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Jetzt aber mal Butter bei die Fische

Ich finde bei jedem Blick auf meine Blogstatistiken interessante Suchanfragen, die Besucher zu meiner Seite geführt haben. Neben Stichwörtern fische ich zum Teil ganze Sätze aus dem Ordner mit den Suchbegriffen. Das hat mich dazu inspiriert, einige dieser Fragen zu beantworten.

  • „Wie umstrickt man einen Baum?“
    Das hab ich mich auch schon oft gefragt. Und vor allem: wann ist die beste Uhrzeit? Ich persönlich glaube ja, diese Aktionen finden mitten in der Nacht statt, damit sich die Einwohner am nächsten Morgen über ein Kunstwerk wie es hier zu sehen ist ordentlich freuen.
  • „Wie geht es dir auf Hebräisch“
    Genauso gut wie auf Deutsch, danke der Nachfrage.
    Auf Hebräisch gibt es viele Möglichkeiten, um sich nach dem Wohlbefinden seiner Mitmenschen zu erkundigen. Man kann „Ma kore?“ fragen, was wörtlich übersetzt bedeutet „Was ist los? Was passiert?“, womit aber gemeint ist „Wie geht’s?“. Genauso kann man fragen „Ma ha-inyanim?“ (sprich „Main janim“) und „Ma nishma?“ All diese Ausdrücke werden unabhängig vom Geschlecht der angesprochenen Person benutzt.
    Anders ist es bei „Ma shlomcha?“ und „Ma shlomech?“. Die erste Frage ist nur an Männer, die zweite nur an Frauen zu richten. Eine kleine Einführung in die Hebräische Sprache gibt es hier.
  • „trinke eine cappucino im ein napoletanien café“
    Na wenn da mal jemand nicht Kaffee mit Schuss hatte…. Wer schreibt denn so eine Suchanfrage? Und wozu? Und warum führt sie zu meinem Blog?
  • „Wie kommt mein Mann aus dem Libanon nach Deutschland?“
    Auch das hat wenig mit meinem Blog zu tun…
    Falls es keine Einreisebeschränkungen gibt, kann Ihr Mann vermutlich problemlos mit dem Flugzeug oder auf dem Landweg nach Deutschland einreisen. Sie müssen aber sehr wahrscheinlich durch eine langwierige und bürokratische Visumsprozedur und eine Kaution hinterlegen. Aber wer hat behauptet, dass Liebe immer einfach ist?
  • „Verliebt in einen israelischen Mann“
    Ja, das bin ich auch. Super, dass die Suchmaschinen deswegen gleich bei jeder Anfrage zu diesem Thema auf meinen Blog verweisen.
  • Eine meiner Lieblingsfragen: „Darf man Schinken nach Israel mit der Post schicken?“
    Ich kenne ein paar Leute, die solche Postpakete hier in Empfang nehmen. Allerdings wird gemunkelt, dass die Herren vom Zollamt so hungrig nach frischem Schinken aus dem Ausland sind, dass sie ab und zu eine Ecke abbeißen.
    Vorsicht! Anders herum ist es sehr schwierig, Lebensmittel aus tierischen Produkten nach Deutschland zu schicken. Die Pakete werden mit ziemlicher Gründlichkeit inspiziert und können oftmals nicht in die Paketzustellung durchgewunken werden.
  • „Was fragt man bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen nach Israel?“
    Am besten Sie fragen gar nichts und antworten nur kurz auf die monotonen Fragen der Sicherheitsleute. Vor einigen Jahren hatte ich noch einen alten Reisepass mit dem Stempel eines arabischen Landes. Mein Flug nach Israel war kurzfristig gebucht und mir blieb nicht genügend Zeit, um einen neuen Reisepass zu beantragen. Also ging ich mit einem mulmigen Gefühl zum Fiumicino Flughafen bei Rom (damals lebte ich noch in Italien) und stellte mich nett lächelnd vor das Bodenpersonal von EL AL. Die Sicherheitskontrollen finden vor dem Einchecken statt. Ich machte mich auf eine lange Befragung gefasst und siehe da, nur zwei Stunden später konnte ich als letzte Einchecken und gleich auch zum Boarding weiterrennen. Für all diejenigen, die jetzt denken, „wäre sie halt früher zum Flughafen gekommen, wenn sie schon einen arabischen Stempel im Pass hat!“ denen sei gesagt, dass ich die Erste war, die in der Schlange zu den Sicherheitskontrollen stand und dass ich eine Stunde, bevor die Schalter geöffnet wurden, bereits vor Ort war.
    Der Aufwand, den Israel betreibt, um die Sicherheit während des Fluges und auch im Landesinneren zu gewährleisten, ist aus gutem Grund sehr hoch.
    Was wird gefragt? Alles. Ich wurde zum Beispiel mal auf ein Buch angesprochen, das ich unter den Arm geklemmt hatte. Es war ein Fotografieband, dessen Umschlag das Portrait eines Mannes in den 1950er Jahren irgendwo in den USA zeigte. Man wollte von mir wissen, wie dieser Mann hieß. Da ich seinen Namen natürlich nicht kannte, wurde der Bildband aufgeschlagen, darin herumgeblättert und verschiedene Fotografien lange betrachtet. Dann bat man mich, zu erklären, wer die Menschen auf den jeweiligen Bildern sind. Wer mit der Genrebezeichnung „Straßenfotografie“ etwas anfangen kann, der wird verstehen, dass die abgebildeten Menschen in solchen Bildbändern keine Berühmtheiten mit Wiedererkennungswert sind, sondern Personen wie Du und ich.
    Klemmen Sie sich also besser keinen Bildband unter den Arm oder wenn Sie unbedingt meinen, dann den von Monet, wo man nur die Unterschiede zwischen Seerosenteich in der Morgensonne und Seerosenteich im Abendrot erklären muss….
  • Die Suche nach „Pessach Käse“ führte ebenfalls zu meinem Blog.
    Was bitte schön ist Pessach Käse?! An Pessach darf jedenfalls Käse gegessen werden.
  • „Gibt es in Israel Milch zu kaufen?“
    Welche meinen Sie? Die mit 1,5% Fett, die mit 3%, 4% oder 7,5%? Oder lactosefrei? Sojamilch?? Verpackt in der Glasflasche, im Tetrapack oder in der Tüte?
  • „Schwarzbrot in Israel“
    Die Bäckereien hier bieten jede nur erdenkliche Brotsorte an, Pumpernickel und sonstige dunkle Brotsorten mit eingeschlossen.
    Als eine Freundin von mir ein Erasmusjahr in Frankreich verbrachte, litt sie unglaublich unter dem Nichtvorhandensein von dunklem Brot und Brezeln. Wäre sie doch nur nach Israel gegangen anstatt zu den Franzosen….
  • „Was denken Israelis über Deutschland?“
    Sehr viel Positives. Auch zu meiner Überraschung. Hier mehr dazu.
  • „Garnelen koscher“
    Garnelen gehören zu dem Getier, das nicht koscher ist. Aus dem Meeresraum dürfen nur Lebewesen mit Schuppen und Flossen gegessen werden. Also sind auch Tintenfische, Haie, Delphine, Wale, Krabben und Muscheln nach den Kaschrutregeln verboten.
  • Auch folgende Frage zum Thema „Koscheres Essen“ fand ich interessant:
    „Sind Eier und Milch zusammen unkoscher?“
    Nein, Eier sind ein „neutrales“ Lebensmittel, das sowohl mit fleischigen als auch milchigen Produkten gemischt werden darf. Nur wenn Sie zu den Eiern und der Milch noch Salami zugeben, wird es kritisch…
  • „Synagoge Augsburg“
    Sie zählt zu den schönsten, die ich kenne. Ich besuche sie regelmäßig, wenn mein Mann und ich in Deutschland sind.
  • „Autofahren in Israel“
    Ist nicht so schlimm wie in Südeuropa. Auch wenn einen der Straßenverkehr hier manchmal in den Wahnsinn treiben kann. Die Israelis haben ein sehr hohes Sicherheitsbedürfnis. Jeder schlimme Verkehrsunfall der sich in Israel ereignet, landet in den Medien und führt zu Aufregung und Empörung. Dadurch entsteht der subjektive Eindruck, dass die Sicherheit im Straßenverkehr hier gering ist, aber verglichen mit internationalen Statistiken steht Israel überraschenderweise besser als alle südeuropäischen Länder da und sogar besser auch als Finnland oder Japan, wenn man die tödlichen Unfälle pro 1000 Einwohner als Maßstab heranzieht.
  • Eine schockierende Frage:
    „Gab es überhaupt Treblinka?“
    Derartige Fragen berühren mich sehr. Wann immer Menschen die Shoah in Frage stellen, ihre Dimensionen verniedlichen oder nichts darüber wissen, fühle ich einen dumpfen Schlag in die Magengrube. Wie kann man ein derartiges Verbrechen vergessen oder negieren? Wie kann man es in Frage stellen?
    Ist das Schulsystem verantwortlich für solche Bildungslücken? Oder kommt diese Frage aus Kreisen, in denen das Deutsche Reich und seine Taten verherrlicht und relativiert werden?
    Wer immer diese Frage gestellt hat, der soll doch bitte den Bildband „Der gelbe Stern“ erwerben, herausgegeben von Gerhard Schoenberner und zum Beispiel gebraucht erhältlich auf der Seite des zentralen Verzeichnises antiquarischer Bücher, kurz ZVAB.
    Ich fand es als Kind im Bücherregal meines Vaters. Alpträume waren die Folge. Trotzdem war es einer der wichtigsten Funde, den ich gemacht habe. Bis heute ist dieses Buch ein Begleiter und auch meinen Kindern werde ich diese Bilder nicht ersparen.
  • „Wie sahen die Frauen 1950 in Ägypten aus?“
    Genauso wie die Frauen der 1950er Jahre in Europa. Leider hat sich das sehr geändert
  • „Sorek Höhle“
    Ein Ort unfassbarer Schönheit. Die Höhle bei Beit Shemesh gehört zu meinen absoluten Empfehlungen für Israelreisende. Sie ist auch mit Kleinkindern bestens begehbar und verzaubert garantiert jeden Besucher.
  • „Warum ist Knäckebrot an Pessach wichtig?“
    Meinten Sie vielleicht Matzot? Das sind wie Knäckebrot aussehende Scheiben, die anstelle von Brot an Pessach gegessen werden, da Brot in dieser Zeit als nicht koscher gilt.

Über Fragen rund ums Thema “Leben in Israel” freue ich mich jederzeit. Ich beantworte auch gerne Emails (bitte an travelganeden@gmail.com schreiben), sofern ich darin nicht gebeten werde, Stellung zum Konflikt zu nehmen (die Begründung findet sich hier).


Koscheres Essen

Heute stolperte ich über einen Artikel, der sich der Frage widmete, ob Briefmarken „koscher“ sind. Für jemanden, der sich mit diesem Thema überhaupt nicht befasst, mag diese Frage völlig abwegig erscheinen, schließlich sind Briefmarken ja nicht zum Verzehr gedacht.
Mich brachte das jedoch auf die Idee, näher auf das Thema einzugehen, zumal ich von Freunden in Deutschland schon öfters danach gefragt wurde, was koscheres Leben bedeutet, welche Hintergründe es hat und wie das im Alltag aussieht.

Keine Sorge, ich werde mich diesem Thema nicht wie ein Wissenschaftler nähern und eine trockene Abhandlung darüber schreiben. Stattdessen beginne ich mit dem ersten (kulinarischen) Kontakt, den mein israelischer Mann mit meiner deutschen Familie hatte. Wir hatten einen Urlaub bei meinen Eltern in Bayern geplant und meine Mutter fragte mich schon vor unserer Ankunft ganz aufgeregt, was sie denn ihrem zukünftigen Schwiegersohn kochen solle.
„Mach dir keine Sorgen darüber, er isst nicht koscher.“
– „Ja darf ich ihm denn Wurst zum Frühstück anbieten, während wir Käse essen?“
Man muss dazu sagen, dass meine Eltern, genauso wie ich, Vegetarier sind.
„Klar. Ihm ist das völlig egal. Er hält sich nicht an die Regeln koscheren Essens.“
– „Aber wo soll ich denn die Wurst für ihn kaufen?“
Meine Mutter entspannte sich erst, als mein Mann glücklich nach dem Schinken griff und ihn schon beinahe stapelweise auf seinem Frühstücksbrot drappierte.

Mein Mann und sein Vater sind mit ihren Essgewohnheiten in der riesigen israelischen Familie die Ausnahme, alle anderen Familienmitglieder halten sich an die Regeln des Kaschrut und kämen niemals auf die Idee, Schweinefleisch zu essen oder Käse und Fleisch zu mischen.

 

Wann ist Essen koscher?

Koscheres Essen bedeutet aber viel mehr, als nur Käse und Fleisch nicht gleichzeitig zu verzehren. Es gibt etliche Regeln, die mitunter ziemlich verwirrend sein können. Je stärker religiös Juden sind, desto komplexer werden diese Regeln.

Das Wort „koscher“ kommt von dem Wort „kaschura“, was „korrekt“ bedeutet oder auch „den Regeln entsprechend“. In Hebräisch besteht das Wort „koscher“ aus nur drei Buchstaben – כשר- und wird „kascher“ ausgesprochen. Die Aussprache mit dem „o in der Mitte führt lustigerweise in Israel zu einer völlig anderen Bedeutung, nämlich Fitness – aber das nur ganz am Rande.

Bevor ich nach Israel kam, dachte ich immer, „koscher“ bedeutet, dass Milch und Fleisch nicht vermischt werden dürfen und dass die Tiere auf eine bestimmte Weise geschlachtet werden müssen, dem Schächten, damit das Fleisch nicht vom Blut verunreinigt wird.
Als ich dann nach Israel kam, stellte ich fest, dass auf all unseren Küchenprodukten etliche Gütezeichen und Siegel waren, die zertifizierten, dass es sich um koschere Waren handelte. Ich fragte meinen Mann verwirrt: „Wie kann Spülmittel nicht koscher sein? Wozu braucht man einen Stempel darauf, der bestätigt, dass dieses Spülmittel koscher ist?“

„Koscher“ erstreckt sich auf verschiedene Ebenen. Zum einen ist da die Ebene der Lebensmittel selbst. Es müssen die folgenden, vereinfacht dargestellten Voraussetzungen erfüllt sein, damit Tiere verzehrt werden dürfen:

• Geflügel muss domestiziert worden sein. Wildvögel wie beispielsweise Adler oder Eulen sind nicht koscher.
• Fleisch muss von Wiederkäuern stammen, die gleichzeitig Paarhufer sind. Darunter fallen Ziegen, Kühe, Schafe, nicht jedoch Pferde, Kamele, Schweine oder Hasen (was mich als Vegetarier besonders freut, weil ich Häschen so niedlich finde). Theoretisch dürfen Juden also Giraffen essen, diese sind nämlich Wiederkäuer und Paarhufer. Allerdings habe ich bislang noch keine Giraffe auf den hiesigen Speisekarten gefunden…
• Fische müssen Schuppen und Flossen haben. Haie fallen beispielsweise nicht darunter, weil sie zwar Flossen haben, jedoch keine Schuppen.
• Sonstiges Meeresgetier ist grundsätzlich nicht koscher, Garnelen, Hummer, Langusten und Muscheln oder Tintenfische dürfen nicht gegessen werden.
• Reptilien gelten insgesamt als nicht koscher
• Insekten sind mit Ausnahme einer Heuschreckenart (warum auch immer) unkoscher.

Die Produkte der Tiere sind entsprechend koscher oder eben unkoscher. Die Milch vom Pferd ist also unkoscher, während beispielsweise Schafskäse koscher ist. Es gibt eine Ausnahme von dieser Regel: Honig. Obwohl Bienen als Insekten unkoscher sind, ist ihr Honig koscher.

Pflanzenprodukte wie Getreide, Gemüse und Obst sind generell koscher.

Eine weitere Ebene der Kaschrut bezieht sich auf die Zubereitung. Wird ein grundsätzlich koscheres Tier nicht „richtig“ geschlachtet, so wird es dadurch unkoscher. Ebenso wird Essen unkoscher, wenn es mit unkoscheren Bestandteilen vermischt wird.
Milch und Fleisch dürfen niemals zusammen verarbeitet und gegessen werden. Diese beiden Lebensmittel müssen strikt voneinander getrennt bleiben und liegen auch im Kühlschrank in getrennten Fächern.
Es gibt noch weitere Verarbeitungsregeln für Essen, zum Beispiel dass vor dem Kochen alles gründlich gereinigt werden muss (Salatblätter und auch Reiskörner werden also sorgältig inspiziert). In orthodoxen Kreisen gilt Essen auch dann als unkoscher, wenn es nicht von einem Juden zubereitet worden ist.

 

Koscher für Pessach

An Pessach gelten zusätzlich zu den bereits genannten noch weitere Regeln, die unbedingt beachtet werden müssen. Ich bin auf diese Vorschriften bereits in einem Artikel über Pessach näher eingegangen.

 

Wie sieht koscheres Leben im Alltag aus?

Ich habe in Israel die verschiedensten Menschen mit den unterschiedlichsten Essgewohnheiten kennengelernt. Meinen Mann habe ich bereits erwähnt, er hält sich nicht an die Regeln und ein positiver Nebeneffekt ist für mich, dass ich mir nicht allzu viele Gedanken zu Hause beim Kochen machen brauche.
Das extreme Gegenteil davon ist mein Arbeitskollege Shimon. Er kommt aus einer streng orthodoxen Familie und die Einhaltung der Regeln des Kaschrut ist für ihn so elementar und wichtig, dass er niemals eine Ausnahme davon machen würde.
An meinem Geburtstag brachte ich einen Kuchen mit ins Büro. Shimon rührte ihn absolut nicht an und als ich ihn fragte, erklärte er mir, warum er meinen Kuchen nicht essen darf. Meine Küche ist nicht koscher.
Es ist nämlich so, dass streng gläubige Juden nicht nur die oben genannten Regeln einhalten müssen, sondern ihre komplette Küche nach „milchigen“ und „fleischigen“ Lebensmittelkategorien aufgeteilt sein muss. Dies bedeutet in der Praxis, dass es zwei Sets Geschirr gibt, zwei Sets Besteck, zwei Sets Küchenmesser, und so weiter. Alles ist in zweifacher Ausführung vorhanden, denn der Teller, auf dem ein Stück Fleisch lag, darf niemals für Nudeln mit Käsesoße benutzt werden. Damit man nicht mit den Pfannen und den Geschirrsets durcheinander kommt, haben die Utensilien unterschiedliche Farben. Oft ist das Set für milchige Speisen blau-, während das Set für Fleischiges rot gekennzeichnet ist.

Im Ergebnis ist also meine komplette Küche unkoscher, selbst wenn ich keine Mahlzeiten zubereite, bei denen Milch und Fleisch miteinander vermischt oder gemeinsam serviert werden.

Wenn ich Freunde zum Essen einlade, erkundige ich mich vorher genau nach ihren Essgewohnheiten. Etliche meiner Freundinnen halten sich strikt an die Regeln und essen keine Fleisch- und Milchprodukte zusammen. Das bedeutet auch, dass ich nicht nach einem Abendessen als Nachspeise normales Eis oder Cremetorte servieren kann. Je nach der persönlichen Handhabe wird nach dem Verzehr von Fleisch noch eine Zeit von einer bis sechs Stunden eingehalten, bis wieder etwas Milchiges gegessen werden darf. Meine Nachspeisen sind daher ausschließlich „parwe“, also „neutral“.

In Israel gibt es im Supermarkt eine riesige Auswahl an Schokoladen und Eiscremes, die keine Milch enthalten. Sie werden aus Soja und vegetabilen Ölen hergestellt, die im Geschmack und in ihrer Konsistenz den entsprechenden Milchprodukten sehr ähneln.
Diese „parwene“ Gerichte dürfen mit sowie nach Fleisch ebenso serviert werden wie mit oder nach Milchprodukten. „Parwe“ sind natürlich Nudeln, Reis, Obst, Kaffee und auch Eier.

Ich kann in meiner Küche nicht für Freunde wie Shimon kochen. Egal, wie sorgfältig ich vorgehe und wie sehr ich mich bemühe, die Lebensmittel voneinander zu trennen, meine Küche bleibt dennoch für orthodoxe Juden ein unkoscherer Ort.
Wenn mein Mann und ich zu einer Party einladen, dann kaufen wir Einmalbesteck und Pappgeschirr. Das ist zwar leider nicht besonders umweltfreundlich, aber der einzige Weg, um es allen Gästen zu ermöglichen, bei uns zu Hause zu essen. Shimon greift dann zu den Kuchen, die ich extra für ihn aus einer zertifizierten Bäckerei gekauft habe und die nicht mit unserem Porzellan in Berührung kamen…

 

Zertifikate für koschere Produkte

Das Zertifikat ist ein wichtiger Bestandteil der koscheren Esskultur. Wie wissen Juden, welche Lebensmittel entsprechend der Regeln des Kaschrut hergestellt wurden? Weltweit zertifizieren Rabbiner Produkte, nachdem sie deren Herkunft und Herstellung überprüft haben.
In Israel hat das zur Folge, dass es gesamte Supermarktketten gibt, die koscher oder unkoscher sind. Geht man in einen koscheren Supermarkt, wird man kein unkoscheres Produkt dort finden, weil die Supermarktketten es ablehnen, unkoschere Produkte überhaupt in ihr Sortiment aufzunehmen. Sie wollen es ihren Kunden so leicht wie nur möglich machen und ihnen den suchenden Blick nach dem Zertifikat auf der Verpackung ersparen.
Das hat zur Folge, dass in Israel eben auch Spülmittel oder Putzlappen als koscher zertifiziert werden, weil sie sonst nicht in das Sortiment eines koscheren Supermarktes aufgenommen würden.

kashrut certificate

Leider hat dieses System natürlich auch seine Macken. Die Zertifikate kosten eine Menge Geld. Der Hersteller von Lebensmitteln muss jährlich (vielleicht auch in kürzeren Abständen, das weiß ich nicht genau) eine beträchtliche Summe dafür bezahlen, dass seine Lebensmittel kontrolliert und erneut als „koscher“ zertifiziert werden.
Meine Schwiegereltern besaßen jahrelang eine kleine Bäckerei. In Israel werden in Bäckereien ausschließlich milchige und neutrale Produkte verarbeitet. So etwas wie „Käse-Schinken-Stange“ gibt es hier selbstverständlich nicht. Das Zertifikat vom Kaschrut kostet eine Menge Geld und so beschlossen meine Schwiegereltern, das Zertifikat nicht mehr zu bezahlen. Sie schrieben stattdessen ein Schild auf dem stand, dass alle Backwaren koscher sind. Trotzdem brach ihnen die Kundschaft innerhalb weniger Tage fast komplett weg. Die Menschen akzeptierten die Erklärung nicht, die mein Schwiegervater ihnen gab. Ohne Zertifikat kein Vertrauen in das Produkt.
Also zahlten meine Schwiegereltern wieder dafür und die Kundschaft kehrte zurück.

Eine ähnliche Geschichte passierte mir und meinem Mann bei den Vorbereitungen für unsere Hochzeitsfeier. Wir mieteten einen Saal mit Catering. Alkoholische Getränke waren im Preis nicht inbegriffen. Wir hatten die Wahl, entweder selbst alkoholische Getränke zu kaufen oder einen Barservice zu mieten. Wir entschieden uns für die günstigere Variante und beschlossen, den Alkohol selbst zu kaufen. Unser erster Gedanke war natürlich, ihn aus einem Deutschlandurlaub mitzubringen, da der Alkohol in Israel erheblich teurer ist. Der Betreiber des Saals lehnte diese Option jedoch sofort ab und erklärte uns, er könne nur Getränke ausschenken, die als „koscher“ zertifziert wurden. Damit waren wir gezwungen, die Getränke in einem teuren Fachgeschäft in Israel zu kaufen.

 

Hintergründe

Obwohl es mir manchmal ein bisschen seltsam vorkommt, vor allem wenn Shimon mal wieder ein Stück Schokolade ablehnt, nur weil auf dem Staniolpapier kein Zertifikat drauf ist, haben die Kaschrutregeln doch eine erhebliche Bedeutung.
Auf die Frage, warum Juden koscher essen, gibt es zunächst eine Standardantwort, die ich persönlich absolut unbefriedigend finde: Weil im 5. Buch Mose steht „Du sollst das Böcklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter.“
Es gibt natürlich darüberhinaus verschiedene religiöse Erklärungsansätze, die ich jedoch mangels theologischer Tiefenkenntnisse nicht ausführlich vermitteln kann. Manche Theologen sagen, Gott habe dem jüdischen Volk die Regeln des Kaschrut auferlegt als Zeichen seiner Autorität. Die Regeln seien daher anzunehmen und nicht zu hinterfragen.
Chassidische Theologen wiederrum vertreten die Meinung, dass es eine Verbindung zwischen dem menschlichen Leben auf der Erde und dem Universum gibt und der weltliche Lebensraum in einer interaktiven Verbindung mit dem Göttlichen stehe. Durch Taten können Juden „Funken“ von Heiligkeit auf der Erde freisetzen. Zumal das Essen von Tieren ebenso eine Tat darstelle, die mit der Göttlichkeit interagieren kann, müsse darauf geachtet werden, welche Tiere rituell rein sind und welche nicht.

Neben den philosophischen Theorien gibt es das Argument der Hygiene. Auf den ersten Blick erscheint es sehr logisch. Im mediterranen Klima könnte beispielsweise der Verzehr von schlecht gelagerten Garnelen zu gesundheitlichen Problemen führen. Es ist auch denkbar, dass Schweinefleisch „unrein“ ist, weil es von einem Tier stammt, dass alles frisst, was man ihm vor die Nase setzt und dazu gehört sogar das Fleisch anderer Tiere. Könnte das nicht ungesund sein? Die Lagerung von Schweinefleisch stellte in der Vergangenheit in heißen Ländern ein Problem dar, weil es schneller verdarb. Auch die Vorschrift des Schächtens klingt sinnvoll, gerissene Tiere dürfen beispielsweise nicht zu Essen verarbeitet werden. Allerdings kann die Hygiene nicht alle Regeln bis ins Detail erklären, etliche Tiere müssten demnach unbedenklich sein und trotzdem fallen sie unter die Kategorie der unkoscheren Tiere.

Weltweit leben Juden nach Vorschriften der Kaschrut. Es ist ein Merkmal, dass sie von Menschen anderer Religionen stark unterscheidet. Bei Muslimen und Christen gibt es zwar auch teilweise ähnliche Regeln, aber sie unterscheiden sind bei genauerem Hinsehen dennoch von den Geboten des koscheren Lebens. Eine enge Freundin antwortete mir auf die Frage, warum sie koscher esse, mit einer für mich sehr überzeugenden Erklärung. Sie sagte mir, dass die Einhaltung der Kaschrutregeln die Zugehörigkeit zum Judentum zeigten. Obwohl das Judentum sich nach außen hin sichtbar nicht nur durch seine Essensregeln von anderen Religionen abgrenzt, sondern auch durch die Einhaltung des Shabbat und durch Gebete, ist eine koschere Lebensweise dennoch das wahrscheinlich deutlichste Zeichen der Zugehörigkeit.

 

Wissenswertes

In Israel gibt es McDonalds, aber selbst diese Fastfoodkette ist an fast allen Orten hier koscher. Man bekommt also keine Cheeseburger…

Israelische Restaurants öffnen ihre Küchentür für jedermann, der sich von der „Reinheit“ der Küche selbst überzeugen möchte. Man kann darum bitten, einen Blick in die Küche werfen zu dürfen, um die Verarbeitungsprozesse zu sehen und sich zu vergewissern, dass das servierte Essen tatsächlich koscher ist. Normalerweise ist dies nicht notwendig, wenn das Restaurant ein Zertifikat besitzt, aber streng orthodoxe Juden machen dies bisweilen.

Wenn Juden, denen die Einhaltung der Kaschrutregeln sehr wichtig ist, auf Reisen gehen, erkundigen sie sich entweder vorneweg bereits ausführlich darüber, wo sie koscher Essen gehen können, oder sie bringen Lebensmittel aus Israel mit.

Um auf die Briefmarke vom Anfang zurückzukommen – sie hat natürlich das „koscher“ Zertifikat bekommen, weil die Gummierung auf der Rückseite heute ohne tierische Inhaltsstoffe in Israel produziert wird…


Frühstück im Winter am Meer

Draußen ist es stürmisch. Die Wellen brechen an den Felsen und Gischt spritzt bis auf die Hafenpromenade. Ich sitze gemütlich im Café Landwer und frühstücke. Ein Frühstück in Tel Aviv am Meer ist mein absoluter Geheimtipp für Israelreisende. Egal zu welcher Jahreszeit, es ist der ideale Ort um den Tag zu beginnen.

Cafe Landwer

In Israel gibt es am Morgen frischen Salat, Müsli, Omeletts, verschiedene Streichkäse und natürlich Shakshuka, ein allseits beliebtes orientalisches Frühstück mit Tomaten und Eiern.
Ich komme etwa einmal im Monat an den Hafen, um zu frühstücken. Im Sommer sitze ich draußen und lausche dem Rauschen des Meeres, während ich meinen Cappuccino trinke. Jetzt, im Winter, sitze ich drinnen und schaue aufs raue Meer, das schäumt und tobt. So richtig kalt werden die Winter in Tel Aviv nicht, die Israelis sprechen zutreffend vom „warmen und kalten Sommer“. Jetzt haben wir den kalten Sommer mit Temperaturen von 17°C tagsüber. Die tiefste Temperatur, die ich hier erlebt habe, war 8°C, letztes Jahr im Januar.
Der israelische Winter ist verregnet, allerdings gibt es immer wieder sonnige Tage zwischendurch und der Himmel ist nicht durchgehend bedeckt und grau. Trotzdem bin ich ein Fan des Sommers, ganz egal ob es dann Tag ein Tag aus über 30 Grad hat und man ohne Klimaanlage nicht gut schlafen kann. Die bayerischen Regensommer haben sehr dazu beigetragen, dass ich mich stets nach heißen Sommern sehne, ganz egal wie heiß sie dann letzten Endes tatsächlich sind…

Landwer Namal

Heute nehme ich das „Landwer Frühstück“. Mein Mann entscheidet sich auch dafür, was ich sehr praktisch finde, weil dieses Frühstück ein Müsli mit Joghurt beinhaltet und er das nicht mag. Daher kann ich seine Portion ebenfalls essen und das kommt mir sehr gelegen. Wer in Deutschland Frühstücken geht, erhält häufig eine Auswahl an Käse- und Wurstsorten, dazu Brötchen und einen Kaffee. Nun, das wäre ja eigentlich auch super.
Der Käse und die Wurst liegen allerdings oft auf einem Teller zusammen und als Vegetarier darf ich mir meine Käsescheiben dann von der Leberwurst runterkratzen. Ich bin nicht die Sorte Vegetarier, die mit erhobenem Zeigefinger zu anderen geht, um sie zu „bekehren“. Es ist mir ganz egal, was andere Menschen essen, für meinen Mann koche ich regelmäßig Fleisch und kaufe selbstverständlich Wurst für ihn ein. Ich möchte aber trotzdem nicht, dass mein Käse direkt auf der Salami liegt. In Israel gibt es so was nicht. Natürlich nicht aus Rücksicht auf Vegetarier, sondern schlicht und einfach wegen der Kaschrut, den Regeln koscheren Essens. Fleisch und Milchprodukte dürfen demnach nicht zusammen serviert und gegessen werden. Zwar sind nicht alle Restaurants und Cafés in Israel koscher, aber dennoch habe ich es noch nie erlebt, dass zum Frühstück Käse und Wurst auf ein und demselben Teller serviert wurden. Mein Mann lacht jedes Mal im Urlaub in Deutschland über mich, wenn er meine weit aufgerissenen Augen sieht, sobald uns das Frühstück serviert wird und der Käse auf demselben Teller liegt, wie die Wurst…

breakfast at landwer

Der Himmel ist grau geworden. Ein Gewitter zieht auf und wir beschließen, uns auf den Heimweg zu machen. Bis zum nächsten Frühstück am Meer in ein paar Wochen. Dann sieht der Strand vielleicht schon wieder so aus:

Tel Aviv beach

All photos by Saskia