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Dr. Klibansky und seine Schüler

Am 20. Juli 1942 stand am Deutzer Bahnhof in Köln Herr Dr. Klibansky mit seiner Familie und einer Gruppe von Schülern. Sie fuhren Richtung Osten.

Einige Jahre zuvor hatte Erich Klibansky, der Direktor des jüdischen Gymnasiums „Jawne“ in Köln, Schüler von demselben Bahnhof in Richtung England geschickt. Es war nach dem Pogrom am 9. November 1938, der Nacht, in der alle fünf Synagogen der Stadt niederbrannten. Der Direktor arbeitete mit Hochdruck an dem Vorhaben, seine Schüler vor dem Nationalsozialismus zu schützen und sie ins Ausland zu schleusen. In die Freiheit. Etwa 130 Schüler gelangten bis Ende der 1930er Jahre dank seiner Hilfe nach London. Der Abschied von den Eltern sollte für die Ewigkeit sein, doch das wussten die Kinder damals noch nicht. Nur wenige trafen später überlebende Familienmitglieder wieder.
Dr. Klibansky fuhr mit jedem Zug mit. Jedes Mal. Er ließ seine eigene Familie zurück, während er seine Schüler nach England begleitete und sich um sie kümmerte. Das Telegramm, mit dem der erste Rettungstransport angekündigt wurde, lautete: „Kinder abreisen Dienstag 17 Uhr 13. Abschied in der Schule.“. Einen Abschied am Bahnhof gab es nicht, vielleicht weil das zu auffällig gewesen wäre.

Dr. Erich Klibansky

Dr. Erich Klibansky

„Kinder abreisen Dienstag 17 Uhr 13“ ist auch der Titel einer aktuellen Kölner Ausstellung zu dem Thema. Sie erzählt die Geschichte von Dr. Erich Klibansky und den geretteten Schülern, unter ihnen Henrietta Franks, die heute 90 Jahre alt ist und zu Beginn der Ausstellung von ihrer Vergangenheit erzählte. Damals war sie 15 Jahre alt. Der Zug brachte sie und ihre Geschwister nach Hoek van Holland, einem heutigen Stadtteil von Rotterdam. Damals war es ein kleines Küstenstädtchen, von wo aus Henrietta mit dem Boot nach Harwich gelangte. Als sie London erreichte, dachte sie zunächst noch, dass es nur vorübergehend sein würde und sie bald zurück nach Köln kommen könne. Sie und ihre Geschwister lebten getrennt voneinander in unterschiedlichen englischen Familien und so wurde ihr Heimweh unermesslich. Sie wusste ja nicht, was in Deutschland zur selben Zeit geschah.
Schließlich wurde England zu ihrer neuen Heimat. Bis heute lebt sie dort.

Henrietta Franks

Henrietta Franks

Mit Ausbruch des Krieges wurden die Grenzen geschlossen. Weitere Rettungstransporte konnten nicht mehr stattfinden.
Erich Klibansky und seine Familie fuhren 1942 in entgegengesetzte Richtung ihrem Tod entgegen. Sie wurden in einem Waldstück in der Nähe von Minsk erschossen.

Die Ausstellung ist seit dem 17. Oktober und noch bis zum 24. November 2013 geöffnet. Sie befindet sich im LVR-Landeshaus, Nordfoyer, Kennedy-Ufer 2, Köln-Deutz.

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Sir Nicky

Er ist heute 104 Jahre alt und wirkt dabei munter und humorvoll. Sir Nicholas Winton, der Jahrzehnte lang nie über die Ereignisse gesprochen hat, denen annähernd 700 Menschen ihr Überleben im 2. Weltkrieg verdanken. Seine Frau fand eines Tages, Ende der 80er Jahre und damit fast 50 Jahre später, auf dem Dachboden des Hauses ein Notizbuch mit Aufzeichnungen ihres Mannes. Es waren Skizzen mit Fotos von Kindern aus dem Jahr 1939.

Kinderfotos

Nicky Winton arbeitete als junger Mann erfolgreich an der Börse. 1938 wollte er einen Skiurlaub in der Schweiz verbringen, wurde dann jedoch von Freunden nach Prag eingeladen. Er war damals 29 Jahre alt, als er in Prag miterlebte, wie jüdische Familien verzweifelt versuchten, aus Tschechien auszureisen und scheiterten. Tief berührt von ihren Schicksalen machte er sich zurück in London daran, einen Plan zur Rettung der Kinder zu erarbeiten. Ein britisches Gesetz erlaubte die Einreise von Flüchtlingskindern unter 17 Jahren. Also organisierte Nicky Winton Visa, sammelte Gelder für die Reisekosten und suchte nach Adoptivfamilien für die Kinder. Es waren mehrere Zugfahrten geplant, die letzte sollte am 3. September 1939 stattfinden, doch leider konnte dieser letzte Zug nicht mehr das Land verlassen.
Die meisten Kinder, die Dank Sir Nicholas Winton überlebten, verloren ihre Familien in der Shoah.

Bis 1988 wussten weder die Kinder noch die Öffentlichkeit, wer sie gerettet hat. Einige der geretteten Kinder erzählten später, dass sie glaubten, das Rote Kreuz habe die Zugreisen nach England zu den Adoptivfamilien organisiert.
Erst durch einen Zufall kam die Wahrheit ans Tageslicht. Grete Winton, Nickys Ehefrau, fand die Dokumente auf dem Speicher des Hauses.

Der junge Nicky Winton mit einem der Kinder

Der junge Nicky Winton mit einem der Kinder

Der dokumentarische Film „Nicky’s Family“ erzählt diese Geschichte. Während „Schindlers Liste“ zu den Klassikern zählt, die jeder gesehen hat, ist dieser Film noch relativ unbekannt und wurde seltsamerweise auch kaum in den Kinos gezeigt, trotz herausragender Kritiken. Ich hoffe, dass sich dies noch ändern wird.

Heute hat Sir Nicky eine riesengroße Familie, denn die Kinder von damals haben ihn kennengelernt und es sind enge Freundschaften entstanden. Ihre unzähligen Kinder, Enkel- und Urenkelkinder leben Dank Sir Nicholas Winton. Ohne ihn gäbe es sie alle heute wohl nicht.

“כל המציל נפש אחת כאילו הציל עולם ומלואו”

„Wer eine Seele rettet, der rettet eine ganze Welt“

Sir Nicholas Winton mit den "Kindern"

Sir Nicholas Winton mit den “Kindern”


Kinderbilder

Diese Geschichte beginnt 1998, in einem staubigen Winkel der Stadtbücherei Augsburg. Es war ein verregneter Tag im November, ich saß in der hintersten Ecke neben einer Heizung auf dem Fußboden der Bücherei und zog wahllos Bücher aus dem Regal vor mir. Ich erinnere mich nicht daran, ob ich überhaupt nach einem bestimmten Titel suchte oder einfach nur dem Regen entkommen wollte und mich deswegen in die Bücherei geflüchtet hatte.
Plötzlich hielt ich ein weißes Buch in der Hand. Einen kleinen Bildband mit einer Einleitung, die ich überblätterte, und etlichen Seiten mit Farbtafeln. Darauf waren Zeichnungen zu sehen, Kinderkritzeleien. Ich las die Bildunterschriften und vergaß mit einem Mal alles um mich herum.

Vorgestern stolperte ich wieder über diesen Bildband. Wieder die von Kinderhand geschaffenen Skizzen, Aquarelle und Zeichnungen: Schmetterlinge, Häuser, Familien.
Schwarze Nacht.

Als mich mein Mann fragt, worüber ich als nächstes auf meinem Blog schreiben werde, antworte ich ihm, dass es um das weiße Buch geht, das ich am Wochenende in den Händen hielt.
Es geht um einen dunklen Ort, betrachtet mit Kinderaugen. Es geht um die bunten Schmetterlinge, die Kinder in dem gottverlassenen KZ Theresienstadt gemalt haben.
Wer den Film „Das Leben ist schön“ (org. „La vita e’ bella“) von Roberto Begnini gesehen hat, der weiß, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt, sobald man spürt, dass der Tod hinter jedem humorvollen Versuch des Vaters, seinen Sohn zu retten, lauert. Genauso ging es mir mit den Kinderbildern aus dem KZ Theresienstadt, besonders, als ich den lächelnden KZ Aufseher sah:

Der Name des Kindes, das dieses Bild gemalt hat, ist unbekannt

Der Name des Kindes, das dieses Bild gemalt hat, ist unbekannt

 

Theresienstadt (heute heißt der Ort Terezín) wird manchmal fälschlicherweise als Ghetto bezeichnet. Im Dritten Reich waren Ghettos Stadtviertel, die man Juden zugewiesen hatte, bevor sie deportiert wurden. Theresienstadt war ein Konzentrationslager.

Es gibt viel Literatur über Theresienstadt und die Propagandamaschinerie der Nazis. Obwohl ich kein Historiker bin, habe ich das Bedürfnis, darüber zu schreiben. Weniger, um geschichtliche Fakten auszubreiten, als wegen des tiefen und bleibenden Eindrucks, den die Kinderbilder und später ein Konzert in mir hinterlassen haben. Denn eines Tages fand in der Synagoge in Augsburg ein Konzert statt. Ein Streichquartett spielte Werke, die in Theresienstadt komponiert worden waren. Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her und ertrug die Dissonanzen nur mit Mühe. Normalerweise gehe ich auf klassische Konzerte, weil ich gerne Violinen höre und weil mir die Musik sehr viel gibt. Die Stücke von Gideon Klein, der nur 25 Jahre alt wurde, sind nicht zur Entspannung geeignet. Je nachdem, über was man nachdenkt, wenn man seine Stücke hört, ist man entweder genervt von dem Chaos der Töne, oder man begreift seine Musik als Teil seiner Existenz im Konzentrationslager Theresienstadt. Ich gebe zu, letzteres ist sehr belastend.
 

 
Warum gab es in Theresienstadt Musik?
Theresienstadt war ein „Vorzeigelager“. Seit 1942 war Kunst dort nicht mehr verboten, sondern wurde Bestandteil des Lageralltags, in Form von Opernaufführungen, Konzerten, Malerei und kulturellem Leben. Man wollte verschleiern, wie es den Insassen von Konzentrationslagern ging. Darum gab es eine Infrastruktur mit Cafés, die Straßen hatten Namensschilder, es gab einen Kinderspielplatz und einen Musikpavillion.
Am 23. Juni 1944 besuchte eine internationale Kommission des Roten Kreuzes das KZ, um sich von der Harmlosigkeit der Lager am Beispiel von Theresienstadt zu überzeugen. Nach Treblinka oder Auschwitz hätte man die Kommission ja schlecht einladen können.
 

Die Kinderbilder
Das Lager wurde nicht gänzlich aus Baracken aufgebaut, sondern bestand aus der gesamten Stadt. Daher gab es auch schöne Häuser, die jedoch vollkommen überfüllt waren. Vor dem Krieg betrug die Einwohnerzahl höchstens 7.000 Personen. Die Gemeinde wurde aufgelöst und ihre Bewohner ausgewiesen, um in den folgenden Jahren Juden dorthin deportieren zu können. Im September 1942 wurden annähernd 60.000 Personen in Theresienstadt verzeichnet. Insgesamt waren mehr als 150.000 Menschen in Theresienstadt. Etwa 15.000 Kinder waren dort untergebracht. Davon überlebten nur 150.
Wenn man mit großen Zahlen um sich schmeißt, muss man sie irgendwie auch veranschaulichen. Ich komme aus Bayern, vom Land. In dem Ort, in dem das Haus meiner Eltern steht, leben heute etwa 13.700 Einwohner. Ich kenne nur wenige davon persönlich, die Nachbarn meiner Eltern, den Bäcker, den Friseur, ein paar Freunde, Ladenbesitzer. Ich konnte mit dem Fahrrad um die Ortschaft herumradeln und ihre Fläche abschätzen, aber ich habe nie alle Einwohner kennengelernt. Wenn alle diese Einwohner Kinder wären, dann wäre immer noch nicht die Anzahl der Kinder erreicht, die in Theresienstadt ihre Kindheit verbringen mussten und die niemals das Erwachsenenalter erreicht haben. Und am Ende blieben von all diesen Kindern nur 150 übrig. Hundertfünfzig.

Margit Koretzova, Schmetterlinge

Margit Koretzova, Schmetterlinge

 

Eva Bulova, Schmetterlinge

Eva Bulova, Schmetterlinge

 

Margit Gerstmann, Theresienstadt

Margit Gerstmann, Theresienstadt

 

Margit Gerstmann, Theresienstadt

Margit Gerstmann, Theresienstadt

 

Helga Weissova, Letzter Abschied

Helga Weissova, Letzter Abschied

 

Helga Weissova, Brot auf dem Leichenwagen

Helga Weissova, Brot auf dem Leichenwagen

 

Die Kinder von Theresienstadt - Foto aus dem Archiv von Yad Vashem

Die Kinder von Theresienstadt – Foto aus dem Archiv von Yad Vashem

 

Der Name des Kindes, das dieses Bild gemalt hat, ist unbekannt

Der Name des Kindes, das dieses Bild gemalt hat, ist unbekannt

 

Eine Schulklasse in Theresienstadt - Foto aus dem Archiv von Yad Vashem

Eine Schulklasse in Theresienstadt – Foto aus dem Archiv von Yad Vashem

 

Ruth Hein, Spielplatz

Ruth Hein, Spielplatz

 

Das Jüdische Museum Berlin zeigt in einer Sonderausstellung noch bis zum 25. August 2013 Bilder des Künstlers Bedřich Fritta, die zwischen 1942 und 1944 im KZ Theresienstadt entstanden sind.


Im Schatten von Gaza

„Es ist wie beim Fußball. Wie viele Tote habt ihr? Achtzehn. Wie viele Tote hat die andere Seite? Fünf. Unsere Toten zählen nicht, weil es weniger sind. Sind unsere Leben weniger wert für die Welt? Sind unsere Angehörigen einen anderen Tod gestorben, einen, der nicht erwähnenswert ist? Punktsieg für Gaza.“ Alfredo Juarez

 

Als ich am Morgen losfuhr wusste ich nicht, was mich an diesem Tag erwarten würde. Ich hielt eine Liste mit Telefonnummern in der Hand und machte mich auf den Weg Richtung Gaza. Ich würde israelische Familien treffen, deren Angehörige durch Raketenangriffe stark traumatisiert, verletzt oder sogar getötet wurden.

Kfar Aza ist ein Kibbuz, der direkt neben Gaza liegt. Dort treffe ich Anna. Ihr Hund springt an mir hoch, als ich ihr Haus betrete und Anna begrüßt mich mit einem Lächeln. Sie bietet mir Kaffee und Kuchen an und während sie den Kaffee kocht, beginnt sie von ihrem Mann zu erzählen. Jimi ist ihre große Liebe. War.
Er starb vor einigen Jahren, als eine Mörsergranate aus Gaza direkt neben dem Haus einschlug. Er wurde nur 47 Jahre alt. Überall im Haus hängen Bilder von ihm und ich frage Anna, wo sie entstanden sind. Die beiden sind viel zusammen gereist. Jimi war sportlich, ein begeisterter Gleitschirmflieger, der auf seinen Ausflügen unzählige Luftaufnahmen gemacht hat. Überhaupt wirkt das ganze Haus sehr lebhaft, so, als wäre es nicht das Zuhause einer Witwe. „Ich habe mich nach diesem Verlust zunächst total zurückgezogen und ganz stark abgenommen. Aber dann begann ich zu Töpfern. Deshalb stehen hier diese bunten Tonfiguren herum.“. Sie sind wunderschön. „Jimi und ich, wir haben uns immer einen alten Olivenbaum für unseren Garten gewünscht. Darüber haben wir oft gesprochen, aber leider sind alte Olivenbäume sehr teuer und man kann sie nicht einfach so irgendwo ausgraben und umpflanzen. Den Olivenbaum, den du jetzt neben der Eingangstür siehst, habe ich nach Jimis Tod geschenkt bekommen. Er ist 491 Jahre alt. Es ist merkwürdig, dass unser Traum ausgerecht mit Jimis Tod in Erfüllung gegangen ist. Der Baum steht an der Stelle, an der mein Mann starb.“ Anna hat den Baum nach Jimis Tod von der Keren Kayemeth LeIsrael geschenkt bekommen, einer Organisation, die sich um die Erhaltung der natürlichen Ressourcen kümmert und viele Aufforstungsprojekte in Israel leitet.
Wir gehen nach draußen in die Sonne und Anna zeigt auf einen großen blauen Blumentopf, der total beschädigt neben dem Eingang steht. „Der Topf ist zerbrochen, als die Granate in der Nähe einschlug und die Splitter überall landeten. Ich sehe ihn jeden Tag, wenn ich nach Hause komme. Auch der Golden Retriever wurde getroffen, weil er meinem Mann überall hin gefolgt ist.“ Der Hund hat überlebt. Jimi nicht.
Ich schaue über die hügelige Landschaft voller Grüntöne und sehe in der Ferne Gaza City. Dann schaue ich zurück zu Anna, die mit dem Hund spielt.

 

Eine Bushaltestelle mit Raketenschutzraum - Alltag in Südisrael

Eine Bushaltestelle mit Raketenschutzraum – Alltag in Südisrael

 

Kurze Zeit später treffe ich auf Yankale, der auch in Kfar Aza mit seiner Familie lebt. Seine Enkelin wurde bei einem Raketenangriff um Haaresbreite getötet. Die Rakete fiel in ihr Zimmer, doch wie ein Wunder überlebte Shir. Yankale ist eine wichtige Person nicht nur für den Kibbuz, sondern für die gesamte Umgebung. Er hat einen Zoo für therapeutische Behandlungen traumatisierter Kinder. Letztes Jahr musste er sein Therapiezentrum schließen, weil das Gebäude zu unsicher war. Die Tiere wurden notdürftig woanders untergebracht und Yankale versucht nach allen Kräften, seine Arbeit weiterzumachen. Er legt mir einen großen Python um den Hals und wendet sich dann einer Schar Kinder zu, die ihn umringen. Ein Mädchen möchte einen Hasen streicheln, ein anderes Kind will den orangenen Papagei auf die Hand nehmen. In der Ecke steht ein Junge und traut sich nicht, näher zu kommen, weil er Angst vor der Schlange hat. Der Python um meinen Hals ist total gleichgültig, wahrscheinlich hat er sich an die vielen Kinderhände gewöhnt, die ihn dauernd betatschen. Yankale kann extrem gut mit Kindern umgehen, ich weiß nicht, wie er es schafft, aber am Ende will der ängstliche Junge den Python gar nicht mehr loslassen.
Das Engagement dieses Mannes ist unbezahlbar. Er schenkt den Kindern ein Lachen und lässt sie vergessen, was sie durchmachen müssen. Wenn „Zeva Adom“ ertönt, haben die Menschen 15 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Erst am Abend zuvor gab es wieder Raketenalarm. Diesmal war es ein falscher Alarm, aber das wussten die Menschen natürlich in diesem Moment nicht. In Deutschland kann man sich das nicht vorstellen. Eine deutsche Mutter kennt das Gefühl nicht, das eine israelische Mutter hat, wenn sie ihre Kinder in den Kindergarten oder in die Schule schickt. Es gibt keine Routine im Krieg. Die Panik bleibt immer dieselbe, wenn der Raketenalarm ertönt. Kinder im Alter von sieben Jahren sind im Süden Israels oft Bettnässer und leiden an schlimmen Schlafstörungen. Yankales Enkelin war Augenzeugin, als der Nachbar bei einem Raketenangriff ums Leben kam. Wie viel kann eine Kinderseele ertragen?

 

„Warum lebt ihr hier im Süden?“, frage ich Alfredo und Diana, die in Mefalsim leben. „Als wir aus Argentinien nach Israel eingewandert sind, lebten wir zunächst in Ra’anana im Zentrum des Landes, aber wir wollten aufs Land ziehen. Wir hatten genug von Buenos Aires und wollten nicht mehr in einer Stadt wohnen. Damals war es im Norden Israels sehr unruhig, also zogen wir in den Süden. Jetzt leben wir hier seit etwas mehr als 10 Jahren und die Lage hat sich dramatisch verschlechtert. Aber wegziehen können wir nicht einfach so. Unsere gesamte Familie ist mit uns hierher gekommen und der Konflikt ist zudem nicht konstant an einem Ort, es ist ein Auf und Ab, manchmal ist es an einem Ort ruhiger, dann wieder an einem anderen. Wir können nicht unser Leben alle fünf Jahre aufgeben und woanders hinziehen.“
Alfredo saß im Auto, als eine Rakete neben ihm einschlug. Eine andere Rakete traf das Café der Familie im Kibbuz. Alfredo erzählt mir, dass er wochenlang nicht mehr aus dem Haus gegangen ist, nachdem das passiert ist. Er wollte auch seine Kinder nicht mehr zur Schule schicken, die gesamte Familie war völlig paralysiert. „Ich dachte immer, dass man diesen Konflikt mit Dialogen lösen kann.“ Nachdem die Rakete neben seinem Auto einschlug, hat er diese Hoffnung aufgegeben. „Wenn es morgens auf meinem Weg in die Arbeit Raketenalarm gibt, finde ich oft Zuflucht bei Familien, die in dieser Situation ihre Haustüren öffnen und den Fremden Zuflucht gewähren. Dann sehe ich ihre Kinder, die schreiend in der Ecke kauern. Ich sehe Tag für Tag, was dieser Konflikt mit unseren Kindern macht.“ Die Familie zeigt uns ein Video, das Vater und Sohn gemeinsam gemacht haben. Darin erzählt Alfredo (mit englischer Übersetzung) davon wie es ist, neben Gaza zu leben. „Wir sind voller Träume und Hoffnung nach Israel gekommen. Es war nicht einfach. Und hier sind wir jetzt und versuchen, alle Schwierigkeiten zu meistern.“

 

 

Hintergrund: Wie es zu den Treffen kam.
Mein Mann, ein israelischer Fotograf, wurde von der amerikanischen Organisation Adopt a Family kontaktiert und gefragt, ob er Bilder von betroffenen Familien im Süden Israels machen könnte. Er sagte sofort zu und so fuhren wir zusammen eines Samstags dorthin. Die Treffen waren nicht als Interviews geplant, mein Mann sollte einfach Fotos der Menschen machen und ihre Lebenssituation mit Bildern dokumentieren. Wir rechneten beide nicht damit, dass die Familien ein so großes Bedürfnis haben würden, uns ihre Geschichte zu erzählen. Ich erkannte, dass ihnen zu wenig Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit dem Konflikt und den Folgen geschenkt wird. Diese Menschen möchten nicht still und leise trauern, sie wollen gehört werden. Die Welt soll sehen, dass es fernab der grauenvollen Fotos getöteter Kinder aus Gaza eine Realität gibt, die der breiten Öffentlichkeit vollkommen verborgen bleibt. Eine Vermarktung der Bilder von Getöteten zu politischen Propagandazwecken lässt sich mit ehrlicher tiefer Trauer absolut nicht vereinbaren.
Leider führt das einseitige Fotografieren und Filmen von Toten und Schwerverletzten mit Mobiltelefonen auf palästinensischer Seite dazu, dass die Weltöffentlichkeit keine emotionale Verbindung zu dem Leid auf der anderen, der israelischen Seite herstellt. Wir können den Tod eines fremden Menschen nicht als persönlichen Schmerz begreifen, weil uns jeglicher Bezug zu dem abstrakten Begriff „Tod“ fehlt. Erst durch Bilder verlieren wir diese Distanz, teilweise sogar so sehr, dass wir gar nicht mehr hinterfragen, wer ein Interesse daran hat, Tote im Internet zu präsentieren und in welchem Zusammenhang die Bilder überhaupt entstanden sind.

 

 

Ich widme diesen Artikel Jimi, über den ich viel erfahren habe und dessen Präsenz auch Jahre nach seinem Tod in den Räumen des Hauses im Kibbuz Kfar Aza stark spürbar war, als ich mich dort mit seiner Frau Anna unterhielt. Der Schmerz seiner Familie soll nicht verschwiegen und vergessen werden.

 

Jimi bei einem seiner Gleitschirmflüge

Jimi bei einem seiner Gleitschirmflüge