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Eine Stadt versinkt im Dreck

In Gaza City ist die Kläranlage ausgefallen und da dieser Zustand schon einige Zeit andauert, laufen die Klärbecken über und staut sich die Kloake nun in den Straßen.
In den Nachrichten hört es sich folgendermaßen an:

Bewohner Gazas waten im Abwasser

Der erste Satz des Artikels fängt bereits tendenziös an: „Auch ein Jahr nach dem verheerenden israelischen Angriff auf Gaza…“
Ein Angriff war das nicht, denn zuvor flogen monatelang (!) Raketen aus Gaza auf israelische Orte. Kindergärten und Schulen konnten nicht ihrem normalen Betrieb nachgehen, da die Gefahr für die Kinder zu groß war und die Bevölkerung im Süden Israels verbrachte Nächte und Wochen in Luftschutzbunkern. ABER DANN hat Israel Gaza angegriffen. Schon klar.

Nun sind in Gaza die Straßen voller, pardon, Scheiße, weil… Ja warum eigentlich?
Weil nur unzureichend Strom und kein Diesel mehr geliefert werden.
Und wer ist schuld? In den Nachrichten heißt es, „die Regierung“ und der Leser versteht darunter automatisch „die israelische Regierung“. Wie sonst sollte es auch sein, gibt es doch eine Kontrolle der Wareneinfuhr durch Israel.
Es ist also augenscheinlich und laut internationaler Medienberichte so, dass Israel den Import von Strom und Diesel unterbindet, während die Menschen in Gaza krank werden, weil in ihren Straßen meterhoch Abwässer wabern.
Für die allermeisten Leser reichen zwei Absätze der Zeitungslektüre, um sich ein „konkretes“ Bild von der Lage zu machen und zu verstehen, wer hier der Belzebub ist. Israel liefert keinen Strom und das ist eine humanitäre Katastrophe.
Wer sich bis zum Schluss der einschlägigen Zeitungsartikel durchschlägt, wird – nicht immer, aber manchmal – im allerletzten Nebensatz erfahren, dass die Hamas kein Diesel und keinen Strom importieren will. Dahinter stecken niedrigste politische Beweggründe, die zu erklären sich die Journaille jedoch scheut.
In Gaza regiert, besser: herrscht, die Hamas. Im Westjordanland ist es die Fatah. Bis vor einigen Monaten bestanden Tunnelsysteme zu Ägypten, über die illegal Waren nach Gaza geschmuggelt werden konnten. Die ägyptischen Muslimbrüder und die Hamas waren Verbündete. Doch nach dem Putsch in Ägypten verlor die Hamas ihre Unterstützung durch die Muslimbruderschaft und der Schmuggel versiegte. Jetzt müsste die Hamas auf legalem Wege aus Israel Güter importieren, um ihre Bevölkerung zu versorgen. Auf Benzin erhebt die Palästinensische Autonomiebehörde jedoch Steuern. Da Gaza der Autonomiebehörde unterliegt, müsste die Hamas also Steuern entrichten Die Feindschaft zwischen Hamas und Fatah steht dem ganz groß im Weg. Und so lässt die Hamas lieber die Bevölkerung im Dreck versinken und an Krankheiten sterben, anstatt diese Steuern zu zahlen.

Wer auf die Idee kommt, dass die Hamas vielleicht kein Geld hat, um diese Steuern zu zahlen, dem sei gesagt, dass in Gaza derzeit etwa 600 Millionäre leben. Allen voran scheffelt sich die Hamas selbst die Taschen voll:
Für jedes Auto, das nach Gaza geschmuggelt wurde, erhob die Hamas eine Gebühr von 2000 USD und zudem 25% Steuern, 15 USD für jede Tonne Zement, 8 Cents für eine Packung Zigaretten und 50 Cents für jeden Liter Benzin.

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Nichts für schwache Nerven

Wie oft habe ich schon diesen Vergleich gehört: “Gaza ist ein Konzentrationslager unter freiem Himmel”.
Hier zur Erinnerung ein Bild aus Auschwitz.

auschwitz

Eigentlich würde ich gerne jedem, der Gaza mit einem Konzentrationslager vergleicht, eine Reise in die Vergangenheit spendieren. Es gibt so viele Filme, Dokumentationen und Zeitzeugenberichte über dieses dunkle Kapitel und dennoch glaube ich, dass wir die damalige Realität nicht begreifen können. Es ist ungefähr so, wie über den Tod zu reden ohne je Todesangst gehabt zu haben. Oder schlimmer noch, die Ermordung der eigenen Familie miterlebt zu haben. Man kann diese Emotionen nicht kennen, wenn man sie nicht selbst erlebt hat und man muss unendlich dankbar und froh sein, wenn man derartige Gefühle niemals erlebt.

Zurück zu Gaza. Es wird so viel darüber gesprochen und geschrieben, dass jeder auf der Welt diesen Ort zu kennen scheint. Es ist der Ort, an dem die Menschen verhungern müssen, an dem es nur Flüchtlingslager und zerschossene Häuser gibt, das Land eines unterdrückten Volkes ohne Spaß am Leben. Ein Konzentrationslager.
Wie manipulativ die Medien mit diesem Thema umgehen, kann man vermutlich nur herausfinden, wenn man Gaza besucht und sich selbst ein Bild der Lage macht. Ich habe schon einen Teil der Reiseplanung für Sie erledigt und auf Booking.com ein Hotel in Gaza gefunden. Es kostet im Dezember 135 Euro pro Nacht, das ist doch akzeptabel oder? Hier ein Bild vom Pool des Hotels, damit die Entscheidung leichter fällt:

Hotel "Budapest Chalet" in Gaza

Hotel “Budapest Chalet” in Gaza

Und das erwartet Sie in Gaza:

Man kann die Wut dieser Menschen verstehen. Es gibt nicht einmal genügend Pizza-Services. Schlimmer noch: es gibt kein McDonald’s!
Um sich vom Hunger abzulenken, kann man den Gold Bazaar in Gaza City besuchen.

Gold Bazaar Gaza City

Gold Bazaar Gaza City

Oder einen Vergnügungspark. Man hat derzeit 5 verschiedene Freizeitparks zur Auswahl in Gaza.

Vergnügungspark in Gaza

Vergnügungspark in Gaza

In der Shopping Mall finden sich neben Bekleidungs- , Kinderspielzeug- und Schuhläden auch Süßigkeiten in großer Auswahl und natürlich ein Supermarkt, dessen Sortiment dem eines israelischen gleicht. Ich weiß nie, welches Haarshampoo ich kaufen soll und ich kann nur allzu gut nachempfinden, wie sich die palästinensischen Frauen in Gaza fühlen müssen, wenn sie so wie ich vor den Regalreihen mit den vielen Produkten stehen und beinahe verzweifeln.

Natürlich ist nicht alles in Gaza wunderschön. Es gibt Armut und Unterdrückung, so wie in jedem totalitären System. Wie wäre es, dafür zur Abwechslung mal die Hamas verantwortlich zu machen? Die Hamas entscheidet über die Verteilung der öffentlichen Gelder, sie entscheidet über Leben und Tod von Menschen auf der Straße, sie entscheidet über die Politik in Gaza und sie ist korrupt bis auf die Knochen. Aber irgendwie kommt das in den internationalen Medien nicht deutlich genug rüber.


Der Garten der Menschenrechte

Unter der Woche gehen wir abends zum Laufen in einen nahegelegenen Park. Um 21 Uhr, wenn es nur noch 27 Grad hat und die Hitze nicht mehr lähmt, lassen wir dort unsere Arbeitstage sportlich ausklingen. Ich empfinde den Park als einen großen Garten, mit Palmen, einem kleinen See und wunderschönen Blumenbeeten. Er ist bis spät nachts voller Menschen. Manchmal tummeln sich sogar so viele auf den Wegen der Parkanlage, dass wir Slalom laufen müssen, um nicht über all die Kinder zu stolpern, die auf Fahrrädern, Inlineskates und Dreirädern herumsausen. Auf den Wiesen verteilt feiern unzählige Familien Kindergeburtstage oder grillen mit Freunden nach Feierabend. Ehepaare sitzen auf den Bänken und unterhalten sich im Mondschein bei lautem Entengequake im Hintergrund. Im Vorbeilaufen höre ich Wortfetzen in Russisch, Arabisch, Hebräisch, Äthiopisch, Philippinisch und Amerikanisch. Es ist ein Ort, an dem die Menschen unterschiedlicher nicht sein könnten: Muslimische Frauen mit Kopftuch spazieren genauso an der Uferpromenade des Sees entlang, wie orthodoxe Juden. Äthiopier nutzen den Park für Hochzeitsfotos, Sportler kommen zum Trainieren.
 

Abends im Park in Ramat Gan

Abends im Park in Ramat Gan


 

Doch dieser Park ist keine Oase, in der etwas Ungewöhnliches passiert. Es ist ein ganz normaler Ort in Israel, an dem der ganz normale Alltag stattfindet: Die Menschen leben friedlich nebeneiner und miteinander, ganz egal welcher Religion sie angehören, aus welchem Land sie ursprünglich kommen und welche Sprache sie sprechen.
Der „Garten der Menschenrechte“ – das ist kein kleiner Park irgendwo in Ramat Gan. Es ist dieses Land im Nahen Osten, Israel.

Nur hier findet man eine lebhafte Demokratie und können Menschen ihre politische Gesinnung öffentlich zum Ausdruck bringen, ganz gleich in welche Richtung sie geht. Nur hier gibt es ein Rechtssystem, das die Menschen untereinander gleichstellt. Egal ob sie Mann oder Frau sind, homosexuell oder heterosexuell, ob sie an Gott glauben oder nicht, an welchen Gott sie glauben und woher sie stammen. Dennoch wird Israel oftmals als menschenfressendes Monster dargestellt, während in den Nachbarländern, von den Medien weitgehend ignoriert, die Hölle tobt. Hölle – das sind nicht nur Bürgerkriege und gewaltsame Umwälzungen in den Gesellschaften, sondern auch der Alltag vieler Frauen, die kein selbstbestimmtes Leben führen dürfen, Mädchen, die extrem jung an alte Männer verheiratet werden, Scharia, Sklaverei.

Nun gibt es wieder Friedensverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern und die Welt schaut mit großen Erwartungen auf dieses Zusammentreffen. Die Palästinenser stellten als Vorbedingung für Verhandlungen, Israel solle Terroristen freilassen. Ich gehe davon aus, dass die Welt es begrüßt hat, als Israel sich darauf einließ. Würde an Deutschland eine derartige Forderung gerichtet, man könnte den Aufschrei der Bevölkerung bis zum Mars hören. Natürlich würde die Bundesrepublik keinen einzigen Straftäter auf freien Fuß setzen und sich nicht erpressen lassen. Israel wird nun aber tatsächlich Schwerverbrecher freilassen. Als Antwort auf den Beginn der Verhandlungen flog aus Gaza bereits eine Rakete nach Israel. Klingt doch alles sehr vielversprechend und friedlich, nicht wahr?
Ich bin ein Befürworter der Zweistaatenlösung, aber ich halte sie für eine Utopie. Israel hat etliche Schritte in Richtung der Palästinenser getan, hat deren unverschämte Forderungen immer wieder erfüllt, um an den Verhandlungstisch zurückkehren zu können und hat niemals vergleichbar krasse Forderungen an die palästinensische Seite gestellt. Das Problem für den Frieden sind die Phantasien der Palästinenser, das gesamte Gebiet des heutigen Israels zu erobern. Ich frage mich dabei immer, wozu sie das Land überhaupt wollen. Dieser Paradiesgarten hier ist ja nur deshalb so schön, weil die israelische Bevölkerung in Frieden lebt und das Land kultiviert, Hightech hervorbringt, Kindergärten und Schulen geschaffen hat, weil alle Menschen vor dem Gesetz gleichgestellt sind und weil das Land von Grund auf demokratisch ist. In dem Moment, in dem die Palästinenser ihren eigenen Staat haben, wird dort Sodom und Gomorra ausbrechen, so wie in jedem anderen arabischen Staat, der nicht vom Ölreichtum profitiert. Würde Israel von der Landkarte verschwinden, dann gäbe es hier denselben Nahostkonflikt, eben nur zwischen arabischen Parteien. Wir sehen das ja in Syrien, Ägypten, Libyen… „Arabischer Frühling“ wurden die Umwälzungen dieser Gesellschaften anfangs genannt. Wer diese idiotische Bezeichnung dafür erfunden hat, möchte ich gerne wissen.
 

Am Strand von Tel Aviv - muslimische Frauen mit Hijab beim Baden

Am Strand von Tel Aviv – muslimische Frauen mit Hijab beim Baden


 
Sehr oft höre ich von Israelkritikern den Satz „Der UN-Menschenrechtsrat sagt, dass..“, was wohl als Untermauerung einer Argumentation gegen Israel dienen soll. Wenn selbst der Menschenrechtsrat sagt, dass Israels Operationen in Gaza falsch sind, ja dann können sie ja nur falsch sein! Irgendwie scheint es niemanden zu stören oder auch nur aufzufallen, dass im UN-Menschenrechtsrat Länder wie Saudi Arabien vertreten sind. Saudi Arabien! Dieses Land saß von 2009 bis 2012 im Menschenrechtsrat. Das ist ungefähr so, wie einen Pädophilen im Kindergarten arbeiten zu lassen. Wer sich die Liste der Mitgliedsländer beim UN-Menschenrechtsrat einmal anschaut, wird anschließend die Qualität der dort getroffenen Entscheidungen hoffentlich in Frage stellen.

In Europa freut man sich indes, dass die Palästinenser und die Israelis an einen Tisch zurückgefunden haben. Zum Glück hat Israel sich zum Auftakt bereit erklärt, Terroristen freizulassen, als Zeichen des guten Willens. Jetzt kann der Frieden also kommen.

 
Photos by Saskia


Im Schatten von Gaza

„Es ist wie beim Fußball. Wie viele Tote habt ihr? Achtzehn. Wie viele Tote hat die andere Seite? Fünf. Unsere Toten zählen nicht, weil es weniger sind. Sind unsere Leben weniger wert für die Welt? Sind unsere Angehörigen einen anderen Tod gestorben, einen, der nicht erwähnenswert ist? Punktsieg für Gaza.“ Alfredo Juarez

 

Als ich am Morgen losfuhr wusste ich nicht, was mich an diesem Tag erwarten würde. Ich hielt eine Liste mit Telefonnummern in der Hand und machte mich auf den Weg Richtung Gaza. Ich würde israelische Familien treffen, deren Angehörige durch Raketenangriffe stark traumatisiert, verletzt oder sogar getötet wurden.

Kfar Aza ist ein Kibbuz, der direkt neben Gaza liegt. Dort treffe ich Anna. Ihr Hund springt an mir hoch, als ich ihr Haus betrete und Anna begrüßt mich mit einem Lächeln. Sie bietet mir Kaffee und Kuchen an und während sie den Kaffee kocht, beginnt sie von ihrem Mann zu erzählen. Jimi ist ihre große Liebe. War.
Er starb vor einigen Jahren, als eine Mörsergranate aus Gaza direkt neben dem Haus einschlug. Er wurde nur 47 Jahre alt. Überall im Haus hängen Bilder von ihm und ich frage Anna, wo sie entstanden sind. Die beiden sind viel zusammen gereist. Jimi war sportlich, ein begeisterter Gleitschirmflieger, der auf seinen Ausflügen unzählige Luftaufnahmen gemacht hat. Überhaupt wirkt das ganze Haus sehr lebhaft, so, als wäre es nicht das Zuhause einer Witwe. „Ich habe mich nach diesem Verlust zunächst total zurückgezogen und ganz stark abgenommen. Aber dann begann ich zu Töpfern. Deshalb stehen hier diese bunten Tonfiguren herum.“. Sie sind wunderschön. „Jimi und ich, wir haben uns immer einen alten Olivenbaum für unseren Garten gewünscht. Darüber haben wir oft gesprochen, aber leider sind alte Olivenbäume sehr teuer und man kann sie nicht einfach so irgendwo ausgraben und umpflanzen. Den Olivenbaum, den du jetzt neben der Eingangstür siehst, habe ich nach Jimis Tod geschenkt bekommen. Er ist 491 Jahre alt. Es ist merkwürdig, dass unser Traum ausgerecht mit Jimis Tod in Erfüllung gegangen ist. Der Baum steht an der Stelle, an der mein Mann starb.“ Anna hat den Baum nach Jimis Tod von der Keren Kayemeth LeIsrael geschenkt bekommen, einer Organisation, die sich um die Erhaltung der natürlichen Ressourcen kümmert und viele Aufforstungsprojekte in Israel leitet.
Wir gehen nach draußen in die Sonne und Anna zeigt auf einen großen blauen Blumentopf, der total beschädigt neben dem Eingang steht. „Der Topf ist zerbrochen, als die Granate in der Nähe einschlug und die Splitter überall landeten. Ich sehe ihn jeden Tag, wenn ich nach Hause komme. Auch der Golden Retriever wurde getroffen, weil er meinem Mann überall hin gefolgt ist.“ Der Hund hat überlebt. Jimi nicht.
Ich schaue über die hügelige Landschaft voller Grüntöne und sehe in der Ferne Gaza City. Dann schaue ich zurück zu Anna, die mit dem Hund spielt.

 

Eine Bushaltestelle mit Raketenschutzraum - Alltag in Südisrael

Eine Bushaltestelle mit Raketenschutzraum – Alltag in Südisrael

 

Kurze Zeit später treffe ich auf Yankale, der auch in Kfar Aza mit seiner Familie lebt. Seine Enkelin wurde bei einem Raketenangriff um Haaresbreite getötet. Die Rakete fiel in ihr Zimmer, doch wie ein Wunder überlebte Shir. Yankale ist eine wichtige Person nicht nur für den Kibbuz, sondern für die gesamte Umgebung. Er hat einen Zoo für therapeutische Behandlungen traumatisierter Kinder. Letztes Jahr musste er sein Therapiezentrum schließen, weil das Gebäude zu unsicher war. Die Tiere wurden notdürftig woanders untergebracht und Yankale versucht nach allen Kräften, seine Arbeit weiterzumachen. Er legt mir einen großen Python um den Hals und wendet sich dann einer Schar Kinder zu, die ihn umringen. Ein Mädchen möchte einen Hasen streicheln, ein anderes Kind will den orangenen Papagei auf die Hand nehmen. In der Ecke steht ein Junge und traut sich nicht, näher zu kommen, weil er Angst vor der Schlange hat. Der Python um meinen Hals ist total gleichgültig, wahrscheinlich hat er sich an die vielen Kinderhände gewöhnt, die ihn dauernd betatschen. Yankale kann extrem gut mit Kindern umgehen, ich weiß nicht, wie er es schafft, aber am Ende will der ängstliche Junge den Python gar nicht mehr loslassen.
Das Engagement dieses Mannes ist unbezahlbar. Er schenkt den Kindern ein Lachen und lässt sie vergessen, was sie durchmachen müssen. Wenn „Zeva Adom“ ertönt, haben die Menschen 15 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Erst am Abend zuvor gab es wieder Raketenalarm. Diesmal war es ein falscher Alarm, aber das wussten die Menschen natürlich in diesem Moment nicht. In Deutschland kann man sich das nicht vorstellen. Eine deutsche Mutter kennt das Gefühl nicht, das eine israelische Mutter hat, wenn sie ihre Kinder in den Kindergarten oder in die Schule schickt. Es gibt keine Routine im Krieg. Die Panik bleibt immer dieselbe, wenn der Raketenalarm ertönt. Kinder im Alter von sieben Jahren sind im Süden Israels oft Bettnässer und leiden an schlimmen Schlafstörungen. Yankales Enkelin war Augenzeugin, als der Nachbar bei einem Raketenangriff ums Leben kam. Wie viel kann eine Kinderseele ertragen?

 

„Warum lebt ihr hier im Süden?“, frage ich Alfredo und Diana, die in Mefalsim leben. „Als wir aus Argentinien nach Israel eingewandert sind, lebten wir zunächst in Ra’anana im Zentrum des Landes, aber wir wollten aufs Land ziehen. Wir hatten genug von Buenos Aires und wollten nicht mehr in einer Stadt wohnen. Damals war es im Norden Israels sehr unruhig, also zogen wir in den Süden. Jetzt leben wir hier seit etwas mehr als 10 Jahren und die Lage hat sich dramatisch verschlechtert. Aber wegziehen können wir nicht einfach so. Unsere gesamte Familie ist mit uns hierher gekommen und der Konflikt ist zudem nicht konstant an einem Ort, es ist ein Auf und Ab, manchmal ist es an einem Ort ruhiger, dann wieder an einem anderen. Wir können nicht unser Leben alle fünf Jahre aufgeben und woanders hinziehen.“
Alfredo saß im Auto, als eine Rakete neben ihm einschlug. Eine andere Rakete traf das Café der Familie im Kibbuz. Alfredo erzählt mir, dass er wochenlang nicht mehr aus dem Haus gegangen ist, nachdem das passiert ist. Er wollte auch seine Kinder nicht mehr zur Schule schicken, die gesamte Familie war völlig paralysiert. „Ich dachte immer, dass man diesen Konflikt mit Dialogen lösen kann.“ Nachdem die Rakete neben seinem Auto einschlug, hat er diese Hoffnung aufgegeben. „Wenn es morgens auf meinem Weg in die Arbeit Raketenalarm gibt, finde ich oft Zuflucht bei Familien, die in dieser Situation ihre Haustüren öffnen und den Fremden Zuflucht gewähren. Dann sehe ich ihre Kinder, die schreiend in der Ecke kauern. Ich sehe Tag für Tag, was dieser Konflikt mit unseren Kindern macht.“ Die Familie zeigt uns ein Video, das Vater und Sohn gemeinsam gemacht haben. Darin erzählt Alfredo (mit englischer Übersetzung) davon wie es ist, neben Gaza zu leben. „Wir sind voller Träume und Hoffnung nach Israel gekommen. Es war nicht einfach. Und hier sind wir jetzt und versuchen, alle Schwierigkeiten zu meistern.“

 

 

Hintergrund: Wie es zu den Treffen kam.
Mein Mann, ein israelischer Fotograf, wurde von der amerikanischen Organisation Adopt a Family kontaktiert und gefragt, ob er Bilder von betroffenen Familien im Süden Israels machen könnte. Er sagte sofort zu und so fuhren wir zusammen eines Samstags dorthin. Die Treffen waren nicht als Interviews geplant, mein Mann sollte einfach Fotos der Menschen machen und ihre Lebenssituation mit Bildern dokumentieren. Wir rechneten beide nicht damit, dass die Familien ein so großes Bedürfnis haben würden, uns ihre Geschichte zu erzählen. Ich erkannte, dass ihnen zu wenig Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit dem Konflikt und den Folgen geschenkt wird. Diese Menschen möchten nicht still und leise trauern, sie wollen gehört werden. Die Welt soll sehen, dass es fernab der grauenvollen Fotos getöteter Kinder aus Gaza eine Realität gibt, die der breiten Öffentlichkeit vollkommen verborgen bleibt. Eine Vermarktung der Bilder von Getöteten zu politischen Propagandazwecken lässt sich mit ehrlicher tiefer Trauer absolut nicht vereinbaren.
Leider führt das einseitige Fotografieren und Filmen von Toten und Schwerverletzten mit Mobiltelefonen auf palästinensischer Seite dazu, dass die Weltöffentlichkeit keine emotionale Verbindung zu dem Leid auf der anderen, der israelischen Seite herstellt. Wir können den Tod eines fremden Menschen nicht als persönlichen Schmerz begreifen, weil uns jeglicher Bezug zu dem abstrakten Begriff „Tod“ fehlt. Erst durch Bilder verlieren wir diese Distanz, teilweise sogar so sehr, dass wir gar nicht mehr hinterfragen, wer ein Interesse daran hat, Tote im Internet zu präsentieren und in welchem Zusammenhang die Bilder überhaupt entstanden sind.

 

 

Ich widme diesen Artikel Jimi, über den ich viel erfahren habe und dessen Präsenz auch Jahre nach seinem Tod in den Räumen des Hauses im Kibbuz Kfar Aza stark spürbar war, als ich mich dort mit seiner Frau Anna unterhielt. Der Schmerz seiner Familie soll nicht verschwiegen und vergessen werden.

 

Jimi bei einem seiner Gleitschirmflüge

Jimi bei einem seiner Gleitschirmflüge


Mein Freund vom israelischen Militär-geheimdienst

Kurze Zeit, nachdem ich nach Israel gezogen war, erreichten mich etliche Emails von Studienkollegen. „Wir haben gehört, dass du jetzt in Israel lebst! Was hältst du denn von…“
Anstelle von Glückwünschen erhielt ich Fragen, was ich denn über den Konflikt denke, wie ich damit umgehe und ob ich es gut finde, dass manche jungen Menschen in Israel den Wehrdienst verweigern – eben all die Fragen, die man einem Freund oder einer Freundin üblicherweise so stellt, wenn er oder sie der Liebe wegen gerade ins Ausland gezogen ist.

Anfangs setzte ich mich noch damit auseinander, suchte nach angemessenen Antworten, formulierte lange Emails. Es war allerdings sehr frustrierend und für mich enttäuschend, weil ich mich lieber über persönliche Dinge austauschen wollte, es dazu aber nie kam, aufgrund der Wut zwischen den Zeilen einer jeden Email.
Ich habe ein wunderschönes Leben hier, eine Familie, einen weißen Sandstrand vor der Haustüre, einen phantastischen Freundeskreis und nein, ich möchte nicht mal eben kurz über den Nahostkonflikt diskutieren. Grundsätzlich lehne ich politische Unterhaltungen natürlich nicht ab und bin gerne bereit, mich zu dem Thema auszutauschen. Es ist nur so, dass einem sehr häufig und oftmals wirklich irrsinnige Fragen gestellt werden, wenn man zu erkennen gibt, dass man in Israel lebt. Zuvor lebte ich in Süditalien und Rom. Keiner meiner Studienkollegen kontaktierte mich jemals um zu fragen, wie ich damit klarkomme, dass die organisierte Kriminalität in Kalabrien, Sizilien und der Basilikata in extremem Umfang Müll in die Natur kippt und infolge dessen viele Kinder an Leukämie erkranken.
Wäre ich nach Russland gezogen, hätte mich vermutlich auch niemals jene Email erreicht, in der ich dazu aufgerufen wurde, mich aktiv gegen „die Ungerechtigkeit“ zu wehren.

Das Ganze mag vielleicht lustig klingen, aber ich fand es nie witzig oder amüsant. Es hat mich im Gegenteil sehr gestört. Es ist Wochenende, man hat schöne Pläne, trifft Freunde, kocht… und dann erreicht einen diese Email, in der auf zwei Din A4 Seiten nur über den Konflikt geschrieben wird. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich auf eine derartige Email gutgelaunt antworte?

So beschloss ich eines Tages, keine Antworten mehr zu diesem Thema zu schreiben, sondern einen Internetlink an alle Nervtöter weiterzuleiten: Friend a soldier bietet die Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit ehemaligen israelischen Soldaten. Die Gründer des Projekts legen großen Wert darauf und betonen, dass sie völlig unabhängig von der IDF, den israelischen Streitkräften, arbeiten. Das Projekt, das 2010 ins Leben gerufen wurde, finanziert sich aus Spenden. Die Kommunikation wird in englischer Sprache angeboten, doch gibt es auch Soldaten, die beispielsweise Französisch und Spanisch sprechen. Zudem informiert die Seite in Arabisch, dass sich arabischsprachige Menschen melden können.
Wem es wirklich auf Antworten und Dialoge ankommt (und nicht auf Provokation), der findet auf dieser Seite mehrere Ansprechpartner aus ganz Israel, mit unterschiedlichen familiären und sozialen Backgrounds, und kann mit ihnen in Emailkontakt treten.
Ich finde das sehr spannend, denn letztlich bekommt man ein differenziertes Bild von dem Leben der Leute und der Lage eher, wenn man mit vielen unterschiedlichen Menschen spricht und offen ist, seine eigene Position immer wieder neu zu hinterfragen und zu überdenken.

friend a soldier