Category Archives: Israelische Musik

Yehuda Amichai – eine Jazz Session

Vielleicht ist es dem einen oder anderen Leser dieses Blogs aufgefallen, dass ich nicht mehr regelmäßig schreibe… Mein Mann und ich erwarten ein Kind und nun ist es nur noch ein Katzensprung bis zur Geburt. Wir sind sehr gespannt und meine Aufmerksamkeit liegt momentan eher bei Spieluhren, Stramplern und winzigen Mützchen. Vermutlich wird der Blog eine Weile lang darunter leiden.
Trotzdem bleibe ich natürlich offen für spannende Themen rund um Israel und hoffe, dass ich auch weiterhin Freiräume zum Schreiben und Fotografieren finden werde.

Vor einiger Zeit kontaktierte mich Sina, eine sehr liebenswürdige Musikerin, die sich für ein Gedicht von Yehuda Amichai begeisterte, das sie auf meinem Blog entdeckt hatte. Es inspirierte sie zu einem neuen Projekt und nachdem sie mich wiederrum damit begeisterte, bat ich sie, mir das Ergebnis unbedingt zu schicken. Es hat eine Weile gedauert, aber jetzt erreichte mich vor Kurzem ihre Email mit einem Konzertmitschnitt, den ich mit Sinas Erlaubnis auf Youtube gestellt habe und unbedingt hier teilen möchte.
Der Text des Stücks basiert auf dem Gedicht “Ein Jahav”, das hier in hebräischer, englischer und deutscher Sprache zu finden ist.

Applaus für Sina Fehre!! Sie spielt Kontrabass, hat die Musik komponiert und singt in diesem Stück auf Hebräisch, was sie zu diesem Zweck extra eingeübt hat, da sie eigentlich kein Hebräisch spricht – das nötigt mir noch mehr Respekt ab!

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Traurig-frohes Chanukka: Zum Tod von Arik Einstein

Eigentlich sollte Chanukka dieses Jahr wirklich großartig werden: Wenn ich auf die vergangenen Monate zurückblicke, dann war da kein Krieg, obwohl alle einen Angriff Syriens auf Israel befürchteten und wir diesen Sommer wochenlang in Anspannung verbrachten. Auch die Iran-Agenda hatte sich dieses Jahr beruhigt, auch wenn ganz klar gesagt werden muss, dass die “Einigung” hinsichtlich der iranischen Atomanlagen eher eine Farce ist und Israel nicht gerade beruhigt und erfreut darüber sein kann.
Dennoch, im Vergleich zu letztem Jahr habe ich dieses Jahr ein deutlich entspannteres Gefühl und als ich heute Morgen auch noch die gute Nachricht las, dass Hamed Abdel-Samad in Sicherheit ist, wollte ich Chanukka heute Abend mit diesem Gutelaune-Song beginnen:

Das hätte perfekt zu meiner Stimmung gepasst.
Doch dann erfuhr ich vom Tod Arik Einsteins, einem der größten israelischen Sänger wenn nicht DEM größten, einem Menschen, der Persönlichkeit und Größe besaß und die Israelis ein Leben lang mit seiner Musik und seinen poetischen Texten begleitet hat.
In der Times of Israel schreibt Avi Issacharoff zu seinem Tod: ” Ein Sänger für alle Lieben meines Lebens”. Generationenübergreifend hören Menschen hier seine Lieder und sind davon betroffen und gerührt.
Es fiel mir heute Morgen schwer, seinen Tod zu begreifen. Arik Einstein war ein zurückhaltender Mensch, der in den letzten Jahren sogar das Publikum scheute.
Ausgerechnet am Morgen des Tages, an dem Chanukka beginnt, starb er unerwartet und plötzlich im Alter von 74 Jahren. Doch vielleicht ist es eine Fügung des Schicksals, dass heute Abend in Israel und auf der Welt eine Kerze angezündet wird, auf dass Arik Einsteins Licht in der Welt weiterleuchtet…

Chanukkia - getty images


In einem anderen Leben

Gestern Abend sind wir aus dem Urlaub zurückgekommen. Zurück in Israel hat uns eine Mauer aus Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit in Empfang genommen. Ich wäre beinahe direkt wieder in den Flieger zurück nach München eingestiegen. Beinahe.
Denn auf’s Zuhause habe ich mich dann doch sehr gefreut. Bevor ich ein paar Urlaubsbilder und Eindrücke hier zeige, stelle ich euch ein Lied vor, das ich gerne und oft höre. Es klingt auf Hebräisch deutlich poetischer als auf Deutsch, aber das ist ja meistens so bei Übersetzungen. Das “Zwischen den Zeilen” geht ein bisschen verloren, und die Schönheit des Klanges mancher Worte.

Das Lied heißt “Begilgul acher” und ist von Amir Dadon. Mein Mann hat ihn vor Kurzem fotografiert. Ich mag Amir nicht nur für seine Musik, sondern auch für seine nette und persönliche Art. Er ist ein ganz feiner Mensch, den ich sehr schätze.

יש בך את כל האור

ואני לא רואה דבר

איבדתי את התום שבלב

אל תחכי לי עוד אהובה

לכי לדרכך

אולי בגלגול אחר נפגש

 

את הדרך אני אעבור

ואשאל את כל השאלות

אהיה מוכן כשאראה אותך

אולי בגלגול אחר

יש בך את כל החום

ואני לא מרגיש כבר כלום

 

נגעתי בכל דבר שאסור

אל תחכי לי עוד אהובה

לכי לדרכך

אולי בגלגול אחר נפגש

 

Du trägst all das Licht in dir
und ich sehe nichts.
Ich verlor die Unschuld des Herzens.
Geh deinen Weg,
vielleicht werden wir uns in einem anderen Leben treffen.

Ich werde den Weg durchqueren
und ich werde all die Fragen stellen.
Ich werde bereit sein, wenn ich dich sehe,
vielleicht in einem anderen Leben.

Du trägst all die Wärme in dir
und ich fühle gar nichts.
Ich habe all das Verbotene berührt.
Warte nicht länger auf mich, meine Liebe,
geh deinen eigenen Weg.
Vielleicht werden wir uns in einem anderen Leben treffen.

Text und Musik: Amir Dadon


Yonatan Razel live in concert oder: warum ich Jerusalem liebe

Nachts ist Jerusalem ein magischer Ort. Bereits tagsüber ist die Stadt sehr besonders und außergewöhnlich, aber wenn die Dunkelheit sie umhüllt und man über die tausenden funkelnden Lichter in den Hügeln blickt, ist man so ergriffen von ihrer Schönheit, dass man wünscht, es gäbe keinen Morgen.
Mein Mann und ich sind nach Jerusalem gefahren, um ein Konzert von Yonatan Razel zu besuchen. Es ist ein intimer Kreis von Zuhören an diesem Abend in einem Restaurant im Herzen der Stadt. Yonatan Razel hat eine klassische Musikausbildung und das merkt man seinen Stücken auch an. Er ist ein Musiker, wie man ihn selten live hört.

Als Yonatan Razel zu „Vehi sheamda“ ansetzt, bekomme ich eine Gänsehaut. Dieses Lied ist eines der schönsten hebräischen Lieder überhaupt. Yonatan Razel wurde mit seiner Interpretation dieses Liedes aus der Haggada einem breiten Publikum bekannt.

Zwischen zwei Liedern erzählt Yonatan Razel von einer lustigen Geschichte, die ihm am Ben Gurion Flughafen während der Passkontrolle widerfahren ist. Die Polizistin, die seinen Reisepass in den Händen hielt, sagte ihm, dass ihr sein Name von irgendwoher bekannt vorkäme. Razel antwortete, dass er Musiker sei.
„Kenne ich Ihre Lieder?“ fragte sie zurück.
-„Vielleicht. Eines meiner Lieder wird oft im Radio gespielt.“
„Na dann singen Sie es mir doch mal vor!“ forderte die Polizistin.
Yonatan Razel schaut mit einem Augenzwinkern ins Publikum und stellt fest: „Sie hatte ja noch meinen Pass… Also sang ich.“

Viele seiner Lieder haben sehr tiefe Texte. Sie sind nachdenklich und poetisch. Er interpretiert alte Stücke neu und komponiert nebenzu auch seine eigenen. Yonatan Razel spielt Klavier, Gitarre, ist Dirigent und studiert nebenbei an der Jeschiwa, einer Hochschule, an der sich die Studenten dem Studium des Talmud widmen.

Am Anfang des folgenden Videos erzählt Yonatan Razel von einem Treffen zwischen Bob Dylan und John Lennon. Bod Dylan fragte John Lennon, wie viele Jahre er noch diese unsinnigen Texte singen würde. „Die ganze Zeit ‘She loves me, she doesn’t. I miss you, It’s you, You’re the only one.“ Sing doch mal was Vernünftiges.“ Und danach brachten die Beatles Lieder wie ‘Sargent pepper’ und ‘Revolver’ heraus. Der Text des Stücks, das Yonatan Razel anschließend singt, wurde von Rachel Shapira geschrieben. Sie hat die Texte vieler großer Hits in Israel verfasst und ‘Od Yom’ hört sich mehr nach einem Gedicht als nach einem gewöhnlichen Liedtext an.

Am Schluss gibt es noch eine große Überraschung. Plötzlich steht Daniel Zamir, ein begnadeter Saxophonspieler, auf der Bühne. Das Publikum ist von den Stühlen aufgesprungen und applaudiert unaufhörlich. Da tritt eine weitere Person ins Bühnenlicht: Eviatar Banai, einer der bekanntesten Sänger Israels. Er hat Yonatan Razels neues Album produziert. Jetzt tobt das Publikum gänzlich und es dauert einige Minuten, bis sich der Lärm wieder legt. Die drei performen gemeinsam noch einmal „Vehi sheamda“. Leider hat meine Speicherkarte nicht mehr gereicht, um das gesamte Stück zu filmen.

All videos by Saskia


Kreuz und quer durch die israelische Musikszene

Bevor ich nach Israel zog, kannte ich nur wenige israelische Musiker. Idan Raichel ist sicher einer der weltweit Bekanntesten unter ihnen. Daneben natürlich auch Arik Einstein und Shlomo Artzi. Dennoch, man hört sie im Ausland entweder bewusst oder gar nicht. Die deutschen Radiosender spielen natürlich keinen Arik Einstein und wenn man sich nicht für hebräische Songs interessiert und danach sucht, bleibt einem die hiesige Musikszene verschlossen. Vor Israel lebte ich in Rom in einer WG mit zwei Italienerinnen. Ich hörte oft Idan Raichel, vor allem wenn ich in der Küche stand und kochte. Meine Mitbewohnerinnen gesellten sich dann meist zu mir und fragten, welche Sprache da gesungen würde. Hebräisch gehört zu den Sprachen, die für viele Menschen anscheinend nicht zuordbar ist. Ich weiß nicht, was sie in Leuten auslöst, die es nicht verstehen. Ich habe mein ganzes Leben lang hebräische Musik gehört und deshalb war mir die Sprache immer schon vertraut, selbst bevor ich sie verstand. Wenn ich heute hebräische Songs höre, ist mir die Sprache so nah wie Deutsch. Das ist mir mit Italienisch nie so ergangen.

Idan Raichel und seine Band singen nicht nur auf Hebräisch, sondern auch auf Arabisch, Äthiopisch, Spanisch und Afrikanisch. In dieser Musik verbinden sich die Kulturen und Einflüsse zu etwas, das mehr ist als Musik. „Im telech“, ein Lied über Liebe, das Fortgehen und die Sehnsucht…

Shlomo Artzi ist einer der ganz Großen, nicht nur in Israel. Letztes Jahr gab er während der Sozialproteste ein Konzert mitten unter den Demonstranten, ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube es war ziemlich spontan. Seine Lieder sind poetisch und haben Tiefgang. Das folgende Lied heißt übersetzt „Der Mann, der“. Es wird immer wieder im Zusammenhang mit Gedenkveranstaltungen für Jitzchak Rabin aufgeführt und dürfte daher wohl bei den meisten Israelis diese Assoziation auslösen.

Das folgende Lied von Arik Einstein gilt als eines der schönsten israelischen Liebeslieder überhaupt. Die Musik ist typisch für die 70er Jahre, mit klassischen Instrumenten im Hintergrund und einem Chor. „Atur mitzchech“:

Din Din Aviv und Mosh Ben Ari sind zwei Sänger, deren Konzerte ständig ausverkauft sind. Sie haben das Duett „Cholemet“, „Ich träume“, zusammen aufgenommen und wäre mein iPod nicht in der Waschmaschine kaputt gegangen, würde ich es immer noch jeden Tag auf dem Weg in die Arbeit hören….

Die Musik von Aviv Geffen würde ich persönlich vorsichtig als morbid bezeichnen, aber dennoch ist sie wunderbar. Dur kommt in Geffens Repertoire selten vor, aber Moll ist manchmal ohnehin schöner…. „Ulai“ – „Vielleicht“

Yonatan Razel verbindet Tradition und klassische Musik mit Moderne. Seine Lieder haben meist religiöse oder sehr traditionelle Hintergründe. Yonatan Razel hat eine klassische Musikausbildung, was man seinen Kompositionen stark anhört, finde ich. Nigunim sind Lieder mit einer sehr repetitiven Melodie, deren Texte oftmals nur aus Lautmalereien bestehen:

Vor zwei Jahren brachte Avraham Tal sein Album „Orot“, „Lichter“, heraus. Der gleichnamige Titel wurde sofort populär und war fortan überall zu hören:

Ein Lied, das bei den Israelis ebenfalls sehr gut ankam und im Radio permanent lief, ist von Dudu Tassa. Der Sänger mit den irakischen Wurzeln spricht fließend Arabisch und sang dieses Lied mehrfach live, jedesmal ein großer Erfolg beim Publikum in Tel Aviv.
„Win Ya Galoub“ (fragt mich in ein paar Jahren, was es bedeutet und wovon das Lied handelt, bis dahin habe ich dann vielleicht Arabisch gelernt….)

Anm.: Sollte dieses Video nicht in Deutschland abrufbar sein, gibt es noch folgende Version:
http://www.youtube.com/watch?v=i29o5fnlKl4

Eines Tages erwischte mich mein Mann, wie ich dieses alte israelische Lied sang. Erstaunt fragte er mich, woher ich es kenne. Ich hatte es irgendwann einmal gehört und war davon so berührt, dass ich den Text lernte. Seitdem singe ich es oft und mein Mann wundert sich jedes Mal aufs Neue…
„Haihu Lailot“ von Esther Ofarim, „Es gab Nächte“:

Auf Hochzeiten und Familienfeiern hört man unvermeidbar die Schnulzen von Eyal Golan. Irgendwie klingen die Songs immer gleich, hat man einen gehört, kennt man sie alle. Eyal Golan ist ein regelmäßig wiederkehrendes Thema in der israelischen Klatschpresse und seine Lieder klingen ebenso dramatisch:

Obwohl ich Arik Einstein bereits weiter oben erwähnt habe, darf ein weiteres seiner Lieder absolut nicht in meiner Liste fehlen: „Uf gozal“, „flieg Küken“. Es ist ein Lied über den Abschied von den Kindern, die das Zuhause verlassen. Viele Eltern assoziieren es mit dem Beginn des Wehrdienstes, wenn die Kinder das erste Mal wirklich das Elternhaus für längere Zeit verlassen und beginnen, auf eigenen Beinen zu stehen.

Beri Sakharof’s „Klum ze lo stam“ ist ein nur schwer übersetzbarer Titel. „Nichts ist nicht einfach nichts“ vielleicht. Ein modernes Liebeslied, das gut zum Lebensgefühl in Tel Aviv passt:

Traurige Musik höre ich deutlich lieber als heitere. Wahrscheinlich ist auch deshalb „Lirot et HaOr“, „Das Licht sehen“, von Efrat Gosh eines der Lieder, die ich besonders mag. Es handelt vom Alleinesein, von Dunkelheit und der Sehnsucht, Licht zu sehen. Nichts für Menschen in einer depressiven Phase also.

Und zum Schluss noch ein ganz anderer Style: Skazi & Void mit dem tanzbaren Song „Shney olamot“ – „Zwei Welten“:

Es gibt so viele israelische Sängerinnen und Sänger und so viele phantastische Songs, dass diese Liste endlos weitergehen könnte… Ich mache an dieser Stelle Halt und hoffe, ihr hattet Spaß beim Reinhören und Kennenlernen der israelischen Musik.