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Mein Freund vom israelischen Militär-geheimdienst

Kurze Zeit, nachdem ich nach Israel gezogen war, erreichten mich etliche Emails von Studienkollegen. „Wir haben gehört, dass du jetzt in Israel lebst! Was hältst du denn von…“
Anstelle von Glückwünschen erhielt ich Fragen, was ich denn über den Konflikt denke, wie ich damit umgehe und ob ich es gut finde, dass manche jungen Menschen in Israel den Wehrdienst verweigern – eben all die Fragen, die man einem Freund oder einer Freundin üblicherweise so stellt, wenn er oder sie der Liebe wegen gerade ins Ausland gezogen ist.

Anfangs setzte ich mich noch damit auseinander, suchte nach angemessenen Antworten, formulierte lange Emails. Es war allerdings sehr frustrierend und für mich enttäuschend, weil ich mich lieber über persönliche Dinge austauschen wollte, es dazu aber nie kam, aufgrund der Wut zwischen den Zeilen einer jeden Email.
Ich habe ein wunderschönes Leben hier, eine Familie, einen weißen Sandstrand vor der Haustüre, einen phantastischen Freundeskreis und nein, ich möchte nicht mal eben kurz über den Nahostkonflikt diskutieren. Grundsätzlich lehne ich politische Unterhaltungen natürlich nicht ab und bin gerne bereit, mich zu dem Thema auszutauschen. Es ist nur so, dass einem sehr häufig und oftmals wirklich irrsinnige Fragen gestellt werden, wenn man zu erkennen gibt, dass man in Israel lebt. Zuvor lebte ich in Süditalien und Rom. Keiner meiner Studienkollegen kontaktierte mich jemals um zu fragen, wie ich damit klarkomme, dass die organisierte Kriminalität in Kalabrien, Sizilien und der Basilikata in extremem Umfang Müll in die Natur kippt und infolge dessen viele Kinder an Leukämie erkranken.
Wäre ich nach Russland gezogen, hätte mich vermutlich auch niemals jene Email erreicht, in der ich dazu aufgerufen wurde, mich aktiv gegen „die Ungerechtigkeit“ zu wehren.

Das Ganze mag vielleicht lustig klingen, aber ich fand es nie witzig oder amüsant. Es hat mich im Gegenteil sehr gestört. Es ist Wochenende, man hat schöne Pläne, trifft Freunde, kocht… und dann erreicht einen diese Email, in der auf zwei Din A4 Seiten nur über den Konflikt geschrieben wird. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich auf eine derartige Email gutgelaunt antworte?

So beschloss ich eines Tages, keine Antworten mehr zu diesem Thema zu schreiben, sondern einen Internetlink an alle Nervtöter weiterzuleiten: Friend a soldier bietet die Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit ehemaligen israelischen Soldaten. Die Gründer des Projekts legen großen Wert darauf und betonen, dass sie völlig unabhängig von der IDF, den israelischen Streitkräften, arbeiten. Das Projekt, das 2010 ins Leben gerufen wurde, finanziert sich aus Spenden. Die Kommunikation wird in englischer Sprache angeboten, doch gibt es auch Soldaten, die beispielsweise Französisch und Spanisch sprechen. Zudem informiert die Seite in Arabisch, dass sich arabischsprachige Menschen melden können.
Wem es wirklich auf Antworten und Dialoge ankommt (und nicht auf Provokation), der findet auf dieser Seite mehrere Ansprechpartner aus ganz Israel, mit unterschiedlichen familiären und sozialen Backgrounds, und kann mit ihnen in Emailkontakt treten.
Ich finde das sehr spannend, denn letztlich bekommt man ein differenziertes Bild von dem Leben der Leute und der Lage eher, wenn man mit vielen unterschiedlichen Menschen spricht und offen ist, seine eigene Position immer wieder neu zu hinterfragen und zu überdenken.

friend a soldier

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Der gewöhnliche Alltagswahnsinn

Wir haben unser Auto verschrottet.

Es war schon lange mein Wunsch, ohne Auto zu leben. Ich hasse Staus, Parklücken die man nicht findet, Reparaturrechnungen wenn man gerade kein Geld dafür hat, Knöllchen auf der Windschutzscheibe.
Nachdem unser 20 Jahre altes Auto endgültig den Geist aufgegeben hat, war mein Mann dem Thema Neuwagen gegenüber zwar sehr wohlwollend eingestellt, aber ich habe ihm vorgeschwärmt wie toll es wäre, wenn wir abends ein Taxi zum Restaurant nähmen, die Fahrräder im Alltag, für Ausflüge einen Mietwagen und für Vorratseinkäufe den Bestell- und Lieferservice der Supermärkte. Es ist nämlich so, dass man in Tel Aviv zum Beispiel abends keinen Parkplatz findet, egal wie oft man um den Block fährt. Sollte sich tatsächlich doch mal eine Lücke auftun, sitzt man anschließend angespannt im Restaurant, weil man ahnt, dass es gar kein Parkplatz war und zur Rechnung für das gute Essen noch ein Bußgeld dazukommt, das sich gewaschen hat.
Wir werden jetzt also versuchsweise für ein Jahr ohne Auto leben.

Diese Woche haben wir zum allerersten Mal online bei einer Supermarktkette eingekauft und den Lieferservice in Anspruch genommen. Es war ein komisches Gefühl, mit dem Einkaufszettel vor dem PC zu sitzen und per Mausklick Tomatensauce und Haarshampoo in den virtuellen Einkaufswagen zu legen. Überrascht stellte ich fest, dass die Preise der Produkte gar nicht teurer sind und die Lieferung bis vor die Haustüre nur 30 Shekel kostet, was umgerechnet gerade mal um die sechs Euro sind. Datenschützer sind bei sowas natürlich skeptisch. ‘Jetzt weiß der Supermarkt-Manager ja wo ihr wohnt und mit welchem Klopapier ihr euch den Hintern abwischt!’
Tja, das ist in der Tat hier im Nahen Osten momentan mein größtes Problem…
Mein Mann ist Freiberufler und war tags drauf zu Hause. Also gaben wir für den Lieferzeitraum den Vormittag des folgenden Tages an.
Am kommenden Morgen auf dem Weg ins Büro klingelte mein Handy. Am anderen Ende der Leitung war eine Frau: „Hallo, ich bin vom Supermarkt und bearbeite gerade Ihre Bestellung. Leider haben wir das Shampoo nicht, das Sie geordert haben.“
-“Ja, macht nichts. Streichen Sie das Shampoo einfach von der Liste.“
Wenige Minuten später klingelte es erneut. „Ich bins nochmal. Die Haarkur ist leider auch nicht verfügbar.“
Hmm, Mist.
-“Kein Problem, streichen Sie die dann einfach auch ersatzlos.“
„Geht in Ordnung. Geliefert wird in ein paar Stunden“.

Drei Stunden später klingelte mein Telefon wieder. Mein Mann rief mich völlig verzweifelt an: „Sie haben meinen Thunfisch vergessen!“
– „Bist du sicher? Hast du überall geschaut?“
„Ja! Alles ist durcheinander, sie haben uns dreimal so viele Päckchen Reis geliefert wie bestellt, von der Tomatensauce haben sie uns 24 Stück gebracht, dabei hatten wir doch nur acht gekauft, es kamen 10 Packungen Ohrenstäbchen und 3 Pakete Klopapier…“
– „Was steht denn auf dem Lieferschein?“
„Da ist nur das aufgeführt, was wir tatsächlich bestellt haben. All die zusätzlichen Sachen, die sie uns aus Versehen gebracht haben, stehen da nicht drauf. Aber was mach ich denn jetzt ohne Thunfisch?“
Mein Mann klang total überfordert. Er fragte mich, was er jetzt mit den 144 Rollen Klopapier machen solle und ob ich ihm den Thunfisch auf dem Nachhauseweg am Abend kaufen könne. Während wir uns weiter unterhielten, packte er die restlichen Kartons aus und fand plötzlich das Shampoo und die Haarkur, die eigentlich ausverkauft waren.

Am Abend diskutierten wir dann darüber, ob wir in Zukunft nicht doch wieder ganz normal im Supermarkt einkaufen sollten. Ich war nach wie vor der Überzeugung, dass eine Bestellung uns viel Arbeit erspart, zumal wir in einem alten Gebäude ohne Aufzug wohnen und es vor allem im Sommer jedesmal anstrengend ist, bei Temperaturen von um die 40 Grad den kompletten Einkauf nach oben zu schleppen. Mein Mann ließ sich überzeugen.
Den nächsten Einkauf werden wir vermutlich erst in einem Vierteljahr machen. Bis dahin reichen alle Vorräte die wir unfreiwillig gekauft haben locker…