Tag Archives: Palästinenser

Der Garten der Menschenrechte

Unter der Woche gehen wir abends zum Laufen in einen nahegelegenen Park. Um 21 Uhr, wenn es nur noch 27 Grad hat und die Hitze nicht mehr lähmt, lassen wir dort unsere Arbeitstage sportlich ausklingen. Ich empfinde den Park als einen großen Garten, mit Palmen, einem kleinen See und wunderschönen Blumenbeeten. Er ist bis spät nachts voller Menschen. Manchmal tummeln sich sogar so viele auf den Wegen der Parkanlage, dass wir Slalom laufen müssen, um nicht über all die Kinder zu stolpern, die auf Fahrrädern, Inlineskates und Dreirädern herumsausen. Auf den Wiesen verteilt feiern unzählige Familien Kindergeburtstage oder grillen mit Freunden nach Feierabend. Ehepaare sitzen auf den Bänken und unterhalten sich im Mondschein bei lautem Entengequake im Hintergrund. Im Vorbeilaufen höre ich Wortfetzen in Russisch, Arabisch, Hebräisch, Äthiopisch, Philippinisch und Amerikanisch. Es ist ein Ort, an dem die Menschen unterschiedlicher nicht sein könnten: Muslimische Frauen mit Kopftuch spazieren genauso an der Uferpromenade des Sees entlang, wie orthodoxe Juden. Äthiopier nutzen den Park für Hochzeitsfotos, Sportler kommen zum Trainieren.
 

Abends im Park in Ramat Gan

Abends im Park in Ramat Gan


 

Doch dieser Park ist keine Oase, in der etwas Ungewöhnliches passiert. Es ist ein ganz normaler Ort in Israel, an dem der ganz normale Alltag stattfindet: Die Menschen leben friedlich nebeneiner und miteinander, ganz egal welcher Religion sie angehören, aus welchem Land sie ursprünglich kommen und welche Sprache sie sprechen.
Der „Garten der Menschenrechte“ – das ist kein kleiner Park irgendwo in Ramat Gan. Es ist dieses Land im Nahen Osten, Israel.

Nur hier findet man eine lebhafte Demokratie und können Menschen ihre politische Gesinnung öffentlich zum Ausdruck bringen, ganz gleich in welche Richtung sie geht. Nur hier gibt es ein Rechtssystem, das die Menschen untereinander gleichstellt. Egal ob sie Mann oder Frau sind, homosexuell oder heterosexuell, ob sie an Gott glauben oder nicht, an welchen Gott sie glauben und woher sie stammen. Dennoch wird Israel oftmals als menschenfressendes Monster dargestellt, während in den Nachbarländern, von den Medien weitgehend ignoriert, die Hölle tobt. Hölle – das sind nicht nur Bürgerkriege und gewaltsame Umwälzungen in den Gesellschaften, sondern auch der Alltag vieler Frauen, die kein selbstbestimmtes Leben führen dürfen, Mädchen, die extrem jung an alte Männer verheiratet werden, Scharia, Sklaverei.

Nun gibt es wieder Friedensverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern und die Welt schaut mit großen Erwartungen auf dieses Zusammentreffen. Die Palästinenser stellten als Vorbedingung für Verhandlungen, Israel solle Terroristen freilassen. Ich gehe davon aus, dass die Welt es begrüßt hat, als Israel sich darauf einließ. Würde an Deutschland eine derartige Forderung gerichtet, man könnte den Aufschrei der Bevölkerung bis zum Mars hören. Natürlich würde die Bundesrepublik keinen einzigen Straftäter auf freien Fuß setzen und sich nicht erpressen lassen. Israel wird nun aber tatsächlich Schwerverbrecher freilassen. Als Antwort auf den Beginn der Verhandlungen flog aus Gaza bereits eine Rakete nach Israel. Klingt doch alles sehr vielversprechend und friedlich, nicht wahr?
Ich bin ein Befürworter der Zweistaatenlösung, aber ich halte sie für eine Utopie. Israel hat etliche Schritte in Richtung der Palästinenser getan, hat deren unverschämte Forderungen immer wieder erfüllt, um an den Verhandlungstisch zurückkehren zu können und hat niemals vergleichbar krasse Forderungen an die palästinensische Seite gestellt. Das Problem für den Frieden sind die Phantasien der Palästinenser, das gesamte Gebiet des heutigen Israels zu erobern. Ich frage mich dabei immer, wozu sie das Land überhaupt wollen. Dieser Paradiesgarten hier ist ja nur deshalb so schön, weil die israelische Bevölkerung in Frieden lebt und das Land kultiviert, Hightech hervorbringt, Kindergärten und Schulen geschaffen hat, weil alle Menschen vor dem Gesetz gleichgestellt sind und weil das Land von Grund auf demokratisch ist. In dem Moment, in dem die Palästinenser ihren eigenen Staat haben, wird dort Sodom und Gomorra ausbrechen, so wie in jedem anderen arabischen Staat, der nicht vom Ölreichtum profitiert. Würde Israel von der Landkarte verschwinden, dann gäbe es hier denselben Nahostkonflikt, eben nur zwischen arabischen Parteien. Wir sehen das ja in Syrien, Ägypten, Libyen… „Arabischer Frühling“ wurden die Umwälzungen dieser Gesellschaften anfangs genannt. Wer diese idiotische Bezeichnung dafür erfunden hat, möchte ich gerne wissen.
 

Am Strand von Tel Aviv - muslimische Frauen mit Hijab beim Baden

Am Strand von Tel Aviv – muslimische Frauen mit Hijab beim Baden


 
Sehr oft höre ich von Israelkritikern den Satz „Der UN-Menschenrechtsrat sagt, dass..“, was wohl als Untermauerung einer Argumentation gegen Israel dienen soll. Wenn selbst der Menschenrechtsrat sagt, dass Israels Operationen in Gaza falsch sind, ja dann können sie ja nur falsch sein! Irgendwie scheint es niemanden zu stören oder auch nur aufzufallen, dass im UN-Menschenrechtsrat Länder wie Saudi Arabien vertreten sind. Saudi Arabien! Dieses Land saß von 2009 bis 2012 im Menschenrechtsrat. Das ist ungefähr so, wie einen Pädophilen im Kindergarten arbeiten zu lassen. Wer sich die Liste der Mitgliedsländer beim UN-Menschenrechtsrat einmal anschaut, wird anschließend die Qualität der dort getroffenen Entscheidungen hoffentlich in Frage stellen.

In Europa freut man sich indes, dass die Palästinenser und die Israelis an einen Tisch zurückgefunden haben. Zum Glück hat Israel sich zum Auftakt bereit erklärt, Terroristen freizulassen, als Zeichen des guten Willens. Jetzt kann der Frieden also kommen.

 
Photos by Saskia


Im Schatten von Gaza

„Es ist wie beim Fußball. Wie viele Tote habt ihr? Achtzehn. Wie viele Tote hat die andere Seite? Fünf. Unsere Toten zählen nicht, weil es weniger sind. Sind unsere Leben weniger wert für die Welt? Sind unsere Angehörigen einen anderen Tod gestorben, einen, der nicht erwähnenswert ist? Punktsieg für Gaza.“ Alfredo Juarez

 

Als ich am Morgen losfuhr wusste ich nicht, was mich an diesem Tag erwarten würde. Ich hielt eine Liste mit Telefonnummern in der Hand und machte mich auf den Weg Richtung Gaza. Ich würde israelische Familien treffen, deren Angehörige durch Raketenangriffe stark traumatisiert, verletzt oder sogar getötet wurden.

Kfar Aza ist ein Kibbuz, der direkt neben Gaza liegt. Dort treffe ich Anna. Ihr Hund springt an mir hoch, als ich ihr Haus betrete und Anna begrüßt mich mit einem Lächeln. Sie bietet mir Kaffee und Kuchen an und während sie den Kaffee kocht, beginnt sie von ihrem Mann zu erzählen. Jimi ist ihre große Liebe. War.
Er starb vor einigen Jahren, als eine Mörsergranate aus Gaza direkt neben dem Haus einschlug. Er wurde nur 47 Jahre alt. Überall im Haus hängen Bilder von ihm und ich frage Anna, wo sie entstanden sind. Die beiden sind viel zusammen gereist. Jimi war sportlich, ein begeisterter Gleitschirmflieger, der auf seinen Ausflügen unzählige Luftaufnahmen gemacht hat. Überhaupt wirkt das ganze Haus sehr lebhaft, so, als wäre es nicht das Zuhause einer Witwe. „Ich habe mich nach diesem Verlust zunächst total zurückgezogen und ganz stark abgenommen. Aber dann begann ich zu Töpfern. Deshalb stehen hier diese bunten Tonfiguren herum.“. Sie sind wunderschön. „Jimi und ich, wir haben uns immer einen alten Olivenbaum für unseren Garten gewünscht. Darüber haben wir oft gesprochen, aber leider sind alte Olivenbäume sehr teuer und man kann sie nicht einfach so irgendwo ausgraben und umpflanzen. Den Olivenbaum, den du jetzt neben der Eingangstür siehst, habe ich nach Jimis Tod geschenkt bekommen. Er ist 491 Jahre alt. Es ist merkwürdig, dass unser Traum ausgerecht mit Jimis Tod in Erfüllung gegangen ist. Der Baum steht an der Stelle, an der mein Mann starb.“ Anna hat den Baum nach Jimis Tod von der Keren Kayemeth LeIsrael geschenkt bekommen, einer Organisation, die sich um die Erhaltung der natürlichen Ressourcen kümmert und viele Aufforstungsprojekte in Israel leitet.
Wir gehen nach draußen in die Sonne und Anna zeigt auf einen großen blauen Blumentopf, der total beschädigt neben dem Eingang steht. „Der Topf ist zerbrochen, als die Granate in der Nähe einschlug und die Splitter überall landeten. Ich sehe ihn jeden Tag, wenn ich nach Hause komme. Auch der Golden Retriever wurde getroffen, weil er meinem Mann überall hin gefolgt ist.“ Der Hund hat überlebt. Jimi nicht.
Ich schaue über die hügelige Landschaft voller Grüntöne und sehe in der Ferne Gaza City. Dann schaue ich zurück zu Anna, die mit dem Hund spielt.

 

Eine Bushaltestelle mit Raketenschutzraum - Alltag in Südisrael

Eine Bushaltestelle mit Raketenschutzraum – Alltag in Südisrael

 

Kurze Zeit später treffe ich auf Yankale, der auch in Kfar Aza mit seiner Familie lebt. Seine Enkelin wurde bei einem Raketenangriff um Haaresbreite getötet. Die Rakete fiel in ihr Zimmer, doch wie ein Wunder überlebte Shir. Yankale ist eine wichtige Person nicht nur für den Kibbuz, sondern für die gesamte Umgebung. Er hat einen Zoo für therapeutische Behandlungen traumatisierter Kinder. Letztes Jahr musste er sein Therapiezentrum schließen, weil das Gebäude zu unsicher war. Die Tiere wurden notdürftig woanders untergebracht und Yankale versucht nach allen Kräften, seine Arbeit weiterzumachen. Er legt mir einen großen Python um den Hals und wendet sich dann einer Schar Kinder zu, die ihn umringen. Ein Mädchen möchte einen Hasen streicheln, ein anderes Kind will den orangenen Papagei auf die Hand nehmen. In der Ecke steht ein Junge und traut sich nicht, näher zu kommen, weil er Angst vor der Schlange hat. Der Python um meinen Hals ist total gleichgültig, wahrscheinlich hat er sich an die vielen Kinderhände gewöhnt, die ihn dauernd betatschen. Yankale kann extrem gut mit Kindern umgehen, ich weiß nicht, wie er es schafft, aber am Ende will der ängstliche Junge den Python gar nicht mehr loslassen.
Das Engagement dieses Mannes ist unbezahlbar. Er schenkt den Kindern ein Lachen und lässt sie vergessen, was sie durchmachen müssen. Wenn „Zeva Adom“ ertönt, haben die Menschen 15 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Erst am Abend zuvor gab es wieder Raketenalarm. Diesmal war es ein falscher Alarm, aber das wussten die Menschen natürlich in diesem Moment nicht. In Deutschland kann man sich das nicht vorstellen. Eine deutsche Mutter kennt das Gefühl nicht, das eine israelische Mutter hat, wenn sie ihre Kinder in den Kindergarten oder in die Schule schickt. Es gibt keine Routine im Krieg. Die Panik bleibt immer dieselbe, wenn der Raketenalarm ertönt. Kinder im Alter von sieben Jahren sind im Süden Israels oft Bettnässer und leiden an schlimmen Schlafstörungen. Yankales Enkelin war Augenzeugin, als der Nachbar bei einem Raketenangriff ums Leben kam. Wie viel kann eine Kinderseele ertragen?

 

„Warum lebt ihr hier im Süden?“, frage ich Alfredo und Diana, die in Mefalsim leben. „Als wir aus Argentinien nach Israel eingewandert sind, lebten wir zunächst in Ra’anana im Zentrum des Landes, aber wir wollten aufs Land ziehen. Wir hatten genug von Buenos Aires und wollten nicht mehr in einer Stadt wohnen. Damals war es im Norden Israels sehr unruhig, also zogen wir in den Süden. Jetzt leben wir hier seit etwas mehr als 10 Jahren und die Lage hat sich dramatisch verschlechtert. Aber wegziehen können wir nicht einfach so. Unsere gesamte Familie ist mit uns hierher gekommen und der Konflikt ist zudem nicht konstant an einem Ort, es ist ein Auf und Ab, manchmal ist es an einem Ort ruhiger, dann wieder an einem anderen. Wir können nicht unser Leben alle fünf Jahre aufgeben und woanders hinziehen.“
Alfredo saß im Auto, als eine Rakete neben ihm einschlug. Eine andere Rakete traf das Café der Familie im Kibbuz. Alfredo erzählt mir, dass er wochenlang nicht mehr aus dem Haus gegangen ist, nachdem das passiert ist. Er wollte auch seine Kinder nicht mehr zur Schule schicken, die gesamte Familie war völlig paralysiert. „Ich dachte immer, dass man diesen Konflikt mit Dialogen lösen kann.“ Nachdem die Rakete neben seinem Auto einschlug, hat er diese Hoffnung aufgegeben. „Wenn es morgens auf meinem Weg in die Arbeit Raketenalarm gibt, finde ich oft Zuflucht bei Familien, die in dieser Situation ihre Haustüren öffnen und den Fremden Zuflucht gewähren. Dann sehe ich ihre Kinder, die schreiend in der Ecke kauern. Ich sehe Tag für Tag, was dieser Konflikt mit unseren Kindern macht.“ Die Familie zeigt uns ein Video, das Vater und Sohn gemeinsam gemacht haben. Darin erzählt Alfredo (mit englischer Übersetzung) davon wie es ist, neben Gaza zu leben. „Wir sind voller Träume und Hoffnung nach Israel gekommen. Es war nicht einfach. Und hier sind wir jetzt und versuchen, alle Schwierigkeiten zu meistern.“

 

 

Hintergrund: Wie es zu den Treffen kam.
Mein Mann, ein israelischer Fotograf, wurde von der amerikanischen Organisation Adopt a Family kontaktiert und gefragt, ob er Bilder von betroffenen Familien im Süden Israels machen könnte. Er sagte sofort zu und so fuhren wir zusammen eines Samstags dorthin. Die Treffen waren nicht als Interviews geplant, mein Mann sollte einfach Fotos der Menschen machen und ihre Lebenssituation mit Bildern dokumentieren. Wir rechneten beide nicht damit, dass die Familien ein so großes Bedürfnis haben würden, uns ihre Geschichte zu erzählen. Ich erkannte, dass ihnen zu wenig Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit dem Konflikt und den Folgen geschenkt wird. Diese Menschen möchten nicht still und leise trauern, sie wollen gehört werden. Die Welt soll sehen, dass es fernab der grauenvollen Fotos getöteter Kinder aus Gaza eine Realität gibt, die der breiten Öffentlichkeit vollkommen verborgen bleibt. Eine Vermarktung der Bilder von Getöteten zu politischen Propagandazwecken lässt sich mit ehrlicher tiefer Trauer absolut nicht vereinbaren.
Leider führt das einseitige Fotografieren und Filmen von Toten und Schwerverletzten mit Mobiltelefonen auf palästinensischer Seite dazu, dass die Weltöffentlichkeit keine emotionale Verbindung zu dem Leid auf der anderen, der israelischen Seite herstellt. Wir können den Tod eines fremden Menschen nicht als persönlichen Schmerz begreifen, weil uns jeglicher Bezug zu dem abstrakten Begriff „Tod“ fehlt. Erst durch Bilder verlieren wir diese Distanz, teilweise sogar so sehr, dass wir gar nicht mehr hinterfragen, wer ein Interesse daran hat, Tote im Internet zu präsentieren und in welchem Zusammenhang die Bilder überhaupt entstanden sind.

 

 

Ich widme diesen Artikel Jimi, über den ich viel erfahren habe und dessen Präsenz auch Jahre nach seinem Tod in den Räumen des Hauses im Kibbuz Kfar Aza stark spürbar war, als ich mich dort mit seiner Frau Anna unterhielt. Der Schmerz seiner Familie soll nicht verschwiegen und vergessen werden.

 

Jimi bei einem seiner Gleitschirmflüge

Jimi bei einem seiner Gleitschirmflüge


Mein Freund vom israelischen Militär-geheimdienst

Kurze Zeit, nachdem ich nach Israel gezogen war, erreichten mich etliche Emails von Studienkollegen. „Wir haben gehört, dass du jetzt in Israel lebst! Was hältst du denn von…“
Anstelle von Glückwünschen erhielt ich Fragen, was ich denn über den Konflikt denke, wie ich damit umgehe und ob ich es gut finde, dass manche jungen Menschen in Israel den Wehrdienst verweigern – eben all die Fragen, die man einem Freund oder einer Freundin üblicherweise so stellt, wenn er oder sie der Liebe wegen gerade ins Ausland gezogen ist.

Anfangs setzte ich mich noch damit auseinander, suchte nach angemessenen Antworten, formulierte lange Emails. Es war allerdings sehr frustrierend und für mich enttäuschend, weil ich mich lieber über persönliche Dinge austauschen wollte, es dazu aber nie kam, aufgrund der Wut zwischen den Zeilen einer jeden Email.
Ich habe ein wunderschönes Leben hier, eine Familie, einen weißen Sandstrand vor der Haustüre, einen phantastischen Freundeskreis und nein, ich möchte nicht mal eben kurz über den Nahostkonflikt diskutieren. Grundsätzlich lehne ich politische Unterhaltungen natürlich nicht ab und bin gerne bereit, mich zu dem Thema auszutauschen. Es ist nur so, dass einem sehr häufig und oftmals wirklich irrsinnige Fragen gestellt werden, wenn man zu erkennen gibt, dass man in Israel lebt. Zuvor lebte ich in Süditalien und Rom. Keiner meiner Studienkollegen kontaktierte mich jemals um zu fragen, wie ich damit klarkomme, dass die organisierte Kriminalität in Kalabrien, Sizilien und der Basilikata in extremem Umfang Müll in die Natur kippt und infolge dessen viele Kinder an Leukämie erkranken.
Wäre ich nach Russland gezogen, hätte mich vermutlich auch niemals jene Email erreicht, in der ich dazu aufgerufen wurde, mich aktiv gegen „die Ungerechtigkeit“ zu wehren.

Das Ganze mag vielleicht lustig klingen, aber ich fand es nie witzig oder amüsant. Es hat mich im Gegenteil sehr gestört. Es ist Wochenende, man hat schöne Pläne, trifft Freunde, kocht… und dann erreicht einen diese Email, in der auf zwei Din A4 Seiten nur über den Konflikt geschrieben wird. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich auf eine derartige Email gutgelaunt antworte?

So beschloss ich eines Tages, keine Antworten mehr zu diesem Thema zu schreiben, sondern einen Internetlink an alle Nervtöter weiterzuleiten: Friend a soldier bietet die Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit ehemaligen israelischen Soldaten. Die Gründer des Projekts legen großen Wert darauf und betonen, dass sie völlig unabhängig von der IDF, den israelischen Streitkräften, arbeiten. Das Projekt, das 2010 ins Leben gerufen wurde, finanziert sich aus Spenden. Die Kommunikation wird in englischer Sprache angeboten, doch gibt es auch Soldaten, die beispielsweise Französisch und Spanisch sprechen. Zudem informiert die Seite in Arabisch, dass sich arabischsprachige Menschen melden können.
Wem es wirklich auf Antworten und Dialoge ankommt (und nicht auf Provokation), der findet auf dieser Seite mehrere Ansprechpartner aus ganz Israel, mit unterschiedlichen familiären und sozialen Backgrounds, und kann mit ihnen in Emailkontakt treten.
Ich finde das sehr spannend, denn letztlich bekommt man ein differenziertes Bild von dem Leben der Leute und der Lage eher, wenn man mit vielen unterschiedlichen Menschen spricht und offen ist, seine eigene Position immer wieder neu zu hinterfragen und zu überdenken.

friend a soldier


Der Krieg in meinem Kopf

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich meine Gedanken in Worte fassen soll, weil sie meine sehr persönlichen Gefühle nach außen kehren.
Als ich noch in Deutschland lebte, machte es mich unendlich betroffen, Bilder aus Krisenregionen zu sehen und zu wissen, dass ich machtlos bin vor all dem Elend und der Gewalt. Ich war mir dessen so sehr bewusst, wie gut es mir auf meinem Sofa vor dem Fernseher ging, während sich im Irak oder im Sudan Katastrophen abspielten, dass ich mir oft schwor, mich mit meinen Möglichkeiten für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen.
Heute, einige Jahre später, lebe ich in Israel und ein neues Gefühl hat sich in mein Leben gedrängt. Ich hätte damals in Deutschland nie gedacht, dass ich so ein Gefühl eines Tages erleben würde und ich wünschte, ich hätte es nie kennengelernt.

Seitdem ich Hebräisch spreche und die israelischen Nachrichten und Zeitungen verstehe, seitdem habe ich begriffen, was es im Alltag bedeutet, ständig mit einem drohenden Krieg konfrontiert zu werden. Das Thema Iran, die Bomben der Hamas und Hisbollah, Raketen auf den Süden Israels, all das höre ich tagtäglich. Es geht nicht um das objektive Wissen, dass Israel bedroht ist oder dass dieser Konflikt hier existiert, denn das war mir natürlich klar, bevor ich hierher gezogen bin. Das Gefühl, das mich begleitet und das diesen Sommer immer stärker geworden ist, ist diffus, nur schwer zu beschreiben. Ich spüre es tief in der Magengrube; manchmal ist es ganz stark und manchmal gelingt es mir, es zu verdrängen. Das Gefühl beeinflusst meine Laune und meine Lebensfreude. Es gab Tage, da wachte ich am Morgen mit einer Art Klaustrophobie auf, irgendetwas schnürte mir die Kehle zu und ich hatte das Gefühl, nicht genügend Luft zu bekommen. Das passierte vor allem im August, als Israels Medien im Minutentakt neue Meldungen über einen möglichen Angriff auf den Iran veröffentlichten.
Ich weiß, dass dieses Thema auch viele Menschen im Ausland sehr berührt hat. Niemand wollte diesen Angriff, geschweige denn einen Krieg im Nahen Osten. Dennoch macht es einen großen Unterschied, ob man in Deutschland sitzt und sich einfach Weltfrieden wünscht, oder ob man in Nahost ist und sich persönlich die Frage stellt: „Werden Bomben auf unsere Häuser fallen? Ist der Raketenschutzraum in unserem Gebäude wirklich ein sicherer Zufluchtsort?“ Ich habe mir sogar die idiotische Frage gestellt, ob ich Zeit haben würde, meine Geige zu packen und damit um mein Leben zu rennen.
Die Fragen, die mir diesen Sommer durch den Kopf schwirrten waren eigentlich alle sehr schräg und irreal. Da in Syrien ein Arsenal an Chemiewaffen lagert, fragte ich mich beispielsweise auch, ob ich immer mit einer Gasmaske in der Handtasche aus dem Haus gehen sollte, falls es zu einem Krieg mit dem Iran kommen würde. Wer weiß schon, welche radikalen Gruppierungen in einem solchen Fall mitmischen könnten. All diese Fragen trug ich wochenlang mit mir herum. Ich wollte meinen Mann nicht darauf ansprechen, weil das Thema Iran und die Atombombe eine Belastung für uns alle war und wir wenigstens zu Hause in unseren vier Wänden unseren kleinen Frieden brauchten. Eines Abends fragte ich dann doch. Mein Mann schaute mich an und sagte mir, dass er ganz ehrlich keine Antwort darauf habe. „Denkst du, wir Israelis wissen das? Wir stellen uns doch dieselben Fragen.“
Die reale Bedrohung durch eine Atombombe in den Händen eines absoluten Fanatikers hat eine Dimension, die man mit dem Wort „Angst“ nicht zum Ausdruck bringen kann.

Der Sommer verstrich und der befürchtete Angriff auf den Iran vor den US-Wahlen blieb aus. Für mich war das ein kurzer Moment der Erleichterung. Das Thema Krieg war fürs Erste wieder vom Tisch. Die Wirtschaftssanktionen gegen den Iran griffen und zeigten Erfolge. Es tat mir leid für die iranische Bevölkerung, weil ich aufrichtig daran glaube, dass viele Iraner nichts mit ihrer kranken Regierung zu tun haben wollen und selbst Opfer dieser sinnlosen Aggression werden. Sie sind nun die Leidtragenden, die Bevölkerung, die sich ihre fanatischen Oberhäupter nicht ausgesucht hat. Dennoch war ich froh, dass die Schrauben fester gedreht wurden und das Land wirtschaftlich zusammenbrach. Es war eine kleine Hoffnung, dass das Atomprogramm dadurch irgendwie zum Erliegen kommen könnte. Meine naive Hoffnung.

Jetzt ist es Mitte November. Ein Krieg zwischen Israel und dem Gazastreifen ist ausgebrochen. In den internationalen Medien wird das Wort Krieg nicht benutzt. Ich lese Wörter wie „Auseinandersetzungen“, „Kämpfe“ oder „Gazakonflikt“. Unsere Wohnung liegt bei Tel Aviv, ich fühle mich hier sicher. Die Raketen, die auf Tel Aviv abgeschossen wurden, beunruhigen mich nicht allzu sehr, da ich die Relationen sehe: im Süden des Landes schlafen die Menschen seit Wochen nur noch in Luftschutzbunkern. Ständig heulen Sirenen und man hört die Worte „Zeva Adom“ durch die Straßen hallen. Zeva ist das hebräische Wort für Farbe und adom heißt rot. Das ist das Warnsignal, mit dem Raketen angekündigt werden. Rot für Blut? Ich denke an die vielen Kinder, die in Panik ausbrechen und schreien. 15 Sekunden haben die Menschen im Süden Israels, um einen sicheren Ort zu erreichen, bevor die Raketen einschlagen. 15 Sekunden sind nichts, wenn man gerade unter der Dusche steht.
Als in Tel Aviv zwei Raketen am Donnerstag abend einschlugen, hörte ich diesen tiefen dumpfen Knall durchs geschlossene Fenster so laut, dass ich Herzrasen bekam. Wie halten die Menschen im Süden das bloß aus, Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute?

Ich bin alleine zu Hause. Mein Mann ist irgendwo im Norden an der Grenze zum Libanon stationiert. Wir telefonieren so oft es geht, aber es geht eigentlich kaum. Wenn er im Einsatz ist, darf er sein Telefon nicht bei sich tragen, weil Mobiltelefone geortet werden können und damit ein Sicherheitsrisiko darstellen. Das Leben geht irgendwie seinen Lauf, tagsüber bin ich in der Arbeit, abends kaufe ich ein und koche. Im Büro versuchen wir, professionell zu sein, doch die Anspannung ist so stark, dass wir ständig Nachrichtenseiten aufrufen und Radio hören.
Als ich gestern abend im Fernsehen von der Entscheidung der Regierung erfuhr, dass bis zu 75.000 Reservisten für einen Einsatz in Gaza bereitgestellt werden sollen, verkrampfte sich mein Magen. Unter diesen 75.000 Soldaten könnte mein Mann sein. Sollten sie ihn anrufen, werde ich keine einzige ruhige Sekunde mehr haben. Den gesamten Sommer verbrachte ich bereits mit Anfällen von Angst um ihn. Vielleicht ist meine Angst unbegründet, vielleicht wird niemand ihn zum Kämpfen aufrufen. Aber diese Angst sitzt mir im Nacken, seit Wochen und Monaten. Die Angst, dass der Mensch, den ich über alles liebe, in einen Krieg hineingezogen wird, der so sinnlos ist wie all der Hass und die Gewalt.

Wenn Außenstehende mir sagen, dass Israel Schuld hat an dem Konflikt, dass die Palästinenser unterdrückt sind und um ihre Freiheit und Rechte kämpfen, dann stehe ich oft ohne Worte da. Ohne Worte deshalb, weil der Konflikt nicht schwarzweiß ist und es mich immer wieder fassungslos macht, wie leicht Menschen sich dazu verleiten lassen, ein Land und seine Bevölkerung zu verachten. Im Internet findet man viele Bilder von toten oder schwer verletzten Kindern, dazu Bildunterschriften die sagen, dass die Kinder Opfer der israelischen Armee geworden sind. Ich verstehe, dass diese Bilder Wut auslösen. Aber was ich nicht verstehe ist, warum niemand die Glaubwürdigkeit der Bilder auch nur in Frage stellt. Natürlich gibt es Verletzte und Tote in diesem Konflikt und ich hasse es genauso wie jeder andere es hasst, dem das Leben und die Menschenwürde etwas bedeuten. Viele dieser Bilder sind jedoch in anderen Ländern enstanden und sie zeigen weder palästinensische Kinder noch die Folgen eines israelischen Luftangriffs. Das ist belegbar, da etliche der Bilder bereits vor Monaten in völlig anderen Zusammenhängen, so zum Beispiel mit den Kämpfen in Syrien, von Hilfsorganisationen veröffentlicht wurden. Das Problem daran ist die Form der Berichterstattung und infolgedessen der Hass, der in der Welt damit geschürt wird. Es hilft uns nicht weiter, denn auch die Israelis haben Tote zu beklagen und auch unsere Toten sind keinen schönen Tod gestorben. Ich kann es kaum ertragen, wie auf Facebook und in sonstigen Foren die Menschenleben gegeneinander aufgewogen werden, so als ob ein Mensch wichtiger wäre als ein anderer. Das Bild eines toten Kindes sollte niemals dazu missbraucht werden, um in der Öffentlichkeit Propaganda zu machen. Es führt nicht zu Gerechtigkeit, kann gar nicht zu Gerechtigkeit führen. Diese extremen Emotionen bei Diskussionen über den Nahost-Konflikt sind womöglich auch einer der Gründe, warum viele Leute Fehlvorstellungen von dem Leben der Menschen in Israel haben. Sie glauben, dass Hass und gegenseitige Ablehnung unseren Alltag bestimmen.

Ich kenne etliche Orte in Israel, an denen Muslime mit Juden zusammen an einem Tisch zu Mittag essen. Arabische Ärzte, die in Israel ihre Praxen haben und von den Leuten hier ohne Vorurteile aufgesucht werden. Arabisch ist neben Hebräisch die offizielle Amtssprache. Wir leben hier zusammen auf diesem Landstrich. Das ist das Land, das wir haben. Es geht nicht um Schuld auf der einen Seite und Unschuld auf der anderen.

Die Menschen auf der Welt denken, dass es hier Frieden gäbe, wenn Israel seine Waffen niederlegen würde. Es klingt alles so einfach. Hände schütteln, Vetrag unterschreiben. Frieden. Dabei schaffen es viele Deutsche nicht einmal, ihren Kleinkrieg mit dem Nachbarn durch ein Händeschütteln zu beenden.

Im Augenblick weiß niemand, wie sich die Situation in Gaza weiterentwickeln wird. Der Medienlärm ist ohrenbetäubend. Das Heulen der Sirenen auch. In Deutschland hätte ich all das im Fernsehen und in den Zeitungen aus sicherem Abstand mitverfolgt. Ich lebe aber in Israel und ich weiß, dass es für die Menschen im Nahen Osten keine Sicherheit gibt, ganz egal auf welcher Seite sie stehen. Werden die kommenden Wochen zu einem Höllentrip? Die diffuse Angst, die ich bereits seit Monaten in meinem Kopf herumtrage, hat Konturen bekommen.