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Warum die Israelis Deutschland lieben

Anfangs, als ich erst wenige Wochen in Israel lebte, wusste ich nicht so recht, was ich auf die Frage antworten sollte, woher ich komme. Germany. Wie mag das wohl in den Ohren der Israelis klingen, vor allem der Älteren? Ich war unsicher.

Ich erinnere mich noch an die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, bei der ich zum ersten Mal in meinem Leben einen kollektiven Nationalstolz in Deutschland spürte. Überall hingen Deutschlandflaggen aus Fenstern und an jedem zweiten Auto flatterte eine kleine Fahne im Fahrtwind. Es war das erste Mal, dass sich die Deutschen in diesem Ausmaß mit ihrem Land identifizierten. Plötzlich waren wir alle Fußballfans und ich glaube, jeder genoss den Patriotismus und die Liebe zu Deutschland in jenen Tagen. Es war etwas Besonders, denn normalerweise sagen Deutsche nicht, wie stolz sie auf ihr Land sind, wie sehr sie es lieben und wie großartig es ist,  Deutscher zu sein.
Der Grund dafür ist „die deutsche Vergangenheit“, wie sie in Geschichtsbüchern genannt wird – und niemand meint damit Bismarck.
Mit dieser wie Kaugummi an meinen Schuhen klebenden deutschen Vergangenheit kam ich also nach Israel, weil ich mich unsterblich in einen israelischen Mann verliebt hatte.

„Where are you from?“ fragte der Gemüsehändler. „Germany“, entgegnete ich ihm und wahrscheinlich schaute ich dabei etwas verlegen.
„Ah, Germany! I’ve been there recently, in the Shvartswald. Beautifuuuul, beautifuuuul!!“ antwortete er darauf und fing an, von seiner Reise zu erzählen. Entspannt legte ich meine Paprika auf die Theke und bezahlte. Ich hatte anscheinend Glück gehabt und jemanden mit einer positiven Meinung von Deutschland getroffen.

Ein paar Wochen später betrat ich beim Shoppen im Dizengoff Center ein Bekleidungsgeschäft und wurde von der Verkäuferin angesprochen. Nachdem sie merkte, dass ich kein Hebräisch sprach, fragte sie mich, woher ich bin. Wir kamen ins Gespräch und kurz darauf gesellte sich auch der Ladenbesitzer dazu. Er erzählte begeistert, dass er mindestens einmal pro Jahr nach Berlin fliegt, um Freunde dort zu besuchen.
Wie sich in den darauffolgenden Wochen und Monaten herausstellen sollte, ist Berlin sehr populär bei den Israelis. Sobald man sagt, dass man aus Deutschland stammt, wird man auf diese Stadt angesprochen. Junge Israelis sind Deutschland gegenüber aufgeschlossen und Berlin steht auf ihrer Reiseliste ganz oben.

Berlin

Einer der Menschen, die mir hier in meiner großen Familie am nächsten stehen, war als kleiner Junge 1943 von deutschen Soldaten mit vorgehaltenem Gewehr aufgefordert worden, sich an eine Mauer zu stellen. Auch dieser Mensch ist mit mir in meine Heimat gereist und er hat sich kurz darauf sogar nochmal ein Flugticket nach Deutschland gekauft.

Eines Abends saßen wir bei meiner israelischen Familie auf dem Sofa, als im Fernsehen Bilder aus dem syrischen Bürgerkrieg gezeigt wurden und der Nachrichtensprecher die aktuelle Lage beschrieb. Eine der Tanten sagte, dass nur Araber zu solchen Blutbädern fähig seien. Ich widersprach ihr: „Schau doch mal uns Deutsche an, zu was wir fähig waren, vor gar nicht allzu langer Zeit.“
Da mischte sich meine Schwiegermutter ein und rief „Ihr habt aber aus eurer Vergangenheit gelernt! Als wir zusammen in Berlin Urlaub gemacht haben, da habe ich gesehen, wie viel ihr Deutschen für die Erinnerung daran tut.“

Tun wir Deutschen wirklich so viel? Soweit ich weiß, machen wir ehemaligen Zwangsarbeitern das Leben mit absurden bürokratischen Hürden bei Entschädigungs- und Rentenanträgen zur Hölle.

Es bedarf vielleicht einer Außenansicht.
Als ich in Italien lebte, erlebte ich, wie es sich anfühlt, wenn ein komplettes Land seine Vergangenheit zu keinem Zeitpunkt in Frage stellt. Benito Mussolini ist dort für die breite Bevölkerung kein Schwerverbrecher, sondern eine geachtete Persönlichkeit. Vergangenen Sommer wurde in Sardinien eine Straße nach dem Duce benannt, die Via Benito Mussolini. Proteste gab es, aber der Bürgermeister der Stadt Orgosolo stellte in seiner Rede klar, dass der Faschismus in Italien ausgestorben sei und der Straßenname dem Gedenken an diesen großen Mann diene, der sehr viele gute Reformen für das Land hervorgebracht habe.
Viele italienische Akademiker haben ein Geschichtswissen, das einem schwarzen Loch im Universum gleicht: dunkle Leere.
Ich kann nicht genau sagen, wie viel Zeit ich mit Diskussionen darüber verplempert habe, ob Hitler selbst Jude war oder nicht. Viele Italiener gehen fest davon aus, dass er Jude war und wenn man auf der italienschen Seite von Google die Suchbegriffe „Hitler – ebreo“ eingibt (Hitler – Jude), dann erhält man seitenweise dubiose Resultate, die das mit absolut idiotischen Argumentationen bestätigen. Dieselbe Suche auf Google Deutschland (mit deutschen Suchbegriffen) bringt seitenweise Resultate, die sich mit dieser These sachlich befassen und sie als haltloses Gerücht enttarnen. Dasselbe gilt für eine noch erschreckendere Frage: Starben tatsächlich sechs Millionen Juden im zweiten Weltkrieg? Versucht man, sich auf Google Italien zu diesem Thema schlau zu machen, wird man mit einem Ergebnis konfrontiert, das einem die Sprache verschlägt. Suchen Sie nämlich „sei milioni ebrei morti“ auf google.it, bekommen Sie als Antwort, dass diese Zahl ja wohl kaum stimmen kann. Je nachdem, welchen Link Sie anklicken, erfahren Sie dann, dass es entweder „nur“ drei Millionen ermordete Juden waren oder dass der Holocaust sogar eine Erfindung sei. Dieselbe Suche auf Google Deutschland wirft Ergebnisse zu Gedenkveranstaltungen für die sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden aus.

Italien ist natürlich keine Ausnahme. Auch in anderen europäischen Ländern hat es die Bevölkerung anscheinend zu keinem Zeitpunkt für nötig erachtet, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Österreich fiel beispielsweise erst kürzlich negativ auf, als eine Umfrage ergab, dass 42% der dortigen Bevölkerung positive Aspekte an Hitler und der NS-Zeit finden.

Jedem, der an dieser Stelle den Standpunkt einnimmt, es sei ja ein ausschließlich deutsches Verbrechen gewesen, dem möchte ich einen Besuch in Yad Vashem nahelegen.

Deutsche haben in Israel heute einen guten Ruf. Man kann als Tourist entspannt sagen, dass man aus Deutschland kommt, ohne mit Ablehnung rechnen zu müssen und auch Israelis sind ganz begeistert von Reisen nach Deutschland. Das war sicherlich nicht immer so, aber beide Länder haben an einer Freundschaft gearbeitet und das ist deutlich zu spüren.

Am Tag vor meiner Hochzeit mit dem Mann, wegen dem ich nach Israel gezogen bin, saß ich in einem Friseursalon im Prenzlauer Berg in Berlin. Neben mir ein junger Mann, der sich die Haare schneiden ließ, während meine zur Probe für den nächsten Tag hochgesteckt wurden. Er erwähnte in einem Nebensatz, dass er aus Tel Aviv kommt und ich schaute ihn sofort verwundert an. „Wohnst Du jetzt in Berlin?“
„Ja, seit fünf Jahren. Ich habe hier studiert und wohne gerne hier. Diese Stadt ist einfach ein Traum.“
„Dasselbe denke ich eigentlich eher von Tel Aviv: Sommer, Sonne, Strand und Meer, obendrein eine weltoffene und freie Stadt. Warum dann ausgerechnet Berlin?!“
„Ja weißt du, ich bin in Israel aufgewachsen, mit dem Konflikt im Rücken, seit ich denken kann. Hier in Berlin habe ich meine Ruhe. Die Menschen sind super, die Stadt ist kunterbunt und jung, lebendig, wild. Genau das, was ich immer wollte.“
Noch am selben Abend begegnete ich einem weiteren Israeli, den es ebenfalls nach Berlin gezogen hatte. „Wie findest du es hier?“ fragte ich ihn. „Ich liebe es, in dieser Stadt zu leben!“ antwortete er mir begeistert, „Meine Großeltern stammten aus Deutschland. Ich wollte einfach sehen, woher sie kamen und wie es hier wirklich ist. Und dann bin ich irgendwie hängengeblieben und nicht mehr zurück nach Israel gegangen. Inzwischen habe ich mir mein Leben hier aufgebaut und will gar nicht mehr zurück…“

Israel und Deutschland, diese beiden Länder sind ganz stark darin, sich ineinander zu verankern. Ich kenne etliche Deutsche, die der Liebe wegen zu ihren Partnern nach Israel gezogen sind und etliche Israelis, die es nach Deutschland getrieben hat.
Eines der schönsten Komplimente für mein Land hat mir ein Israeli gemacht. Wir saßen mit Freunden auf ein Glas Rotwein im Schatten eines Olivenbaumes und er sagte zu mir, dass Deutsch so eine wunderbare Sprache sei. „Ich dachte immer, Deutsch klänge so wie in den Nazifilmen. Aber wenn ich dich sprechen höre, klingt es total weich und angenehm. Ich würde es am liebsten auch sofort lernen.“
Das ging runter wie Schmieröl. Ausgerechnet in Israel hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben, wie melodisch die deutsche Sprache ist. Wir stießen darauf an und ich war irgendwie stolz darauf, Deutsche in Israel zu sein.

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Italian moments 2

All photos by Saskia


Italian moments

All photos by Saskia


Brief an dein Land

In der Schublade meines Schreibtisches habe ich vor Kurzem ein altes Foto wiedergefunden, von dem ich nicht einmal wusste, es zu besitzen. Es zeigt ein kleines Mädchen mit blonden Haaren. Je länger ich sein Gesicht ansehe, desto fremder wird es mir, als ob es nicht meines wäre. Und mit einem Mal ist in meinem Zimmer ein vertrauter Geruch. Nach einem Bruchteil von Sekunden verschwindet er wieder, aber das genügt, um mich nachdenklich zu stimmen.

In Castel del Rio in der Provinz von Bologna spielte ich in den 80er Jahren auf dem Küchenboden während Frau Donattini Nudeln selbst machte. Der Duft nach Brot lag in der Luft und aus dem Radio röchelten Volkslieder. Am späten Nachmittag ging ich nach Draußen, wo die Alten vor ihrem Kaffee saßen und plauderten, auf Stühlen aus Eisengestellen mit Plastikschnüren. In keinem anderen Land habe ich jemals solche Stühle gesehen, die ich übrigens nach wie vor wunderschön finde, vielleicht weil ich eine Vorliebe für Dinge habe, die lange zurückliegen.

Zwanzig Jahre später bin ich in Neapel, inmitten eines Platzes, auf dem eine Gruppe von Jungs als Clowns verkleidet mit hohen Stelzen herumläuft. Ich liebe solche Augenblicke, ja ich glaube sogar, dass ich nur Dank dieser Jungen noch über die Realität lachen kann. Der Humor ist eine komplette Parallelwelt, nicht wahr? Er lässt dich vergessen, wo du lebst. Ich schlage den Kragen meiner Jacke nach oben und gehe auf eines der Cafés zu. Der Espresso zieht mir die Schuhe aus, weil ich es gewohnt bin, deutschen Kaffee zu trinken, jenen der von Italienern als dünne Brühe verlacht wird. Ich brauche sehr viel Zucker und fürchte, dass letztlich mehr Zucker als sonst irgendetwas in der Tasse ist. Das erste was ich mir zugelegte als ich mich in Rom eingerichtet habe, war eine French Press, eine Kanne mit Kolben. „Das Geheimnis für einen exzellenten Kaffee“, sagen sie in der Werbung, und ich kann nur hinzufügen, es ist die Wahrheit. Während ich so über den Kaffee philosophiere wird mir plötzlich bewusst, dass ich mich eines Klischees bediene, wenn man bedenkt, dass die Deutschen es lieben, über Pizza Margherita, Espresso und Sanbitter zu reden, während die Italiener Touristen kritisieren, die sich Sandalen in Kombination mit weißen Tennissocken anziehen. In der Bar herrscht großes Gewühl. Alle scheinen sich zu kennen, und genau das liebe ich am Süden. Die Leute sind einfach unglaublich. Wenn du nach Deutschland kommst, wirst du feststellen, dass sich jeder in den Cafés ein ruhiges Plätzchen sucht, um Zeitung zu lesen oder Löcher in die Luft zu starren. Ich warte auf den Tag, an dem mir diese Stille fehlen wird und lass es dich dann wissen.

Eines Abends, zu Hause bei Freunden. Wir saßen am Tisch und irgendwer fragte mich, was ich von der italienischen Politik halte. Ein paar Tage zuvor hatte Berlusconi behauptet, die Studenten würden mit ihren Demonstrationen Gemeingut degradieren. Ich möchte ehrlich sein, die Wahrheit braucht keinen Schnörkel. In Neapel hat mir ein Taxifahrer seine Müllgebührenabrechnung gezeigt und sich dabei ziemlich aufgeregt. Ich habe sie gelesen und genau in diesem Moment realisiert, wie sehr Italien im Verfall ist. Die Verwaltung repräsentiert eines der demokratischen Fundamente und -auch wenn es merkwürdig erscheint- selbst die Erhebung einer einfachen Müllgebühr müsste den Vorschriften des öffentlichen Rechts unterliegen. Wie es scheint hat jemand aufgehört, seine Eingriffe in die Rechte der Bürger zu rechtfertigen. Und dieser Jemand ist kein Geringerer als der Staat. Es reicht vollkommen aus, die Chronik der Zeitungen zu lesen um zu erkennen, dass viele Politiker den Straftatbestand des Amtsmissbrauchs nicht nur aus einem Handbuch zur Korruptionsprävention kennen.

Die Taxifahrt war kurz; ich gestehe, einen Gedanken daran verschwendet zu haben, ein neues Ziel zu wählen. So hätte ich zumindest mehr Zeit gehabt, um das Gespräch mit dem Fahrer zu vertiefen. Letztlich habe ich aber widerstanden, weil nicht einmal die Dauer einer Reise nach St. Petersburg ausgereicht hätte, um das Thema zu klären.

In der Zwischenzeit hat mir der Kellner den zweiten Espresso gebracht. Jedes mal schwöre ich mir, dass es der letzte sein wird. Draußen hat es angefangen zu regnen und darum beschließe ich, noch einen Augenblick zu bleiben. Neben mir ist eine junge Frau mit Kefiah und Lederjacke. Nach einem schüchternen Lächeln beginnen wir zu reden. Da ich mit ausländischem Akzent spreche, will sie wissen, ob ich Urlaub in Neapel mache. Ich antworte, dass ich seit Kurzem in Italien lebe und darum wird sie neugierig und stellt mir viele Fragen. Aber ich habe Schwierigkeiten, ihr offen und ehrlich zu antworten. In Marokko sagen sie „das Herz auf der Zunge tragen“, wenn ein Mensch die Gewohnheit besitzt, halb unbekannten Leuten persönliche Angelegenheiten zu erzählen. Es war die Wut, die mich dazu bewegt hat, hierher zu ziehen, und auch die Liebe zu diesem Land.

Die Amalfiküste hat mich überhaupt nicht verzaubert, als ich das erste Mal dort war. Ich war gekommen, um die Landschaft für ein Reisebuch über Italien zu fotografieren und auf dem Programm standen unter anderem ein Besuch der Küstenstädte und der Inseln Procida, Ischia und Capri. Ich mietete Ende des Jahres 2006 ein Zimmer und umschiffte somit die Tausenden von Touristen, vor denen ich wirklich freiwillig fliehe. Zum Glück sieht man auf den Bildern nicht, dass es schweinekalt war. Ich hatte viel Arbeit und wenig Zeit, weshalb ich jeden Tag am frühen Morgen begann, eingewickelt in einen Schal und mit einem großen Cappuccino. Ich konnte noch kein Italienisch sprechen und so war ich völlig hilflos gegenüber einer Rechnung von siebzehn Euro fünfzig, die sie mich für das Frühstück zahlen ließen. Mein Herz weitet sich bei dem Gedanken an den Moment, der jenen teuer bezahlten Aufenthalt ausgeglichen hat. Ich stand an der Theke eines Cafés in Rom und wahrscheinlich habe ich laut nachgedacht, ob ich nun ein Tiramisu oder einen Cappuccino nehmen soll. Weil ich nicht genug Geld bei mir hatte, musste ich eine Wahl treffen. Nach ein paar Minuten brachte mir eine Frau das Tiramisu. Und einen Cappuccino. Ich machte sie darauf aufmerksam, dass ich nur das Tiramisu bestellt hatte. Ich weiß, antwortete sie mir mit einem Lächeln, das ist ein Geschenk.

Fotografieren kann eine mühsame Arbeit sein. Am Ende eines Tages hast du einen Haufen Filmrollen verschwendet und sie zu entwickeln erfordert viel Aufmerksamkeit, auch wenn du alles hast, außer Geduld. Ich persönlich liebe Schwarz-Weiß-Fotografien von Menschen, aber im Bezug auf das Reisebuch war ich gebeten worden, das Blau des Meeres abzulichten, die romantischen Häuser und die Gärten voller Geheimnisse. Ein Geheimnis das ich sofort entdeckt habe, waren die Müllhaufen zwischen den Felsen. Wo immer ich die Linse meiner Canon hinhielt, war der Dreck mit im Bild. Ich hätte es locker nehmen können, aber denk daran, dass ich bereits siebzehn Euro fünfzig für ein schlechtes Frühstück bezahlt hatte.

Wenn ich so darüber nachdenke, Italien hat wirklich viel getan um zu verhindern, dass ich mich in es verliebe.

Es hat aufgehört zu regen. Ich verlasse die Bar und spaziere in Richtung der schmalen Gassen der spanischen Viertel. Neapel erinnert an einen Roman von Gabriel García Márquez. Das Grollen dieser Stadt, die Sonnenstrahlen zwischen den alten Stadthäusern und die Leidenschaft der napoletanischen Musik, die man in der Luft schwingen hört.

Entweder man liebt es oder man hasst es, ist einer der berühmten Sätze über Neapel, den ich unzählige Male gehört habe, von Deutschen genauso wie von Italienern. Ich liebe es wie verrückt. Aber.

Da ich mich lieber verlaufe, ziehe ich nie einen Stadtplan zu Rate; falls ich wirklich Hilfe brauche, frage ich die Leute. Vielleicht kenne ich deswegen vor allem die dunklen Ecken der Städte, in denen ich bisher in meinem Leben gewesen bin. Die Straßen führen dich überall hin, auch in die Realitäten in denen Magie absolut nicht existiert. Inzwischen sind seit meinem ersten Aufenthalt in Neapel mehr als zehn Jahre vergangen, Jahre in denen sich nichts gewandelt hat. Ich verfolge den Niedergang und hoffe, dass der Wandel kommen wird. Aber wann?

Vor einem Haus setze ich mich auf den Treppenabsatz und schaue den Leuten zu, die von den Balkons herunter schreien.

Vor einiger Zeit, während einer Fahrt von Mailand nach Neapel, hatte mir eine Norditalienerin klarzumachen versucht, weshalb die Tochter den Fehler ihres Lebens begangen hätte, einen Mann aus dem Süden zu heiraten. Auch nicht im Ansatz habe ich ihre Argumentation verstanden. Jedes Mal, wenn ich den Zug nehme, erzählen mir die Menschen in meinem Abteil ihr ganzes Leben, ohne dabei die Kündigung, die Scheidung oder die Schulden für das Haus auszulassen. Warum ziehe ich eigentlich immer Nervensägen an?

Mit der Sensibilität einer Kreissäge sprach die Frau mir gegenüber von den Unterschieden zwischen Nord und Süd und ihre Feindseligkeit ließ sich hinter jedem Wort erahnen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie glücklich ich in dem Moment war, als mich die feuchte Hitze am Hauptbahnhof von Neapel in Empfang nahm.

Abends, wenn ich Heimweh habe, weil ich ganz allein in einer fremden Stadt bin, denke ich an die Worte von Ernst Jünger. „Ich habe lange Strecken meines Lebens mehr in Büchern als in Häusern und Staaten gelebt. Bücher haben den Vorteil fahrbarer Wohnungen mit idealem Komfort. Sie löschen daher andere, weniger angenehme Fahrten und Wohnungen.“ Nun befinde ich mich am Anfang einer neuen Reise, deren Ziel ich noch nicht kenne. Ich suche die Bücher aus, die mein Zuhause sein werden und schaue noch einmal das Foto des kleinen Mädchens mit den blonden Haaren an. Anstatt es zurück in die Schublade des Schreibtisches zu räumen, lege ich es in eines der Bücher. Erst jetzt begreife ich, dass der Geruch Italiens für immer in meinem Leben sein wird.