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15. Internationales Dokumentarfilm – Festival, Tel Aviv

Am morgigen Samstag geht in Tel Aviv das 15. internationale Dokumentarfilmfestival „DocAviv“ zu Ende. Es sind zehn spannende Tage, an denen im Herzen Tel Avivs an mehreren Orten Dokumentarkino präsentiert wird. Die Filme sind vielschichtig und bunt wie auch ihr Publikum. Die Themen der diesjährigen Filme reichen von tragischen Familiengeschichten über politische Konflikte bis hin zu Musik und Freundschaften zwischen ganz unterschiedlichen Menschen.

Zwar wurden die hier gezeigten Filme nicht alle mit Starbesetzung und Millionenbudget produziert, aber sie sind deswegen nicht minder faszinierend und interessant. Einige der gezeigten Filme sind mehrfach ausgezeichnet und auch das israelische Publikum sowie eine Jury wählen ihre Favoriten unter den vorgestellten Filmen.

DocAviv 2013

Der große Andrang zu den Filmvorstellungen und Workshops reflektiert das starke Interesse der Israelis an einer kulturellen Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Themen, im Mittelpunkt der Filme steht immer wieder die Frage nach Zivilcourage und dem Mut, neue Lebenswege zu wählen.

Spannend finde ich, dass insbesonders auch die Filme mit Bezug zum Iran beim israelischen Publikum sehr gut ankamen. Einer von ihnen ist der Film über die Sängerin Rita Yahan Farouz, eine im Iran geborene Sängerin, die im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie nach Israel einwanderte. Sie ist die bekannteste israelische Sängerin und sie veröffentlichte nicht nur Alben in hebräischer Sprache, sondern auch in Persisch. Der Film erzählt ihre Geschichte und die Zerissenheit, die sie mit all jenen Israelis teilt, die heute nicht mehr in ihr Heimatland Iran einreisen können. Als Rita nach New York eingeladen wird, um bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen aufzutreten, erlebt sie eine große Überraschung. Auch ihre iranische Fangemeinde bejubelt sie und beweist damit, dass es zwischen Israel und Iran nicht nur einen von extremen Spannungen geladenen Konflikt gibt, sondern eben auch ein gegenseitiges kulturelles Interesse und eine gemeinsame Liebe für Musik, die stärker sind als religiös und politisch motivierter Hass.

Das diesjährige Dokumentarfilmfestival klingt langsam aus und man freut sich schon jetzt auf kommendes Jahr, wenn wieder viele beeindruckende Filme in Tel Aviv auf dem DocAviv präsentiert werden.

Weitere Informationen zum Festival und zu den einzelnen Dokumentationen gibt es auf der Seite des DocAviv:
http://www.docaviv.co.il/

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Die Charta der Mondrechte

Ron Leshem zählt zu meinen Lieblingsautoren. Er hat erst zwei Romane veröffentlicht, aber beide sind so temporeich und spannend, dass ich sie bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen konnte. Ron Leshem ist auch der Grund, warum ich heute in Israel lebe, aber das ist eine andere Geschichte…

Ron Leshem - Copyright Noam Yosef

Vor zweieinhalb Jahren lernte ich Ron persönlich kennen. Er ist ein extrem belesener Mann, von dessen stiller Art man sich nicht täuschen lassen sollte. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt, über Europa, Politik, Literatur und auch über seine Bücher. Ich hatte kurz zuvor sein erstes Buch „Im Yesh Gan Eden“ ausgelesen, das in Deutschland unter dem Titel „Wenn es ein Paradies gibt“ erschienen ist. Dieser Roman schaffte es auf Anhieb in die Bestsellerlisten weltweit und er beschäftigte und wühlte mich sehr auf. Es war außerdem das erste Buch, das ich auf Hebräisch las. Ich dachte zunächst, Ron habe darin seine eigene Geschichte erzählt, jedoch fand ich heraus, dass er sehr gut recherchiert hatte und das Buch keineswegs seine persönlichen Erfahrungen widerspiegelte.

Sein zweites Buch hat auf Hebräisch den fantasievollen Namen „Megilat Zchujot HaJareach“, was wörtlich übersetzt „Die Charta der Mondrechte“ bedeutet. In Deutschland ist das Buch allerdings unter dem Titel „Der geheime Basar“ erschienen. Mir persönlich gefällt der Originaltitel besser. Das erinnert mich daran, dass Ron Leshem bei unserem Treffen zu mir sagte, sein erstes Buch sei in Italien unter einem Titel erschienen, den er persönlich absolut nicht geistreich fand: Anstelle von „Wenn es ein Paradies gibt“ heißt das Buch in Italien „Die dreizehn Soldaten“. Aber das nur am Rande.

„Der geheime Basar“, das ist der Basar der verbotenen Dinge in Teheran. Ein Schwarzmarkt für Drogen, Schweinefleisch und Bücher. Ausgerechnet die Tochter eines Ministers führt Kami, den Maschinenbaustudenten, dorthin. Die schöne Nilufar, die er während des Studiums kennengelernt hat, wird seine „Prinzessin der Freiheit“. Nilufar mit ihrem unerhörten Traum, Rennfahrerin zu werden, mischt Kamis Leben gründlich auf und auch seine liebenswert schrullige Tante Zahra und deren Nachbarn, Frau Safureh und Babak, werden zu Verbündeten bei der Suche nach Möglichkeiten, die Regeln der Diktatur zu umgehen. Kami, der bei Zahra für die Dauer seines Studiums wohnt, erfährt nach und nach, was im Leben seiner Tante passiert ist und schaut damit in den Spiegel der Geschichte des iranischen Volkes. Doch nicht nur die Vergangenheit liegt wie ein Schatten über Allem. Kami verwechselt das zügellose Leben im Untergrund zunehmens mit der Realität in dem totalitären Regime und erwacht eines Tages in einem Alptraum.

Ich habe mich während der Lektüre oft gefragt, wie Ron Leshem es angestellt hat, ein derart detailliertes Bild der Stadt Teheran zu zeichnen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Er beschreibt nicht nur jeden Winkel so, als kenne er ihn seit frühester Kindheit, sondern fängt auch das Lebensgefühl in einer Weise ein, dass der Leser es spüren und sogar atmen kann. Ron erzählt im Epilog, dass er iranische Filme anschaute, etliche Bücher über das Land las, persische Musik hörte und Karten studierte. Zudem knüpfte er über Facebook Kontakte zu jungen Iranern, aus dem Wunsch heraus, dieses Volk kennenzulernen und sich mit den Menschen und ihren Ansichten auseinanderzusetzen.

Es ist das, was mich an Ron so unglaublich fasziniert – er nähert sich dem Fremden so stark, dass er damit zu verschmelzen scheint.

„Einen Monat nach Beendigung des Buches kamen die Wahlen im Iran. Die Untergrundstadt erzitterte, schwappte für einen Augenblick an die Oberfläche. Ich schrieb meinen Freunden dort: Riskiert nichts. Doch sie waren stark genug, anders zu denken.
Ich schrieb über sie und dachte an mich selbst hier.“

der-geheime-basar


Ich bin aus tiefstem Herzen Iranerin – und Israelin

Manchmal stolpert man über Bücher und findet darin eine Geschichte die so weit reicht, dass man wieder und immer wieder darüber nachdenkt. Das Buch, die Geschichte, die ich gefunden habe, beginnt im Iran.
Der Iran und die persische Gesellschaft unterscheiden sich fundamental von arabischen Ländern. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass der Iran kein arabisches Land ist. Dass die Menschen dort Persisch sprechen und nicht Arabisch. Viele wissen nicht, dass der Iran einst eine Demokratie war. Ausgerechnet in Israel treffe ich auf eine Frau, die mit ihrem Engagement und ihrer Arbeit das öffentliche Bewusstsein für den Iran und seine Gesellschaft schärfen möchte. Sie trägt den wunderschönen persischen Namen Mozhgan und hat jenes Buch übersetzt, das mir zufällig in die Hände fiel. Orly ist ihr israelischer Name, Orly Noy. Eine Frau mit einem persischen und einem israelischen Namen? Die persische Prosa ins Hebräische übersetzt? Das faszinierte mich so sehr, dass ich Orly ausfindig machte und ansprach. Wir führten ein langes Gespräch und ich war hingerissen von ihrer Ausstrahlung und ihrer Liebe zu beiden Ländern.

Orly Noy

Saskia: Orly, du bist im Iran geboren und in Israel aufgewachsen. Wie war deine Kindheit?

Orly: Ich glaube, je älter man wird, desto schöner und süßer werden die Erinnerungen an die Kindheit. Ich wuchs in Teheran in den 70er Jahren auf. Iran ist ein wunderschönes Land. Teheran ist als Großstadt vielleicht weniger idyllisch, aber es gibt Orte im Iran, die sind unbeschreiblich schön. Meine Kindheit war unbeschwert und glücklich. Wir lebten als Juden nicht in einem jüdischen Viertel in Teheran, sondern unter Muslimen. Ich besuchte eine jüdische Schule, aber mein Freundeskreis war bunt gemischt. Spannungen oder Probleme gab es wegen unserer unterschiedlichen Religionen nie, obwohl ich sehr stark im Judentum verwurzelt war.

Saskia: Trotzdem seid ihr fortgegangen, nach Israel. Warum?

Orly: Die Revolution brachte starke gesellschaftliche Umwälzungen mit sich. Meine Eltern entschieden zu gehen, als sie erkannten, dass die Bewegung nicht in eine säkulare Richtung ging sondern einen starken islamischen Einschlag bekam. Iran war für uns Juden kein sicherer Ort mehr und so emigrierte meine Familie nach Israel.

Saskia: Und plötzlich wart ihr in Israel in einer völlig anderen Welt. Wie war das am Anfang für dich und deine Eltern?

Orly: Es war anfangs sehr schwer. Zum einen mussten wir Hebräisch lernen und meine Eltern eine Arbeit finden. Und zum anderen traten die kulturellen Unterschiede hinzu, die es uns nicht immer leicht machten, in der neuen Gesellschaft Fuß zu fassen. Ich erinnere mich daran, dass ich zum Beispiel von Israelis gefragt wurde, ob ich schon mal Autos und Aufzüge zuvor gesehen habe. Das war eine dermaßen lächerliche Frage! Der Iran, vor allem Teheran, war zur damaligen Zeit viel weiter entwickelt als Israel und ich musste mir dennoch solche Fragen anhören. Die Ignoranz der Menschen in Israel, das Unwissen war grenzenlos.

Saskia: Gab es Situationen, in denen du ausgegrenzt wurdest?

Orly: Es gab Momente, in denen ich meine Identität und meine Kultur verleugnete. In der Schule wurde ich von einem Lehrer gezwungen, mir einen hebräischen Namen zu suchen. Ich wählte Orly. Juden aus arabischen Ländern und dem Iran wurden als Teil der „Hinterwelt“ gesehen, aus Ländern kommend, in denen es keine Zivilisation und keine Bildung gibt. Auf systematische Weise wurde unsere arabische und persische Kultur ausradiert.

Saskia: Was genau meinst du mit arabischer und persischer Kultur? Juden leben doch auch in arabischen Ländern und im Iran die Bräuche und Traditionen des Judentums aus. In wie fern ist das anders als das Judentum in europäischen Ländern oder in Israel?

Orly: Mein Vater ging zweimal im Jahr in die Synagoge, an Yom Kippur und an Rosh HaShana. An Yom Kippur fasteten wir und an Pessach aßen wir Mazot, aber wir waren säkulare Juden, die nicht nach streng religiösen Regeln lebten. Als wir dann nach Israel zogen, war es mir beispielsweise peinlich, wenn meine Eltern iranische Musik hörten während meine Freunde zu Besuch bei uns waren. Ich verbot ihnen auch, vor meinen Freunden persisch zu sprechen, weil es mir unangenehm war und weil ich spürte, dass mein kultureller Hintergrund nicht anerkannt wurde. Dadurch entstand allerdings auch eine Kluft zwischen meinen Eltern und mir und meinem Bruder. Wir Kinder passten uns sehr schnell an das neue Umfeld und die neue Identität an, während es für meine Eltern deutlich schwieriger war.

Saskia: Sind deine Eltern in Israel geblieben? Wie leben sie heute?

Orly: Ja, sie sind nach wie vor in Israel und ziemliche Patrioten. Bei politischen Themen nehmen sie eine klare Position pro Israel ein. Dennoch haben sie eine sehr enge kulturelle Verbindung zum Iran und sie verfolgen genau, was dort politisch und gesellschaftlich passiert.

Saskia: Eine Frage, die ich mir sehr oft stelle, lautet: Wie leben eigentlich Juden im Iran?

Orly: Heute leben ungefährt 20.000 Juden im Iran. Sie üben ihre Religion frei aus, sind im Parlament vertreten und es gibt jüdische Schulen. Das Regime ist sehr antizionistisch, aber das Land, die Gesellschaft ist absolut nicht antisemitisch. Natürlich ist das soziale System muslimisch und die Regelungen gelten auch für Juden, was bedeutet, dass sie sich ihnen anpassen müssen, aber es gibt keine religiöse Verfolgung, so wie das bei den Christen oder Baha’i der Fall ist.

Saskia: Haben denn die iranischen und die israelischen Menschen auch Gemeinsamkeiten?

Orly: Ich glaube, es gibt zwei große Gemeinsamkeiten: beide Völker blicken auf eine sehr lange Geschichte zurück und kämpfen in der heutigen Realität mit vielen Hindernissen und Herausforderungen, die sie bewältigen müssen. Und zudem teilen wir denselben Sinn für Humor, der oft schwarz und zynisch, fast schon bitter ist.

Saskia: Weil du die heutigen Realitäten der beiden Länder und die Bewältigung von Problemen ansprichst… Wie siehst du die gesellschaftlichen Entwicklungen im Iran und in Israel?

Orly: Um ehrlich zu sein, ich habe mehr Hoffnung für den Iran als für Israel. Bevor man ein Problem anpacken und lösen kann, muss man erst einmal realisieren, dass ein Problem existiert. Die Iraner haben bei Weitem mehr Bewusstsein für ihre Situation als die israelische Öffentlichkeit. In Israel gibt es eklatante gesellschaftliche Probleme und Spannungen. Ich wünschte, die Israelis würden für ihre Rechte aufstehen und versuchen, ihr Land zu verändern.

Saskia: Kann man den Israelis wirklich den Vorwurf machen, dass sie schlafen? Was ist mit den riesigen Sozialprotesten, die im Sommer 2011 in ganz Israel stattfanden?

Orly: Du hast recht, es gab eine bemerkenswerte Protestwelle und anfangs dachte ich, jetzt kommt etwas ins Rollen! Letzten Endes war es jedoch eine Enttäuschung. Diese Proteste umfassten sehr viele Themengebiete, die teilweise gar nichts miteinander zu tun hatten, wodurch die vielen Forderungen unüberschaubar und unlösbar wurden. Meine Hauptkritik ist aber, dass die Proteste unpolitisch waren. Die Initiatoren gaben sich größte Mühe, die Proteste politisch neutral zu halten, aus Angst, den breiten Zuspruch zu verlieren, wenn sie konkrete politische Kritik üben würden. Letztlich hätte es aber genau das gebraucht: politische Proteste, die zu einer Umwälzung der Strukturen führen.

Saskia: Du hast dich für Israel in verschiedenster Weise engagiert. Als Mitglied in einer Frauenbewegung (Women for Peace), als Journalistin, als Radiomoderatorin. Und eines Tages hast du entschieden, Bücher vom Persischen ins Hebräische zu übersetzen. Das nötigt mir sehr viel Respekt ab. Nicht jeder übersetzt Bücher, wenn er von einem Land in ein anderes gezogen ist. Woher kam dein Wunsch, persische Prosa zu übersetzen?

Orly: Danke. Meine Entscheidung, persische Literatur zu übersetzen kam von dem Bedürfnis, eine Brücke zwischen den beiden Ländenr zu schaffen. Ich sehe in Israel eine erschütternde Unwissenheit gegenüber dem Iran und seiner Kultur. Die meisten Israelis wissen nichts über das Land, abgesehen von dem Namen Ahmadinejad, den sie ununterbrochen im Zusammenhang mit der Bedrohnung durch eine Atombombe hören. In dieser Atmosphäre der Angst ist es ein leichtes Spiel, die andere Seite zu enthumanisieren. Das finde ich äußerst verstörend. Einmal googlete ich auf Hebräisch „persische Literatur“ und musste entsetzt feststellen, dass dieser Begriff für Google Israel gar nicht existierte. Google fragte mich, ob ich vielleicht russische Literatur meinte. Mein iranischer Nationalstolz war dadurch verletzt, dass es keine moderne persische Literatur auf Hebräisch gab, zumal ich weiß, wie großartig die iranische Literatur ist.

uncle napoleon

Saskia: Wir unterhalten uns die ganze Zeit über den Iran und seinen kulturellen Reichtum, aber kannst du als Israelin überhaupt noch in dieses Land einreisen?

Orly: Ja, ich habe auch die iranische Staatsbürgerschaft und es ist mein großer Wunsch, in den Iran zurückzukehren. Ich möchte meinen Töchtern eines Tages dieses wunderschöne Land zeigen. Allerdings ist die Administration unter Ahmadinejad momentan unberechenbar und ich will kein Risiko eingehen. Irgendwann jedoch werde ich diese Reise machen…

Mahmoud Dowladabadi

Saskia: Das ist übrigens auch ein Punkt auf meiner Wunschliste, ich möchte den Iran unbedingt eines Tages bereisen. Eine letzte Frage, die uns zurück nach Israel führt. Du warst jahrelang Mitglied in der feministischen Bewegung „Coalition of Women for Peace“. Welche Rolle spielen Frauen im Friedensprozess in Nahost?

Orly: Die Erfahrungen, die ich während meiner Zeit bei „Women for Peace“ gemacht habe, waren sehr bedeutend und prägend für mich. Ich lernte viele Frauen mit einem sehr soliden feministischen Hintergrund kennen. Sie wiesen eine enorme Fähigkeit auf, die Zusammenhänge verschiedener Problematiken zu erkennen. „Women for Peace“ nimmt nicht nur an den lokalen Problemen Anteil, sondern sie verbünden sich mit den Frauen überall auf der Welt. Diese absolute und weltweite Solidarität unter den Frauen ist etwas Einzigartiges und Starkes.
Es gibt viele Formen der Unterdrückung, die Frauen besonders betreffen. Neben der wirtschaftlichen Unterdrückung sind Frauen vor allem Opfer der Brutalisierung in Kriegszeiten. Die israelischen Frauenaktivistinnen schaffen ein öffentliches Bewusstsein für die mit dem Konflikt verbundenen Missstände, indem sie stets präsent sind und wieder und wieder darüber aufklären und darauf aufmerksam machen. Ihr Wille und ihre Kraft, für Menschenrechte aufzustehen, ist unbeugsam. Und das, obwohl ihnen auch Abneigung entgegengebracht wird und sie für ihre Arbeit oftmals angefeindet werden. Ihr tiefer Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit ist stärker als der Hass.

Orly Noy lebt heute mit ihrem Mann und ihren Töchtern in Florida.
Sie hat zwei Bücher aus dem Persischen ins Hebräische übersetzt: „Der Colonel“ von Mahmoud Doulatabadi und „Mein Onkel Napoleon“ von Iraj Pezeshkzad. Während „Mein Onkel Napoleon“ ein humorvoller Roman über eine Großfamilie im Teheran der 40er Jahre ist, spielt „Der Colonel“ zur Zeit der islamischen Revolution und gibt einen tiefen Einblick in die tragische Geschichte des modernen Irans. Doulatabadis Buch wurde im Iran niemals veröffentlich.


Der Krieg in meinem Kopf

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich meine Gedanken in Worte fassen soll, weil sie meine sehr persönlichen Gefühle nach außen kehren.
Als ich noch in Deutschland lebte, machte es mich unendlich betroffen, Bilder aus Krisenregionen zu sehen und zu wissen, dass ich machtlos bin vor all dem Elend und der Gewalt. Ich war mir dessen so sehr bewusst, wie gut es mir auf meinem Sofa vor dem Fernseher ging, während sich im Irak oder im Sudan Katastrophen abspielten, dass ich mir oft schwor, mich mit meinen Möglichkeiten für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen.
Heute, einige Jahre später, lebe ich in Israel und ein neues Gefühl hat sich in mein Leben gedrängt. Ich hätte damals in Deutschland nie gedacht, dass ich so ein Gefühl eines Tages erleben würde und ich wünschte, ich hätte es nie kennengelernt.

Seitdem ich Hebräisch spreche und die israelischen Nachrichten und Zeitungen verstehe, seitdem habe ich begriffen, was es im Alltag bedeutet, ständig mit einem drohenden Krieg konfrontiert zu werden. Das Thema Iran, die Bomben der Hamas und Hisbollah, Raketen auf den Süden Israels, all das höre ich tagtäglich. Es geht nicht um das objektive Wissen, dass Israel bedroht ist oder dass dieser Konflikt hier existiert, denn das war mir natürlich klar, bevor ich hierher gezogen bin. Das Gefühl, das mich begleitet und das diesen Sommer immer stärker geworden ist, ist diffus, nur schwer zu beschreiben. Ich spüre es tief in der Magengrube; manchmal ist es ganz stark und manchmal gelingt es mir, es zu verdrängen. Das Gefühl beeinflusst meine Laune und meine Lebensfreude. Es gab Tage, da wachte ich am Morgen mit einer Art Klaustrophobie auf, irgendetwas schnürte mir die Kehle zu und ich hatte das Gefühl, nicht genügend Luft zu bekommen. Das passierte vor allem im August, als Israels Medien im Minutentakt neue Meldungen über einen möglichen Angriff auf den Iran veröffentlichten.
Ich weiß, dass dieses Thema auch viele Menschen im Ausland sehr berührt hat. Niemand wollte diesen Angriff, geschweige denn einen Krieg im Nahen Osten. Dennoch macht es einen großen Unterschied, ob man in Deutschland sitzt und sich einfach Weltfrieden wünscht, oder ob man in Nahost ist und sich persönlich die Frage stellt: „Werden Bomben auf unsere Häuser fallen? Ist der Raketenschutzraum in unserem Gebäude wirklich ein sicherer Zufluchtsort?“ Ich habe mir sogar die idiotische Frage gestellt, ob ich Zeit haben würde, meine Geige zu packen und damit um mein Leben zu rennen.
Die Fragen, die mir diesen Sommer durch den Kopf schwirrten waren eigentlich alle sehr schräg und irreal. Da in Syrien ein Arsenal an Chemiewaffen lagert, fragte ich mich beispielsweise auch, ob ich immer mit einer Gasmaske in der Handtasche aus dem Haus gehen sollte, falls es zu einem Krieg mit dem Iran kommen würde. Wer weiß schon, welche radikalen Gruppierungen in einem solchen Fall mitmischen könnten. All diese Fragen trug ich wochenlang mit mir herum. Ich wollte meinen Mann nicht darauf ansprechen, weil das Thema Iran und die Atombombe eine Belastung für uns alle war und wir wenigstens zu Hause in unseren vier Wänden unseren kleinen Frieden brauchten. Eines Abends fragte ich dann doch. Mein Mann schaute mich an und sagte mir, dass er ganz ehrlich keine Antwort darauf habe. „Denkst du, wir Israelis wissen das? Wir stellen uns doch dieselben Fragen.“
Die reale Bedrohung durch eine Atombombe in den Händen eines absoluten Fanatikers hat eine Dimension, die man mit dem Wort „Angst“ nicht zum Ausdruck bringen kann.

Der Sommer verstrich und der befürchtete Angriff auf den Iran vor den US-Wahlen blieb aus. Für mich war das ein kurzer Moment der Erleichterung. Das Thema Krieg war fürs Erste wieder vom Tisch. Die Wirtschaftssanktionen gegen den Iran griffen und zeigten Erfolge. Es tat mir leid für die iranische Bevölkerung, weil ich aufrichtig daran glaube, dass viele Iraner nichts mit ihrer kranken Regierung zu tun haben wollen und selbst Opfer dieser sinnlosen Aggression werden. Sie sind nun die Leidtragenden, die Bevölkerung, die sich ihre fanatischen Oberhäupter nicht ausgesucht hat. Dennoch war ich froh, dass die Schrauben fester gedreht wurden und das Land wirtschaftlich zusammenbrach. Es war eine kleine Hoffnung, dass das Atomprogramm dadurch irgendwie zum Erliegen kommen könnte. Meine naive Hoffnung.

Jetzt ist es Mitte November. Ein Krieg zwischen Israel und dem Gazastreifen ist ausgebrochen. In den internationalen Medien wird das Wort Krieg nicht benutzt. Ich lese Wörter wie „Auseinandersetzungen“, „Kämpfe“ oder „Gazakonflikt“. Unsere Wohnung liegt bei Tel Aviv, ich fühle mich hier sicher. Die Raketen, die auf Tel Aviv abgeschossen wurden, beunruhigen mich nicht allzu sehr, da ich die Relationen sehe: im Süden des Landes schlafen die Menschen seit Wochen nur noch in Luftschutzbunkern. Ständig heulen Sirenen und man hört die Worte „Zeva Adom“ durch die Straßen hallen. Zeva ist das hebräische Wort für Farbe und adom heißt rot. Das ist das Warnsignal, mit dem Raketen angekündigt werden. Rot für Blut? Ich denke an die vielen Kinder, die in Panik ausbrechen und schreien. 15 Sekunden haben die Menschen im Süden Israels, um einen sicheren Ort zu erreichen, bevor die Raketen einschlagen. 15 Sekunden sind nichts, wenn man gerade unter der Dusche steht.
Als in Tel Aviv zwei Raketen am Donnerstag abend einschlugen, hörte ich diesen tiefen dumpfen Knall durchs geschlossene Fenster so laut, dass ich Herzrasen bekam. Wie halten die Menschen im Süden das bloß aus, Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute?

Ich bin alleine zu Hause. Mein Mann ist irgendwo im Norden an der Grenze zum Libanon stationiert. Wir telefonieren so oft es geht, aber es geht eigentlich kaum. Wenn er im Einsatz ist, darf er sein Telefon nicht bei sich tragen, weil Mobiltelefone geortet werden können und damit ein Sicherheitsrisiko darstellen. Das Leben geht irgendwie seinen Lauf, tagsüber bin ich in der Arbeit, abends kaufe ich ein und koche. Im Büro versuchen wir, professionell zu sein, doch die Anspannung ist so stark, dass wir ständig Nachrichtenseiten aufrufen und Radio hören.
Als ich gestern abend im Fernsehen von der Entscheidung der Regierung erfuhr, dass bis zu 75.000 Reservisten für einen Einsatz in Gaza bereitgestellt werden sollen, verkrampfte sich mein Magen. Unter diesen 75.000 Soldaten könnte mein Mann sein. Sollten sie ihn anrufen, werde ich keine einzige ruhige Sekunde mehr haben. Den gesamten Sommer verbrachte ich bereits mit Anfällen von Angst um ihn. Vielleicht ist meine Angst unbegründet, vielleicht wird niemand ihn zum Kämpfen aufrufen. Aber diese Angst sitzt mir im Nacken, seit Wochen und Monaten. Die Angst, dass der Mensch, den ich über alles liebe, in einen Krieg hineingezogen wird, der so sinnlos ist wie all der Hass und die Gewalt.

Wenn Außenstehende mir sagen, dass Israel Schuld hat an dem Konflikt, dass die Palästinenser unterdrückt sind und um ihre Freiheit und Rechte kämpfen, dann stehe ich oft ohne Worte da. Ohne Worte deshalb, weil der Konflikt nicht schwarzweiß ist und es mich immer wieder fassungslos macht, wie leicht Menschen sich dazu verleiten lassen, ein Land und seine Bevölkerung zu verachten. Im Internet findet man viele Bilder von toten oder schwer verletzten Kindern, dazu Bildunterschriften die sagen, dass die Kinder Opfer der israelischen Armee geworden sind. Ich verstehe, dass diese Bilder Wut auslösen. Aber was ich nicht verstehe ist, warum niemand die Glaubwürdigkeit der Bilder auch nur in Frage stellt. Natürlich gibt es Verletzte und Tote in diesem Konflikt und ich hasse es genauso wie jeder andere es hasst, dem das Leben und die Menschenwürde etwas bedeuten. Viele dieser Bilder sind jedoch in anderen Ländern enstanden und sie zeigen weder palästinensische Kinder noch die Folgen eines israelischen Luftangriffs. Das ist belegbar, da etliche der Bilder bereits vor Monaten in völlig anderen Zusammenhängen, so zum Beispiel mit den Kämpfen in Syrien, von Hilfsorganisationen veröffentlicht wurden. Das Problem daran ist die Form der Berichterstattung und infolgedessen der Hass, der in der Welt damit geschürt wird. Es hilft uns nicht weiter, denn auch die Israelis haben Tote zu beklagen und auch unsere Toten sind keinen schönen Tod gestorben. Ich kann es kaum ertragen, wie auf Facebook und in sonstigen Foren die Menschenleben gegeneinander aufgewogen werden, so als ob ein Mensch wichtiger wäre als ein anderer. Das Bild eines toten Kindes sollte niemals dazu missbraucht werden, um in der Öffentlichkeit Propaganda zu machen. Es führt nicht zu Gerechtigkeit, kann gar nicht zu Gerechtigkeit führen. Diese extremen Emotionen bei Diskussionen über den Nahost-Konflikt sind womöglich auch einer der Gründe, warum viele Leute Fehlvorstellungen von dem Leben der Menschen in Israel haben. Sie glauben, dass Hass und gegenseitige Ablehnung unseren Alltag bestimmen.

Ich kenne etliche Orte in Israel, an denen Muslime mit Juden zusammen an einem Tisch zu Mittag essen. Arabische Ärzte, die in Israel ihre Praxen haben und von den Leuten hier ohne Vorurteile aufgesucht werden. Arabisch ist neben Hebräisch die offizielle Amtssprache. Wir leben hier zusammen auf diesem Landstrich. Das ist das Land, das wir haben. Es geht nicht um Schuld auf der einen Seite und Unschuld auf der anderen.

Die Menschen auf der Welt denken, dass es hier Frieden gäbe, wenn Israel seine Waffen niederlegen würde. Es klingt alles so einfach. Hände schütteln, Vetrag unterschreiben. Frieden. Dabei schaffen es viele Deutsche nicht einmal, ihren Kleinkrieg mit dem Nachbarn durch ein Händeschütteln zu beenden.

Im Augenblick weiß niemand, wie sich die Situation in Gaza weiterentwickeln wird. Der Medienlärm ist ohrenbetäubend. Das Heulen der Sirenen auch. In Deutschland hätte ich all das im Fernsehen und in den Zeitungen aus sicherem Abstand mitverfolgt. Ich lebe aber in Israel und ich weiß, dass es für die Menschen im Nahen Osten keine Sicherheit gibt, ganz egal auf welcher Seite sie stehen. Werden die kommenden Wochen zu einem Höllentrip? Die diffuse Angst, die ich bereits seit Monaten in meinem Kopf herumtrage, hat Konturen bekommen.


Ein Jahr später

Ich stehe auf der Straße, die vor einem Jahr voller Zelte war. Jetzt ist der Rothschild Boulevard leer und nichts erinnert mehr an die Sozialproteste, die hier letzten Sommer stattfanden. Es waren damals so viele Menschen auf der Straße, dass ich an eine gesellschaftliche Umwälzung wirklich glauben konnte.
Auf meinem Spaziergang durch die Allee komme ich an etlichen neuen Bauprojekten vorbei, Prestigeobjekte für Unternehmen und wohlhabende Privatleute. Studenten werden dort jedenfalls nicht leben, genauso wenig wie Familien aus der Mittelschicht.

Als ich vor einem Jahr zu den Protesten ging und die Zeltstädte besuchte, fiel mir auf, wie stark nicht nur über Mietpreise und Lebenshaltungskosten diskutiert wurde, sondern auch über den Friedensprozess. Insgesamt forderten die Demonstranten eine Änderung der politischen Orientierung des Landes. Tel Aviv war voller Menschen, die abends auf den Straßen zusammen musizierten und füreinander kochten. In dieser Stimmung der gegenseitigen Unterstützung und Achtung schwang etwas ganz Einzigartiges mit.

So plötzlich, wie die Zeltstadt auf dem Rothschild Boulevard gewachsen ist, verschwand sie jedoch am Ende des Sommers wieder. Ein paar Demonstranten verweigerten sich dem Zeltabbau und wollten weitermachen, aber ihre Zelte wurden schließlich auch entfernt. Ein Jahr später hebt die Regierung die Mehrwertsteuer an, die Mietpreise sind dieselben und ein Blick in die Regale der Supermärkte verrät, dass Grundnahrungsmittel nicht wirklich billiger geworden sind. Es gab diesen Sommer einige Demonstrationen, die jedoch nicht annähernd die Größe erreicht haben, die sie letztes Jahr hatten. Stattdessen liegt ein Schatten über allem, der Debatten über soziale Reformen momentan irgendwie unwichtig erscheinen läßt. Die Bedrohung durch das iranische Atomprogramm und ein möglicher Krieg nehmen die Titelseiten aller Zeitungen ein und lassen andere Probleme völlig in den Hintergrund rücken…

photos by Saskia