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Traurig-frohes Chanukka: Zum Tod von Arik Einstein

Eigentlich sollte Chanukka dieses Jahr wirklich großartig werden: Wenn ich auf die vergangenen Monate zurückblicke, dann war da kein Krieg, obwohl alle einen Angriff Syriens auf Israel befürchteten und wir diesen Sommer wochenlang in Anspannung verbrachten. Auch die Iran-Agenda hatte sich dieses Jahr beruhigt, auch wenn ganz klar gesagt werden muss, dass die “Einigung” hinsichtlich der iranischen Atomanlagen eher eine Farce ist und Israel nicht gerade beruhigt und erfreut darüber sein kann.
Dennoch, im Vergleich zu letztem Jahr habe ich dieses Jahr ein deutlich entspannteres Gefühl und als ich heute Morgen auch noch die gute Nachricht las, dass Hamed Abdel-Samad in Sicherheit ist, wollte ich Chanukka heute Abend mit diesem Gutelaune-Song beginnen:

Das hätte perfekt zu meiner Stimmung gepasst.
Doch dann erfuhr ich vom Tod Arik Einsteins, einem der größten israelischen Sänger wenn nicht DEM größten, einem Menschen, der Persönlichkeit und Größe besaß und die Israelis ein Leben lang mit seiner Musik und seinen poetischen Texten begleitet hat.
In der Times of Israel schreibt Avi Issacharoff zu seinem Tod: ” Ein Sänger für alle Lieben meines Lebens”. Generationenübergreifend hören Menschen hier seine Lieder und sind davon betroffen und gerührt.
Es fiel mir heute Morgen schwer, seinen Tod zu begreifen. Arik Einstein war ein zurückhaltender Mensch, der in den letzten Jahren sogar das Publikum scheute.
Ausgerechnet am Morgen des Tages, an dem Chanukka beginnt, starb er unerwartet und plötzlich im Alter von 74 Jahren. Doch vielleicht ist es eine Fügung des Schicksals, dass heute Abend in Israel und auf der Welt eine Kerze angezündet wird, auf dass Arik Einsteins Licht in der Welt weiterleuchtet…

Chanukkia - getty images

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Inglorious Basterds

Die Tatsache, dass der monumentale Film „Inglorious Basterds“ auf einer wahren Heldengeschichte beruht, dürfte nur den wenigsten bekannt sein.
Doch es gab sie wirklich, eine kleine Gruppe von Männern, die vor dem Nationalsozialismus in die USA geflohen waren und dort Rache schworen für das, war ihren Familien in der Heimat angetan worden war.

Frederick Mayer, 1921 in Freiburg in Breisgau geboren, emigrierte 1938 mit seiner Familie in die USA. Obwohl der Vater während des Ersten Weltkrieges im deutschen Heer gedient hatte und fest daran glaubte, dass dies der jüdischen Familie Schutz selbst unter der Naziflagge bieten würde, konnte seine Frau ihn noch rechtzeitig davon überzeugen, auszuwandern.
Nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor im Dezember 1941 schloss sich Fred Mayer der US Army an. Er wurde ausgebildet zum Scharfschützen, im Nahkampf, in den Methoden des Guerilla Krieges und Operationen zur Infiltration auf Feindesgebiet. Seine deutschen Sprachkenntnisse gereichten ihm zum Vorteil und bald wurde er Mitglied des OSS, Office for Strategic Services, dem damaligen Nachrichtendienst der Vereinigten Staaten von Amerika. Gemeinsam mit anderen jüdischen Flüchtlingen aus Europa war er in einer Einheit, die gewillt war, alles daran zu setzen, um das Naziregime zu besiegen.
Hans Wijnberg war einer von ihnen. Er wurde 1922 in Amsterdam geboren und kam mit seinem Zwillingsbruder 1939 in die USA. Die übrige Familie schaffte die Ausreise nicht mehr. Bevor der Krieg ausbrach, schimpften die Familienmitglieder mit dem Vater „Das ist doch verrückt, zwei Sechzehnjährige ins Land der Cowboys und Indianer zu schicken!“, doch der Vater ließ sich nicht abbringen. Der Abschied sollte für immer sein, denn Hans’ jüngster Bruder und die Eltern verloren ihr Leben. Sie wollten in die Schweiz fliehen, wurden jedoch an der Grenze verraten. Der Vater kam in ein KZ in Polen, die Mutter und der kleine Bruder wurden in Auschwitz vergast.

Von Bari aus führte das OSS die Operation „Greenup“ durch. Drei Männer waren die Hauptakteure: Fred Mayer, Hans Wijnberg und ein österreichischer Deserteur, der ehemalige Wehrmachtsoffizier Franz Weber. Im Dokumentarfilm „The real inglorious bastards“ erzählen Fred Mayer und Hans Wijnberg ihre Geschichte. Die Operation hatte zwei Ziele: Zum einen sollten die Männer den Eisenbahnverkehr über den Brennerpass beobachten, da dieser die Hauptversorgungsader für die deutschen Truppen in Italien war. Der Pass war bereits mehrfach erfolglos bombardiert worden. Zum anderen galt es, herauszufinden, was es mit der Alpenbastion auf sich hatte, einer Nazibastion mitten im Gebirge. Die Alliierten fürchteten, dass fanatische Nazis sich dort verschanzen könnten.
Zum Gelingen der Mission mussten sich Fredy und Hans bei den Nazis in Tirol einschleusen. Sie suchten vor Ort nach einer Kontaktperson, einem Insider, der ihnen dabei helfen würde. In einem Gefangenenlager stießen sie auf Leutnant Franz Weber. Aus Gewissensgründen war dieser desertiert und übergelaufen. Sie vertrauten ihm. Franz war kein Wegseher, er hatte erkannt, was die Nazis machten und lehnte dies komplett ab.

Drei wahre Helden

Drei wahre Helden

Die jungen Männer sollten nachts in der Nähe von Innsbruck mit einem Fallschirm abspringen, jedoch scheiterte dieser Plan daran, dass überall Militär patrouillierte. Da erinnerte sich Fred Mayer an einen kleinen See zwischen zwei Bergen, der im Winter zugefroren war und so flog der Pilot sie unter äußerst widrigen Bedingungen zu dieser Stelle, wo sie in die schwarze Leere hinuntersprangen. Leider fanden sie einen Teil der abgeworfenen Ausrüstung nicht wieder, darunter ihre Skier. So mussten sie den Berg im Tiefschnee herunterwandern. In einem einsamen Bergdorf erhielten sie einen Schlitten und begaben sich auf eine turbulente Talfahrt.
Franz kannte die Gegend und wusste sichere Verstecke. Seine Verlobte Anni spielte dabei eine Schlüsselrolle. Nachdem Franz desertiert war, musste er um jeden Preis unerkannt bleiben und durfte nirgends auffallen. Anni wandte sich an ihre Mutter, der einzigen Vertrauensperson, die ihnen bei der Durchführung ihrer Operation helfen könnte. Die Mutter versteckte Hans Wijnberg bei einem befreundeten Bauern. Von dort funkte Hans die erste Botschaft, dass alles soweit gut gelaufen sei.
Annis Mutter nahm eine unglaublich große Bürde auf sich, als sie den Männern half. Zur damaligen Zeit gaben sich Nazis als Soldaten der Alliierten aus, um in den Dörfern herauszufinden, welche Menschen Hilfe leisteten bei der Kollaboration mit den wahren Alliierten. Das Risiko, aufzufliegen, war enorm hoch. Auch Franz’ Schwestern halfen dem Team bei ihrer Operation. Luisa, eine der drei Schwestern, verhalf Fred zu einer neuen Identität als Nazi Offizier. Luisa arbeitete in einem Lazarett als Krankenschwester und stahl einem verstorbenen Deutschen dessen Uniform. Dadurch konnte Fred öffentlich in Erscheinung treten. Sein Cover flog lange Zeit nicht auf und so konnte er unzählige Informationen an Hans weiterleiten. Franz’ Schwester Eva nahm Notizen von Fred an Hans entgegen und leitete diese sicher weiter.

Fred fand an einem Bahnhof heraus, dass zwei Tage später 26 Züge mit Waffen nach Italien weiterfahren sollten. Er übermittelte diese Information an Bari und die Züge wurden allesamt bombardiert und zerstört.

Kurz vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945 fiel Fred der Gestapo in die Hände. Während Franz und Hans die Flucht im letzten Augenblick gelang, wurde. Fred ins Innsbrucker Gestapogefängnis gebracht und dort gefoltert. Dennoch gab er die Identitäten seiner Komplizen nicht preis. Fred wollte Selbstmord begehen und auf eine Zyankalikapsel beißen, aber sie fiel ihm aus dem Mund und so war er der schlimmen Tortur ausgeliefert.
Schließlich trat ein Nazifunktionär in das Geschehen, der den Gefangenen aus dem Gestapogefängnis herausholte und zu einem Treffen mit Franz Hofer mitnahm. Franz Hofer war der NSDAP-Gauleiter von Tirol-Vorarlberg. Hofer, der zum Ende des Krieges das Sagen und die Kontrolle verlor, hatte gehofft, Fred für seine Zwecke nutzen zu können. Fred nutzte die Gelegenheit und bot Hofer einen Handel an: er schlug ihm die Kapitulation vor. Innsbruck solle zur offenen, unverteidigten Stadt erklärt werden. Fred hatte natürlich gar nicht die Autorität, Hofer Immunität anzubieten, aber er tat es dennoch und der Bluff funktionierte. Hofer übergab Innsbruck an die Amerikaner. Dadurch wurde Innsbruck vor der Zerstörung bewahrt.

Fred mayer heute

Fred mayer heute

Fred Mayer lebt heute in West Virginia, USA. Er und Hans waren Zeit ihres Lebens Freunde. Hans Wijnberg starb nach Abschluss der Dreharbeiten zu dem Dokumentarfilm „The real inglorious Bastards“. Franz Weber verstarb bereits einige Jahre zuvor.


Sir Nicky

Er ist heute 104 Jahre alt und wirkt dabei munter und humorvoll. Sir Nicholas Winton, der Jahrzehnte lang nie über die Ereignisse gesprochen hat, denen annähernd 700 Menschen ihr Überleben im 2. Weltkrieg verdanken. Seine Frau fand eines Tages, Ende der 80er Jahre und damit fast 50 Jahre später, auf dem Dachboden des Hauses ein Notizbuch mit Aufzeichnungen ihres Mannes. Es waren Skizzen mit Fotos von Kindern aus dem Jahr 1939.

Kinderfotos

Nicky Winton arbeitete als junger Mann erfolgreich an der Börse. 1938 wollte er einen Skiurlaub in der Schweiz verbringen, wurde dann jedoch von Freunden nach Prag eingeladen. Er war damals 29 Jahre alt, als er in Prag miterlebte, wie jüdische Familien verzweifelt versuchten, aus Tschechien auszureisen und scheiterten. Tief berührt von ihren Schicksalen machte er sich zurück in London daran, einen Plan zur Rettung der Kinder zu erarbeiten. Ein britisches Gesetz erlaubte die Einreise von Flüchtlingskindern unter 17 Jahren. Also organisierte Nicky Winton Visa, sammelte Gelder für die Reisekosten und suchte nach Adoptivfamilien für die Kinder. Es waren mehrere Zugfahrten geplant, die letzte sollte am 3. September 1939 stattfinden, doch leider konnte dieser letzte Zug nicht mehr das Land verlassen.
Die meisten Kinder, die Dank Sir Nicholas Winton überlebten, verloren ihre Familien in der Shoah.

Bis 1988 wussten weder die Kinder noch die Öffentlichkeit, wer sie gerettet hat. Einige der geretteten Kinder erzählten später, dass sie glaubten, das Rote Kreuz habe die Zugreisen nach England zu den Adoptivfamilien organisiert.
Erst durch einen Zufall kam die Wahrheit ans Tageslicht. Grete Winton, Nickys Ehefrau, fand die Dokumente auf dem Speicher des Hauses.

Der junge Nicky Winton mit einem der Kinder

Der junge Nicky Winton mit einem der Kinder

Der dokumentarische Film „Nicky’s Family“ erzählt diese Geschichte. Während „Schindlers Liste“ zu den Klassikern zählt, die jeder gesehen hat, ist dieser Film noch relativ unbekannt und wurde seltsamerweise auch kaum in den Kinos gezeigt, trotz herausragender Kritiken. Ich hoffe, dass sich dies noch ändern wird.

Heute hat Sir Nicky eine riesengroße Familie, denn die Kinder von damals haben ihn kennengelernt und es sind enge Freundschaften entstanden. Ihre unzähligen Kinder, Enkel- und Urenkelkinder leben Dank Sir Nicholas Winton. Ohne ihn gäbe es sie alle heute wohl nicht.

“כל המציל נפש אחת כאילו הציל עולם ומלואו”

„Wer eine Seele rettet, der rettet eine ganze Welt“

Sir Nicholas Winton mit den "Kindern"

Sir Nicholas Winton mit den “Kindern”


Israelfieber im tiefsten Bayern

Früher sehnte ich mich nach Urlauben an weißen Sandstränden mit türkisblauem Meer. In Israel habe ich das jeden Tag und seitdem sehne ich mich nach den grünen saftigen Wiesen und Wäldern Bayerns. Zum Glück liebt mein Mann die bayerische Natur genauso sehr wie ich, und so verbringen wir jedes Jahr mindestens einen Urlaub dort.
Eigentlich wollte ich meine Fotos von unserem wunderbaren Urlaub anschließend hier zeigen, aber etwas unerwartet Schönes ist meinem Vorhaben in die Quere gekommen.
Am besten ich beginne mit der Geschichte dort, wo sie auch ihren Anfang genommen hat. In einem kleinen Dorf in Bayern. Es war unser letzter Urlaubstag. Wir nahmen unsere Räder und fuhren durch die Felder und Wälder. Als wir durch besagtes kleines Dorf fuhren, hielt ich an und fotografierte diesen Bauernhof:

Bauernhof

Ein Junge joggte an uns vorbei und kehrte plötzlich um. Er kam auf mich zu und fragte, ob er uns helfen könne. Ich merkte sofort, dass er es wohl sehr komisch fand, wie ich diesen Bauernhof fotografierte. Also erzählte ich ihm, dass ich früher in der Gegend gewohnt habe und heute mit meinem Mann im Ausland lebe. Dass mich das Heimweh packt, jedesmal, wenn ich solche Bauernhöfe sehe und dass ich deshalb den Fotoapparat auf unsere Radtour mitgenommen habe.
Ich erfuhr, dass dieser Bauernhof den Eltern des Jungen gehört. Neugierig fragte er mich, in welchem Land ich heute lebe.
„In Israel“, antwortete ich ihm. „Ich bin wegen meinen Mann dorthin gezogen“.
– „Letztes Jahr hatten wir hier eine israelische Jugendgruppe bei uns! Dieses Jahr kommt wieder eine und ich werde nächsten Sommer sogar nach Israel fliegen und dort dann einige Zeit sein!“ rief er begeistert. Ich war sprachlos. Irgendwie rechnet man ja mit allerlei Reaktionen, wenn man offenbart, dass man in Israel lebt. Etliche Menschen reagieren darauf positiv und offen, aber leider wurde ich auch schon angefeindet von Leuten, die eine schräge Vorstellung von dem Land und den Menschen haben. Ich sage trotzdem immer stolz, dass ich in Israel lebe, denn ehrlich gesagt ist es mir ganz egal, welche Meinung Leute über dieses Land haben. Im Zweifel habe ich ja auch eine Meinung über Leute mit Vorurteilen….
Trotzdem war ich sehr überrascht von diesem Ereignis. Zur Erinnerung: wir befanden uns in einem der hintersten Winkel Bayerns, wo sicher nicht jeden Tag ein Jogger begeistert erzählt, dass er an einem deutsch-israelischen Jugendaustausch teilnimmt, während man sein Haus fotografiert und freimütig sagt, dass man in Israel lebt…

Am selben Abend machten wir eine Grillfeier im Garten meiner Eltern. An dieser Stelle möchte ich mich nochmal bei ihnen für den besten Kuchen der Welt bedanken und dafür, dass sie uns so arglos ihren voll befüllten Kühlschrank überlassen haben…
Wenn ihr bald wieder zu uns zu Besuch kommt, werde ich mich mit einem richtig tollen Kuchen revanchieren!
Ich erzählte meinen Freunden beim Grillen von der witzigen Begegnung am Nachmittag im Nachbardorf. Daraufhin entgegnete mir einer meiner Freunde lässig: „Ach, das war bestimmt einer der Jugendlichen vom deutsch-israelischen Austausch, den der Günter jedes Jahr organisiert! Ich werd’ Dich mal mit Günter bekannt machen!“
Gesagt, getan. So ist der Kontakt zu Günter entstanden, der mir inzwischen sehr viel über sein Projekt erzählt hat.

Ein israelisches Dorffest in Bayern

Günter war Gemeinderat und Jugendbeauftragter einer Gemeinde mit 1100 Einwohnern. „Da die Menschen hier nicht viel erleben, wollte ich die Welt zu uns holen. Ich machte Feste zum Thema Amerika mit Indianern oder zum Thema Afrika mit lieben Freunden aus dem Kongo und Angola. Dann hatte ich die Jugendlichen gefragt was sie gerne hier haben wollten und da wir auch Glatzköpfe im Dorf hatten, wollten unsere intelligenten jungen Menschen “Israel”.“
Also kontaktierte er die Jüdische Gemeinde in München und stellte dort seine Idee vor, ein Israelfest im Dorf zu veranstalten. Die Überraschung über den Vorschlag war groß, doch das Fest fand tatsächlich statt, mit einer Klezmer Band, Tanz, mit israelischem Theater und vielen weiteren Veranstaltungen.

Der Anfang war nicht ganz einfach. Günter erzählt mir von einem Erlebnis, das er nie vergessen wird: „Bei den Vorbereitungen sagte meine Mutter zu mir, sie mache sich Sorgen um mich, da die Leute reden, ich wäre ein „Judenfreund“. Zuerst wurde mir ganz mulmig, dann wurde ich innerlich ziemlich sauer und sagte zu meiner Mutter, dass ich in einer Welt, die so denkt, nicht leben möchte und ich das jetzt machen werde, egal was passiert.“

Es gibt auf dem Land nach wie vor Neonazis, aber dank Menschen wie Günter sinkt ihre Zahl in der Region, aus der ich stamme, deutlich. „Sie haben durch unsere Aktionen Israel anders kennen gelernt. Es gibt zwar schon genügend Potenzial für ausländerfeindliches Denken, aber es gibt auch viele Möglichkeiten, die Menschen etwas schlauer zu machen. Eine wichtige ist die Begegnung zwischen Menschen, das verändert ihre Sichtweise.“
Die bayerischen Jugendlichen, die auf israelische Jugendliche getroffen sind, kamen anschließend zu Günter und baten darum, unbedingt wieder ein Treffen zu organisieren. Günter wünscht sich, in der Zukunft einen Film über die Jugendlichen verschiedener Herkunft zu drehen, über die rechtsradikalen Problemkinder, über die Zukunft der Jugendlichen und wie die Begegnungen mit den Israelis sie verändern.

Das erste Dorffest unter dem Motto „Israel“ fand im September 2005 statt. Anfangs wurde es zwar zögerlich aufgenommen: „Es waren noch nicht so viel Leute dabei, weil’s zum einen sehr “exotisch” war und zum anderen sehr heikel. Denn was ich nicht wusste war, dass die Menschen teilweise den Krieg und die Geschichte mit dem Holocaust nie richtig aufgearbeitet haben, vor allem nicht in so kleinen Dörfern. Und jeder trägt das im Unterbewusstsein mit sich herum. Die Jugendlichen waren zwar sehr neugierig, aber die Eltern hatten Ängste.“ Trotzdem wurde das Fest ein voller Erfolg. Günter knüpfte mit der Zeit etliche Kontakte, zur 60. Jahresfeier Israels lud die Jüdische Gemeinde ihn auf eine offizielle Feier ein. „Zum 60. Jahrestag von Israel war ich in den Bayrischen Hof eingeladen, mit 200 Gästen (unter ihnen Michel Friedmann und der deutsche sowie der amerikanische Botschafter). Mitten unter ihnen war ich mit meiner lieben Frau Annemarie. Es war wie im Film, tolles Programm, sehr interessante Menschen und eine koscheres Viergänge Menü – so etwas erlebt man nicht oft im Leben.“

Vom Dorffest zum Jugendaustausch

Günter wurde 2008 Trainer einer Mädchenfußballmannschaft. Um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, hatte er die Idee einer Jugendbegegnung. Er kontaktierte die Eltern der Mädchen und da die Resonanz sehr positiv war, begann er mit den Vorbereitungen. Er traf Menschen, die ihn aktiv dabei unterstützen und bald stand fest, dass eine Gruppe Jugendlicher aus Israel in das bayerische Dorf kommen würde. Die Planung und Organisation brachte viel Arbeit und Zeitaufwand mit sich, aber Günter bekam tatkräftige Unterstützung von vielen begeisterten Helfern. „Das Beste war natürlich, dass wir pubertäre Mädchen hatten und von Karmiel konnten nur Jungs kommen – ein Basketballteam. Das den Eltern zu erklären…“
Als die Jungs am Bahnhof eintrafen, begrüßte die Kolpingkappelle sie mit bayerischer Musik. „Es war der Wahnsinn, wie toll alles lief und wie schnell sich die jungen Menschen verstanden.“
Auf dem Programm stand neben Spaß auch ein Besuch im KZ Dachau. Zunächst wollte keines der Mädchen die Gedenkstätte besuchen und Günter musste viel Überzeugungsarbeit leisten. Letztlich gingen die Jugendlichen alle gemeinsam dorthin und es fand auch eine Gedenkzeremonie statt. „Den Mädchen ist ein Stein vom Herzen gefallen, ich hab’s richtig poltern gehört. Es war gut, dass wir das gemeinsam mit den israelischen Jungs erleben durften.“

Bevor die bayerischen Jugendlichen nach Israel kamen, besuchte Günter zum ersten Mal das Land im Rahmen einer Reise des BJR (bayerischer Jugendring). Begeistert erzählt er von Jerusalem und den Begegnungen mit den Menschen vor Ort.
„Jerusalem ist toll! Ich war im Orient, auf dem Dach des Österreichischen Hospiz und trank Melange. Wir besuchten auch ein Kibbuz, in dem junge Israelis auf die Soldatenzeit vorbereitet wurden. Dort traf ich einen sehr jungen netten Mann und sagte zu ihm, dass es für uns Deutsche nicht selbstverständlich ist, in den Krieg zu ziehen, und dass ich nicht weiß, ob ich das freiwillig machen würde. Er antwortete mir, dass es für Israelis selbstverständlich sei, ihr Land zu verteidigen, da es im Gegensatz zu Deutschland nur von Feinden umgeben ist. Da wurde mir klar wie gut es uns eigentlich seit über 60 Jahren in Deutschland geht, und wie wichtig für Juden das Land Israel ist, um eine Heimat zu haben.“

Die Reise nach Israel

Für die Jugendlichen war es nicht nur die erste Reise nach Israel, einige waren in ihrem Leben überhaupt noch nie mit dem Flugzeug verreist. Im Vorfeld äußersten sich einige Eltern sehr besorgt um ihre Kinder und hätten ihnen beinahe die Teilnahme nicht erlaubt. Günter brachte dafür vollstes Verständnis auf, organisierte eine Infoveranstaltung, sprach mit den Eltern und überzeugte sie letzten Endes. „Es waren zwei Väter und eine Mutter, die ziemlich Angst um ihre Töchter hatten. Es ist ja auch etwas sehr Wertvolles, so liebe Menschen. Mir wurde das sehr bewusst, dass die Eltern ihr Wichtigstes in ein Land gingen ließen, von dem wir in Deutschland glauben, dass es dort ständig Krieg gibt.“

Dann ging es los. 16 Jugendliche und 5 Erwachsene, darunter natürlich Günter und seine Frau, begaben sich auf den Weg zum Münchner Flughafen. In Israel erwartete sie bereits ein Freund, der die Gruppe empfing und nach Karmiel begleitete.
Die ersten Tage verbrachten sie in Karmiel und der Umgebung. Anschließend besuchten sie die Stadt Haifa, den See Genezareth, machten einen sportlichen Abstecher zum Jordan für ein Rafting auf dem Fluss und nahmen Teil beim Karmiel Tanzfestival. „Es war eine tolle Zeit, wir lernten das Land und die Menschen wirklich kennen und lieben!“ schwärmt Günter von der Reise.

Die Jugendlichen kehrten von der Reise um viele Eindrücke bereichert zurück nach Deutschland. Viele unter ihnen waren so beeindruckt, dass sie seitdem in einem Organisationsteam an zukünftigen Jugendaustauschprogrammen mit Israel arbeiten und neugierige Menschen aus ihrer Umgebung „anstecken“.

In der Welt zu Hause

Ich habe Günter als einen Menschen kennengelernt, der das Funkeln in den Augen seiner Mitmenschen sucht und der sich riesig freut, wenn er es findet. Seine Freundschaft ist eine echte Bereicherung und es gibt bereits Ideen, wie man den Kontakt ausbauen könnte. „Wenn du Lust auf Bayern hast, dann finden wir für euch immer einen Platz. Und vielleicht kann man das ja umgekehrt auch so machen, wenn Leute mal in Israel sein möchten, findet ihr einfach einen Platz. Dann wäre “zu Hause “schon viel größer…“
Und dann fügt er hinzu: „Ich hab mir viele Gedanken gemacht, wo meine Heimat ist, und ich denke, sie liegt überall dort, wo ich frei sein kann und doch viele Menschen als Freunde habe.“


Die Charta der Mondrechte

Ron Leshem zählt zu meinen Lieblingsautoren. Er hat erst zwei Romane veröffentlicht, aber beide sind so temporeich und spannend, dass ich sie bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen konnte. Ron Leshem ist auch der Grund, warum ich heute in Israel lebe, aber das ist eine andere Geschichte…

Ron Leshem - Copyright Noam Yosef

Vor zweieinhalb Jahren lernte ich Ron persönlich kennen. Er ist ein extrem belesener Mann, von dessen stiller Art man sich nicht täuschen lassen sollte. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt, über Europa, Politik, Literatur und auch über seine Bücher. Ich hatte kurz zuvor sein erstes Buch „Im Yesh Gan Eden“ ausgelesen, das in Deutschland unter dem Titel „Wenn es ein Paradies gibt“ erschienen ist. Dieser Roman schaffte es auf Anhieb in die Bestsellerlisten weltweit und er beschäftigte und wühlte mich sehr auf. Es war außerdem das erste Buch, das ich auf Hebräisch las. Ich dachte zunächst, Ron habe darin seine eigene Geschichte erzählt, jedoch fand ich heraus, dass er sehr gut recherchiert hatte und das Buch keineswegs seine persönlichen Erfahrungen widerspiegelte.

Sein zweites Buch hat auf Hebräisch den fantasievollen Namen „Megilat Zchujot HaJareach“, was wörtlich übersetzt „Die Charta der Mondrechte“ bedeutet. In Deutschland ist das Buch allerdings unter dem Titel „Der geheime Basar“ erschienen. Mir persönlich gefällt der Originaltitel besser. Das erinnert mich daran, dass Ron Leshem bei unserem Treffen zu mir sagte, sein erstes Buch sei in Italien unter einem Titel erschienen, den er persönlich absolut nicht geistreich fand: Anstelle von „Wenn es ein Paradies gibt“ heißt das Buch in Italien „Die dreizehn Soldaten“. Aber das nur am Rande.

„Der geheime Basar“, das ist der Basar der verbotenen Dinge in Teheran. Ein Schwarzmarkt für Drogen, Schweinefleisch und Bücher. Ausgerechnet die Tochter eines Ministers führt Kami, den Maschinenbaustudenten, dorthin. Die schöne Nilufar, die er während des Studiums kennengelernt hat, wird seine „Prinzessin der Freiheit“. Nilufar mit ihrem unerhörten Traum, Rennfahrerin zu werden, mischt Kamis Leben gründlich auf und auch seine liebenswert schrullige Tante Zahra und deren Nachbarn, Frau Safureh und Babak, werden zu Verbündeten bei der Suche nach Möglichkeiten, die Regeln der Diktatur zu umgehen. Kami, der bei Zahra für die Dauer seines Studiums wohnt, erfährt nach und nach, was im Leben seiner Tante passiert ist und schaut damit in den Spiegel der Geschichte des iranischen Volkes. Doch nicht nur die Vergangenheit liegt wie ein Schatten über Allem. Kami verwechselt das zügellose Leben im Untergrund zunehmens mit der Realität in dem totalitären Regime und erwacht eines Tages in einem Alptraum.

Ich habe mich während der Lektüre oft gefragt, wie Ron Leshem es angestellt hat, ein derart detailliertes Bild der Stadt Teheran zu zeichnen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Er beschreibt nicht nur jeden Winkel so, als kenne er ihn seit frühester Kindheit, sondern fängt auch das Lebensgefühl in einer Weise ein, dass der Leser es spüren und sogar atmen kann. Ron erzählt im Epilog, dass er iranische Filme anschaute, etliche Bücher über das Land las, persische Musik hörte und Karten studierte. Zudem knüpfte er über Facebook Kontakte zu jungen Iranern, aus dem Wunsch heraus, dieses Volk kennenzulernen und sich mit den Menschen und ihren Ansichten auseinanderzusetzen.

Es ist das, was mich an Ron so unglaublich fasziniert – er nähert sich dem Fremden so stark, dass er damit zu verschmelzen scheint.

„Einen Monat nach Beendigung des Buches kamen die Wahlen im Iran. Die Untergrundstadt erzitterte, schwappte für einen Augenblick an die Oberfläche. Ich schrieb meinen Freunden dort: Riskiert nichts. Doch sie waren stark genug, anders zu denken.
Ich schrieb über sie und dachte an mich selbst hier.“

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