seinem Tod in den Räumen des Hauses im Kibbuz Kfar Aza stark spürbar war, als ich mich dort mit seiner Frau Anna unterhielt. Der Schmerz seiner Familie soll nicht verschwiegen und vergessen werden.

 

Jimi bei einem seiner Gleitschirmflüge

Jimi bei einem seiner Gleitschirmflüge


Eine kleine Geschichte über Hoffnung

Vor zwei Wochen habe ich über ein unscheinbares Viertel und seine Geheimnisse geschrieben. Einer der Künstler, die in diesem Viertel ihre Ateliers haben, ist David Weitzman. Er ist Gold- und Silberschmied und seine Kreationen sind weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt und gefragt. Viele Jahre zuvor, bevor ich überhaupt wusste, dass mein Schicksal mich eines Tages nach Israel führen würde, trug ich bereits von David handgefertigte Ringe. Durch Zufall fand ich später heraus, dass sein Atelier in Givatyim liegt, in genau dem kleinen Viertel, das ich ständig und immer wieder gerne besuche. Ich rief ihn also an und fragte, ob ich mal zu seiner Werkstatt kommen dürfte. Am Eingang empfing mich sein Kater Felipe, der mir den Weg nach drinnen zeigte und mich zu Davids Arbeitsplatz begleitete. David arbeitete an einem neuen Entwurf, den er auf ein Blatt Papier gezeichnet hatte. Wir unterhielten uns damals über Gott und die Welt und ich fand sein Atelier ausnehmend schön, weil es so viel Ruhe ausstrahlte und gleichzeitig so viel Kreativität.
Inzwischen ist einige Zeit verstrichen, ich habe weiterhin gerne bei ihm Schmuck gekauft und irgendwann kam mir der Gedanke, ihn einfach mal zu fragen, ob er seine Werkstatttür für einen kleinen Einblick in seine Arbeit öffnen würde…

Felipe empfängt mich wieder an der Türe. David kocht Kaffee für uns und wir unterhalten uns sofort über Gott und die Welt. Leider findet unser Treffen zu einem schwierigen Zeitpunkt statt. Gaza bombardiert Israel mit Raketen und Israel bombardiert zurück. Am diesem Abend heulen die Sirenen auch in Tel Aviv, nach über 20 Jahren. 15 Sekunden später höre ich einen lauten dumpfen Knall. Irgendwo in oder bei Tel Aviv hat eine Rakete eingeschlagen.

Frieden ist der größte Wunsch vieler Menschen im Nahen Osten. Davids Schmuck schafft in gewisser Weise Brücken zwischen den Menschen und ihren unterschiedlichen Kulturen. Vielleicht ist das ein Weg hin zum Frieden. Wenn einfach jeder über Grenzen und Religionen hinweg Zeichen setzt und seine Offenheit für Gespräche zeigt. „Vor einiger Zeit schrieb mir eine syrische Frau, die ein Schmuckstück bei mir kaufen wollte. Ich fragte sie, ob sie eigentlich wisse, dass ich Israeli bin. Sie antwortete mir, dass ihr mein Schmuck wichtig sei, nicht meine Nationalität oder Religion.“ Heute sind die beiden Freunde auf Facebook. David zeigt mir ihre Fotos von dem Ort in Syrien, in dem sie lebt. Was für eine schöne Natur dort. Ich erzähle David wie seltsam ich es finde, dass es ausgerechnet in dieser wunderschönen Natur so viel Hass und Krieg gibt. Wie kann sowas sein? Um uns herum ist Schönheit, aber die Menschen führen Kriege und verbreiten Hass.
„Kennst du Top Gear, die britische Sendung über Autos?“ fragt David mich daraufhin. Ja klar, die kenn’ ich. „Erinnerst du dich an die Folge, in der die drei Autoexperten quer durch den Nahen Osten fahren, vom Nord-Irak bis nach Israel? Da ist eine Szene, in der sie über die Landschaft in die Weite blicken und sagen, dass sie nie zuvor so etwas Schönes gesehen haben. Für mich hingegen war das ein ganz normaler Ausblick, unsere Natur eben. Das, was man kennt, schätzt man vielleicht nicht ausreichend. Wir sehen gar nicht, was wir zerstören, weil wir die Schönheit unserer Länder nicht erkennen.“

Vor mir auf dem Tisch liegt eines der neuesten Stücke, an denen David gerade arbeitet. Ich frage ihn, was es bedeutet. „Meine Schmuckstücke beinhalten Symbole aus den verschiedensten Kulturen und Jahrhunderten. Jedes Stück enthält eine Botschaft. Als ich begann, Schmuck herzustellen, kam es mir in erster Linie auf die Aussagekraft einer Kreation an, nicht auf deren Schönheit. Zu diesem Anhänger hat mich ein Jahrhunderte altes mittelamerikanisches Artefakt inspiriert, das bei archäologischen Ausgrabungen entdeckt wurde. Es stellt den Weltbaum dar, der in der Maya-Kultur auch Krokodilbaum genannt wurde, weil er so viele Stacheln hat. Diese Ceiba-Bäume gibt es auch in Israel.“

Welche Materialien verwendest du, frage ich weiter. „ Alles, was schön ist. Meistens Gold und Silber, aber auch Kupfer. Ich probiere auch gerne neue Techniken aus, wie zum Beispiel die alte japanische Technik Mokume-Gane, bei der verschiedene Metalle so miteinander verschmolzen werden, dass eine Oberfläche entsteht, die der Maserung eines Holzes ähnelt.“

Bei David entsteht der Schmuck in Handarbeit. Von der Skizze bis zum letzten Feinschliff fertigt er seine Schmuckstücke selbst an und achtet ganz besonders auf die kleinen Details. Computer kommen dabei nicht zum Einsatz. „Viele Schmuckdesigner arbeiten heute mit Computern, aber das gefällt mir nicht, weil am Ende die Schmuckstücke nicht wie Unikate aussehen, sondern wie Massenproduktion. Mir gefallen die kleinen Unregelmäßigkeiten, an denen man letztlich sieht, dass jemand daran gearbeitet hat.“

Er holt aus einer Schachtel ein weiteres Schmuckstück hervor. Das Motiv sind zwei Seepferdchen mit einer Perle. Die vielen kulturellen Einflüsse machen den Schmuck einzigartig, aber gibt es genügend Käufer dafür? „Ja, ich kann mit Stolz sagen, dass ich einen Stammkundenkreis von 30.000 Menschen weltweit habe, die regelmäßig bei mir Schmuck kaufen. Ich kann von meiner kreativen Arbeit leben.“

Am Ende frage ich David, ob er denselben Beruf auch ausüben würde, wenn er in einem anderen Land wäre.
„Ich weiß es nicht… Vielleicht würde ich Gitarren bauen“, antwortet er und zeigt auf seine Sammlung von alten Gitarren. „Diese hier ist von 1910. Ich habe sie poliert, unter Anwendung einer alten französischen Poliertechnik, die auch für Stradivari-Geigen benutzt wurde.“
Er beginnt, einen Blues auf der Gitarre zu spielen und ich sitze da und höre ihm zu, völlig sprachlos über so viel kreatives Talent.

Das Interview fand am 15.11.2012 statt. Alle Bilder sind von David Weitzman.

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