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Straßen von gestern

Neben mir auf dem Schreibtisch liegt ein besonderes Buch. Solange es geschlossen ist, mag man es für einen gewöhnlichen Roman halten, eine Geschichte unter Tausenden. Doch schlägt man es auf und beginnt zu lesen, bleibt die Zeit um einen herum stehen, man verliert sich in der Vergangenheit, ist Gefangener einer dunklen Zeitreise, die einen an Orte und zu Geschehnissen führt, die man beeinflussen möchte, aber nicht kann.

 

„Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, dass wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.“

 
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Rainer Maria Rilkes Worte aus der ersten Duineser Elegie sind die Einleitung des Romans, in dem Silvia Tennenbaum ein großes, erschütterndes und stark autobiographisches Epos über den Aufstieg und Verfall einer jüdischen Familie erzählt. Es ist die Geschichte der Familie Wertheim, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesellschaftlich angesehen und wirtschaftlich gut situiert in Frankfurt lebt. Im Laufe der politischen Entwicklungen wird die Familie, bis zum Jahr 1945, völlig entwurzelt. Niemand ist auf das vorbereitet, was sie ab 1933 erwartet.
Moritz Wertheim ist ein Frankfurter Textilhändler von Rang und Namen. Er hat fünf sehr unterschiedliche Söhne, Siegmund, Nathan, Jacob, Eduard und Gottfried. Siegmund arbeitet für seinen Vater, Nathan ist Rechtsanwalt, Jacob ist Buchhändler und Eduard ist Bankier und Kunstsammler. Gottfried fällt total aus der Reihe, er wird von der Famile nach einer versuchten Vergewaltigung nach Amerika geschickt.
Eduard erkennt frühzeitig, dass Deutschland nicht mehr sicher ist und wandert in die Schweiz aus, von wo aus er versucht, die Familienangehörigen zu retten. Dennoch fallen mehrere Mitglieder der Wertheims dem Nationalsozialismus zum Opfer. Darunter auch Caroline, Nathans Ehefrau. Ihrer Tochter Lene hingegen gelingt zusammen mit ihrer Familie die Ausreise. Sie flieht mit einem Visum in die USA.
Ein Dialog, der mich sehr berührt hat, ist das Gespräch zwischen Lene und ihrer Tocher Claire kurz vor Ende des Krieges.
„Du hast Bennos Brief gelesen“, sagte Lene.
„Woher weißt du das?“
„Mütter wissen alles.“
„Ich wünschte, ich hätte ihn nicht gelesen. Ich muss andauernd an diese Greuel denken, und doch weiß ich, dass ich davon nicht berührt worden bin. Was kann ich jemals tun, um es wieder gutzumachen?“

Die „Schuld“, überlebt zu haben, das Schuldgefühl, nicht zusammen mit den anderen Familienangehörigen in den Tod gegangen zu sein, wird zu einer Verzweiflung, mit der weder Mutter noch Tochter klarkommen. Selbst ihre Freiheit und Sicherheit schmecken bitter und sind schwer zu ertragen.

 

Beeindruckt hat mich vor allem die atmosphärische Tiefe des Romans, die mich in den Strudel der historischen Ereignisse hineingezogen und mit vielen Aspekten des Nationalsozialismus konfrontiert hat, die man aus Geschichtsbüchern nicht erfährt, weil sie vielmehr ein Spiegel der Stimmung der damaligen Zeit sind. Es kommt zum Beispiel die Entwurzelung der Familie und die Zerrissenheit zwischen dem Deutschland, das einst eine schöne Heimat war, und dem faschistischen Deutschland, das der Familie alles genommen hat, sehr stark zum Ausdruck. Auch die teilweise sehr verheerenden Fehleinschätzungen der Gefahr werden drastisch deutlich. So beschwichtig einer der Charaktere die Lage mit den Worten „Meine Freunde im Verlag glauben, solange die Wirtschaft gesund bleibt, besteht Hoffnung, daß man die Rechtsparteien im Zaum halten kann. Die Nazis werden die Kommunisten bekämpfen, die zwei werden sich gegenseitig schwächen, und wir übrigen werden davon profitieren.“

 

Silvia Tennenbaum

 

Silvia Tennenbaum wurde 1928 in Frankfurt am Main geboren und lebt heute in den USA. Sie ging 1936 zunächst mit ihren Eltern ins Exil in die Schweiz und wanderte von dort nach New Jersey aus. Das Buch „Straßen von gestern“ schrieb sie in englischer Sprache. Es erschien Anfang der 80er Jahre zum ersten Mal in deutscher Fassung und wurde 2012 erneut aufgelegt.

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Die Charta der Mondrechte

Ron Leshem zählt zu meinen Lieblingsautoren. Er hat erst zwei Romane veröffentlicht, aber beide sind so temporeich und spannend, dass ich sie bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen konnte. Ron Leshem ist auch der Grund, warum ich heute in Israel lebe, aber das ist eine andere Geschichte…

Ron Leshem - Copyright Noam Yosef

Vor zweieinhalb Jahren lernte ich Ron persönlich kennen. Er ist ein extrem belesener Mann, von dessen stiller Art man sich nicht täuschen lassen sollte. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt, über Europa, Politik, Literatur und auch über seine Bücher. Ich hatte kurz zuvor sein erstes Buch „Im Yesh Gan Eden“ ausgelesen, das in Deutschland unter dem Titel „Wenn es ein Paradies gibt“ erschienen ist. Dieser Roman schaffte es auf Anhieb in die Bestsellerlisten weltweit und er beschäftigte und wühlte mich sehr auf. Es war außerdem das erste Buch, das ich auf Hebräisch las. Ich dachte zunächst, Ron habe darin seine eigene Geschichte erzählt, jedoch fand ich heraus, dass er sehr gut recherchiert hatte und das Buch keineswegs seine persönlichen Erfahrungen widerspiegelte.

Sein zweites Buch hat auf Hebräisch den fantasievollen Namen „Megilat Zchujot HaJareach“, was wörtlich übersetzt „Die Charta der Mondrechte“ bedeutet. In Deutschland ist das Buch allerdings unter dem Titel „Der geheime Basar“ erschienen. Mir persönlich gefällt der Originaltitel besser. Das erinnert mich daran, dass Ron Leshem bei unserem Treffen zu mir sagte, sein erstes Buch sei in Italien unter einem Titel erschienen, den er persönlich absolut nicht geistreich fand: Anstelle von „Wenn es ein Paradies gibt“ heißt das Buch in Italien „Die dreizehn Soldaten“. Aber das nur am Rande.

„Der geheime Basar“, das ist der Basar der verbotenen Dinge in Teheran. Ein Schwarzmarkt für Drogen, Schweinefleisch und Bücher. Ausgerechnet die Tochter eines Ministers führt Kami, den Maschinenbaustudenten, dorthin. Die schöne Nilufar, die er während des Studiums kennengelernt hat, wird seine „Prinzessin der Freiheit“. Nilufar mit ihrem unerhörten Traum, Rennfahrerin zu werden, mischt Kamis Leben gründlich auf und auch seine liebenswert schrullige Tante Zahra und deren Nachbarn, Frau Safureh und Babak, werden zu Verbündeten bei der Suche nach Möglichkeiten, die Regeln der Diktatur zu umgehen. Kami, der bei Zahra für die Dauer seines Studiums wohnt, erfährt nach und nach, was im Leben seiner Tante passiert ist und schaut damit in den Spiegel der Geschichte des iranischen Volkes. Doch nicht nur die Vergangenheit liegt wie ein Schatten über Allem. Kami verwechselt das zügellose Leben im Untergrund zunehmens mit der Realität in dem totalitären Regime und erwacht eines Tages in einem Alptraum.

Ich habe mich während der Lektüre oft gefragt, wie Ron Leshem es angestellt hat, ein derart detailliertes Bild der Stadt Teheran zu zeichnen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Er beschreibt nicht nur jeden Winkel so, als kenne er ihn seit frühester Kindheit, sondern fängt auch das Lebensgefühl in einer Weise ein, dass der Leser es spüren und sogar atmen kann. Ron erzählt im Epilog, dass er iranische Filme anschaute, etliche Bücher über das Land las, persische Musik hörte und Karten studierte. Zudem knüpfte er über Facebook Kontakte zu jungen Iranern, aus dem Wunsch heraus, dieses Volk kennenzulernen und sich mit den Menschen und ihren Ansichten auseinanderzusetzen.

Es ist das, was mich an Ron so unglaublich fasziniert – er nähert sich dem Fremden so stark, dass er damit zu verschmelzen scheint.

„Einen Monat nach Beendigung des Buches kamen die Wahlen im Iran. Die Untergrundstadt erzitterte, schwappte für einen Augenblick an die Oberfläche. Ich schrieb meinen Freunden dort: Riskiert nichts. Doch sie waren stark genug, anders zu denken.
Ich schrieb über sie und dachte an mich selbst hier.“

der-geheime-basar


Ich bin aus tiefstem Herzen Iranerin – und Israelin

Manchmal stolpert man über Bücher und findet darin eine Geschichte die so weit reicht, dass man wieder und immer wieder darüber nachdenkt. Das Buch, die Geschichte, die ich gefunden habe, beginnt im Iran.
Der Iran und die persische Gesellschaft unterscheiden sich fundamental von arabischen Ländern. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass der Iran kein arabisches Land ist. Dass die Menschen dort Persisch sprechen und nicht Arabisch. Viele wissen nicht, dass der Iran einst eine Demokratie war. Ausgerechnet in Israel treffe ich auf eine Frau, die mit ihrem Engagement und ihrer Arbeit das öffentliche Bewusstsein für den Iran und seine Gesellschaft schärfen möchte. Sie trägt den wunderschönen persischen Namen Mozhgan und hat jenes Buch übersetzt, das mir zufällig in die Hände fiel. Orly ist ihr israelischer Name, Orly Noy. Eine Frau mit einem persischen und einem israelischen Namen? Die persische Prosa ins Hebräische übersetzt? Das faszinierte mich so sehr, dass ich Orly ausfindig machte und ansprach. Wir führten ein langes Gespräch und ich war hingerissen von ihrer Ausstrahlung und ihrer Liebe zu beiden Ländern.

Orly Noy

Saskia: Orly, du bist im Iran geboren und in Israel aufgewachsen. Wie war deine Kindheit?

Orly: Ich glaube, je älter man wird, desto schöner und süßer werden die Erinnerungen an die Kindheit. Ich wuchs in Teheran in den 70er Jahren auf. Iran ist ein wunderschönes Land. Teheran ist als Großstadt vielleicht weniger idyllisch, aber es gibt Orte im Iran, die sind unbeschreiblich schön. Meine Kindheit war unbeschwert und glücklich. Wir lebten als Juden nicht in einem jüdischen Viertel in Teheran, sondern unter Muslimen. Ich besuchte eine jüdische Schule, aber mein Freundeskreis war bunt gemischt. Spannungen oder Probleme gab es wegen unserer unterschiedlichen Religionen nie, obwohl ich sehr stark im Judentum verwurzelt war.

Saskia: Trotzdem seid ihr fortgegangen, nach Israel. Warum?

Orly: Die Revolution brachte starke gesellschaftliche Umwälzungen mit sich. Meine Eltern entschieden zu gehen, als sie erkannten, dass die Bewegung nicht in eine säkulare Richtung ging sondern einen starken islamischen Einschlag bekam. Iran war für uns Juden kein sicherer Ort mehr und so emigrierte meine Familie nach Israel.

Saskia: Und plötzlich wart ihr in Israel in einer völlig anderen Welt. Wie war das am Anfang für dich und deine Eltern?

Orly: Es war anfangs sehr schwer. Zum einen mussten wir Hebräisch lernen und meine Eltern eine Arbeit finden. Und zum anderen traten die kulturellen Unterschiede hinzu, die es uns nicht immer leicht machten, in der neuen Gesellschaft Fuß zu fassen. Ich erinnere mich daran, dass ich zum Beispiel von Israelis gefragt wurde, ob ich schon mal Autos und Aufzüge zuvor gesehen habe. Das war eine dermaßen lächerliche Frage! Der Iran, vor allem Teheran, war zur damaligen Zeit viel weiter entwickelt als Israel und ich musste mir dennoch solche Fragen anhören. Die Ignoranz der Menschen in Israel, das Unwissen war grenzenlos.

Saskia: Gab es Situationen, in denen du ausgegrenzt wurdest?

Orly: Es gab Momente, in denen ich meine Identität und meine Kultur verleugnete. In der Schule wurde ich von einem Lehrer gezwungen, mir einen hebräischen Namen zu suchen. Ich wählte Orly. Juden aus arabischen Ländern und dem Iran wurden als Teil der „Hinterwelt“ gesehen, aus Ländern kommend, in denen es keine Zivilisation und keine Bildung gibt. Auf systematische Weise wurde unsere arabische und persische Kultur ausradiert.

Saskia: Was genau meinst du mit arabischer und persischer Kultur? Juden leben doch auch in arabischen Ländern und im Iran die Bräuche und Traditionen des Judentums aus. In wie fern ist das anders als das Judentum in europäischen Ländern oder in Israel?

Orly: Mein Vater ging zweimal im Jahr in die Synagoge, an Yom Kippur und an Rosh HaShana. An Yom Kippur fasteten wir und an Pessach aßen wir Mazot, aber wir waren säkulare Juden, die nicht nach streng religiösen Regeln lebten. Als wir dann nach Israel zogen, war es mir beispielsweise peinlich, wenn meine Eltern iranische Musik hörten während meine Freunde zu Besuch bei uns waren. Ich verbot ihnen auch, vor meinen Freunden persisch zu sprechen, weil es mir unangenehm war und weil ich spürte, dass mein kultureller Hintergrund nicht anerkannt wurde. Dadurch entstand allerdings auch eine Kluft zwischen meinen Eltern und mir und meinem Bruder. Wir Kinder passten uns sehr schnell an das neue Umfeld und die neue Identität an, während es für meine Eltern deutlich schwieriger war.

Saskia: Sind deine Eltern in Israel geblieben? Wie leben sie heute?

Orly: Ja, sie sind nach wie vor in Israel und ziemliche Patrioten. Bei politischen Themen nehmen sie eine klare Position pro Israel ein. Dennoch haben sie eine sehr enge kulturelle Verbindung zum Iran und sie verfolgen genau, was dort politisch und gesellschaftlich passiert.

Saskia: Eine Frage, die ich mir sehr oft stelle, lautet: Wie leben eigentlich Juden im Iran?

Orly: Heute leben ungefährt 20.000 Juden im Iran. Sie üben ihre Religion frei aus, sind im Parlament vertreten und es gibt jüdische Schulen. Das Regime ist sehr antizionistisch, aber das Land, die Gesellschaft ist absolut nicht antisemitisch. Natürlich ist das soziale System muslimisch und die Regelungen gelten auch für Juden, was bedeutet, dass sie sich ihnen anpassen müssen, aber es gibt keine religiöse Verfolgung, so wie das bei den Christen oder Baha’i der Fall ist.

Saskia: Haben denn die iranischen und die israelischen Menschen auch Gemeinsamkeiten?

Orly: Ich glaube, es gibt zwei große Gemeinsamkeiten: beide Völker blicken auf eine sehr lange Geschichte zurück und kämpfen in der heutigen Realität mit vielen Hindernissen und Herausforderungen, die sie bewältigen müssen. Und zudem teilen wir denselben Sinn für Humor, der oft schwarz und zynisch, fast schon bitter ist.

Saskia: Weil du die heutigen Realitäten der beiden Länder und die Bewältigung von Problemen ansprichst… Wie siehst du die gesellschaftlichen Entwicklungen im Iran und in Israel?

Orly: Um ehrlich zu sein, ich habe mehr Hoffnung für den Iran als für Israel. Bevor man ein Problem anpacken und lösen kann, muss man erst einmal realisieren, dass ein Problem existiert. Die Iraner haben bei Weitem mehr Bewusstsein für ihre Situation als die israelische Öffentlichkeit. In Israel gibt es eklatante gesellschaftliche Probleme und Spannungen. Ich wünschte, die Israelis würden für ihre Rechte aufstehen und versuchen, ihr Land zu verändern.

Saskia: Kann man den Israelis wirklich den Vorwurf machen, dass sie schlafen? Was ist mit den riesigen Sozialprotesten, die im Sommer 2011 in ganz Israel stattfanden?

Orly: Du hast recht, es gab eine bemerkenswerte Protestwelle und anfangs dachte ich, jetzt kommt etwas ins Rollen! Letzten Endes war es jedoch eine Enttäuschung. Diese Proteste umfassten sehr viele Themengebiete, die teilweise gar nichts miteinander zu tun hatten, wodurch die vielen Forderungen unüberschaubar und unlösbar wurden. Meine Hauptkritik ist aber, dass die Proteste unpolitisch waren. Die Initiatoren gaben sich größte Mühe, die Proteste politisch neutral zu halten, aus Angst, den breiten Zuspruch zu verlieren, wenn sie konkrete politische Kritik üben würden. Letztlich hätte es aber genau das gebraucht: politische Proteste, die zu einer Umwälzung der Strukturen führen.

Saskia: Du hast dich für Israel in verschiedenster Weise engagiert. Als Mitglied in einer Frauenbewegung (Women for Peace), als Journalistin, als Radiomoderatorin. Und eines Tages hast du entschieden, Bücher vom Persischen ins Hebräische zu übersetzen. Das nötigt mir sehr viel Respekt ab. Nicht jeder übersetzt Bücher, wenn er von einem Land in ein anderes gezogen ist. Woher kam dein Wunsch, persische Prosa zu übersetzen?

Orly: Danke. Meine Entscheidung, persische Literatur zu übersetzen kam von dem Bedürfnis, eine Brücke zwischen den beiden Ländenr zu schaffen. Ich sehe in Israel eine erschütternde Unwissenheit gegenüber dem Iran und seiner Kultur. Die meisten Israelis wissen nichts über das Land, abgesehen von dem Namen Ahmadinejad, den sie ununterbrochen im Zusammenhang mit der Bedrohnung durch eine Atombombe hören. In dieser Atmosphäre der Angst ist es ein leichtes Spiel, die andere Seite zu enthumanisieren. Das finde ich äußerst verstörend. Einmal googlete ich auf Hebräisch „persische Literatur“ und musste entsetzt feststellen, dass dieser Begriff für Google Israel gar nicht existierte. Google fragte mich, ob ich vielleicht russische Literatur meinte. Mein iranischer Nationalstolz war dadurch verletzt, dass es keine moderne persische Literatur auf Hebräisch gab, zumal ich weiß, wie großartig die iranische Literatur ist.

uncle napoleon

Saskia: Wir unterhalten uns die ganze Zeit über den Iran und seinen kulturellen Reichtum, aber kannst du als Israelin überhaupt noch in dieses Land einreisen?

Orly: Ja, ich habe auch die iranische Staatsbürgerschaft und es ist mein großer Wunsch, in den Iran zurückzukehren. Ich möchte meinen Töchtern eines Tages dieses wunderschöne Land zeigen. Allerdings ist die Administration unter Ahmadinejad momentan unberechenbar und ich will kein Risiko eingehen. Irgendwann jedoch werde ich diese Reise machen…

Mahmoud Dowladabadi

Saskia: Das ist übrigens auch ein Punkt auf meiner Wunschliste, ich möchte den Iran unbedingt eines Tages bereisen. Eine letzte Frage, die uns zurück nach Israel führt. Du warst jahrelang Mitglied in der feministischen Bewegung „Coalition of Women for Peace“. Welche Rolle spielen Frauen im Friedensprozess in Nahost?

Orly: Die Erfahrungen, die ich während meiner Zeit bei „Women for Peace“ gemacht habe, waren sehr bedeutend und prägend für mich. Ich lernte viele Frauen mit einem sehr soliden feministischen Hintergrund kennen. Sie wiesen eine enorme Fähigkeit auf, die Zusammenhänge verschiedener Problematiken zu erkennen. „Women for Peace“ nimmt nicht nur an den lokalen Problemen Anteil, sondern sie verbünden sich mit den Frauen überall auf der Welt. Diese absolute und weltweite Solidarität unter den Frauen ist etwas Einzigartiges und Starkes.
Es gibt viele Formen der Unterdrückung, die Frauen besonders betreffen. Neben der wirtschaftlichen Unterdrückung sind Frauen vor allem Opfer der Brutalisierung in Kriegszeiten. Die israelischen Frauenaktivistinnen schaffen ein öffentliches Bewusstsein für die mit dem Konflikt verbundenen Missstände, indem sie stets präsent sind und wieder und wieder darüber aufklären und darauf aufmerksam machen. Ihr Wille und ihre Kraft, für Menschenrechte aufzustehen, ist unbeugsam. Und das, obwohl ihnen auch Abneigung entgegengebracht wird und sie für ihre Arbeit oftmals angefeindet werden. Ihr tiefer Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit ist stärker als der Hass.

Orly Noy lebt heute mit ihrem Mann und ihren Töchtern in Florida.
Sie hat zwei Bücher aus dem Persischen ins Hebräische übersetzt: „Der Colonel“ von Mahmoud Doulatabadi und „Mein Onkel Napoleon“ von Iraj Pezeshkzad. Während „Mein Onkel Napoleon“ ein humorvoller Roman über eine Großfamilie im Teheran der 40er Jahre ist, spielt „Der Colonel“ zur Zeit der islamischen Revolution und gibt einen tiefen Einblick in die tragische Geschichte des modernen Irans. Doulatabadis Buch wurde im Iran niemals veröffentlich.