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Israelischer Adventskalender – Tag 1

Mit einer Beinaheverspätung öffnet sich hier das erste Kalendertürchen:

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Von wo der Fisch pinkelt

Vergangene Woche hatte ich eine Diskussion mit meiner Krankenversicherung. Mein Mann saß auf dem Sofa, trank genüsslich seinen Kaffee und las einen Roman. Plötzlich sah er von seinem Buch auf und blickte mich erstaunt an, während ich, das Telefon zwischen Kinn und Schulter geklemmt, mit beiden Armen wild herumfuchtelte. Ich schimpfte ins Telefon und nach etlichen Minuten Hick-Hack hatte ich endlich erreicht, was ich wollte.

Als ich auflegte, pfiff mein Mann durch die Zähne und sagte anschließend zu mir: “Na denen hast du aber gezeigt, von wo der Fisch pinkelt.”

Cyprus

Ich schaute ihn verdutzt an und bat ihn, das nochmal zu sagen. “Du hast denen gezeigt, von wo der Fisch pinkelt.”

Achso. Verstanden. Wo der Hammer hängt, eben.


Wie lernt man Hebräisch?

Israel empfängt Touristen mit offenen Armen und reichlich Gastfreundschaft. Die Menschen sind stets hilfsbereit, sei es wenn man nach dem Weg fragt oder nach einem guten Restaurant für ein schönes Abendessen. Mit Englisch kommt man in Israel als Tourist sehr weit, doch im Alltag ist es manchmal wirklich schwierig , wenn man sich ohne Hebräisch duchschlagen muss.

So ging es mir am Anfang in Israel: Ich stand im Supermarkt und versuchte krampfhaft, die Wörter auf der Inhaltsliste der Produkte zu verstehen, da ich als Vegetarier gerne wissen wollte, ob ich wirklich Gemüsebrühe in den Händen hielt oder eher die Variante der Hühnersuppe. Aber auch das Kühlregal mit den Käsesorten und Yoghurts war ein rotes Tuch für mich. Ich wollte mal einen Käsekuchen backen und suchte nach Quark. Selbstverständlich sind die Becher ausschließlich in Hebräisch beschriftet und sehen zu allem Unglück auch irgendwie alle gleich aus. Letztlich gab es dann einen Schokokuchen und ich fragte am nächsten Tag meine Arbeitskollegin, was man in Israel kauft, wenn man Käsekuchen backen möchte. Natürlich „Gvina lavana“, weißen Käse!
Achso. Natürlich.

Busfahren war nicht minder kompliziert. Einmal war ich mit einer Freundin zum Kino verabredet. Ich wohnte damals noch in Rishon LeZion und musste mit dem Bus irgendwie zu ihr nach Hause nach Tel Aviv kommen. Sie nannte mir den Namen der Bushaltestelle, an der ich aussteigen sollte. Ich nahm also den Bus nach Tel Aviv und fragte den Fahrer, wo diese Haltestelle ungefähr sei. Der Busfahrer antwortete mir auf Hebräisch, dass er kein Englisch spricht. Naja, dachte ich, kein Problem. Ich sprach den Mann neben mir im Bus an, ob er mal eben kurz für mich übersetzen könne. Der Mann schaute mich entschuldigend an und antwortete ebenfalls auf Hebräisch, dass er kein Englisch spricht. Nach weiteren Versuchen bei anderen Fahrgästen gab ich es dann auf. Ich hatte an diesem Tag kein Glück und fuhr also etwas orientierungslos durch Tel Aviv, ohne genau zu wissen, wo ich nun aussteigen sollte. Das Blöde ist ja, dass in Israel die Bushaltestellen keine Schilder in lateinischer Schrift haben. Mein Hebräisch reichte aber auch noch nicht aus, um in der kurzen Zeit schnell die hebräischen Schilder mit dem Namen der Bushaltestelle zu entziffern. Letztlich rief ich meine Freundin an und bat sie, mich von der Haltestelle abzuholen. Ich hielt nach ihr Ausschau und stieg dann aus, als ich sie sah.

Schnell wurde mir klar, ich musste Hebräisch lernen, und zwar besser heute als morgen. Es frustrierte mich, dass ich ständig auf die Dolmetscherhilfe von Fremden angewiesen war und hatte einen enormen Ehrgeiz, Hebräisch zu lernen. Doch wie lernt man eine Sprache, deren Worte man sich bereits deshalb kaum einprägen kann, weil sie in einem anderen Schriftsystem geschrieben werden?

Die beste Voraussetzung ist eine Schwiegermutter. Sie redet auf einen ein, ohne Punkt und Komma, stellt jede Menge Fragen und wartet ungeduldig auf Antworten. Wenn man sie dann mit einem Fragezeichenblick ansieht, wird sie irritiert ausrufen „Lama at lo medaberet ivrit?!“ – Warum sprichst du kein Hebräisch?!
Erklärungen, etwa, dass man erst seit einem Monat in Israel lebt, läßt eine Schwiegermutter nicht gelten. Sie ist ein Ansporn, so schnell wie möglich so viel wie möglich verstehen und antworten zu können, weil man sich dann auch endlich gegen all die blöden Fragen wehren kann, denen man permanent ausgesetzt ist (Wann bekommt ihr endlich ein Kind? Warum isst du so wenig, du hast ja erst einen Teller gegessen?! Warum willst du kein drittes Stück Kuchen? …)

Jedoch reicht eine Schwiegermutter nicht aus, um effizient die hebräische Grammatik zu erlernen. Dazu sollte man schon einen Ulpan besuchen, einen Hebräischkurs, der an Universitäten und Privatschulen angeboten wird. Ich besuchte den Ulpan der Universität von Tel Aviv. Man lernt dort das Alphabet, Hebräisch zu lesen und auch zu schreiben, falls man das nicht schon von den kleinen Enkelkindern der Schwiegermutter beigebracht bekommen hat. Anschließend erhält man einen Überblick über die Strukturen der Verben und über die Satzbildung. Außerdem geht man in der Pause in die Cafeteria, um seine neuen Vokabeln anzuwenden: „Hafuch benoni im sucar, bevakasha“ – einen mittelgroßen Cappuccino mit Zucker, bitte.

Hebräisch hat eine einfache Grammatik. Es gibt eine Gegenwartsform, eine Vergangenheitsform und eine Zukunft. Außerdem hat die Sprache kaum Unregelmäßigkeiten, die man auswendig lernen müsste. Die größte Schwierigkeit lag für mich persönlich darin, dass ich die Worte nicht visualisieren konnte, solange meine Kenntnisse der hebräischen Schrift noch nicht ausreichten. Es ist bis heute so, dass ich mir nicht immer sicher bin, ob ich ein Wort mit Alef oder Ain schreiben muss, da beide Vokale ziemlich gleich klingen. Dasselbe gilt für Kuf und Kaf, zwei Buchstaben, deren Aussprache häufig identisch ist.
In Hebräisch werden die Verben unterschiedlich konjugiert, je nachdem ob ein Mann oder eine Frau gemeint ist. Unterhalte ich mich mit einem Mann, passe ich alle ihn betreffenden Verben der männlichen Verbform an. Rede ich hingegen über mich selbst oder mit einer Frau, sind die Verben in der weiblichen Form. Das kann für Anfänger eine ziemliche Fallgrube sein. Man ist so sehr mit der korrekten Aussprache und dem Zurechtlegen von Sätzen beschäftigt, dass man versehentlich einen Mann fragt: „Ma shlomech?“ anstelle von „Ma shlomcha?“ – wie geht es dir? Ma shlomech ist für die Anrede von Frauen. Die entsetzten Blicke, die man für so einen Ausrutscher erntet, tragen sehr zum Lerneffekt bei…

Haggadah

Cockerel, c1460-c1475. Hebrew script in the shape of a strutting rooster. From the Ashkenazi Haggadah. Copied and illuminated by Joel Ben Simeon Feibusch, South Germany.

Das moderne Hebräisch ist eine Sprache, die im ausgehenden 19. Jahrhundert zu neuem Leben erweckt wurde. Im Grunde unterscheidet sie sich nicht vom „biblischen Hebräisch“, abgesehen davon, dass das Hebräisch der Thora nicht für moderne Alltagsgespräche taugt. Zumindest kommen Worte wie „Kino“ oder „Regenschirm“ nicht darin vor. Eliezer Ben-Yehuda erfand etliche Worte für den neuen Sprachgebrauch und war der erste Vorsitzende und Gründer des Hebrew Language Committee, das Wörterbücher und Zeitschriften zum Thema herausgab. Ich stelle mir das so vor, dass Eliezer Ben-Yehuda immer wieder Briefe bekam, in denen er darum gebeten wurde, neue Wörter für den modernen Alltag zu erfinden:
„Lieber Eliezer,
wie geht es dir und deiner Frau? Vielen Dank, dass du uns neulich wieder ein so schönes Wort geschenkt hast. Wir müssen dich nun leider erneut um Hilfe bitten. Wie sollen wir Eiscreme benennen? Es ist sehr dringend, da der Sommer bevorsteht. Bitte antworte uns schnell.
Mit den besten Grüßen,
Am Yisrael“

Eliezer Ben-Yehuda veröffentliche bald auch eine eigene Zeitung in hebräischer Sprache, die es den Menschen erleichtern sollten, Hebräisch zu lesen und die Sprache im Alltag anzuwenden. Ich finde es genial, wie er durch sein Engagement dieser uralten Sprache neues Leben eingehaucht hat. Er war ein herausragender Geist, dem wir verdanken, dass heute Hebräisch eine lebendige gesprochene Sprache ist.

Wenn man aus dem deutschsprachigen Raum kommt und in Israel lebt, fallen einem immer wieder deutsche Wörter mitten in Unterhaltungen auf. Der Einfluss der jiddischen Sprache ist allgegenwärtig. Mein Mann sagt zum Beispiel am Wochenende häufig, dass er eine Schlafstunde braucht. Er benutzt das deutsche Wort Schlafstunde und meint damit ein Nickerchen. Lustig wird es, wenn Leute über etwas fluchen und man mitten in einem hebräischen Satz das Wort „Dreck“ hört (die Bedeutung ist die Gleiche wie im Deutschen). „A bissele“ antwortet die Tante jedesmal, wenn ich ihr Wein anbiete. Und jemand, der ständig Pech hat, wird als Shlimazel bezeichnet, er steckt also ständig im Schlamassel. Es gibt viele dieser Wörter und sie bringen mich jedesmal zum Schmunzeln.

Nach einem Jahr in Israel war mein Hebräisch nach wie vor mittelmäßig. Es gab Bereiche, die ich mit meinem Vokabular abdecken konnte, aber Vieles eben noch nicht. Für die Käsetheke im Supermarkt reichte es, doch ich wollte mit meinem Mann richtig Hebräisch sprechen können, weil ich mich mit Englisch immer wie ein Außenseiter fühlte. Auf Parties waren wir die Einzigen, die nicht Hebräisch sprachen und ich fand das einfach doof.

Ich entschied mich für eine Privatlehrerin, die mir Einzelunterricht gab und mich genau an dem Punkt abholte, an dem ich sprachlich stand. Sie zwang mich dazu, Texte auf Hebräisch zu schreiben, Rezepte zu übersetzen, Bücher zu lesen, meinen Lebenslauf in Hebräisch zu verfassen, Lückentexte auszufüllen, Dialoge mit ihr zu führen und Vokabeln zu politischen Themen zu pauken. Außerdem musste ich anfangen, Zeitung zu lesen, weil ihre erste Frage in einer jeden Unterrichtsstunde stets lautete „Und, was ist diese Woche in Israel passiert?“
Meine Schwiegermutter und die Tanten haben den Unterschied auch bald bemerkt. Neben lobenden Kommentaren zu meinen Fortschritten kam auch bald die Erkenntnis, dass es besser ist, mich nie wieder zu fragen, ob ich als Vegetarierin nicht doch mal die Hackfleischbällchen probieren will. Was so ein deutlicher Satz auf Hebräisch alles ausmacht…


Ich bin aus tiefstem Herzen Iranerin – und Israelin

Manchmal stolpert man über Bücher und findet darin eine Geschichte die so weit reicht, dass man wieder und immer wieder darüber nachdenkt. Das Buch, die Geschichte, die ich gefunden habe, beginnt im Iran.
Der Iran und die persische Gesellschaft unterscheiden sich fundamental von arabischen Ländern. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass der Iran kein arabisches Land ist. Dass die Menschen dort Persisch sprechen und nicht Arabisch. Viele wissen nicht, dass der Iran einst eine Demokratie war. Ausgerechnet in Israel treffe ich auf eine Frau, die mit ihrem Engagement und ihrer Arbeit das öffentliche Bewusstsein für den Iran und seine Gesellschaft schärfen möchte. Sie trägt den wunderschönen persischen Namen Mozhgan und hat jenes Buch übersetzt, das mir zufällig in die Hände fiel. Orly ist ihr israelischer Name, Orly Noy. Eine Frau mit einem persischen und einem israelischen Namen? Die persische Prosa ins Hebräische übersetzt? Das faszinierte mich so sehr, dass ich Orly ausfindig machte und ansprach. Wir führten ein langes Gespräch und ich war hingerissen von ihrer Ausstrahlung und ihrer Liebe zu beiden Ländern.

Orly Noy

Saskia: Orly, du bist im Iran geboren und in Israel aufgewachsen. Wie war deine Kindheit?

Orly: Ich glaube, je älter man wird, desto schöner und süßer werden die Erinnerungen an die Kindheit. Ich wuchs in Teheran in den 70er Jahren auf. Iran ist ein wunderschönes Land. Teheran ist als Großstadt vielleicht weniger idyllisch, aber es gibt Orte im Iran, die sind unbeschreiblich schön. Meine Kindheit war unbeschwert und glücklich. Wir lebten als Juden nicht in einem jüdischen Viertel in Teheran, sondern unter Muslimen. Ich besuchte eine jüdische Schule, aber mein Freundeskreis war bunt gemischt. Spannungen oder Probleme gab es wegen unserer unterschiedlichen Religionen nie, obwohl ich sehr stark im Judentum verwurzelt war.

Saskia: Trotzdem seid ihr fortgegangen, nach Israel. Warum?

Orly: Die Revolution brachte starke gesellschaftliche Umwälzungen mit sich. Meine Eltern entschieden zu gehen, als sie erkannten, dass die Bewegung nicht in eine säkulare Richtung ging sondern einen starken islamischen Einschlag bekam. Iran war für uns Juden kein sicherer Ort mehr und so emigrierte meine Familie nach Israel.

Saskia: Und plötzlich wart ihr in Israel in einer völlig anderen Welt. Wie war das am Anfang für dich und deine Eltern?

Orly: Es war anfangs sehr schwer. Zum einen mussten wir Hebräisch lernen und meine Eltern eine Arbeit finden. Und zum anderen traten die kulturellen Unterschiede hinzu, die es uns nicht immer leicht machten, in der neuen Gesellschaft Fuß zu fassen. Ich erinnere mich daran, dass ich zum Beispiel von Israelis gefragt wurde, ob ich schon mal Autos und Aufzüge zuvor gesehen habe. Das war eine dermaßen lächerliche Frage! Der Iran, vor allem Teheran, war zur damaligen Zeit viel weiter entwickelt als Israel und ich musste mir dennoch solche Fragen anhören. Die Ignoranz der Menschen in Israel, das Unwissen war grenzenlos.

Saskia: Gab es Situationen, in denen du ausgegrenzt wurdest?

Orly: Es gab Momente, in denen ich meine Identität und meine Kultur verleugnete. In der Schule wurde ich von einem Lehrer gezwungen, mir einen hebräischen Namen zu suchen. Ich wählte Orly. Juden aus arabischen Ländern und dem Iran wurden als Teil der „Hinterwelt“ gesehen, aus Ländern kommend, in denen es keine Zivilisation und keine Bildung gibt. Auf systematische Weise wurde unsere arabische und persische Kultur ausradiert.

Saskia: Was genau meinst du mit arabischer und persischer Kultur? Juden leben doch auch in arabischen Ländern und im Iran die Bräuche und Traditionen des Judentums aus. In wie fern ist das anders als das Judentum in europäischen Ländern oder in Israel?

Orly: Mein Vater ging zweimal im Jahr in die Synagoge, an Yom Kippur und an Rosh HaShana. An Yom Kippur fasteten wir und an Pessach aßen wir Mazot, aber wir waren säkulare Juden, die nicht nach streng religiösen Regeln lebten. Als wir dann nach Israel zogen, war es mir beispielsweise peinlich, wenn meine Eltern iranische Musik hörten während meine Freunde zu Besuch bei uns waren. Ich verbot ihnen auch, vor meinen Freunden persisch zu sprechen, weil es mir unangenehm war und weil ich spürte, dass mein kultureller Hintergrund nicht anerkannt wurde. Dadurch entstand allerdings auch eine Kluft zwischen meinen Eltern und mir und meinem Bruder. Wir Kinder passten uns sehr schnell an das neue Umfeld und die neue Identität an, während es für meine Eltern deutlich schwieriger war.

Saskia: Sind deine Eltern in Israel geblieben? Wie leben sie heute?

Orly: Ja, sie sind nach wie vor in Israel und ziemliche Patrioten. Bei politischen Themen nehmen sie eine klare Position pro Israel ein. Dennoch haben sie eine sehr enge kulturelle Verbindung zum Iran und sie verfolgen genau, was dort politisch und gesellschaftlich passiert.

Saskia: Eine Frage, die ich mir sehr oft stelle, lautet: Wie leben eigentlich Juden im Iran?

Orly: Heute leben ungefährt 20.000 Juden im Iran. Sie üben ihre Religion frei aus, sind im Parlament vertreten und es gibt jüdische Schulen. Das Regime ist sehr antizionistisch, aber das Land, die Gesellschaft ist absolut nicht antisemitisch. Natürlich ist das soziale System muslimisch und die Regelungen gelten auch für Juden, was bedeutet, dass sie sich ihnen anpassen müssen, aber es gibt keine religiöse Verfolgung, so wie das bei den Christen oder Baha’i der Fall ist.

Saskia: Haben denn die iranischen und die israelischen Menschen auch Gemeinsamkeiten?

Orly: Ich glaube, es gibt zwei große Gemeinsamkeiten: beide Völker blicken auf eine sehr lange Geschichte zurück und kämpfen in der heutigen Realität mit vielen Hindernissen und Herausforderungen, die sie bewältigen müssen. Und zudem teilen wir denselben Sinn für Humor, der oft schwarz und zynisch, fast schon bitter ist.

Saskia: Weil du die heutigen Realitäten der beiden Länder und die Bewältigung von Problemen ansprichst… Wie siehst du die gesellschaftlichen Entwicklungen im Iran und in Israel?

Orly: Um ehrlich zu sein, ich habe mehr Hoffnung für den Iran als für Israel. Bevor man ein Problem anpacken und lösen kann, muss man erst einmal realisieren, dass ein Problem existiert. Die Iraner haben bei Weitem mehr Bewusstsein für ihre Situation als die israelische Öffentlichkeit. In Israel gibt es eklatante gesellschaftliche Probleme und Spannungen. Ich wünschte, die Israelis würden für ihre Rechte aufstehen und versuchen, ihr Land zu verändern.

Saskia: Kann man den Israelis wirklich den Vorwurf machen, dass sie schlafen? Was ist mit den riesigen Sozialprotesten, die im Sommer 2011 in ganz Israel stattfanden?

Orly: Du hast recht, es gab eine bemerkenswerte Protestwelle und anfangs dachte ich, jetzt kommt etwas ins Rollen! Letzten Endes war es jedoch eine Enttäuschung. Diese Proteste umfassten sehr viele Themengebiete, die teilweise gar nichts miteinander zu tun hatten, wodurch die vielen Forderungen unüberschaubar und unlösbar wurden. Meine Hauptkritik ist aber, dass die Proteste unpolitisch waren. Die Initiatoren gaben sich größte Mühe, die Proteste politisch neutral zu halten, aus Angst, den breiten Zuspruch zu verlieren, wenn sie konkrete politische Kritik üben würden. Letztlich hätte es aber genau das gebraucht: politische Proteste, die zu einer Umwälzung der Strukturen führen.

Saskia: Du hast dich für Israel in verschiedenster Weise engagiert. Als Mitglied in einer Frauenbewegung (Women for Peace), als Journalistin, als Radiomoderatorin. Und eines Tages hast du entschieden, Bücher vom Persischen ins Hebräische zu übersetzen. Das nötigt mir sehr viel Respekt ab. Nicht jeder übersetzt Bücher, wenn er von einem Land in ein anderes gezogen ist. Woher kam dein Wunsch, persische Prosa zu übersetzen?

Orly: Danke. Meine Entscheidung, persische Literatur zu übersetzen kam von dem Bedürfnis, eine Brücke zwischen den beiden Ländenr zu schaffen. Ich sehe in Israel eine erschütternde Unwissenheit gegenüber dem Iran und seiner Kultur. Die meisten Israelis wissen nichts über das Land, abgesehen von dem Namen Ahmadinejad, den sie ununterbrochen im Zusammenhang mit der Bedrohnung durch eine Atombombe hören. In dieser Atmosphäre der Angst ist es ein leichtes Spiel, die andere Seite zu enthumanisieren. Das finde ich äußerst verstörend. Einmal googlete ich auf Hebräisch „persische Literatur“ und musste entsetzt feststellen, dass dieser Begriff für Google Israel gar nicht existierte. Google fragte mich, ob ich vielleicht russische Literatur meinte. Mein iranischer Nationalstolz war dadurch verletzt, dass es keine moderne persische Literatur auf Hebräisch gab, zumal ich weiß, wie großartig die iranische Literatur ist.

uncle napoleon

Saskia: Wir unterhalten uns die ganze Zeit über den Iran und seinen kulturellen Reichtum, aber kannst du als Israelin überhaupt noch in dieses Land einreisen?

Orly: Ja, ich habe auch die iranische Staatsbürgerschaft und es ist mein großer Wunsch, in den Iran zurückzukehren. Ich möchte meinen Töchtern eines Tages dieses wunderschöne Land zeigen. Allerdings ist die Administration unter Ahmadinejad momentan unberechenbar und ich will kein Risiko eingehen. Irgendwann jedoch werde ich diese Reise machen…

Mahmoud Dowladabadi

Saskia: Das ist übrigens auch ein Punkt auf meiner Wunschliste, ich möchte den Iran unbedingt eines Tages bereisen. Eine letzte Frage, die uns zurück nach Israel führt. Du warst jahrelang Mitglied in der feministischen Bewegung „Coalition of Women for Peace“. Welche Rolle spielen Frauen im Friedensprozess in Nahost?

Orly: Die Erfahrungen, die ich während meiner Zeit bei „Women for Peace“ gemacht habe, waren sehr bedeutend und prägend für mich. Ich lernte viele Frauen mit einem sehr soliden feministischen Hintergrund kennen. Sie wiesen eine enorme Fähigkeit auf, die Zusammenhänge verschiedener Problematiken zu erkennen. „Women for Peace“ nimmt nicht nur an den lokalen Problemen Anteil, sondern sie verbünden sich mit den Frauen überall auf der Welt. Diese absolute und weltweite Solidarität unter den Frauen ist etwas Einzigartiges und Starkes.
Es gibt viele Formen der Unterdrückung, die Frauen besonders betreffen. Neben der wirtschaftlichen Unterdrückung sind Frauen vor allem Opfer der Brutalisierung in Kriegszeiten. Die israelischen Frauenaktivistinnen schaffen ein öffentliches Bewusstsein für die mit dem Konflikt verbundenen Missstände, indem sie stets präsent sind und wieder und wieder darüber aufklären und darauf aufmerksam machen. Ihr Wille und ihre Kraft, für Menschenrechte aufzustehen, ist unbeugsam. Und das, obwohl ihnen auch Abneigung entgegengebracht wird und sie für ihre Arbeit oftmals angefeindet werden. Ihr tiefer Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit ist stärker als der Hass.

Orly Noy lebt heute mit ihrem Mann und ihren Töchtern in Florida.
Sie hat zwei Bücher aus dem Persischen ins Hebräische übersetzt: „Der Colonel“ von Mahmoud Doulatabadi und „Mein Onkel Napoleon“ von Iraj Pezeshkzad. Während „Mein Onkel Napoleon“ ein humorvoller Roman über eine Großfamilie im Teheran der 40er Jahre ist, spielt „Der Colonel“ zur Zeit der islamischen Revolution und gibt einen tiefen Einblick in die tragische Geschichte des modernen Irans. Doulatabadis Buch wurde im Iran niemals veröffentlich.


Kreuz und quer durch die israelische Musikszene

Bevor ich nach Israel zog, kannte ich nur wenige israelische Musiker. Idan Raichel ist sicher einer der weltweit Bekanntesten unter ihnen. Daneben natürlich auch Arik Einstein und Shlomo Artzi. Dennoch, man hört sie im Ausland entweder bewusst oder gar nicht. Die deutschen Radiosender spielen natürlich keinen Arik Einstein und wenn man sich nicht für hebräische Songs interessiert und danach sucht, bleibt einem die hiesige Musikszene verschlossen. Vor Israel lebte ich in Rom in einer WG mit zwei Italienerinnen. Ich hörte oft Idan Raichel, vor allem wenn ich in der Küche stand und kochte. Meine Mitbewohnerinnen gesellten sich dann meist zu mir und fragten, welche Sprache da gesungen würde. Hebräisch gehört zu den Sprachen, die für viele Menschen anscheinend nicht zuordbar ist. Ich weiß nicht, was sie in Leuten auslöst, die es nicht verstehen. Ich habe mein ganzes Leben lang hebräische Musik gehört und deshalb war mir die Sprache immer schon vertraut, selbst bevor ich sie verstand. Wenn ich heute hebräische Songs höre, ist mir die Sprache so nah wie Deutsch. Das ist mir mit Italienisch nie so ergangen.

Idan Raichel und seine Band singen nicht nur auf Hebräisch, sondern auch auf Arabisch, Äthiopisch, Spanisch und Afrikanisch. In dieser Musik verbinden sich die Kulturen und Einflüsse zu etwas, das mehr ist als Musik. „Im telech“, ein Lied über Liebe, das Fortgehen und die Sehnsucht…

Shlomo Artzi ist einer der ganz Großen, nicht nur in Israel. Letztes Jahr gab er während der Sozialproteste ein Konzert mitten unter den Demonstranten, ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube es war ziemlich spontan. Seine Lieder sind poetisch und haben Tiefgang. Das folgende Lied heißt übersetzt „Der Mann, der“. Es wird immer wieder im Zusammenhang mit Gedenkveranstaltungen für Jitzchak Rabin aufgeführt und dürfte daher wohl bei den meisten Israelis diese Assoziation auslösen.

Das folgende Lied von Arik Einstein gilt als eines der schönsten israelischen Liebeslieder überhaupt. Die Musik ist typisch für die 70er Jahre, mit klassischen Instrumenten im Hintergrund und einem Chor. „Atur mitzchech“:

Din Din Aviv und Mosh Ben Ari sind zwei Sänger, deren Konzerte ständig ausverkauft sind. Sie haben das Duett „Cholemet“, „Ich träume“, zusammen aufgenommen und wäre mein iPod nicht in der Waschmaschine kaputt gegangen, würde ich es immer noch jeden Tag auf dem Weg in die Arbeit hören….

Die Musik von Aviv Geffen würde ich persönlich vorsichtig als morbid bezeichnen, aber dennoch ist sie wunderbar. Dur kommt in Geffens Repertoire selten vor, aber Moll ist manchmal ohnehin schöner…. „Ulai“ – „Vielleicht“

Yonatan Razel verbindet Tradition und klassische Musik mit Moderne. Seine Lieder haben meist religiöse oder sehr traditionelle Hintergründe. Yonatan Razel hat eine klassische Musikausbildung, was man seinen Kompositionen stark anhört, finde ich. Nigunim sind Lieder mit einer sehr repetitiven Melodie, deren Texte oftmals nur aus Lautmalereien bestehen:

Vor zwei Jahren brachte Avraham Tal sein Album „Orot“, „Lichter“, heraus. Der gleichnamige Titel wurde sofort populär und war fortan überall zu hören:

Ein Lied, das bei den Israelis ebenfalls sehr gut ankam und im Radio permanent lief, ist von Dudu Tassa. Der Sänger mit den irakischen Wurzeln spricht fließend Arabisch und sang dieses Lied mehrfach live, jedesmal ein großer Erfolg beim Publikum in Tel Aviv.
„Win Ya Galoub“ (fragt mich in ein paar Jahren, was es bedeutet und wovon das Lied handelt, bis dahin habe ich dann vielleicht Arabisch gelernt….)

Anm.: Sollte dieses Video nicht in Deutschland abrufbar sein, gibt es noch folgende Version:
http://www.youtube.com/watch?v=i29o5fnlKl4

Eines Tages erwischte mich mein Mann, wie ich dieses alte israelische Lied sang. Erstaunt fragte er mich, woher ich es kenne. Ich hatte es irgendwann einmal gehört und war davon so berührt, dass ich den Text lernte. Seitdem singe ich es oft und mein Mann wundert sich jedes Mal aufs Neue…
„Haihu Lailot“ von Esther Ofarim, „Es gab Nächte“:

Auf Hochzeiten und Familienfeiern hört man unvermeidbar die Schnulzen von Eyal Golan. Irgendwie klingen die Songs immer gleich, hat man einen gehört, kennt man sie alle. Eyal Golan ist ein regelmäßig wiederkehrendes Thema in der israelischen Klatschpresse und seine Lieder klingen ebenso dramatisch:

Obwohl ich Arik Einstein bereits weiter oben erwähnt habe, darf ein weiteres seiner Lieder absolut nicht in meiner Liste fehlen: „Uf gozal“, „flieg Küken“. Es ist ein Lied über den Abschied von den Kindern, die das Zuhause verlassen. Viele Eltern assoziieren es mit dem Beginn des Wehrdienstes, wenn die Kinder das erste Mal wirklich das Elternhaus für längere Zeit verlassen und beginnen, auf eigenen Beinen zu stehen.

Beri Sakharof’s „Klum ze lo stam“ ist ein nur schwer übersetzbarer Titel. „Nichts ist nicht einfach nichts“ vielleicht. Ein modernes Liebeslied, das gut zum Lebensgefühl in Tel Aviv passt:

Traurige Musik höre ich deutlich lieber als heitere. Wahrscheinlich ist auch deshalb „Lirot et HaOr“, „Das Licht sehen“, von Efrat Gosh eines der Lieder, die ich besonders mag. Es handelt vom Alleinesein, von Dunkelheit und der Sehnsucht, Licht zu sehen. Nichts für Menschen in einer depressiven Phase also.

Und zum Schluss noch ein ganz anderer Style: Skazi & Void mit dem tanzbaren Song „Shney olamot“ – „Zwei Welten“:

Es gibt so viele israelische Sängerinnen und Sänger und so viele phantastische Songs, dass diese Liste endlos weitergehen könnte… Ich mache an dieser Stelle Halt und hoffe, ihr hattet Spaß beim Reinhören und Kennenlernen der israelischen Musik.