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Israelfieber im tiefsten Bayern

Früher sehnte ich mich nach Urlauben an weißen Sandstränden mit türkisblauem Meer. In Israel habe ich das jeden Tag und seitdem sehne ich mich nach den grünen saftigen Wiesen und Wäldern Bayerns. Zum Glück liebt mein Mann die bayerische Natur genauso sehr wie ich, und so verbringen wir jedes Jahr mindestens einen Urlaub dort.
Eigentlich wollte ich meine Fotos von unserem wunderbaren Urlaub anschließend hier zeigen, aber etwas unerwartet Schönes ist meinem Vorhaben in die Quere gekommen.
Am besten ich beginne mit der Geschichte dort, wo sie auch ihren Anfang genommen hat. In einem kleinen Dorf in Bayern. Es war unser letzter Urlaubstag. Wir nahmen unsere Räder und fuhren durch die Felder und Wälder. Als wir durch besagtes kleines Dorf fuhren, hielt ich an und fotografierte diesen Bauernhof:

Bauernhof

Ein Junge joggte an uns vorbei und kehrte plötzlich um. Er kam auf mich zu und fragte, ob er uns helfen könne. Ich merkte sofort, dass er es wohl sehr komisch fand, wie ich diesen Bauernhof fotografierte. Also erzählte ich ihm, dass ich früher in der Gegend gewohnt habe und heute mit meinem Mann im Ausland lebe. Dass mich das Heimweh packt, jedesmal, wenn ich solche Bauernhöfe sehe und dass ich deshalb den Fotoapparat auf unsere Radtour mitgenommen habe.
Ich erfuhr, dass dieser Bauernhof den Eltern des Jungen gehört. Neugierig fragte er mich, in welchem Land ich heute lebe.
„In Israel“, antwortete ich ihm. „Ich bin wegen meinen Mann dorthin gezogen“.
– „Letztes Jahr hatten wir hier eine israelische Jugendgruppe bei uns! Dieses Jahr kommt wieder eine und ich werde nächsten Sommer sogar nach Israel fliegen und dort dann einige Zeit sein!“ rief er begeistert. Ich war sprachlos. Irgendwie rechnet man ja mit allerlei Reaktionen, wenn man offenbart, dass man in Israel lebt. Etliche Menschen reagieren darauf positiv und offen, aber leider wurde ich auch schon angefeindet von Leuten, die eine schräge Vorstellung von dem Land und den Menschen haben. Ich sage trotzdem immer stolz, dass ich in Israel lebe, denn ehrlich gesagt ist es mir ganz egal, welche Meinung Leute über dieses Land haben. Im Zweifel habe ich ja auch eine Meinung über Leute mit Vorurteilen….
Trotzdem war ich sehr überrascht von diesem Ereignis. Zur Erinnerung: wir befanden uns in einem der hintersten Winkel Bayerns, wo sicher nicht jeden Tag ein Jogger begeistert erzählt, dass er an einem deutsch-israelischen Jugendaustausch teilnimmt, während man sein Haus fotografiert und freimütig sagt, dass man in Israel lebt…

Am selben Abend machten wir eine Grillfeier im Garten meiner Eltern. An dieser Stelle möchte ich mich nochmal bei ihnen für den besten Kuchen der Welt bedanken und dafür, dass sie uns so arglos ihren voll befüllten Kühlschrank überlassen haben…
Wenn ihr bald wieder zu uns zu Besuch kommt, werde ich mich mit einem richtig tollen Kuchen revanchieren!
Ich erzählte meinen Freunden beim Grillen von der witzigen Begegnung am Nachmittag im Nachbardorf. Daraufhin entgegnete mir einer meiner Freunde lässig: „Ach, das war bestimmt einer der Jugendlichen vom deutsch-israelischen Austausch, den der Günter jedes Jahr organisiert! Ich werd’ Dich mal mit Günter bekannt machen!“
Gesagt, getan. So ist der Kontakt zu Günter entstanden, der mir inzwischen sehr viel über sein Projekt erzählt hat.

Ein israelisches Dorffest in Bayern

Günter war Gemeinderat und Jugendbeauftragter einer Gemeinde mit 1100 Einwohnern. „Da die Menschen hier nicht viel erleben, wollte ich die Welt zu uns holen. Ich machte Feste zum Thema Amerika mit Indianern oder zum Thema Afrika mit lieben Freunden aus dem Kongo und Angola. Dann hatte ich die Jugendlichen gefragt was sie gerne hier haben wollten und da wir auch Glatzköpfe im Dorf hatten, wollten unsere intelligenten jungen Menschen “Israel”.“
Also kontaktierte er die Jüdische Gemeinde in München und stellte dort seine Idee vor, ein Israelfest im Dorf zu veranstalten. Die Überraschung über den Vorschlag war groß, doch das Fest fand tatsächlich statt, mit einer Klezmer Band, Tanz, mit israelischem Theater und vielen weiteren Veranstaltungen.

Der Anfang war nicht ganz einfach. Günter erzählt mir von einem Erlebnis, das er nie vergessen wird: „Bei den Vorbereitungen sagte meine Mutter zu mir, sie mache sich Sorgen um mich, da die Leute reden, ich wäre ein „Judenfreund“. Zuerst wurde mir ganz mulmig, dann wurde ich innerlich ziemlich sauer und sagte zu meiner Mutter, dass ich in einer Welt, die so denkt, nicht leben möchte und ich das jetzt machen werde, egal was passiert.“

Es gibt auf dem Land nach wie vor Neonazis, aber dank Menschen wie Günter sinkt ihre Zahl in der Region, aus der ich stamme, deutlich. „Sie haben durch unsere Aktionen Israel anders kennen gelernt. Es gibt zwar schon genügend Potenzial für ausländerfeindliches Denken, aber es gibt auch viele Möglichkeiten, die Menschen etwas schlauer zu machen. Eine wichtige ist die Begegnung zwischen Menschen, das verändert ihre Sichtweise.“
Die bayerischen Jugendlichen, die auf israelische Jugendliche getroffen sind, kamen anschließend zu Günter und baten darum, unbedingt wieder ein Treffen zu organisieren. Günter wünscht sich, in der Zukunft einen Film über die Jugendlichen verschiedener Herkunft zu drehen, über die rechtsradikalen Problemkinder, über die Zukunft der Jugendlichen und wie die Begegnungen mit den Israelis sie verändern.

Das erste Dorffest unter dem Motto „Israel“ fand im September 2005 statt. Anfangs wurde es zwar zögerlich aufgenommen: „Es waren noch nicht so viel Leute dabei, weil’s zum einen sehr “exotisch” war und zum anderen sehr heikel. Denn was ich nicht wusste war, dass die Menschen teilweise den Krieg und die Geschichte mit dem Holocaust nie richtig aufgearbeitet haben, vor allem nicht in so kleinen Dörfern. Und jeder trägt das im Unterbewusstsein mit sich herum. Die Jugendlichen waren zwar sehr neugierig, aber die Eltern hatten Ängste.“ Trotzdem wurde das Fest ein voller Erfolg. Günter knüpfte mit der Zeit etliche Kontakte, zur 60. Jahresfeier Israels lud die Jüdische Gemeinde ihn auf eine offizielle Feier ein. „Zum 60. Jahrestag von Israel war ich in den Bayrischen Hof eingeladen, mit 200 Gästen (unter ihnen Michel Friedmann und der deutsche sowie der amerikanische Botschafter). Mitten unter ihnen war ich mit meiner lieben Frau Annemarie. Es war wie im Film, tolles Programm, sehr interessante Menschen und eine koscheres Viergänge Menü – so etwas erlebt man nicht oft im Leben.“

Vom Dorffest zum Jugendaustausch

Günter wurde 2008 Trainer einer Mädchenfußballmannschaft. Um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, hatte er die Idee einer Jugendbegegnung. Er kontaktierte die Eltern der Mädchen und da die Resonanz sehr positiv war, begann er mit den Vorbereitungen. Er traf Menschen, die ihn aktiv dabei unterstützen und bald stand fest, dass eine Gruppe Jugendlicher aus Israel in das bayerische Dorf kommen würde. Die Planung und Organisation brachte viel Arbeit und Zeitaufwand mit sich, aber Günter bekam tatkräftige Unterstützung von vielen begeisterten Helfern. „Das Beste war natürlich, dass wir pubertäre Mädchen hatten und von Karmiel konnten nur Jungs kommen – ein Basketballteam. Das den Eltern zu erklären…“
Als die Jungs am Bahnhof eintrafen, begrüßte die Kolpingkappelle sie mit bayerischer Musik. „Es war der Wahnsinn, wie toll alles lief und wie schnell sich die jungen Menschen verstanden.“
Auf dem Programm stand neben Spaß auch ein Besuch im KZ Dachau. Zunächst wollte keines der Mädchen die Gedenkstätte besuchen und Günter musste viel Überzeugungsarbeit leisten. Letztlich gingen die Jugendlichen alle gemeinsam dorthin und es fand auch eine Gedenkzeremonie statt. „Den Mädchen ist ein Stein vom Herzen gefallen, ich hab’s richtig poltern gehört. Es war gut, dass wir das gemeinsam mit den israelischen Jungs erleben durften.“

Bevor die bayerischen Jugendlichen nach Israel kamen, besuchte Günter zum ersten Mal das Land im Rahmen einer Reise des BJR (bayerischer Jugendring). Begeistert erzählt er von Jerusalem und den Begegnungen mit den Menschen vor Ort.
„Jerusalem ist toll! Ich war im Orient, auf dem Dach des Österreichischen Hospiz und trank Melange. Wir besuchten auch ein Kibbuz, in dem junge Israelis auf die Soldatenzeit vorbereitet wurden. Dort traf ich einen sehr jungen netten Mann und sagte zu ihm, dass es für uns Deutsche nicht selbstverständlich ist, in den Krieg zu ziehen, und dass ich nicht weiß, ob ich das freiwillig machen würde. Er antwortete mir, dass es für Israelis selbstverständlich sei, ihr Land zu verteidigen, da es im Gegensatz zu Deutschland nur von Feinden umgeben ist. Da wurde mir klar wie gut es uns eigentlich seit über 60 Jahren in Deutschland geht, und wie wichtig für Juden das Land Israel ist, um eine Heimat zu haben.“

Die Reise nach Israel

Für die Jugendlichen war es nicht nur die erste Reise nach Israel, einige waren in ihrem Leben überhaupt noch nie mit dem Flugzeug verreist. Im Vorfeld äußersten sich einige Eltern sehr besorgt um ihre Kinder und hätten ihnen beinahe die Teilnahme nicht erlaubt. Günter brachte dafür vollstes Verständnis auf, organisierte eine Infoveranstaltung, sprach mit den Eltern und überzeugte sie letzten Endes. „Es waren zwei Väter und eine Mutter, die ziemlich Angst um ihre Töchter hatten. Es ist ja auch etwas sehr Wertvolles, so liebe Menschen. Mir wurde das sehr bewusst, dass die Eltern ihr Wichtigstes in ein Land gingen ließen, von dem wir in Deutschland glauben, dass es dort ständig Krieg gibt.“

Dann ging es los. 16 Jugendliche und 5 Erwachsene, darunter natürlich Günter und seine Frau, begaben sich auf den Weg zum Münchner Flughafen. In Israel erwartete sie bereits ein Freund, der die Gruppe empfing und nach Karmiel begleitete.
Die ersten Tage verbrachten sie in Karmiel und der Umgebung. Anschließend besuchten sie die Stadt Haifa, den See Genezareth, machten einen sportlichen Abstecher zum Jordan für ein Rafting auf dem Fluss und nahmen Teil beim Karmiel Tanzfestival. „Es war eine tolle Zeit, wir lernten das Land und die Menschen wirklich kennen und lieben!“ schwärmt Günter von der Reise.

Die Jugendlichen kehrten von der Reise um viele Eindrücke bereichert zurück nach Deutschland. Viele unter ihnen waren so beeindruckt, dass sie seitdem in einem Organisationsteam an zukünftigen Jugendaustauschprogrammen mit Israel arbeiten und neugierige Menschen aus ihrer Umgebung „anstecken“.

In der Welt zu Hause

Ich habe Günter als einen Menschen kennengelernt, der das Funkeln in den Augen seiner Mitmenschen sucht und der sich riesig freut, wenn er es findet. Seine Freundschaft ist eine echte Bereicherung und es gibt bereits Ideen, wie man den Kontakt ausbauen könnte. „Wenn du Lust auf Bayern hast, dann finden wir für euch immer einen Platz. Und vielleicht kann man das ja umgekehrt auch so machen, wenn Leute mal in Israel sein möchten, findet ihr einfach einen Platz. Dann wäre “zu Hause “schon viel größer…“
Und dann fügt er hinzu: „Ich hab mir viele Gedanken gemacht, wo meine Heimat ist, und ich denke, sie liegt überall dort, wo ich frei sein kann und doch viele Menschen als Freunde habe.“

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15. Internationales Dokumentarfilm – Festival, Tel Aviv

Am morgigen Samstag geht in Tel Aviv das 15. internationale Dokumentarfilmfestival „DocAviv“ zu Ende. Es sind zehn spannende Tage, an denen im Herzen Tel Avivs an mehreren Orten Dokumentarkino präsentiert wird. Die Filme sind vielschichtig und bunt wie auch ihr Publikum. Die Themen der diesjährigen Filme reichen von tragischen Familiengeschichten über politische Konflikte bis hin zu Musik und Freundschaften zwischen ganz unterschiedlichen Menschen.

Zwar wurden die hier gezeigten Filme nicht alle mit Starbesetzung und Millionenbudget produziert, aber sie sind deswegen nicht minder faszinierend und interessant. Einige der gezeigten Filme sind mehrfach ausgezeichnet und auch das israelische Publikum sowie eine Jury wählen ihre Favoriten unter den vorgestellten Filmen.

DocAviv 2013

Der große Andrang zu den Filmvorstellungen und Workshops reflektiert das starke Interesse der Israelis an einer kulturellen Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Themen, im Mittelpunkt der Filme steht immer wieder die Frage nach Zivilcourage und dem Mut, neue Lebenswege zu wählen.

Spannend finde ich, dass insbesonders auch die Filme mit Bezug zum Iran beim israelischen Publikum sehr gut ankamen. Einer von ihnen ist der Film über die Sängerin Rita Yahan Farouz, eine im Iran geborene Sängerin, die im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie nach Israel einwanderte. Sie ist die bekannteste israelische Sängerin und sie veröffentlichte nicht nur Alben in hebräischer Sprache, sondern auch in Persisch. Der Film erzählt ihre Geschichte und die Zerissenheit, die sie mit all jenen Israelis teilt, die heute nicht mehr in ihr Heimatland Iran einreisen können. Als Rita nach New York eingeladen wird, um bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen aufzutreten, erlebt sie eine große Überraschung. Auch ihre iranische Fangemeinde bejubelt sie und beweist damit, dass es zwischen Israel und Iran nicht nur einen von extremen Spannungen geladenen Konflikt gibt, sondern eben auch ein gegenseitiges kulturelles Interesse und eine gemeinsame Liebe für Musik, die stärker sind als religiös und politisch motivierter Hass.

Das diesjährige Dokumentarfilmfestival klingt langsam aus und man freut sich schon jetzt auf kommendes Jahr, wenn wieder viele beeindruckende Filme in Tel Aviv auf dem DocAviv präsentiert werden.

Weitere Informationen zum Festival und zu den einzelnen Dokumentationen gibt es auf der Seite des DocAviv:
http://www.docaviv.co.il/


Warum die Israelis Deutschland lieben

Anfangs, als ich erst wenige Wochen in Israel lebte, wusste ich nicht so recht, was ich auf die Frage antworten sollte, woher ich komme. Germany. Wie mag das wohl in den Ohren der Israelis klingen, vor allem der Älteren? Ich war unsicher.

Ich erinnere mich noch an die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, bei der ich zum ersten Mal in meinem Leben einen kollektiven Nationalstolz in Deutschland spürte. Überall hingen Deutschlandflaggen aus Fenstern und an jedem zweiten Auto flatterte eine kleine Fahne im Fahrtwind. Es war das erste Mal, dass sich die Deutschen in diesem Ausmaß mit ihrem Land identifizierten. Plötzlich waren wir alle Fußballfans und ich glaube, jeder genoss den Patriotismus und die Liebe zu Deutschland in jenen Tagen. Es war etwas Besonders, denn normalerweise sagen Deutsche nicht, wie stolz sie auf ihr Land sind, wie sehr sie es lieben und wie großartig es ist,  Deutscher zu sein.
Der Grund dafür ist „die deutsche Vergangenheit“, wie sie in Geschichtsbüchern genannt wird – und niemand meint damit Bismarck.
Mit dieser wie Kaugummi an meinen Schuhen klebenden deutschen Vergangenheit kam ich also nach Israel, weil ich mich unsterblich in einen israelischen Mann verliebt hatte.

„Where are you from?“ fragte der Gemüsehändler. „Germany“, entgegnete ich ihm und wahrscheinlich schaute ich dabei etwas verlegen.
„Ah, Germany! I’ve been there recently, in the Shvartswald. Beautifuuuul, beautifuuuul!!“ antwortete er darauf und fing an, von seiner Reise zu erzählen. Entspannt legte ich meine Paprika auf die Theke und bezahlte. Ich hatte anscheinend Glück gehabt und jemanden mit einer positiven Meinung von Deutschland getroffen.

Ein paar Wochen später betrat ich beim Shoppen im Dizengoff Center ein Bekleidungsgeschäft und wurde von der Verkäuferin angesprochen. Nachdem sie merkte, dass ich kein Hebräisch sprach, fragte sie mich, woher ich bin. Wir kamen ins Gespräch und kurz darauf gesellte sich auch der Ladenbesitzer dazu. Er erzählte begeistert, dass er mindestens einmal pro Jahr nach Berlin fliegt, um Freunde dort zu besuchen.
Wie sich in den darauffolgenden Wochen und Monaten herausstellen sollte, ist Berlin sehr populär bei den Israelis. Sobald man sagt, dass man aus Deutschland stammt, wird man auf diese Stadt angesprochen. Junge Israelis sind Deutschland gegenüber aufgeschlossen und Berlin steht auf ihrer Reiseliste ganz oben.

Berlin

Einer der Menschen, die mir hier in meiner großen Familie am nächsten stehen, war als kleiner Junge 1943 von deutschen Soldaten mit vorgehaltenem Gewehr aufgefordert worden, sich an eine Mauer zu stellen. Auch dieser Mensch ist mit mir in meine Heimat gereist und er hat sich kurz darauf sogar nochmal ein Flugticket nach Deutschland gekauft.

Eines Abends saßen wir bei meiner israelischen Familie auf dem Sofa, als im Fernsehen Bilder aus dem syrischen Bürgerkrieg gezeigt wurden und der Nachrichtensprecher die aktuelle Lage beschrieb. Eine der Tanten sagte, dass nur Araber zu solchen Blutbädern fähig seien. Ich widersprach ihr: „Schau doch mal uns Deutsche an, zu was wir fähig waren, vor gar nicht allzu langer Zeit.“
Da mischte sich meine Schwiegermutter ein und rief „Ihr habt aber aus eurer Vergangenheit gelernt! Als wir zusammen in Berlin Urlaub gemacht haben, da habe ich gesehen, wie viel ihr Deutschen für die Erinnerung daran tut.“

Tun wir Deutschen wirklich so viel? Soweit ich weiß, machen wir ehemaligen Zwangsarbeitern das Leben mit absurden bürokratischen Hürden bei Entschädigungs- und Rentenanträgen zur Hölle.

Es bedarf vielleicht einer Außenansicht.
Als ich in Italien lebte, erlebte ich, wie es sich anfühlt, wenn ein komplettes Land seine Vergangenheit zu keinem Zeitpunkt in Frage stellt. Benito Mussolini ist dort für die breite Bevölkerung kein Schwerverbrecher, sondern eine geachtete Persönlichkeit. Vergangenen Sommer wurde in Sardinien eine Straße nach dem Duce benannt, die Via Benito Mussolini. Proteste gab es, aber der Bürgermeister der Stadt Orgosolo stellte in seiner Rede klar, dass der Faschismus in Italien ausgestorben sei und der Straßenname dem Gedenken an diesen großen Mann diene, der sehr viele gute Reformen für das Land hervorgebracht habe.
Viele italienische Akademiker haben ein Geschichtswissen, das einem schwarzen Loch im Universum gleicht: dunkle Leere.
Ich kann nicht genau sagen, wie viel Zeit ich mit Diskussionen darüber verplempert habe, ob Hitler selbst Jude war oder nicht. Viele Italiener gehen fest davon aus, dass er Jude war und wenn man auf der italienschen Seite von Google die Suchbegriffe „Hitler – ebreo“ eingibt (Hitler – Jude), dann erhält man seitenweise dubiose Resultate, die das mit absolut idiotischen Argumentationen bestätigen. Dieselbe Suche auf Google Deutschland (mit deutschen Suchbegriffen) bringt seitenweise Resultate, die sich mit dieser These sachlich befassen und sie als haltloses Gerücht enttarnen. Dasselbe gilt für eine noch erschreckendere Frage: Starben tatsächlich sechs Millionen Juden im zweiten Weltkrieg? Versucht man, sich auf Google Italien zu diesem Thema schlau zu machen, wird man mit einem Ergebnis konfrontiert, das einem die Sprache verschlägt. Suchen Sie nämlich „sei milioni ebrei morti“ auf google.it, bekommen Sie als Antwort, dass diese Zahl ja wohl kaum stimmen kann. Je nachdem, welchen Link Sie anklicken, erfahren Sie dann, dass es entweder „nur“ drei Millionen ermordete Juden waren oder dass der Holocaust sogar eine Erfindung sei. Dieselbe Suche auf Google Deutschland wirft Ergebnisse zu Gedenkveranstaltungen für die sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden aus.

Italien ist natürlich keine Ausnahme. Auch in anderen europäischen Ländern hat es die Bevölkerung anscheinend zu keinem Zeitpunkt für nötig erachtet, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Österreich fiel beispielsweise erst kürzlich negativ auf, als eine Umfrage ergab, dass 42% der dortigen Bevölkerung positive Aspekte an Hitler und der NS-Zeit finden.

Jedem, der an dieser Stelle den Standpunkt einnimmt, es sei ja ein ausschließlich deutsches Verbrechen gewesen, dem möchte ich einen Besuch in Yad Vashem nahelegen.

Deutsche haben in Israel heute einen guten Ruf. Man kann als Tourist entspannt sagen, dass man aus Deutschland kommt, ohne mit Ablehnung rechnen zu müssen und auch Israelis sind ganz begeistert von Reisen nach Deutschland. Das war sicherlich nicht immer so, aber beide Länder haben an einer Freundschaft gearbeitet und das ist deutlich zu spüren.

Am Tag vor meiner Hochzeit mit dem Mann, wegen dem ich nach Israel gezogen bin, saß ich in einem Friseursalon im Prenzlauer Berg in Berlin. Neben mir ein junger Mann, der sich die Haare schneiden ließ, während meine zur Probe für den nächsten Tag hochgesteckt wurden. Er erwähnte in einem Nebensatz, dass er aus Tel Aviv kommt und ich schaute ihn sofort verwundert an. „Wohnst Du jetzt in Berlin?“
„Ja, seit fünf Jahren. Ich habe hier studiert und wohne gerne hier. Diese Stadt ist einfach ein Traum.“
„Dasselbe denke ich eigentlich eher von Tel Aviv: Sommer, Sonne, Strand und Meer, obendrein eine weltoffene und freie Stadt. Warum dann ausgerechnet Berlin?!“
„Ja weißt du, ich bin in Israel aufgewachsen, mit dem Konflikt im Rücken, seit ich denken kann. Hier in Berlin habe ich meine Ruhe. Die Menschen sind super, die Stadt ist kunterbunt und jung, lebendig, wild. Genau das, was ich immer wollte.“
Noch am selben Abend begegnete ich einem weiteren Israeli, den es ebenfalls nach Berlin gezogen hatte. „Wie findest du es hier?“ fragte ich ihn. „Ich liebe es, in dieser Stadt zu leben!“ antwortete er mir begeistert, „Meine Großeltern stammten aus Deutschland. Ich wollte einfach sehen, woher sie kamen und wie es hier wirklich ist. Und dann bin ich irgendwie hängengeblieben und nicht mehr zurück nach Israel gegangen. Inzwischen habe ich mir mein Leben hier aufgebaut und will gar nicht mehr zurück…“

Israel und Deutschland, diese beiden Länder sind ganz stark darin, sich ineinander zu verankern. Ich kenne etliche Deutsche, die der Liebe wegen zu ihren Partnern nach Israel gezogen sind und etliche Israelis, die es nach Deutschland getrieben hat.
Eines der schönsten Komplimente für mein Land hat mir ein Israeli gemacht. Wir saßen mit Freunden auf ein Glas Rotwein im Schatten eines Olivenbaumes und er sagte zu mir, dass Deutsch so eine wunderbare Sprache sei. „Ich dachte immer, Deutsch klänge so wie in den Nazifilmen. Aber wenn ich dich sprechen höre, klingt es total weich und angenehm. Ich würde es am liebsten auch sofort lernen.“
Das ging runter wie Schmieröl. Ausgerechnet in Israel hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben, wie melodisch die deutsche Sprache ist. Wir stießen darauf an und ich war irgendwie stolz darauf, Deutsche in Israel zu sein.


Im Schatten von Gaza

„Es ist wie beim Fußball. Wie viele Tote habt ihr? Achtzehn. Wie viele Tote hat die andere Seite? Fünf. Unsere Toten zählen nicht, weil es weniger sind. Sind unsere Leben weniger wert für die Welt? Sind unsere Angehörigen einen anderen Tod gestorben, einen, der nicht erwähnenswert ist? Punktsieg für Gaza.“ Alfredo Juarez

 

Als ich am Morgen losfuhr wusste ich nicht, was mich an diesem Tag erwarten würde. Ich hielt eine Liste mit Telefonnummern in der Hand und machte mich auf den Weg Richtung Gaza. Ich würde israelische Familien treffen, deren Angehörige durch Raketenangriffe stark traumatisiert, verletzt oder sogar getötet wurden.

Kfar Aza ist ein Kibbuz, der direkt neben Gaza liegt. Dort treffe ich Anna. Ihr Hund springt an mir hoch, als ich ihr Haus betrete und Anna begrüßt mich mit einem Lächeln. Sie bietet mir Kaffee und Kuchen an und während sie den Kaffee kocht, beginnt sie von ihrem Mann zu erzählen. Jimi ist ihre große Liebe. War.
Er starb vor einigen Jahren, als eine Mörsergranate aus Gaza direkt neben dem Haus einschlug. Er wurde nur 47 Jahre alt. Überall im Haus hängen Bilder von ihm und ich frage Anna, wo sie entstanden sind. Die beiden sind viel zusammen gereist. Jimi war sportlich, ein begeisterter Gleitschirmflieger, der auf seinen Ausflügen unzählige Luftaufnahmen gemacht hat. Überhaupt wirkt das ganze Haus sehr lebhaft, so, als wäre es nicht das Zuhause einer Witwe. „Ich habe mich nach diesem Verlust zunächst total zurückgezogen und ganz stark abgenommen. Aber dann begann ich zu Töpfern. Deshalb stehen hier diese bunten Tonfiguren herum.“. Sie sind wunderschön. „Jimi und ich, wir haben uns immer einen alten Olivenbaum für unseren Garten gewünscht. Darüber haben wir oft gesprochen, aber leider sind alte Olivenbäume sehr teuer und man kann sie nicht einfach so irgendwo ausgraben und umpflanzen. Den Olivenbaum, den du jetzt neben der Eingangstür siehst, habe ich nach Jimis Tod geschenkt bekommen. Er ist 491 Jahre alt. Es ist merkwürdig, dass unser Traum ausgerecht mit Jimis Tod in Erfüllung gegangen ist. Der Baum steht an der Stelle, an der mein Mann starb.“ Anna hat den Baum nach Jimis Tod von der Keren Kayemeth LeIsrael geschenkt bekommen, einer Organisation, die sich um die Erhaltung der natürlichen Ressourcen kümmert und viele Aufforstungsprojekte in Israel leitet.
Wir gehen nach draußen in die Sonne und Anna zeigt auf einen großen blauen Blumentopf, der total beschädigt neben dem Eingang steht. „Der Topf ist zerbrochen, als die Granate in der Nähe einschlug und die Splitter überall landeten. Ich sehe ihn jeden Tag, wenn ich nach Hause komme. Auch der Golden Retriever wurde getroffen, weil er meinem Mann überall hin gefolgt ist.“ Der Hund hat überlebt. Jimi nicht.
Ich schaue über die hügelige Landschaft voller Grüntöne und sehe in der Ferne Gaza City. Dann schaue ich zurück zu Anna, die mit dem Hund spielt.

 

Eine Bushaltestelle mit Raketenschutzraum - Alltag in Südisrael

Eine Bushaltestelle mit Raketenschutzraum – Alltag in Südisrael

 

Kurze Zeit später treffe ich auf Yankale, der auch in Kfar Aza mit seiner Familie lebt. Seine Enkelin wurde bei einem Raketenangriff um Haaresbreite getötet. Die Rakete fiel in ihr Zimmer, doch wie ein Wunder überlebte Shir. Yankale ist eine wichtige Person nicht nur für den Kibbuz, sondern für die gesamte Umgebung. Er hat einen Zoo für therapeutische Behandlungen traumatisierter Kinder. Letztes Jahr musste er sein Therapiezentrum schließen, weil das Gebäude zu unsicher war. Die Tiere wurden notdürftig woanders untergebracht und Yankale versucht nach allen Kräften, seine Arbeit weiterzumachen. Er legt mir einen großen Python um den Hals und wendet sich dann einer Schar Kinder zu, die ihn umringen. Ein Mädchen möchte einen Hasen streicheln, ein anderes Kind will den orangenen Papagei auf die Hand nehmen. In der Ecke steht ein Junge und traut sich nicht, näher zu kommen, weil er Angst vor der Schlange hat. Der Python um meinen Hals ist total gleichgültig, wahrscheinlich hat er sich an die vielen Kinderhände gewöhnt, die ihn dauernd betatschen. Yankale kann extrem gut mit Kindern umgehen, ich weiß nicht, wie er es schafft, aber am Ende will der ängstliche Junge den Python gar nicht mehr loslassen.
Das Engagement dieses Mannes ist unbezahlbar. Er schenkt den Kindern ein Lachen und lässt sie vergessen, was sie durchmachen müssen. Wenn „Zeva Adom“ ertönt, haben die Menschen 15 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Erst am Abend zuvor gab es wieder Raketenalarm. Diesmal war es ein falscher Alarm, aber das wussten die Menschen natürlich in diesem Moment nicht. In Deutschland kann man sich das nicht vorstellen. Eine deutsche Mutter kennt das Gefühl nicht, das eine israelische Mutter hat, wenn sie ihre Kinder in den Kindergarten oder in die Schule schickt. Es gibt keine Routine im Krieg. Die Panik bleibt immer dieselbe, wenn der Raketenalarm ertönt. Kinder im Alter von sieben Jahren sind im Süden Israels oft Bettnässer und leiden an schlimmen Schlafstörungen. Yankales Enkelin war Augenzeugin, als der Nachbar bei einem Raketenangriff ums Leben kam. Wie viel kann eine Kinderseele ertragen?

 

„Warum lebt ihr hier im Süden?“, frage ich Alfredo und Diana, die in Mefalsim leben. „Als wir aus Argentinien nach Israel eingewandert sind, lebten wir zunächst in Ra’anana im Zentrum des Landes, aber wir wollten aufs Land ziehen. Wir hatten genug von Buenos Aires und wollten nicht mehr in einer Stadt wohnen. Damals war es im Norden Israels sehr unruhig, also zogen wir in den Süden. Jetzt leben wir hier seit etwas mehr als 10 Jahren und die Lage hat sich dramatisch verschlechtert. Aber wegziehen können wir nicht einfach so. Unsere gesamte Familie ist mit uns hierher gekommen und der Konflikt ist zudem nicht konstant an einem Ort, es ist ein Auf und Ab, manchmal ist es an einem Ort ruhiger, dann wieder an einem anderen. Wir können nicht unser Leben alle fünf Jahre aufgeben und woanders hinziehen.“
Alfredo saß im Auto, als eine Rakete neben ihm einschlug. Eine andere Rakete traf das Café der Familie im Kibbuz. Alfredo erzählt mir, dass er wochenlang nicht mehr aus dem Haus gegangen ist, nachdem das passiert ist. Er wollte auch seine Kinder nicht mehr zur Schule schicken, die gesamte Familie war völlig paralysiert. „Ich dachte immer, dass man diesen Konflikt mit Dialogen lösen kann.“ Nachdem die Rakete neben seinem Auto einschlug, hat er diese Hoffnung aufgegeben. „Wenn es morgens auf meinem Weg in die Arbeit Raketenalarm gibt, finde ich oft Zuflucht bei Familien, die in dieser Situation ihre Haustüren öffnen und den Fremden Zuflucht gewähren. Dann sehe ich ihre Kinder, die schreiend in der Ecke kauern. Ich sehe Tag für Tag, was dieser Konflikt mit unseren Kindern macht.“ Die Familie zeigt uns ein Video, das Vater und Sohn gemeinsam gemacht haben. Darin erzählt Alfredo (mit englischer Übersetzung) davon wie es ist, neben Gaza zu leben. „Wir sind voller Träume und Hoffnung nach Israel gekommen. Es war nicht einfach. Und hier sind wir jetzt und versuchen, alle Schwierigkeiten zu meistern.“

 

 

Hintergrund: Wie es zu den Treffen kam.
Mein Mann, ein israelischer Fotograf, wurde von der amerikanischen Organisation Adopt a Family kontaktiert und gefragt, ob er Bilder von betroffenen Familien im Süden Israels machen könnte. Er sagte sofort zu und so fuhren wir zusammen eines Samstags dorthin. Die Treffen waren nicht als Interviews geplant, mein Mann sollte einfach Fotos der Menschen machen und ihre Lebenssituation mit Bildern dokumentieren. Wir rechneten beide nicht damit, dass die Familien ein so großes Bedürfnis haben würden, uns ihre Geschichte zu erzählen. Ich erkannte, dass ihnen zu wenig Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit dem Konflikt und den Folgen geschenkt wird. Diese Menschen möchten nicht still und leise trauern, sie wollen gehört werden. Die Welt soll sehen, dass es fernab der grauenvollen Fotos getöteter Kinder aus Gaza eine Realität gibt, die der breiten Öffentlichkeit vollkommen verborgen bleibt. Eine Vermarktung der Bilder von Getöteten zu politischen Propagandazwecken lässt sich mit ehrlicher tiefer Trauer absolut nicht vereinbaren.
Leider führt das einseitige Fotografieren und Filmen von Toten und Schwerverletzten mit Mobiltelefonen auf palästinensischer Seite dazu, dass die Weltöffentlichkeit keine emotionale Verbindung zu dem Leid auf der anderen, der israelischen Seite herstellt. Wir können den Tod eines fremden Menschen nicht als persönlichen Schmerz begreifen, weil uns jeglicher Bezug zu dem abstrakten Begriff „Tod“ fehlt. Erst durch Bilder verlieren wir diese Distanz, teilweise sogar so sehr, dass wir gar nicht mehr hinterfragen, wer ein Interesse daran hat, Tote im Internet zu präsentieren und in welchem Zusammenhang die Bilder überhaupt entstanden sind.

 

 

Ich widme diesen Artikel Jimi, über den ich viel erfahren habe und dessen Präsenz auch Jahre nach seinem Tod in den Räumen des Hauses im Kibbuz Kfar Aza stark spürbar war, als ich mich dort mit seiner Frau Anna unterhielt. Der Schmerz seiner Familie soll nicht verschwiegen und vergessen werden.

 

Jimi bei einem seiner Gleitschirmflüge

Jimi bei einem seiner Gleitschirmflüge