Tag Archives: Hebräisch lernen

Jetzt aber mal Butter bei die Fische

Ich finde bei jedem Blick auf meine Blogstatistiken interessante Suchanfragen, die Besucher zu meiner Seite geführt haben. Neben Stichwörtern fische ich zum Teil ganze Sätze aus dem Ordner mit den Suchbegriffen. Das hat mich dazu inspiriert, einige dieser Fragen zu beantworten.

  • „Wie umstrickt man einen Baum?“
    Das hab ich mich auch schon oft gefragt. Und vor allem: wann ist die beste Uhrzeit? Ich persönlich glaube ja, diese Aktionen finden mitten in der Nacht statt, damit sich die Einwohner am nächsten Morgen über ein Kunstwerk wie es hier zu sehen ist ordentlich freuen.
  • „Wie geht es dir auf Hebräisch“
    Genauso gut wie auf Deutsch, danke der Nachfrage.
    Auf Hebräisch gibt es viele Möglichkeiten, um sich nach dem Wohlbefinden seiner Mitmenschen zu erkundigen. Man kann „Ma kore?“ fragen, was wörtlich übersetzt bedeutet „Was ist los? Was passiert?“, womit aber gemeint ist „Wie geht’s?“. Genauso kann man fragen „Ma ha-inyanim?“ (sprich „Main janim“) und „Ma nishma?“ All diese Ausdrücke werden unabhängig vom Geschlecht der angesprochenen Person benutzt.
    Anders ist es bei „Ma shlomcha?“ und „Ma shlomech?“. Die erste Frage ist nur an Männer, die zweite nur an Frauen zu richten. Eine kleine Einführung in die Hebräische Sprache gibt es hier.
  • „trinke eine cappucino im ein napoletanien café“
    Na wenn da mal jemand nicht Kaffee mit Schuss hatte…. Wer schreibt denn so eine Suchanfrage? Und wozu? Und warum führt sie zu meinem Blog?
  • „Wie kommt mein Mann aus dem Libanon nach Deutschland?“
    Auch das hat wenig mit meinem Blog zu tun…
    Falls es keine Einreisebeschränkungen gibt, kann Ihr Mann vermutlich problemlos mit dem Flugzeug oder auf dem Landweg nach Deutschland einreisen. Sie müssen aber sehr wahrscheinlich durch eine langwierige und bürokratische Visumsprozedur und eine Kaution hinterlegen. Aber wer hat behauptet, dass Liebe immer einfach ist?
  • „Verliebt in einen israelischen Mann“
    Ja, das bin ich auch. Super, dass die Suchmaschinen deswegen gleich bei jeder Anfrage zu diesem Thema auf meinen Blog verweisen.
  • Eine meiner Lieblingsfragen: „Darf man Schinken nach Israel mit der Post schicken?“
    Ich kenne ein paar Leute, die solche Postpakete hier in Empfang nehmen. Allerdings wird gemunkelt, dass die Herren vom Zollamt so hungrig nach frischem Schinken aus dem Ausland sind, dass sie ab und zu eine Ecke abbeißen.
    Vorsicht! Anders herum ist es sehr schwierig, Lebensmittel aus tierischen Produkten nach Deutschland zu schicken. Die Pakete werden mit ziemlicher Gründlichkeit inspiziert und können oftmals nicht in die Paketzustellung durchgewunken werden.
  • „Was fragt man bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen nach Israel?“
    Am besten Sie fragen gar nichts und antworten nur kurz auf die monotonen Fragen der Sicherheitsleute. Vor einigen Jahren hatte ich noch einen alten Reisepass mit dem Stempel eines arabischen Landes. Mein Flug nach Israel war kurzfristig gebucht und mir blieb nicht genügend Zeit, um einen neuen Reisepass zu beantragen. Also ging ich mit einem mulmigen Gefühl zum Fiumicino Flughafen bei Rom (damals lebte ich noch in Italien) und stellte mich nett lächelnd vor das Bodenpersonal von EL AL. Die Sicherheitskontrollen finden vor dem Einchecken statt. Ich machte mich auf eine lange Befragung gefasst und siehe da, nur zwei Stunden später konnte ich als letzte Einchecken und gleich auch zum Boarding weiterrennen. Für all diejenigen, die jetzt denken, „wäre sie halt früher zum Flughafen gekommen, wenn sie schon einen arabischen Stempel im Pass hat!“ denen sei gesagt, dass ich die Erste war, die in der Schlange zu den Sicherheitskontrollen stand und dass ich eine Stunde, bevor die Schalter geöffnet wurden, bereits vor Ort war.
    Der Aufwand, den Israel betreibt, um die Sicherheit während des Fluges und auch im Landesinneren zu gewährleisten, ist aus gutem Grund sehr hoch.
    Was wird gefragt? Alles. Ich wurde zum Beispiel mal auf ein Buch angesprochen, das ich unter den Arm geklemmt hatte. Es war ein Fotografieband, dessen Umschlag das Portrait eines Mannes in den 1950er Jahren irgendwo in den USA zeigte. Man wollte von mir wissen, wie dieser Mann hieß. Da ich seinen Namen natürlich nicht kannte, wurde der Bildband aufgeschlagen, darin herumgeblättert und verschiedene Fotografien lange betrachtet. Dann bat man mich, zu erklären, wer die Menschen auf den jeweiligen Bildern sind. Wer mit der Genrebezeichnung „Straßenfotografie“ etwas anfangen kann, der wird verstehen, dass die abgebildeten Menschen in solchen Bildbändern keine Berühmtheiten mit Wiedererkennungswert sind, sondern Personen wie Du und ich.
    Klemmen Sie sich also besser keinen Bildband unter den Arm oder wenn Sie unbedingt meinen, dann den von Monet, wo man nur die Unterschiede zwischen Seerosenteich in der Morgensonne und Seerosenteich im Abendrot erklären muss….
  • Die Suche nach „Pessach Käse“ führte ebenfalls zu meinem Blog.
    Was bitte schön ist Pessach Käse?! An Pessach darf jedenfalls Käse gegessen werden.
  • „Gibt es in Israel Milch zu kaufen?“
    Welche meinen Sie? Die mit 1,5% Fett, die mit 3%, 4% oder 7,5%? Oder lactosefrei? Sojamilch?? Verpackt in der Glasflasche, im Tetrapack oder in der Tüte?
  • „Schwarzbrot in Israel“
    Die Bäckereien hier bieten jede nur erdenkliche Brotsorte an, Pumpernickel und sonstige dunkle Brotsorten mit eingeschlossen.
    Als eine Freundin von mir ein Erasmusjahr in Frankreich verbrachte, litt sie unglaublich unter dem Nichtvorhandensein von dunklem Brot und Brezeln. Wäre sie doch nur nach Israel gegangen anstatt zu den Franzosen….
  • „Was denken Israelis über Deutschland?“
    Sehr viel Positives. Auch zu meiner Überraschung. Hier mehr dazu.
  • „Garnelen koscher“
    Garnelen gehören zu dem Getier, das nicht koscher ist. Aus dem Meeresraum dürfen nur Lebewesen mit Schuppen und Flossen gegessen werden. Also sind auch Tintenfische, Haie, Delphine, Wale, Krabben und Muscheln nach den Kaschrutregeln verboten.
  • Auch folgende Frage zum Thema „Koscheres Essen“ fand ich interessant:
    „Sind Eier und Milch zusammen unkoscher?“
    Nein, Eier sind ein „neutrales“ Lebensmittel, das sowohl mit fleischigen als auch milchigen Produkten gemischt werden darf. Nur wenn Sie zu den Eiern und der Milch noch Salami zugeben, wird es kritisch…
  • „Synagoge Augsburg“
    Sie zählt zu den schönsten, die ich kenne. Ich besuche sie regelmäßig, wenn mein Mann und ich in Deutschland sind.
  • „Autofahren in Israel“
    Ist nicht so schlimm wie in Südeuropa. Auch wenn einen der Straßenverkehr hier manchmal in den Wahnsinn treiben kann. Die Israelis haben ein sehr hohes Sicherheitsbedürfnis. Jeder schlimme Verkehrsunfall der sich in Israel ereignet, landet in den Medien und führt zu Aufregung und Empörung. Dadurch entsteht der subjektive Eindruck, dass die Sicherheit im Straßenverkehr hier gering ist, aber verglichen mit internationalen Statistiken steht Israel überraschenderweise besser als alle südeuropäischen Länder da und sogar besser auch als Finnland oder Japan, wenn man die tödlichen Unfälle pro 1000 Einwohner als Maßstab heranzieht.
  • Eine schockierende Frage:
    „Gab es überhaupt Treblinka?“
    Derartige Fragen berühren mich sehr. Wann immer Menschen die Shoah in Frage stellen, ihre Dimensionen verniedlichen oder nichts darüber wissen, fühle ich einen dumpfen Schlag in die Magengrube. Wie kann man ein derartiges Verbrechen vergessen oder negieren? Wie kann man es in Frage stellen?
    Ist das Schulsystem verantwortlich für solche Bildungslücken? Oder kommt diese Frage aus Kreisen, in denen das Deutsche Reich und seine Taten verherrlicht und relativiert werden?
    Wer immer diese Frage gestellt hat, der soll doch bitte den Bildband „Der gelbe Stern“ erwerben, herausgegeben von Gerhard Schoenberner und zum Beispiel gebraucht erhältlich auf der Seite des zentralen Verzeichnises antiquarischer Bücher, kurz ZVAB.
    Ich fand es als Kind im Bücherregal meines Vaters. Alpträume waren die Folge. Trotzdem war es einer der wichtigsten Funde, den ich gemacht habe. Bis heute ist dieses Buch ein Begleiter und auch meinen Kindern werde ich diese Bilder nicht ersparen.
  • „Wie sahen die Frauen 1950 in Ägypten aus?“
    Genauso wie die Frauen der 1950er Jahre in Europa. Leider hat sich das sehr geändert
  • „Sorek Höhle“
    Ein Ort unfassbarer Schönheit. Die Höhle bei Beit Shemesh gehört zu meinen absoluten Empfehlungen für Israelreisende. Sie ist auch mit Kleinkindern bestens begehbar und verzaubert garantiert jeden Besucher.
  • „Warum ist Knäckebrot an Pessach wichtig?“
    Meinten Sie vielleicht Matzot? Das sind wie Knäckebrot aussehende Scheiben, die anstelle von Brot an Pessach gegessen werden, da Brot in dieser Zeit als nicht koscher gilt.

Über Fragen rund ums Thema “Leben in Israel” freue ich mich jederzeit. Ich beantworte auch gerne Emails (bitte an travelganeden@gmail.com schreiben), sofern ich darin nicht gebeten werde, Stellung zum Konflikt zu nehmen (die Begründung findet sich hier).

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Spontan nach Israel und nie wieder zurück…

Häufig kommt es vor, dass ich gefragt werde, ob ich nicht wieder nach Deutschland zurückgehen möchte. Eine klare Ja/Nein-Antwort kann ich darauf nicht so recht geben. Deshalb möchte ich ein bisschen von meinem Schritt nach Israel erzählen und davon, wie diese Entscheidung mein Leben seither beeinflusst.

Eigentlich habe ich nie entschieden, nach Israel zu ziehen. Ich traf vielmehr die Entscheidung, nicht mehr zurück nach Hause zu fliegen. Vor einigen Jahren habe ich mich in einen israelischen Mann verliebt. Unsere ganze Liebesgeschichte, wie wir uns kennengelernt haben und all das Drumherum, erzähle ich lieber bei einem Glas Rotwein…
Damals lebte ich in Rom und mein israelischer Freund kam mich dort besuchen. Ich wiederrum besuchte ihn in Israel. Da ich natürlich nicht Multimillionärin war (und es heute aus einem mir unerklärlichen Grund leider immer noch nicht bin), war das sehr nervenaufreibend. Meine römischen WG-Mitbewohnerinnen fragten mich regelmäßig, warum meine Telefonrechnungen höher seien als sämtliche Wasser- Strom- und Gasrechnungen zusammen. Sie schüttelten nur irritiert den Kopf, wenn ich ihnen von dem tollen Mann erzählte, der in Israel auf mich wartete. Dann stopfte ich einen Koffer voll mit Sommerkleidern, Shorts und Badesachen, kaufte ein Flugticket und offenbarte meinen WG-Mitbewohnerinnen, dass ich für eineinhalb Wochen Urlaub in Israel machen würde.
Eineinhalb Wochen später, am Abend vor dem Rückflug nach Italien, sagte ich zu meinem Freund, dass ich für immer bei ihm bleiben wolle. „Dann bleib für immer bei mir“, antwortete er.
Am nächsten Tag lachte ich bei der Vorstellung, dass EL AL wohl gerade zum dritten Mal meinen Namen vergeblich ausrufen würde. „This is the last call for passenger Saskia Schumacher travelling to Rom…“

Es mag chaotisch wirken, dass ich eine derart große Entscheidung spontan aus dem Bauch heraus getroffen habe, aber ich habe es zu keinem Zeitpunkt bereut. Im Gegenteil.
Viele Menschen, die nach Israel einwandern wollen, wägen monatelang Pro und Contra ab, machen sich darüber Gedanken, wie es dort weitergehen wird mit ihrem Leben, was sie erwartet, ob sie glücklich sein werden… Leider kommt bei solchen Abwägungen meistens nicht viel heraus, weil es immer etliche positive und negative Aspekte gibt, die gegeneinander aufzuwiegen kaum gelingt. Der Bauch ist da deutlich unkomplizierter, er sagt ganz klar „Mach es!“ oder „Lass es sein!“. Man muss jedoch den Mut haben, dann auch darauf zu hören, was er sagt. Ich hatte keinen Mut, sondern ich war einfach unsterblich verliebt. Da schaltet sich der Kopf sowieso ab…

Meine Eltern reagierten erstaunlicherweise sehr entspannt, als ich ihnen mitteilte, dass ich nun nicht mehr in Rom, sondern in Rishon LeZion leben würde. Sie besuchten uns bald in Israel und wurden sofort so süchtig von diesem Land, dass ihnen am Flughafen Ben Gurion bei der Einreise inzwischen schon gar keine Fragen mehr gestellt werden. „Viel Spaß bei Ihrem tausendvierhundertachtundachtzigsten Urlaub im sonnigen Israel!“

Ich bekam sehr bald eine Arbeitserlaubnis und fand einen schönen Arbeitsplatz, bei dem ich bis heute geblieben bin. Es fiel mir zwar nicht immer leicht, Hebräisch zu lernen, aber ich versuchte, es sportlich zu sehen und nahm die Herausforderung jeden Tag aufs Neue an. Meine Freunde in Europa fragten mich oft, ob ich meinen Schritt nicht bereue und vielleicht zurück nach Deutschland kommen würde (Rom war nur eine Etappe in meinem Leben, ich hatte nie vor, dort dauerhaft zu leben). Ich konnte ihre Fragen gut verstehen und natürlich vermisste ich unsere spontanen Treffen auf einen Kaffee oder gemeinsame Spaziergänge sehr. Im Prinzip ist das bis heute auch so geblieben, in manchen Momenten würde ich meinen engsten Freundinnen einfach gerne persönlich gegenüber sitzen, anstatt mich mit ihnen auf Skype zu unterhalten. Aber dann denke ich mir wieder, dass es wohl auch nicht anders wäre, wenn es mich nach Norddeutschland verschlagen hätte. Die Illusion, dass die Clique aus der Studienzeit immer zusammenbleiben wird, platzt ohnehin wie eine Seifenblase, sobald man ins Berufsleben kommt. Eine italienische Freundin sagte einmal zu mir: „Eine Freundschaft ist wie Feuer und die Distanz wie der Wind. Die kleinen Flammen werden vom Wind ausgeblasen, aber die starken werden durch den Wind nur noch größer.“ Es klingt zwar kitschig, aber letztlich ist es wahr. Eine tiefe Freundschaft bleibt selbst mit der allergrößten Distanz tief. Diese Erfahrung habe ich schon in Italien gemacht und später auch in Israel. Wann immer ich nach Deutschland komme, treffe ich meine engen Freunde und alles ist wie früher, als hätten wir nie aufgehört, diese verrückten Studenten zu sein.

Heimat

Zwei Jahre später heirateten der israelische Mann und ich. Wir hatten zwei unvergesslich schöne Feiern, eine in Deutschland und eine in Israel. Und dann dachten wir tatsächlich darüber nach, ob wir nach Deutschland ziehen wollen. Direkt nach unseren Urlauben dort bekam ich oft Heimweh nach meiner Familie, aber auch nach der Natur. Ich schlich früher gerne in den bayerischen Wäldern herum, wo ich wilde Tiere beobachtete und fotografierte. Dieses Grün fehlt mir in Israel manchmal und, um ehrlich zu sein, hilft gegen starkes Heimweh auch leider gar nichts. In solchen Momenten denke ich mir dann, dass Heimweh eben das Schicksal der Menschen ist, die im Ausland leben. Einerseits ist das Leben in einem anderen Land sehr spannend und bereichernd, andererseits bedeutet es aber auch, seine Wurzeln ein Stück weit zu verlieren. Selbst Menschen, die von Israel jahrelang geträumt hatten bevor sie Aliyah machten, erzählten mir, dass es nicht immer einfach war, Fuß zu fassen.

Wir dachten also darüber nach, in Deutschland zu leben. Schnell erkannten wir jedoch, dass unsere Träume mehr eine Wunschdenken waren, als eine realistische Vorstellung davon, wie unser Leben in Deutschland sein würde. Wir hatten nämlich gemeinsam etliche schöne Urlaube in Deutschland verbracht und Ausflüge unternommen, für die im Alltag gar keine Zeit bliebe. Als Touristen genossen wir die tollsten Städte und Landschaften Deutschlands. Würden wir jedoch dorthin ziehen, müssten wir uns wie jeder andere Pendler auch mit dem schlechten Service der Deutschen Bahn herumärgern, ständig einen Regenschirm in der Tasche mitschleppen (während in Israel die Sonne scheint…) und bald würden wir Deutschland nicht mehr idealisieren, sondern auch dessen Kehrseiten wahrnehmen, so wie sie jedes Land nun einmal hat.
Israels Kehrseite ist für mich ganz klar der Konflikt. Ich komme nicht immer gut damit klar, dass unsere Nachbarländer immer wieder unverblümt manifestieren, dass Israel ausgelöscht werden soll. An Syriens Chemiewaffenlager habe ich mich inzwischen in etwa so gewöhnt, wie man sich an eine Gefahr gewöhnen kann, die einen umgibt aber nicht sichtbar ist. Israelis leben in unmittelbarer Nachbarschaft zu absolut durchgeknallten Fundamentalisten, aber letztlich gibt es wohl kaum einen Ort auf der Welt, an dem man tatsächlich völlig unbeschwert leben kann. Polynesien könnte vielleicht so ein Fleck sein, aber selbst da bin ich mir nicht ganz sicher. Und dennoch leben wir in einer friedlichen Zeit. Der 30 jährige Krieg in Europa muss so verwüstend und entsetzlich gewesen sein, dass der Nahost Konflikt dagegen unbedeutend wirken kann. Man darf Gefahren und die damit verbundenen Ängste nicht herunterspielen, aber man sollte sie auch nicht so stark überhöhen, dass sie die den Alltag überschatten und einem die Luft zum Atmen abschnüren.

Das Leben in Israel ist wunderschön. Wahrscheinlich kann ich gar nicht alles aufzählen, was ich an diesem Land liebe, aber einige Facetten möchte ich unbedingt erwähnen.
Die Israelis haben eine sehr positive und aufgeschlossene Einstellung zum Leben. Sie sind spontan und verbindlich. Wenn mein Mann und ich beispielsweise am Nachmittag Freunde fragen, ob sie noch am selben Abend mit uns Essen gehen wollen, dann sagen sie „ja“. Dasselbe gilt für Verabredungen zum Sport, für Grillfeiern, gemeinsame Kochsessions zu Hause und für einen Kaffee zwischendurch. Niemand kommt in Israel auf die Idee, eine Woche vorher schon zu fragen, ob man sich am Freitagabend zum Essen verabreden möchte. Weil ich aus Deutschland komme, mache ich das manchmal noch, und mein Mann schaut mich jedesmal deutlich irritiert an.
Meine Eltern wohnen in Bayern in einem sehr schönen kleinen Ort, umgeben von Feldern und Seen. Man möchte meinen, dass die Menschen dort mit sich und der Welt im Reinen sind. Bei unserem letzten Urlaub hörte ich zufällig ein Gespräch in einem Garagenhof. Die Anwohner ärgerten sich darüber, dass Kinder mit bunter Kreide auf dem Boden herumgemalt hatten. Überhaupt sollten Kinder nicht in dem Garagenhof spielen, der Lärm sei ja eine Zumutung. Das erinnerte mich stark an einen Vorfall in Berlin Prenzlauer Berg. Der Betreiber eines Cafés hatte ein Schild an der Eingangstür angebracht, um Hunde und Kinderwägen zu verbannen. Ganz richtig, Kinderwägen. Anzunehmen, dass auch der Inhalt des Kinderwagens dort nicht erwünscht ist.
In Israel habe ich noch nie Anwohner über Kinder schimpfen gehört und würde ein Café oder Restaurant ein Zutrittsverbot für Familien mit Kinderwagen verhängen, ich glaube die Betreiber könnten sich danach die Kugel geben.
Überhaupt sind Kinder in Israel sehr willkommen und erwünscht. Man gibt ihnen überall das Gefühl, „dazu zu gehören“. Das sollte ja eigentlich auch selbstverständlich sein. Aber erklär das mal den schrägen Anwohnern aus dem bayerischen Dorf.
Das schöne türkisblaue Meer und den weißen Sandstrand erwähne ich jetzt gar nicht extra, weil mir von Freunden bereits die Kritik zugetragen wurde, ich würde ihnen das mit Absicht jedesmal reindrücken, zumal es bei ihnen kalt und verregnet ist und sie kein Meer vor der Haustür haben…

Viele Israelis sagen, dass es auf der Welt kein Land gebe, das so schön wie Israel sei. Obligatorisch folgt auf diese Feststellung die Frage, ob man das auch so sehe. Man kann sich entweder diplomatisch verhalten und energisch zustimmen, oder man kann ihnen vom Berchtesgadener Land und den Nordseeinseln vorschwärmen. Beide Optionen führen zu einer Vertiefung des Gesprächs, ganz egal ob man im Supermarkt an der Kasse steht oder an der Bushaltestelle auf die Linie 56 wartet. In Israel gehört Kommunikation nämlich zur Kultur und wird gepflegt. In Deutschland kannte ich selbst nach drei Jahren noch immer nicht die Namen der Verkäufer im Obst- und Gemüseladen um die Ecke. In dem Viertel in Givatayim, wo ich meine wöchentlichen Einkäufe erledige, fragen sich mich jedesmal, was es Neues gibt, wie es mir geht und ob ich Melonen oder Kirschen probieren möchte.

Einige Deutsche, die nach Israel gezogen sind, berichteten mir von ihrem anfänglichen Kulturschock: Das Verkehrschaos, die am Telefon manchmal laut schimpfenden Menschen, die Gemächlichkeit, mit der manche Dinge erst bei vehementem Nachbohren erledigt werden. All das blieb mir erspart, weil ich aus Italien kam. Die Menschen empfand ich als unaufdringlich und umgänglich, den Verkehr als absolut sicher, die Behörden als sehr effizient und schnell. Es kommt also auf die Perspektive und die Erwartungen an, mit denen man in ein Land zieht.
Und wer weiß, wenn ich damals nicht auf mein Bauchgefühl gehört und stattdessen den Rückflug nach Rom wahrgenommen hätte, dann würde ich mich heute vielleicht fragen, ob mein persönliches Glück nicht genau dort auf mich gewartet hätte.
Heute kann ich sagen: das hat es.

photo by Saskia


Das kunterbunte Florentinviertel in Tel Aviv

Gehören Sie auch zu den Menschen, die Stadtführungen nicht mögen, weil Sie sich unwohl fühlen in einer Gruppe weißbesockter Touristen mit Brustbeuteln und überdimensionalen Strohhüten?
Dann machen Sie bloß nicht die folgende Tour durch das Florentinviertel in Tel Aviv, denn die ist so klasse, dass Sie danach Ihr Weltbild in Frage stellen müssen!

Zufällig lernte ich vor kurzem Guy Sharett kennen, der fantasievolle Touren durch Tel Aviv anbietet und den Teilnehmern dabei auch noch die Besonderheiten der hebräischen Sprache näherbringt. Ich wählte seine Graffititour und mein Fazit ist: Unbedingt!

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Wir treffen uns im Florentinviertel und spazieren los durch die lebhaften Straßen, vorbei an Cafés, Bäckereien und Restaurants. Guy ist ein humorvoller Israeli und ein absolutes Sprachgenie. Er hat mehrere Jahre im Ausland verbracht und verschiedene Sprachen studiert. Eine Leidenschaft, die man auf der Tour durch das Florentinviertel spürt. Gleich zu Beginn fällt mir auf, dass er fließend Arabisch spricht und schreibt.
Das Konzept seiner Stadtführungen basiert auf der Idee, Hebräisch nicht in einem Unterrichtsraum zu vermitteln, sondern auf spannenden Entdeckungstouren durch die buntesten Ecken Tel Avivs. Er arbeitet mit einer kleinen weißen Tafel, auf die er bei Bedarf hebräische Wörter schreibt und diese dann erklärt. Was seine Methode besonders macht, ist das Hintergrundwissen, das er zur jeweiligen Vokabel liefert und das man sich sehr gut im Kontext der Stadtführung einprägen kann. Neu erlernte Wörter werden verknüpft mit Eindrücken aus der Umgebung, mit Graffitis, Aufklebern an Laternenpfosten und mit Schildern. Man muss natürlich kein Hebräischschüler sein, um an seinen Touren teilzunehmen. Die sprachlichen Einlagen sind eine Bereicherung der Stadtführung, weil sie einen tieferen Einblick in die Kultur und die israelische Gesellschaft erlauben, aber sie sind natürlich nicht der einzige Inhalt der Tour.
Guy zeigt Graffitis an den verschiedensten Stellen, erzählt deren Botschaften und schließt so den Kreis zur Geschichte des Landes und zu politischen und gesellschaftlichen Themen.

"Juden und Araber weigern sich, Feinde zu sein"

“Juden und Araber weigern sich, Feinde zu sein”

Einige Graffitikünstler sind sehr bekannt und ihre Kunstwerke finden sich in der gesamten Stadt wieder. So zum Beispiel die Werke von „dede“, einem Graffitikünstler, dessen Merkmal Pflaster sind: Auf jedem seiner Werke ist irgendwo ein Pflaster zu erkennen. Guy erklärt, dass das Sprayen von Graffitis „eigentlich“ illegal ist, aber er habe von „dede“ gehört, dass man nachts in Tel Aviv ungestört an Bildern arbeiten könne, die Polizei würde zu später Stunde nicht stören…

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Ein anderer bekannter Künstler nennt sich „EPK“ -“Eggplant kid“ – und malt überdimensionierte Auberginen auf Mauervorsprünge, Ladentüren und große Flächen. Als wir an einem Laden vorbeikommen, an dessen Eingang sich ein besonders großes Exemplar befindet, spricht Guy den Ladenbesitzer an und fragt, ob es ihn störe, dass da ein großes Graffiti den Eingang zu seinem Nähsalon ziert. Der Ladenbesitzer reagiert gelassen, ihn störe das absolut nicht.

EPK

EPK

Das Graffiti eines französischen Künstlers zeigt einen orthodoxen Juden beim Gebet, dessen Gesicht jedoch nicht nach Jerusalem gerichtet ist, wie das Straßenschild daneben verdeutlicht, sondern hin zum säkularen Tel Aviv.

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Herzl begegnen wir bei unserer Tour ebenfalls: Ein Graffiti zeigt die Silhouette Theodor Herzls und darunter einen Schriftzug mit den Worten „Lo rozim, lo zarich“. Die Übersetzung lässt jede Menge Interpretationsspielraum. Herzl war der Vordenker des modernen jüdischen Staates. Guy erklärt die möglichen Lesarten des Satzes und der darin enthaltenen gesellschaftlichen und auch politischen Kritik. Eine wäre zum Beispiel: „Wenn ihr nicht wollt, dann muss es nicht sein“. Man kann dies verstehen als Kritik am mangelnden Engagement der jungen Generation für den jüdischen Staat. Eine andere Lesart wäre aber auch „Ihr wollt nicht, aber es ist auch nicht erforderlich“ – die Interpretation wäre, dass die Israelis sich nicht weiter mit der Frage nach dem jüdischen Staat auseinandersetzen wollen, es aber auch nicht müssen, weil es ihn zum Glück gibt.

Guy Sharett mit Herzl

Die eineinhalb Stunden vergehen wie im Flug. Ich beschließe, um viele Informationen über das Florentinviertel bereichert, dass ich auf jeden Fall auch andere Stadttouren mit Guy unternehmen werde. Die Graffititour hat mir einen Einblick in die Welt der Graffitikünstler erlaubt, den ich ohne Guy nicht bekommen hätte, und gleichzeitig hat es Spaß gemacht, Tel Avivs Straßen einmal mit anderen Augen zu sehen und die kleinen Botschaften an Hauswänden und Aufklebern genauer anzuschauen…

Florentin

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Auf Guy Sharetts Internetseite finden sich nähere Informationen zu den einzelnen Touren und zu seinem Hebräischunterricht. Die Touren können unabhängig vom hebräischen Sprachniveau mitgemacht werden – Guy passt sich den Teilnehmern perfekt an und geht auf jeden ein. Vom absoluten Hebräischanfänger bis zum Israeli mit fließendem Hebräisch.

All photos by Saskia


Wie lernt man Hebräisch?

Israel empfängt Touristen mit offenen Armen und reichlich Gastfreundschaft. Die Menschen sind stets hilfsbereit, sei es wenn man nach dem Weg fragt oder nach einem guten Restaurant für ein schönes Abendessen. Mit Englisch kommt man in Israel als Tourist sehr weit, doch im Alltag ist es manchmal wirklich schwierig , wenn man sich ohne Hebräisch duchschlagen muss.

So ging es mir am Anfang in Israel: Ich stand im Supermarkt und versuchte krampfhaft, die Wörter auf der Inhaltsliste der Produkte zu verstehen, da ich als Vegetarier gerne wissen wollte, ob ich wirklich Gemüsebrühe in den Händen hielt oder eher die Variante der Hühnersuppe. Aber auch das Kühlregal mit den Käsesorten und Yoghurts war ein rotes Tuch für mich. Ich wollte mal einen Käsekuchen backen und suchte nach Quark. Selbstverständlich sind die Becher ausschließlich in Hebräisch beschriftet und sehen zu allem Unglück auch irgendwie alle gleich aus. Letztlich gab es dann einen Schokokuchen und ich fragte am nächsten Tag meine Arbeitskollegin, was man in Israel kauft, wenn man Käsekuchen backen möchte. Natürlich „Gvina lavana“, weißen Käse!
Achso. Natürlich.

Busfahren war nicht minder kompliziert. Einmal war ich mit einer Freundin zum Kino verabredet. Ich wohnte damals noch in Rishon LeZion und musste mit dem Bus irgendwie zu ihr nach Hause nach Tel Aviv kommen. Sie nannte mir den Namen der Bushaltestelle, an der ich aussteigen sollte. Ich nahm also den Bus nach Tel Aviv und fragte den Fahrer, wo diese Haltestelle ungefähr sei. Der Busfahrer antwortete mir auf Hebräisch, dass er kein Englisch spricht. Naja, dachte ich, kein Problem. Ich sprach den Mann neben mir im Bus an, ob er mal eben kurz für mich übersetzen könne. Der Mann schaute mich entschuldigend an und antwortete ebenfalls auf Hebräisch, dass er kein Englisch spricht. Nach weiteren Versuchen bei anderen Fahrgästen gab ich es dann auf. Ich hatte an diesem Tag kein Glück und fuhr also etwas orientierungslos durch Tel Aviv, ohne genau zu wissen, wo ich nun aussteigen sollte. Das Blöde ist ja, dass in Israel die Bushaltestellen keine Schilder in lateinischer Schrift haben. Mein Hebräisch reichte aber auch noch nicht aus, um in der kurzen Zeit schnell die hebräischen Schilder mit dem Namen der Bushaltestelle zu entziffern. Letztlich rief ich meine Freundin an und bat sie, mich von der Haltestelle abzuholen. Ich hielt nach ihr Ausschau und stieg dann aus, als ich sie sah.

Schnell wurde mir klar, ich musste Hebräisch lernen, und zwar besser heute als morgen. Es frustrierte mich, dass ich ständig auf die Dolmetscherhilfe von Fremden angewiesen war und hatte einen enormen Ehrgeiz, Hebräisch zu lernen. Doch wie lernt man eine Sprache, deren Worte man sich bereits deshalb kaum einprägen kann, weil sie in einem anderen Schriftsystem geschrieben werden?

Die beste Voraussetzung ist eine Schwiegermutter. Sie redet auf einen ein, ohne Punkt und Komma, stellt jede Menge Fragen und wartet ungeduldig auf Antworten. Wenn man sie dann mit einem Fragezeichenblick ansieht, wird sie irritiert ausrufen „Lama at lo medaberet ivrit?!“ – Warum sprichst du kein Hebräisch?!
Erklärungen, etwa, dass man erst seit einem Monat in Israel lebt, läßt eine Schwiegermutter nicht gelten. Sie ist ein Ansporn, so schnell wie möglich so viel wie möglich verstehen und antworten zu können, weil man sich dann auch endlich gegen all die blöden Fragen wehren kann, denen man permanent ausgesetzt ist (Wann bekommt ihr endlich ein Kind? Warum isst du so wenig, du hast ja erst einen Teller gegessen?! Warum willst du kein drittes Stück Kuchen? …)

Jedoch reicht eine Schwiegermutter nicht aus, um effizient die hebräische Grammatik zu erlernen. Dazu sollte man schon einen Ulpan besuchen, einen Hebräischkurs, der an Universitäten und Privatschulen angeboten wird. Ich besuchte den Ulpan der Universität von Tel Aviv. Man lernt dort das Alphabet, Hebräisch zu lesen und auch zu schreiben, falls man das nicht schon von den kleinen Enkelkindern der Schwiegermutter beigebracht bekommen hat. Anschließend erhält man einen Überblick über die Strukturen der Verben und über die Satzbildung. Außerdem geht man in der Pause in die Cafeteria, um seine neuen Vokabeln anzuwenden: „Hafuch benoni im sucar, bevakasha“ – einen mittelgroßen Cappuccino mit Zucker, bitte.

Hebräisch hat eine einfache Grammatik. Es gibt eine Gegenwartsform, eine Vergangenheitsform und eine Zukunft. Außerdem hat die Sprache kaum Unregelmäßigkeiten, die man auswendig lernen müsste. Die größte Schwierigkeit lag für mich persönlich darin, dass ich die Worte nicht visualisieren konnte, solange meine Kenntnisse der hebräischen Schrift noch nicht ausreichten. Es ist bis heute so, dass ich mir nicht immer sicher bin, ob ich ein Wort mit Alef oder Ain schreiben muss, da beide Vokale ziemlich gleich klingen. Dasselbe gilt für Kuf und Kaf, zwei Buchstaben, deren Aussprache häufig identisch ist.
In Hebräisch werden die Verben unterschiedlich konjugiert, je nachdem ob ein Mann oder eine Frau gemeint ist. Unterhalte ich mich mit einem Mann, passe ich alle ihn betreffenden Verben der männlichen Verbform an. Rede ich hingegen über mich selbst oder mit einer Frau, sind die Verben in der weiblichen Form. Das kann für Anfänger eine ziemliche Fallgrube sein. Man ist so sehr mit der korrekten Aussprache und dem Zurechtlegen von Sätzen beschäftigt, dass man versehentlich einen Mann fragt: „Ma shlomech?“ anstelle von „Ma shlomcha?“ – wie geht es dir? Ma shlomech ist für die Anrede von Frauen. Die entsetzten Blicke, die man für so einen Ausrutscher erntet, tragen sehr zum Lerneffekt bei…

Haggadah

Cockerel, c1460-c1475. Hebrew script in the shape of a strutting rooster. From the Ashkenazi Haggadah. Copied and illuminated by Joel Ben Simeon Feibusch, South Germany.

Das moderne Hebräisch ist eine Sprache, die im ausgehenden 19. Jahrhundert zu neuem Leben erweckt wurde. Im Grunde unterscheidet sie sich nicht vom „biblischen Hebräisch“, abgesehen davon, dass das Hebräisch der Thora nicht für moderne Alltagsgespräche taugt. Zumindest kommen Worte wie „Kino“ oder „Regenschirm“ nicht darin vor. Eliezer Ben-Yehuda erfand etliche Worte für den neuen Sprachgebrauch und war der erste Vorsitzende und Gründer des Hebrew Language Committee, das Wörterbücher und Zeitschriften zum Thema herausgab. Ich stelle mir das so vor, dass Eliezer Ben-Yehuda immer wieder Briefe bekam, in denen er darum gebeten wurde, neue Wörter für den modernen Alltag zu erfinden:
„Lieber Eliezer,
wie geht es dir und deiner Frau? Vielen Dank, dass du uns neulich wieder ein so schönes Wort geschenkt hast. Wir müssen dich nun leider erneut um Hilfe bitten. Wie sollen wir Eiscreme benennen? Es ist sehr dringend, da der Sommer bevorsteht. Bitte antworte uns schnell.
Mit den besten Grüßen,
Am Yisrael“

Eliezer Ben-Yehuda veröffentliche bald auch eine eigene Zeitung in hebräischer Sprache, die es den Menschen erleichtern sollten, Hebräisch zu lesen und die Sprache im Alltag anzuwenden. Ich finde es genial, wie er durch sein Engagement dieser uralten Sprache neues Leben eingehaucht hat. Er war ein herausragender Geist, dem wir verdanken, dass heute Hebräisch eine lebendige gesprochene Sprache ist.

Wenn man aus dem deutschsprachigen Raum kommt und in Israel lebt, fallen einem immer wieder deutsche Wörter mitten in Unterhaltungen auf. Der Einfluss der jiddischen Sprache ist allgegenwärtig. Mein Mann sagt zum Beispiel am Wochenende häufig, dass er eine Schlafstunde braucht. Er benutzt das deutsche Wort Schlafstunde und meint damit ein Nickerchen. Lustig wird es, wenn Leute über etwas fluchen und man mitten in einem hebräischen Satz das Wort „Dreck“ hört (die Bedeutung ist die Gleiche wie im Deutschen). „A bissele“ antwortet die Tante jedesmal, wenn ich ihr Wein anbiete. Und jemand, der ständig Pech hat, wird als Shlimazel bezeichnet, er steckt also ständig im Schlamassel. Es gibt viele dieser Wörter und sie bringen mich jedesmal zum Schmunzeln.

Nach einem Jahr in Israel war mein Hebräisch nach wie vor mittelmäßig. Es gab Bereiche, die ich mit meinem Vokabular abdecken konnte, aber Vieles eben noch nicht. Für die Käsetheke im Supermarkt reichte es, doch ich wollte mit meinem Mann richtig Hebräisch sprechen können, weil ich mich mit Englisch immer wie ein Außenseiter fühlte. Auf Parties waren wir die Einzigen, die nicht Hebräisch sprachen und ich fand das einfach doof.

Ich entschied mich für eine Privatlehrerin, die mir Einzelunterricht gab und mich genau an dem Punkt abholte, an dem ich sprachlich stand. Sie zwang mich dazu, Texte auf Hebräisch zu schreiben, Rezepte zu übersetzen, Bücher zu lesen, meinen Lebenslauf in Hebräisch zu verfassen, Lückentexte auszufüllen, Dialoge mit ihr zu führen und Vokabeln zu politischen Themen zu pauken. Außerdem musste ich anfangen, Zeitung zu lesen, weil ihre erste Frage in einer jeden Unterrichtsstunde stets lautete „Und, was ist diese Woche in Israel passiert?“
Meine Schwiegermutter und die Tanten haben den Unterschied auch bald bemerkt. Neben lobenden Kommentaren zu meinen Fortschritten kam auch bald die Erkenntnis, dass es besser ist, mich nie wieder zu fragen, ob ich als Vegetarierin nicht doch mal die Hackfleischbällchen probieren will. Was so ein deutlicher Satz auf Hebräisch alles ausmacht…