Category Archives: Shoah

Everyday in life is beautiful

Vergangenen Sonntag ist die älteste Überlebende der Shoah in London verstorben: Alice Herz-Sommer. Sie wurde 110 (!) Jahre alt und spielte bis zum letzten Atemzug Klavier.

Diese lachende Frau hat den größtmöglichen Alptraum durchlebt, den man sich vorstellen kann. Vielleicht sollte ich eher schreiben: den man sich nicht einmal im entferntesten vorstellen kann…
Sie war eine junge Frau, als sie nach Theresienstadt in Tschechien kam. Das KZ diente als “Vorzeigelager” und sollte der Welt vorgaukeln, wie schön es den Menschen dort gehe. Alice Herz-Sommer war von 1943 bis 1945 dort.

Sie wurde in Prag geboren, im Jahr 1903. Allein die Vorstellung, dass dieser Mensch ein komplettes Jahrhundert erlebt und durchlebt hat, lässt mich schaudern. Sie hat den ersten Weltkrieg erlebt, die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, dann den zweiten Weltkrieg, anschließend den Kalten Krieg und nebenbei natürlich auch alle technologischen Entwicklungen. Penicilline wurde zum Beispiel erst 1928 entdeckt. Wer vorher lebte und schwer krank wurde, hatte oftmals keine Überlebenschance.
Als Alice ins Konzentrationslager kam, war sie Mutter eines kleines Sohnes. Wie unglaublich schlimm das gewesen sein muss, zu erleben, wie das eigene Kind ebenfalls deportiert wird…
Mutter und Sohn überlebten, Alices Ehemann jedoch nicht. Er starb in Dachau an Typhus. Wie ihre Mutter ums Leben kam, hat Alice Herz-Sommer nie erfahren. Nur dass jener Ort, an dem ihre Mutter starb, Treblinka war. Später sagte sie, dass der Tod ihrer Mutter der wohl dunkelste Moment ihres Lebens war.

Vielleicht überlebte Alice Herz-Sommer dank der Musik. “Alles in meinem Leben ist Musik, alles…” Sie spielte Piano im Orchester von Theresienstadt, in der Hoffnung, dass sie verschont würde. Dort gab sie unzählige klassische Konzerte und auch ihr Sohn war in dem bizarren künstlerischen Programm des KZs eingebunden.
Ein oskarnominierter Dokumentarfilm zeigt diese wundervolle Frau mit all ihrer guten Laune und ihrer Liebe für das Leben. “The Lady in Number 6: Music saved my life”. Selten hat mich ein Mensch so verzaubert wie diese selbst im hohen Alter jung wirkende Dame mit ihrer Scharfsinnigkeit und ihrem außerordentlichen Talent, das Leben selbst in den dunkelsten Momenten noch zu schätzen.


Dr. Klibansky und seine Schüler

Am 20. Juli 1942 stand am Deutzer Bahnhof in Köln Herr Dr. Klibansky mit seiner Familie und einer Gruppe von Schülern. Sie fuhren Richtung Osten.

Einige Jahre zuvor hatte Erich Klibansky, der Direktor des jüdischen Gymnasiums „Jawne“ in Köln, Schüler von demselben Bahnhof in Richtung England geschickt. Es war nach dem Pogrom am 9. November 1938, der Nacht, in der alle fünf Synagogen der Stadt niederbrannten. Der Direktor arbeitete mit Hochdruck an dem Vorhaben, seine Schüler vor dem Nationalsozialismus zu schützen und sie ins Ausland zu schleusen. In die Freiheit. Etwa 130 Schüler gelangten bis Ende der 1930er Jahre dank seiner Hilfe nach London. Der Abschied von den Eltern sollte für die Ewigkeit sein, doch das wussten die Kinder damals noch nicht. Nur wenige trafen später überlebende Familienmitglieder wieder.
Dr. Klibansky fuhr mit jedem Zug mit. Jedes Mal. Er ließ seine eigene Familie zurück, während er seine Schüler nach England begleitete und sich um sie kümmerte. Das Telegramm, mit dem der erste Rettungstransport angekündigt wurde, lautete: „Kinder abreisen Dienstag 17 Uhr 13. Abschied in der Schule.“. Einen Abschied am Bahnhof gab es nicht, vielleicht weil das zu auffällig gewesen wäre.

Dr. Erich Klibansky

Dr. Erich Klibansky

„Kinder abreisen Dienstag 17 Uhr 13“ ist auch der Titel einer aktuellen Kölner Ausstellung zu dem Thema. Sie erzählt die Geschichte von Dr. Erich Klibansky und den geretteten Schülern, unter ihnen Henrietta Franks, die heute 90 Jahre alt ist und zu Beginn der Ausstellung von ihrer Vergangenheit erzählte. Damals war sie 15 Jahre alt. Der Zug brachte sie und ihre Geschwister nach Hoek van Holland, einem heutigen Stadtteil von Rotterdam. Damals war es ein kleines Küstenstädtchen, von wo aus Henrietta mit dem Boot nach Harwich gelangte. Als sie London erreichte, dachte sie zunächst noch, dass es nur vorübergehend sein würde und sie bald zurück nach Köln kommen könne. Sie und ihre Geschwister lebten getrennt voneinander in unterschiedlichen englischen Familien und so wurde ihr Heimweh unermesslich. Sie wusste ja nicht, was in Deutschland zur selben Zeit geschah.
Schließlich wurde England zu ihrer neuen Heimat. Bis heute lebt sie dort.

Henrietta Franks

Henrietta Franks

Mit Ausbruch des Krieges wurden die Grenzen geschlossen. Weitere Rettungstransporte konnten nicht mehr stattfinden.
Erich Klibansky und seine Familie fuhren 1942 in entgegengesetzte Richtung ihrem Tod entgegen. Sie wurden in einem Waldstück in der Nähe von Minsk erschossen.

Die Ausstellung ist seit dem 17. Oktober und noch bis zum 24. November 2013 geöffnet. Sie befindet sich im LVR-Landeshaus, Nordfoyer, Kennedy-Ufer 2, Köln-Deutz.


Inglorious Basterds

Die Tatsache, dass der monumentale Film „Inglorious Basterds“ auf einer wahren Heldengeschichte beruht, dürfte nur den wenigsten bekannt sein.
Doch es gab sie wirklich, eine kleine Gruppe von Männern, die vor dem Nationalsozialismus in die USA geflohen waren und dort Rache schworen für das, war ihren Familien in der Heimat angetan worden war.

Frederick Mayer, 1921 in Freiburg in Breisgau geboren, emigrierte 1938 mit seiner Familie in die USA. Obwohl der Vater während des Ersten Weltkrieges im deutschen Heer gedient hatte und fest daran glaubte, dass dies der jüdischen Familie Schutz selbst unter der Naziflagge bieten würde, konnte seine Frau ihn noch rechtzeitig davon überzeugen, auszuwandern.
Nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor im Dezember 1941 schloss sich Fred Mayer der US Army an. Er wurde ausgebildet zum Scharfschützen, im Nahkampf, in den Methoden des Guerilla Krieges und Operationen zur Infiltration auf Feindesgebiet. Seine deutschen Sprachkenntnisse gereichten ihm zum Vorteil und bald wurde er Mitglied des OSS, Office for Strategic Services, dem damaligen Nachrichtendienst der Vereinigten Staaten von Amerika. Gemeinsam mit anderen jüdischen Flüchtlingen aus Europa war er in einer Einheit, die gewillt war, alles daran zu setzen, um das Naziregime zu besiegen.
Hans Wijnberg war einer von ihnen. Er wurde 1922 in Amsterdam geboren und kam mit seinem Zwillingsbruder 1939 in die USA. Die übrige Familie schaffte die Ausreise nicht mehr. Bevor der Krieg ausbrach, schimpften die Familienmitglieder mit dem Vater „Das ist doch verrückt, zwei Sechzehnjährige ins Land der Cowboys und Indianer zu schicken!“, doch der Vater ließ sich nicht abbringen. Der Abschied sollte für immer sein, denn Hans’ jüngster Bruder und die Eltern verloren ihr Leben. Sie wollten in die Schweiz fliehen, wurden jedoch an der Grenze verraten. Der Vater kam in ein KZ in Polen, die Mutter und der kleine Bruder wurden in Auschwitz vergast.

Von Bari aus führte das OSS die Operation „Greenup“ durch. Drei Männer waren die Hauptakteure: Fred Mayer, Hans Wijnberg und ein österreichischer Deserteur, der ehemalige Wehrmachtsoffizier Franz Weber. Im Dokumentarfilm „The real inglorious bastards“ erzählen Fred Mayer und Hans Wijnberg ihre Geschichte. Die Operation hatte zwei Ziele: Zum einen sollten die Männer den Eisenbahnverkehr über den Brennerpass beobachten, da dieser die Hauptversorgungsader für die deutschen Truppen in Italien war. Der Pass war bereits mehrfach erfolglos bombardiert worden. Zum anderen galt es, herauszufinden, was es mit der Alpenbastion auf sich hatte, einer Nazibastion mitten im Gebirge. Die Alliierten fürchteten, dass fanatische Nazis sich dort verschanzen könnten.
Zum Gelingen der Mission mussten sich Fredy und Hans bei den Nazis in Tirol einschleusen. Sie suchten vor Ort nach einer Kontaktperson, einem Insider, der ihnen dabei helfen würde. In einem Gefangenenlager stießen sie auf Leutnant Franz Weber. Aus Gewissensgründen war dieser desertiert und übergelaufen. Sie vertrauten ihm. Franz war kein Wegseher, er hatte erkannt, was die Nazis machten und lehnte dies komplett ab.

Drei wahre Helden

Drei wahre Helden

Die jungen Männer sollten nachts in der Nähe von Innsbruck mit einem Fallschirm abspringen, jedoch scheiterte dieser Plan daran, dass überall Militär patrouillierte. Da erinnerte sich Fred Mayer an einen kleinen See zwischen zwei Bergen, der im Winter zugefroren war und so flog der Pilot sie unter äußerst widrigen Bedingungen zu dieser Stelle, wo sie in die schwarze Leere hinuntersprangen. Leider fanden sie einen Teil der abgeworfenen Ausrüstung nicht wieder, darunter ihre Skier. So mussten sie den Berg im Tiefschnee herunterwandern. In einem einsamen Bergdorf erhielten sie einen Schlitten und begaben sich auf eine turbulente Talfahrt.
Franz kannte die Gegend und wusste sichere Verstecke. Seine Verlobte Anni spielte dabei eine Schlüsselrolle. Nachdem Franz desertiert war, musste er um jeden Preis unerkannt bleiben und durfte nirgends auffallen. Anni wandte sich an ihre Mutter, der einzigen Vertrauensperson, die ihnen bei der Durchführung ihrer Operation helfen könnte. Die Mutter versteckte Hans Wijnberg bei einem befreundeten Bauern. Von dort funkte Hans die erste Botschaft, dass alles soweit gut gelaufen sei.
Annis Mutter nahm eine unglaublich große Bürde auf sich, als sie den Männern half. Zur damaligen Zeit gaben sich Nazis als Soldaten der Alliierten aus, um in den Dörfern herauszufinden, welche Menschen Hilfe leisteten bei der Kollaboration mit den wahren Alliierten. Das Risiko, aufzufliegen, war enorm hoch. Auch Franz’ Schwestern halfen dem Team bei ihrer Operation. Luisa, eine der drei Schwestern, verhalf Fred zu einer neuen Identität als Nazi Offizier. Luisa arbeitete in einem Lazarett als Krankenschwester und stahl einem verstorbenen Deutschen dessen Uniform. Dadurch konnte Fred öffentlich in Erscheinung treten. Sein Cover flog lange Zeit nicht auf und so konnte er unzählige Informationen an Hans weiterleiten. Franz’ Schwester Eva nahm Notizen von Fred an Hans entgegen und leitete diese sicher weiter.

Fred fand an einem Bahnhof heraus, dass zwei Tage später 26 Züge mit Waffen nach Italien weiterfahren sollten. Er übermittelte diese Information an Bari und die Züge wurden allesamt bombardiert und zerstört.

Kurz vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945 fiel Fred der Gestapo in die Hände. Während Franz und Hans die Flucht im letzten Augenblick gelang, wurde. Fred ins Innsbrucker Gestapogefängnis gebracht und dort gefoltert. Dennoch gab er die Identitäten seiner Komplizen nicht preis. Fred wollte Selbstmord begehen und auf eine Zyankalikapsel beißen, aber sie fiel ihm aus dem Mund und so war er der schlimmen Tortur ausgeliefert.
Schließlich trat ein Nazifunktionär in das Geschehen, der den Gefangenen aus dem Gestapogefängnis herausholte und zu einem Treffen mit Franz Hofer mitnahm. Franz Hofer war der NSDAP-Gauleiter von Tirol-Vorarlberg. Hofer, der zum Ende des Krieges das Sagen und die Kontrolle verlor, hatte gehofft, Fred für seine Zwecke nutzen zu können. Fred nutzte die Gelegenheit und bot Hofer einen Handel an: er schlug ihm die Kapitulation vor. Innsbruck solle zur offenen, unverteidigten Stadt erklärt werden. Fred hatte natürlich gar nicht die Autorität, Hofer Immunität anzubieten, aber er tat es dennoch und der Bluff funktionierte. Hofer übergab Innsbruck an die Amerikaner. Dadurch wurde Innsbruck vor der Zerstörung bewahrt.

Fred mayer heute

Fred mayer heute

Fred Mayer lebt heute in West Virginia, USA. Er und Hans waren Zeit ihres Lebens Freunde. Hans Wijnberg starb nach Abschluss der Dreharbeiten zu dem Dokumentarfilm „The real inglorious Bastards“. Franz Weber verstarb bereits einige Jahre zuvor.


Sir Nicky

Er ist heute 104 Jahre alt und wirkt dabei munter und humorvoll. Sir Nicholas Winton, der Jahrzehnte lang nie über die Ereignisse gesprochen hat, denen annähernd 700 Menschen ihr Überleben im 2. Weltkrieg verdanken. Seine Frau fand eines Tages, Ende der 80er Jahre und damit fast 50 Jahre später, auf dem Dachboden des Hauses ein Notizbuch mit Aufzeichnungen ihres Mannes. Es waren Skizzen mit Fotos von Kindern aus dem Jahr 1939.

Kinderfotos

Nicky Winton arbeitete als junger Mann erfolgreich an der Börse. 1938 wollte er einen Skiurlaub in der Schweiz verbringen, wurde dann jedoch von Freunden nach Prag eingeladen. Er war damals 29 Jahre alt, als er in Prag miterlebte, wie jüdische Familien verzweifelt versuchten, aus Tschechien auszureisen und scheiterten. Tief berührt von ihren Schicksalen machte er sich zurück in London daran, einen Plan zur Rettung der Kinder zu erarbeiten. Ein britisches Gesetz erlaubte die Einreise von Flüchtlingskindern unter 17 Jahren. Also organisierte Nicky Winton Visa, sammelte Gelder für die Reisekosten und suchte nach Adoptivfamilien für die Kinder. Es waren mehrere Zugfahrten geplant, die letzte sollte am 3. September 1939 stattfinden, doch leider konnte dieser letzte Zug nicht mehr das Land verlassen.
Die meisten Kinder, die Dank Sir Nicholas Winton überlebten, verloren ihre Familien in der Shoah.

Bis 1988 wussten weder die Kinder noch die Öffentlichkeit, wer sie gerettet hat. Einige der geretteten Kinder erzählten später, dass sie glaubten, das Rote Kreuz habe die Zugreisen nach England zu den Adoptivfamilien organisiert.
Erst durch einen Zufall kam die Wahrheit ans Tageslicht. Grete Winton, Nickys Ehefrau, fand die Dokumente auf dem Speicher des Hauses.

Der junge Nicky Winton mit einem der Kinder

Der junge Nicky Winton mit einem der Kinder

Der dokumentarische Film „Nicky’s Family“ erzählt diese Geschichte. Während „Schindlers Liste“ zu den Klassikern zählt, die jeder gesehen hat, ist dieser Film noch relativ unbekannt und wurde seltsamerweise auch kaum in den Kinos gezeigt, trotz herausragender Kritiken. Ich hoffe, dass sich dies noch ändern wird.

Heute hat Sir Nicky eine riesengroße Familie, denn die Kinder von damals haben ihn kennengelernt und es sind enge Freundschaften entstanden. Ihre unzähligen Kinder, Enkel- und Urenkelkinder leben Dank Sir Nicholas Winton. Ohne ihn gäbe es sie alle heute wohl nicht.

“כל המציל נפש אחת כאילו הציל עולם ומלואו”

„Wer eine Seele rettet, der rettet eine ganze Welt“

Sir Nicholas Winton mit den "Kindern"

Sir Nicholas Winton mit den “Kindern”


Kinderbilder

Diese Geschichte beginnt 1998, in einem staubigen Winkel der Stadtbücherei Augsburg. Es war ein verregneter Tag im November, ich saß in der hintersten Ecke neben einer Heizung auf dem Fußboden der Bücherei und zog wahllos Bücher aus dem Regal vor mir. Ich erinnere mich nicht daran, ob ich überhaupt nach einem bestimmten Titel suchte oder einfach nur dem Regen entkommen wollte und mich deswegen in die Bücherei geflüchtet hatte.
Plötzlich hielt ich ein weißes Buch in der Hand. Einen kleinen Bildband mit einer Einleitung, die ich überblätterte, und etlichen Seiten mit Farbtafeln. Darauf waren Zeichnungen zu sehen, Kinderkritzeleien. Ich las die Bildunterschriften und vergaß mit einem Mal alles um mich herum.

Vorgestern stolperte ich wieder über diesen Bildband. Wieder die von Kinderhand geschaffenen Skizzen, Aquarelle und Zeichnungen: Schmetterlinge, Häuser, Familien.
Schwarze Nacht.

Als mich mein Mann fragt, worüber ich als nächstes auf meinem Blog schreiben werde, antworte ich ihm, dass es um das weiße Buch geht, das ich am Wochenende in den Händen hielt.
Es geht um einen dunklen Ort, betrachtet mit Kinderaugen. Es geht um die bunten Schmetterlinge, die Kinder in dem gottverlassenen KZ Theresienstadt gemalt haben.
Wer den Film „Das Leben ist schön“ (org. „La vita e’ bella“) von Roberto Begnini gesehen hat, der weiß, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt, sobald man spürt, dass der Tod hinter jedem humorvollen Versuch des Vaters, seinen Sohn zu retten, lauert. Genauso ging es mir mit den Kinderbildern aus dem KZ Theresienstadt, besonders, als ich den lächelnden KZ Aufseher sah:

Der Name des Kindes, das dieses Bild gemalt hat, ist unbekannt

Der Name des Kindes, das dieses Bild gemalt hat, ist unbekannt

 

Theresienstadt (heute heißt der Ort Terezín) wird manchmal fälschlicherweise als Ghetto bezeichnet. Im Dritten Reich waren Ghettos Stadtviertel, die man Juden zugewiesen hatte, bevor sie deportiert wurden. Theresienstadt war ein Konzentrationslager.

Es gibt viel Literatur über Theresienstadt und die Propagandamaschinerie der Nazis. Obwohl ich kein Historiker bin, habe ich das Bedürfnis, darüber zu schreiben. Weniger, um geschichtliche Fakten auszubreiten, als wegen des tiefen und bleibenden Eindrucks, den die Kinderbilder und später ein Konzert in mir hinterlassen haben. Denn eines Tages fand in der Synagoge in Augsburg ein Konzert statt. Ein Streichquartett spielte Werke, die in Theresienstadt komponiert worden waren. Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her und ertrug die Dissonanzen nur mit Mühe. Normalerweise gehe ich auf klassische Konzerte, weil ich gerne Violinen höre und weil mir die Musik sehr viel gibt. Die Stücke von Gideon Klein, der nur 25 Jahre alt wurde, sind nicht zur Entspannung geeignet. Je nachdem, über was man nachdenkt, wenn man seine Stücke hört, ist man entweder genervt von dem Chaos der Töne, oder man begreift seine Musik als Teil seiner Existenz im Konzentrationslager Theresienstadt. Ich gebe zu, letzteres ist sehr belastend.
 

 
Warum gab es in Theresienstadt Musik?
Theresienstadt war ein „Vorzeigelager“. Seit 1942 war Kunst dort nicht mehr verboten, sondern wurde Bestandteil des Lageralltags, in Form von Opernaufführungen, Konzerten, Malerei und kulturellem Leben. Man wollte verschleiern, wie es den Insassen von Konzentrationslagern ging. Darum gab es eine Infrastruktur mit Cafés, die Straßen hatten Namensschilder, es gab einen Kinderspielplatz und einen Musikpavillion.
Am 23. Juni 1944 besuchte eine internationale Kommission des Roten Kreuzes das KZ, um sich von der Harmlosigkeit der Lager am Beispiel von Theresienstadt zu überzeugen. Nach Treblinka oder Auschwitz hätte man die Kommission ja schlecht einladen können.
 

Die Kinderbilder
Das Lager wurde nicht gänzlich aus Baracken aufgebaut, sondern bestand aus der gesamten Stadt. Daher gab es auch schöne Häuser, die jedoch vollkommen überfüllt waren. Vor dem Krieg betrug die Einwohnerzahl höchstens 7.000 Personen. Die Gemeinde wurde aufgelöst und ihre Bewohner ausgewiesen, um in den folgenden Jahren Juden dorthin deportieren zu können. Im September 1942 wurden annähernd 60.000 Personen in Theresienstadt verzeichnet. Insgesamt waren mehr als 150.000 Menschen in Theresienstadt. Etwa 15.000 Kinder waren dort untergebracht. Davon überlebten nur 150.
Wenn man mit großen Zahlen um sich schmeißt, muss man sie irgendwie auch veranschaulichen. Ich komme aus Bayern, vom Land. In dem Ort, in dem das Haus meiner Eltern steht, leben heute etwa 13.700 Einwohner. Ich kenne nur wenige davon persönlich, die Nachbarn meiner Eltern, den Bäcker, den Friseur, ein paar Freunde, Ladenbesitzer. Ich konnte mit dem Fahrrad um die Ortschaft herumradeln und ihre Fläche abschätzen, aber ich habe nie alle Einwohner kennengelernt. Wenn alle diese Einwohner Kinder wären, dann wäre immer noch nicht die Anzahl der Kinder erreicht, die in Theresienstadt ihre Kindheit verbringen mussten und die niemals das Erwachsenenalter erreicht haben. Und am Ende blieben von all diesen Kindern nur 150 übrig. Hundertfünfzig.

Margit Koretzova, Schmetterlinge

Margit Koretzova, Schmetterlinge

 

Eva Bulova, Schmetterlinge

Eva Bulova, Schmetterlinge

 

Margit Gerstmann, Theresienstadt

Margit Gerstmann, Theresienstadt

 

Margit Gerstmann, Theresienstadt

Margit Gerstmann, Theresienstadt

 

Helga Weissova, Letzter Abschied

Helga Weissova, Letzter Abschied

 

Helga Weissova, Brot auf dem Leichenwagen

Helga Weissova, Brot auf dem Leichenwagen

 

Die Kinder von Theresienstadt - Foto aus dem Archiv von Yad Vashem

Die Kinder von Theresienstadt – Foto aus dem Archiv von Yad Vashem

 

Der Name des Kindes, das dieses Bild gemalt hat, ist unbekannt

Der Name des Kindes, das dieses Bild gemalt hat, ist unbekannt

 

Eine Schulklasse in Theresienstadt - Foto aus dem Archiv von Yad Vashem

Eine Schulklasse in Theresienstadt – Foto aus dem Archiv von Yad Vashem

 

Ruth Hein, Spielplatz

Ruth Hein, Spielplatz

 

Das Jüdische Museum Berlin zeigt in einer Sonderausstellung noch bis zum 25. August 2013 Bilder des Künstlers Bedřich Fritta, die zwischen 1942 und 1944 im KZ Theresienstadt entstanden sind.