Category Archives: Israel

Abschied

Dieses Jahr im Frühling glaubte ich noch, dass Israel auch in der Zukunft unser Zuhause sein würde. Doch der Sommer veränderte alles.
Es war der Tag, an dem die Sirenen wieder zu heulen begonnen hatten, knapp zwei Jahre nach Amud Anan. Man muss wissen, dass der Klang der Sirenen sich einem tief ins Gedächtnis hineingräbt. Man geht auf der Straße spazieren und plötzlich hört man entfernt ein Motorrad beschleunigen. Für den Bruchteil einer Sekunde vernimmt man dabei ein Geräusch, das der Tonlage einer Sirene ähnelt, ein Aufheulen.
Man spürt sofort, wie das Herz schneller schlägt und dreht sich um, der panische Blick auf der Suche nach einem schützenden Unterstand. Dann begreift der Kopf, dass es nur ein Motorrad war und man nicht rennen muss. Man denkt sich, dass man sich lächerlich verhalten hat. Wer erschrickt denn bitte vor einem Motorrad?
Posttraumatische Belastungsstörung nennen Psychologen dieses Phänomen.
Mitte Juli 2014 besuchten eine gute Freundin und ich mit unseren Babys das Tel Aviv Museum of Art. Es war der Tag, an dem sie nicht alleine mit ihrem Sohn zu Hause sein wollte. Der Tag, an dessen Ende ein neuer Krieg beginnen würde. Ich fragte sie am Morgen, ob sie Ablenkung bräuchte. Wir verbrachten einen schönen Tag im Museum und vergaßen für einige Stunden die Anspannung. Am Abend jenes Tages traf ich dann, wie nicht anders erwartet, meine Nachbarn im Luftschutzkeller unseres Wohnhauses.
Eltern haben eine schwierige Aufgabe während eines Krieges: Sie müssen Lachen. Lachen wenn die Sirenen heulen, Lachen wenn die verängstigten Kinder im Bunker nach den Blicken ihrer Eltern suchen. Lachen wenn die Familie im Freien spazierengeht, obwohl ihr Herz voller Angst ist, mit den Kindern plötzlich rennen zu müssen.
Ich fackelte nicht lange herum und rief EL AL an. Dann packte ich einen Koffer und wenige Stunden später saß ich mit meinem Sohn im Arm im Flugzeug. Ich war bereit jeden Preis zu bezahlen, um so schnell wie möglich ausreisen zu können.
In Deutschland dauerte es geschlagene zwei Wochen, bis ich nicht mehr auf den nächsten Raketenalarm wartete. Der Flug hatte zwar eine räumliche Distanz zwischen mir und dem Krieg geschaffen, aber in meinem Kopf gab es diesen Abstand nicht. Mein Adrenalinpegel blieb so hoch wie er zuvor in Israel gewesen war.
Eine Woche später kam mein Mann zu uns. Wie liefen im Sonnenschein durch das kleine Dorf in dem meine Eltern wohnen und schwiegen. Dann sagte mein Mann plötzlich, dass wir in Erwägung ziehen sollten, dorthin zu ziehen. Wo grüne Felder bis an den Horizont reichen und Habichte über den Wiesen ihre Kreise ziehen. Wo unser Kind niemals Sirenen hören würde und im Kindergarten nicht lernen müsste, wie man sich im Krieg verhält.

Ich sitze an unserem Esstisch in der Küche, vor dem Fenster steht ein Apfelbaum und draußen liegt Nebel über den roten Ziegeldächern. Das Läuten der Kirchenglocken reisst mich aus meinen Gedanken. Wir leben jetzt in Deutschland.


Spontan nach Israel und nie wieder zurück…

Häufig kommt es vor, dass ich gefragt werde, ob ich nicht wieder nach Deutschland zurückgehen möchte. Eine klare Ja/Nein-Antwort kann ich darauf nicht so recht geben. Deshalb möchte ich ein bisschen von meinem Schritt nach Israel erzählen und davon, wie diese Entscheidung mein Leben seither beeinflusst.

Eigentlich habe ich nie entschieden, nach Israel zu ziehen. Ich traf vielmehr die Entscheidung, nicht mehr zurück nach Hause zu fliegen. Vor einigen Jahren habe ich mich in einen israelischen Mann verliebt. Unsere ganze Liebesgeschichte, wie wir uns kennengelernt haben und all das Drumherum, erzähle ich lieber bei einem Glas Rotwein…
Damals lebte ich in Rom und mein israelischer Freund kam mich dort besuchen. Ich wiederrum besuchte ihn in Israel. Da ich natürlich nicht Multimillionärin war (und es heute aus einem mir unerklärlichen Grund leider immer noch nicht bin), war das sehr nervenaufreibend. Meine römischen WG-Mitbewohnerinnen fragten mich regelmäßig, warum meine Telefonrechnungen höher seien als sämtliche Wasser- Strom- und Gasrechnungen zusammen. Sie schüttelten nur irritiert den Kopf, wenn ich ihnen von dem tollen Mann erzählte, der in Israel auf mich wartete. Dann stopfte ich einen Koffer voll mit Sommerkleidern, Shorts und Badesachen, kaufte ein Flugticket und offenbarte meinen WG-Mitbewohnerinnen, dass ich für eineinhalb Wochen Urlaub in Israel machen würde.
Eineinhalb Wochen später, am Abend vor dem Rückflug nach Italien, sagte ich zu meinem Freund, dass ich für immer bei ihm bleiben wolle. „Dann bleib für immer bei mir“, antwortete er.
Am nächsten Tag lachte ich bei der Vorstellung, dass EL AL wohl gerade zum dritten Mal meinen Namen vergeblich ausrufen würde. „This is the last call for passenger Saskia Schumacher travelling to Rom…“

Es mag chaotisch wirken, dass ich eine derart große Entscheidung spontan aus dem Bauch heraus getroffen habe, aber ich habe es zu keinem Zeitpunkt bereut. Im Gegenteil.
Viele Menschen, die nach Israel einwandern wollen, wägen monatelang Pro und Contra ab, machen sich darüber Gedanken, wie es dort weitergehen wird mit ihrem Leben, was sie erwartet, ob sie glücklich sein werden… Leider kommt bei solchen Abwägungen meistens nicht viel heraus, weil es immer etliche positive und negative Aspekte gibt, die gegeneinander aufzuwiegen kaum gelingt. Der Bauch ist da deutlich unkomplizierter, er sagt ganz klar „Mach es!“ oder „Lass es sein!“. Man muss jedoch den Mut haben, dann auch darauf zu hören, was er sagt. Ich hatte keinen Mut, sondern ich war einfach unsterblich verliebt. Da schaltet sich der Kopf sowieso ab…

Meine Eltern reagierten erstaunlicherweise sehr entspannt, als ich ihnen mitteilte, dass ich nun nicht mehr in Rom, sondern in Rishon LeZion leben würde. Sie besuchten uns bald in Israel und wurden sofort so süchtig von diesem Land, dass ihnen am Flughafen Ben Gurion bei der Einreise inzwischen schon gar keine Fragen mehr gestellt werden. „Viel Spaß bei Ihrem tausendvierhundertachtundachtzigsten Urlaub im sonnigen Israel!“

Ich bekam sehr bald eine Arbeitserlaubnis und fand einen schönen Arbeitsplatz, bei dem ich bis heute geblieben bin. Es fiel mir zwar nicht immer leicht, Hebräisch zu lernen, aber ich versuchte, es sportlich zu sehen und nahm die Herausforderung jeden Tag aufs Neue an. Meine Freunde in Europa fragten mich oft, ob ich meinen Schritt nicht bereue und vielleicht zurück nach Deutschland kommen würde (Rom war nur eine Etappe in meinem Leben, ich hatte nie vor, dort dauerhaft zu leben). Ich konnte ihre Fragen gut verstehen und natürlich vermisste ich unsere spontanen Treffen auf einen Kaffee oder gemeinsame Spaziergänge sehr. Im Prinzip ist das bis heute auch so geblieben, in manchen Momenten würde ich meinen engsten Freundinnen einfach gerne persönlich gegenüber sitzen, anstatt mich mit ihnen auf Skype zu unterhalten. Aber dann denke ich mir wieder, dass es wohl auch nicht anders wäre, wenn es mich nach Norddeutschland verschlagen hätte. Die Illusion, dass die Clique aus der Studienzeit immer zusammenbleiben wird, platzt ohnehin wie eine Seifenblase, sobald man ins Berufsleben kommt. Eine italienische Freundin sagte einmal zu mir: „Eine Freundschaft ist wie Feuer und die Distanz wie der Wind. Die kleinen Flammen werden vom Wind ausgeblasen, aber die starken werden durch den Wind nur noch größer.“ Es klingt zwar kitschig, aber letztlich ist es wahr. Eine tiefe Freundschaft bleibt selbst mit der allergrößten Distanz tief. Diese Erfahrung habe ich schon in Italien gemacht und später auch in Israel. Wann immer ich nach Deutschland komme, treffe ich meine engen Freunde und alles ist wie früher, als hätten wir nie aufgehört, diese verrückten Studenten zu sein.

Heimat

Zwei Jahre später heirateten der israelische Mann und ich. Wir hatten zwei unvergesslich schöne Feiern, eine in Deutschland und eine in Israel. Und dann dachten wir tatsächlich darüber nach, ob wir nach Deutschland ziehen wollen. Direkt nach unseren Urlauben dort bekam ich oft Heimweh nach meiner Familie, aber auch nach der Natur. Ich schlich früher gerne in den bayerischen Wäldern herum, wo ich wilde Tiere beobachtete und fotografierte. Dieses Grün fehlt mir in Israel manchmal und, um ehrlich zu sein, hilft gegen starkes Heimweh auch leider gar nichts. In solchen Momenten denke ich mir dann, dass Heimweh eben das Schicksal der Menschen ist, die im Ausland leben. Einerseits ist das Leben in einem anderen Land sehr spannend und bereichernd, andererseits bedeutet es aber auch, seine Wurzeln ein Stück weit zu verlieren. Selbst Menschen, die von Israel jahrelang geträumt hatten bevor sie Aliyah machten, erzählten mir, dass es nicht immer einfach war, Fuß zu fassen.

Wir dachten also darüber nach, in Deutschland zu leben. Schnell erkannten wir jedoch, dass unsere Träume mehr eine Wunschdenken waren, als eine realistische Vorstellung davon, wie unser Leben in Deutschland sein würde. Wir hatten nämlich gemeinsam etliche schöne Urlaube in Deutschland verbracht und Ausflüge unternommen, für die im Alltag gar keine Zeit bliebe. Als Touristen genossen wir die tollsten Städte und Landschaften Deutschlands. Würden wir jedoch dorthin ziehen, müssten wir uns wie jeder andere Pendler auch mit dem schlechten Service der Deutschen Bahn herumärgern, ständig einen Regenschirm in der Tasche mitschleppen (während in Israel die Sonne scheint…) und bald würden wir Deutschland nicht mehr idealisieren, sondern auch dessen Kehrseiten wahrnehmen, so wie sie jedes Land nun einmal hat.
Israels Kehrseite ist für mich ganz klar der Konflikt. Ich komme nicht immer gut damit klar, dass unsere Nachbarländer immer wieder unverblümt manifestieren, dass Israel ausgelöscht werden soll. An Syriens Chemiewaffenlager habe ich mich inzwischen in etwa so gewöhnt, wie man sich an eine Gefahr gewöhnen kann, die einen umgibt aber nicht sichtbar ist. Israelis leben in unmittelbarer Nachbarschaft zu absolut durchgeknallten Fundamentalisten, aber letztlich gibt es wohl kaum einen Ort auf der Welt, an dem man tatsächlich völlig unbeschwert leben kann. Polynesien könnte vielleicht so ein Fleck sein, aber selbst da bin ich mir nicht ganz sicher. Und dennoch leben wir in einer friedlichen Zeit. Der 30 jährige Krieg in Europa muss so verwüstend und entsetzlich gewesen sein, dass der Nahost Konflikt dagegen unbedeutend wirken kann. Man darf Gefahren und die damit verbundenen Ängste nicht herunterspielen, aber man sollte sie auch nicht so stark überhöhen, dass sie die den Alltag überschatten und einem die Luft zum Atmen abschnüren.

Das Leben in Israel ist wunderschön. Wahrscheinlich kann ich gar nicht alles aufzählen, was ich an diesem Land liebe, aber einige Facetten möchte ich unbedingt erwähnen.
Die Israelis haben eine sehr positive und aufgeschlossene Einstellung zum Leben. Sie sind spontan und verbindlich. Wenn mein Mann und ich beispielsweise am Nachmittag Freunde fragen, ob sie noch am selben Abend mit uns Essen gehen wollen, dann sagen sie „ja“. Dasselbe gilt für Verabredungen zum Sport, für Grillfeiern, gemeinsame Kochsessions zu Hause und für einen Kaffee zwischendurch. Niemand kommt in Israel auf die Idee, eine Woche vorher schon zu fragen, ob man sich am Freitagabend zum Essen verabreden möchte. Weil ich aus Deutschland komme, mache ich das manchmal noch, und mein Mann schaut mich jedesmal deutlich irritiert an.
Meine Eltern wohnen in Bayern in einem sehr schönen kleinen Ort, umgeben von Feldern und Seen. Man möchte meinen, dass die Menschen dort mit sich und der Welt im Reinen sind. Bei unserem letzten Urlaub hörte ich zufällig ein Gespräch in einem Garagenhof. Die Anwohner ärgerten sich darüber, dass Kinder mit bunter Kreide auf dem Boden herumgemalt hatten. Überhaupt sollten Kinder nicht in dem Garagenhof spielen, der Lärm sei ja eine Zumutung. Das erinnerte mich stark an einen Vorfall in Berlin Prenzlauer Berg. Der Betreiber eines Cafés hatte ein Schild an der Eingangstür angebracht, um Hunde und Kinderwägen zu verbannen. Ganz richtig, Kinderwägen. Anzunehmen, dass auch der Inhalt des Kinderwagens dort nicht erwünscht ist.
In Israel habe ich noch nie Anwohner über Kinder schimpfen gehört und würde ein Café oder Restaurant ein Zutrittsverbot für Familien mit Kinderwagen verhängen, ich glaube die Betreiber könnten sich danach die Kugel geben.
Überhaupt sind Kinder in Israel sehr willkommen und erwünscht. Man gibt ihnen überall das Gefühl, „dazu zu gehören“. Das sollte ja eigentlich auch selbstverständlich sein. Aber erklär das mal den schrägen Anwohnern aus dem bayerischen Dorf.
Das schöne türkisblaue Meer und den weißen Sandstrand erwähne ich jetzt gar nicht extra, weil mir von Freunden bereits die Kritik zugetragen wurde, ich würde ihnen das mit Absicht jedesmal reindrücken, zumal es bei ihnen kalt und verregnet ist und sie kein Meer vor der Haustür haben…

Viele Israelis sagen, dass es auf der Welt kein Land gebe, das so schön wie Israel sei. Obligatorisch folgt auf diese Feststellung die Frage, ob man das auch so sehe. Man kann sich entweder diplomatisch verhalten und energisch zustimmen, oder man kann ihnen vom Berchtesgadener Land und den Nordseeinseln vorschwärmen. Beide Optionen führen zu einer Vertiefung des Gesprächs, ganz egal ob man im Supermarkt an der Kasse steht oder an der Bushaltestelle auf die Linie 56 wartet. In Israel gehört Kommunikation nämlich zur Kultur und wird gepflegt. In Deutschland kannte ich selbst nach drei Jahren noch immer nicht die Namen der Verkäufer im Obst- und Gemüseladen um die Ecke. In dem Viertel in Givatayim, wo ich meine wöchentlichen Einkäufe erledige, fragen sich mich jedesmal, was es Neues gibt, wie es mir geht und ob ich Melonen oder Kirschen probieren möchte.

Einige Deutsche, die nach Israel gezogen sind, berichteten mir von ihrem anfänglichen Kulturschock: Das Verkehrschaos, die am Telefon manchmal laut schimpfenden Menschen, die Gemächlichkeit, mit der manche Dinge erst bei vehementem Nachbohren erledigt werden. All das blieb mir erspart, weil ich aus Italien kam. Die Menschen empfand ich als unaufdringlich und umgänglich, den Verkehr als absolut sicher, die Behörden als sehr effizient und schnell. Es kommt also auf die Perspektive und die Erwartungen an, mit denen man in ein Land zieht.
Und wer weiß, wenn ich damals nicht auf mein Bauchgefühl gehört und stattdessen den Rückflug nach Rom wahrgenommen hätte, dann würde ich mich heute vielleicht fragen, ob mein persönliches Glück nicht genau dort auf mich gewartet hätte.
Heute kann ich sagen: das hat es.

photo by Saskia


Israelfieber im tiefsten Bayern

Früher sehnte ich mich nach Urlauben an weißen Sandstränden mit türkisblauem Meer. In Israel habe ich das jeden Tag und seitdem sehne ich mich nach den grünen saftigen Wiesen und Wäldern Bayerns. Zum Glück liebt mein Mann die bayerische Natur genauso sehr wie ich, und so verbringen wir jedes Jahr mindestens einen Urlaub dort.
Eigentlich wollte ich meine Fotos von unserem wunderbaren Urlaub anschließend hier zeigen, aber etwas unerwartet Schönes ist meinem Vorhaben in die Quere gekommen.
Am besten ich beginne mit der Geschichte dort, wo sie auch ihren Anfang genommen hat. In einem kleinen Dorf in Bayern. Es war unser letzter Urlaubstag. Wir nahmen unsere Räder und fuhren durch die Felder und Wälder. Als wir durch besagtes kleines Dorf fuhren, hielt ich an und fotografierte diesen Bauernhof:

Bauernhof

Ein Junge joggte an uns vorbei und kehrte plötzlich um. Er kam auf mich zu und fragte, ob er uns helfen könne. Ich merkte sofort, dass er es wohl sehr komisch fand, wie ich diesen Bauernhof fotografierte. Also erzählte ich ihm, dass ich früher in der Gegend gewohnt habe und heute mit meinem Mann im Ausland lebe. Dass mich das Heimweh packt, jedesmal, wenn ich solche Bauernhöfe sehe und dass ich deshalb den Fotoapparat auf unsere Radtour mitgenommen habe.
Ich erfuhr, dass dieser Bauernhof den Eltern des Jungen gehört. Neugierig fragte er mich, in welchem Land ich heute lebe.
„In Israel“, antwortete ich ihm. „Ich bin wegen meinen Mann dorthin gezogen“.
– „Letztes Jahr hatten wir hier eine israelische Jugendgruppe bei uns! Dieses Jahr kommt wieder eine und ich werde nächsten Sommer sogar nach Israel fliegen und dort dann einige Zeit sein!“ rief er begeistert. Ich war sprachlos. Irgendwie rechnet man ja mit allerlei Reaktionen, wenn man offenbart, dass man in Israel lebt. Etliche Menschen reagieren darauf positiv und offen, aber leider wurde ich auch schon angefeindet von Leuten, die eine schräge Vorstellung von dem Land und den Menschen haben. Ich sage trotzdem immer stolz, dass ich in Israel lebe, denn ehrlich gesagt ist es mir ganz egal, welche Meinung Leute über dieses Land haben. Im Zweifel habe ich ja auch eine Meinung über Leute mit Vorurteilen….
Trotzdem war ich sehr überrascht von diesem Ereignis. Zur Erinnerung: wir befanden uns in einem der hintersten Winkel Bayerns, wo sicher nicht jeden Tag ein Jogger begeistert erzählt, dass er an einem deutsch-israelischen Jugendaustausch teilnimmt, während man sein Haus fotografiert und freimütig sagt, dass man in Israel lebt…

Am selben Abend machten wir eine Grillfeier im Garten meiner Eltern. An dieser Stelle möchte ich mich nochmal bei ihnen für den besten Kuchen der Welt bedanken und dafür, dass sie uns so arglos ihren voll befüllten Kühlschrank überlassen haben…
Wenn ihr bald wieder zu uns zu Besuch kommt, werde ich mich mit einem richtig tollen Kuchen revanchieren!
Ich erzählte meinen Freunden beim Grillen von der witzigen Begegnung am Nachmittag im Nachbardorf. Daraufhin entgegnete mir einer meiner Freunde lässig: „Ach, das war bestimmt einer der Jugendlichen vom deutsch-israelischen Austausch, den der Günter jedes Jahr organisiert! Ich werd’ Dich mal mit Günter bekannt machen!“
Gesagt, getan. So ist der Kontakt zu Günter entstanden, der mir inzwischen sehr viel über sein Projekt erzählt hat.

Ein israelisches Dorffest in Bayern

Günter war Gemeinderat und Jugendbeauftragter einer Gemeinde mit 1100 Einwohnern. „Da die Menschen hier nicht viel erleben, wollte ich die Welt zu uns holen. Ich machte Feste zum Thema Amerika mit Indianern oder zum Thema Afrika mit lieben Freunden aus dem Kongo und Angola. Dann hatte ich die Jugendlichen gefragt was sie gerne hier haben wollten und da wir auch Glatzköpfe im Dorf hatten, wollten unsere intelligenten jungen Menschen “Israel”.“
Also kontaktierte er die Jüdische Gemeinde in München und stellte dort seine Idee vor, ein Israelfest im Dorf zu veranstalten. Die Überraschung über den Vorschlag war groß, doch das Fest fand tatsächlich statt, mit einer Klezmer Band, Tanz, mit israelischem Theater und vielen weiteren Veranstaltungen.

Der Anfang war nicht ganz einfach. Günter erzählt mir von einem Erlebnis, das er nie vergessen wird: „Bei den Vorbereitungen sagte meine Mutter zu mir, sie mache sich Sorgen um mich, da die Leute reden, ich wäre ein „Judenfreund“. Zuerst wurde mir ganz mulmig, dann wurde ich innerlich ziemlich sauer und sagte zu meiner Mutter, dass ich in einer Welt, die so denkt, nicht leben möchte und ich das jetzt machen werde, egal was passiert.“

Es gibt auf dem Land nach wie vor Neonazis, aber dank Menschen wie Günter sinkt ihre Zahl in der Region, aus der ich stamme, deutlich. „Sie haben durch unsere Aktionen Israel anders kennen gelernt. Es gibt zwar schon genügend Potenzial für ausländerfeindliches Denken, aber es gibt auch viele Möglichkeiten, die Menschen etwas schlauer zu machen. Eine wichtige ist die Begegnung zwischen Menschen, das verändert ihre Sichtweise.“
Die bayerischen Jugendlichen, die auf israelische Jugendliche getroffen sind, kamen anschließend zu Günter und baten darum, unbedingt wieder ein Treffen zu organisieren. Günter wünscht sich, in der Zukunft einen Film über die Jugendlichen verschiedener Herkunft zu drehen, über die rechtsradikalen Problemkinder, über die Zukunft der Jugendlichen und wie die Begegnungen mit den Israelis sie verändern.

Das erste Dorffest unter dem Motto „Israel“ fand im September 2005 statt. Anfangs wurde es zwar zögerlich aufgenommen: „Es waren noch nicht so viel Leute dabei, weil’s zum einen sehr “exotisch” war und zum anderen sehr heikel. Denn was ich nicht wusste war, dass die Menschen teilweise den Krieg und die Geschichte mit dem Holocaust nie richtig aufgearbeitet haben, vor allem nicht in so kleinen Dörfern. Und jeder trägt das im Unterbewusstsein mit sich herum. Die Jugendlichen waren zwar sehr neugierig, aber die Eltern hatten Ängste.“ Trotzdem wurde das Fest ein voller Erfolg. Günter knüpfte mit der Zeit etliche Kontakte, zur 60. Jahresfeier Israels lud die Jüdische Gemeinde ihn auf eine offizielle Feier ein. „Zum 60. Jahrestag von Israel war ich in den Bayrischen Hof eingeladen, mit 200 Gästen (unter ihnen Michel Friedmann und der deutsche sowie der amerikanische Botschafter). Mitten unter ihnen war ich mit meiner lieben Frau Annemarie. Es war wie im Film, tolles Programm, sehr interessante Menschen und eine koscheres Viergänge Menü – so etwas erlebt man nicht oft im Leben.“

Vom Dorffest zum Jugendaustausch

Günter wurde 2008 Trainer einer Mädchenfußballmannschaft. Um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, hatte er die Idee einer Jugendbegegnung. Er kontaktierte die Eltern der Mädchen und da die Resonanz sehr positiv war, begann er mit den Vorbereitungen. Er traf Menschen, die ihn aktiv dabei unterstützen und bald stand fest, dass eine Gruppe Jugendlicher aus Israel in das bayerische Dorf kommen würde. Die Planung und Organisation brachte viel Arbeit und Zeitaufwand mit sich, aber Günter bekam tatkräftige Unterstützung von vielen begeisterten Helfern. „Das Beste war natürlich, dass wir pubertäre Mädchen hatten und von Karmiel konnten nur Jungs kommen – ein Basketballteam. Das den Eltern zu erklären…“
Als die Jungs am Bahnhof eintrafen, begrüßte die Kolpingkappelle sie mit bayerischer Musik. „Es war der Wahnsinn, wie toll alles lief und wie schnell sich die jungen Menschen verstanden.“
Auf dem Programm stand neben Spaß auch ein Besuch im KZ Dachau. Zunächst wollte keines der Mädchen die Gedenkstätte besuchen und Günter musste viel Überzeugungsarbeit leisten. Letztlich gingen die Jugendlichen alle gemeinsam dorthin und es fand auch eine Gedenkzeremonie statt. „Den Mädchen ist ein Stein vom Herzen gefallen, ich hab’s richtig poltern gehört. Es war gut, dass wir das gemeinsam mit den israelischen Jungs erleben durften.“

Bevor die bayerischen Jugendlichen nach Israel kamen, besuchte Günter zum ersten Mal das Land im Rahmen einer Reise des BJR (bayerischer Jugendring). Begeistert erzählt er von Jerusalem und den Begegnungen mit den Menschen vor Ort.
„Jerusalem ist toll! Ich war im Orient, auf dem Dach des Österreichischen Hospiz und trank Melange. Wir besuchten auch ein Kibbuz, in dem junge Israelis auf die Soldatenzeit vorbereitet wurden. Dort traf ich einen sehr jungen netten Mann und sagte zu ihm, dass es für uns Deutsche nicht selbstverständlich ist, in den Krieg zu ziehen, und dass ich nicht weiß, ob ich das freiwillig machen würde. Er antwortete mir, dass es für Israelis selbstverständlich sei, ihr Land zu verteidigen, da es im Gegensatz zu Deutschland nur von Feinden umgeben ist. Da wurde mir klar wie gut es uns eigentlich seit über 60 Jahren in Deutschland geht, und wie wichtig für Juden das Land Israel ist, um eine Heimat zu haben.“

Die Reise nach Israel

Für die Jugendlichen war es nicht nur die erste Reise nach Israel, einige waren in ihrem Leben überhaupt noch nie mit dem Flugzeug verreist. Im Vorfeld äußersten sich einige Eltern sehr besorgt um ihre Kinder und hätten ihnen beinahe die Teilnahme nicht erlaubt. Günter brachte dafür vollstes Verständnis auf, organisierte eine Infoveranstaltung, sprach mit den Eltern und überzeugte sie letzten Endes. „Es waren zwei Väter und eine Mutter, die ziemlich Angst um ihre Töchter hatten. Es ist ja auch etwas sehr Wertvolles, so liebe Menschen. Mir wurde das sehr bewusst, dass die Eltern ihr Wichtigstes in ein Land gingen ließen, von dem wir in Deutschland glauben, dass es dort ständig Krieg gibt.“

Dann ging es los. 16 Jugendliche und 5 Erwachsene, darunter natürlich Günter und seine Frau, begaben sich auf den Weg zum Münchner Flughafen. In Israel erwartete sie bereits ein Freund, der die Gruppe empfing und nach Karmiel begleitete.
Die ersten Tage verbrachten sie in Karmiel und der Umgebung. Anschließend besuchten sie die Stadt Haifa, den See Genezareth, machten einen sportlichen Abstecher zum Jordan für ein Rafting auf dem Fluss und nahmen Teil beim Karmiel Tanzfestival. „Es war eine tolle Zeit, wir lernten das Land und die Menschen wirklich kennen und lieben!“ schwärmt Günter von der Reise.

Die Jugendlichen kehrten von der Reise um viele Eindrücke bereichert zurück nach Deutschland. Viele unter ihnen waren so beeindruckt, dass sie seitdem in einem Organisationsteam an zukünftigen Jugendaustauschprogrammen mit Israel arbeiten und neugierige Menschen aus ihrer Umgebung „anstecken“.

In der Welt zu Hause

Ich habe Günter als einen Menschen kennengelernt, der das Funkeln in den Augen seiner Mitmenschen sucht und der sich riesig freut, wenn er es findet. Seine Freundschaft ist eine echte Bereicherung und es gibt bereits Ideen, wie man den Kontakt ausbauen könnte. „Wenn du Lust auf Bayern hast, dann finden wir für euch immer einen Platz. Und vielleicht kann man das ja umgekehrt auch so machen, wenn Leute mal in Israel sein möchten, findet ihr einfach einen Platz. Dann wäre “zu Hause “schon viel größer…“
Und dann fügt er hinzu: „Ich hab mir viele Gedanken gemacht, wo meine Heimat ist, und ich denke, sie liegt überall dort, wo ich frei sein kann und doch viele Menschen als Freunde habe.“


Erinnern und niemals vergessen

Ich glaube, der Tod ist für uns nicht abstrakt begreifbar.

Wir begreifen nicht, dass sechs Millionen Juden im Zweiten Weltkrieg ermordet wurden. Wir wissen es zwar, aber wir können es nicht fühlen. Der Verlust eines geliebten Menschen bedeutet unendlichen Schmerz. Wir aber haben heute keine Schmerzen, die uns die Luft zum Atmen nehmen und im Herzen stechen, wenn wir an den Holocaust denken. Wir kennen ihn aus Büchern und Dokumentationen. Wir sehen Bilder, Schwarzweiss oder in Sepia, und sind bewegt. Betroffen. Erschüttert. Aber wir begreifen nicht, was die Menschen durchmachen mussten. Wir begreifen nicht einmal, was sechs Millionen wirklich bedeutet.

Heute ist der Yom HaShoah, der Holocaust-Gedenktag. In Israel wird am Vormittag die Zeit stehen bleiben, die Menschen werden innehalten in dem Moment, in dem die Sirenen ertönen und die Schweigeminuten ankündigen. Die Autos werden auf den Straßen anhalten und die Leute werden aussteigen. Es gibt Touristen, die das fotografieren, und ich frage mich jedes Mal, ob sie verstanden haben, um was es hier eigentlich geht.

Es geht darum, eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte niemals zu vergessen und sich bewusst daran zu erinnern. Es geht darum zu begreifen, dass Menschen ermordet wurden, weil sie als Juden auf die Welt kamen. Ihr Leben wurde ausgelöscht, aber ihre Namen und Gesichter dürfen niemals ausgelöscht werden.

 

TEL AVIV, ISRAEL - AUGUST,08, 2009 :  B11647. Auschwitz survivor Leo Luster, born in Austria was tattooed with #B11647 from the Auschwitz concentration camp. "To me, this is not a scar. It is a medal. Why should I be ashamed of it? The people who put it there should be ashamed, not me".(photo by Uriel Sinai)

TEL AVIV, ISRAEL – AUGUST,08, 2009 :
B11647. Auschwitz survivor Leo Luster, born in Austria was tattooed with #B11647 from the Auschwitz concentration camp. “To me, this is not a scar. It is a medal. Why should I be ashamed of it? The people who put it there should be ashamed, not me”.(photo by Uriel Sinai)


Warum die Israelis Deutschland lieben

Anfangs, als ich erst wenige Wochen in Israel lebte, wusste ich nicht so recht, was ich auf die Frage antworten sollte, woher ich komme. Germany. Wie mag das wohl in den Ohren der Israelis klingen, vor allem der Älteren? Ich war unsicher.

Ich erinnere mich noch an die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, bei der ich zum ersten Mal in meinem Leben einen kollektiven Nationalstolz in Deutschland spürte. Überall hingen Deutschlandflaggen aus Fenstern und an jedem zweiten Auto flatterte eine kleine Fahne im Fahrtwind. Es war das erste Mal, dass sich die Deutschen in diesem Ausmaß mit ihrem Land identifizierten. Plötzlich waren wir alle Fußballfans und ich glaube, jeder genoss den Patriotismus und die Liebe zu Deutschland in jenen Tagen. Es war etwas Besonders, denn normalerweise sagen Deutsche nicht, wie stolz sie auf ihr Land sind, wie sehr sie es lieben und wie großartig es ist,  Deutscher zu sein.
Der Grund dafür ist „die deutsche Vergangenheit“, wie sie in Geschichtsbüchern genannt wird – und niemand meint damit Bismarck.
Mit dieser wie Kaugummi an meinen Schuhen klebenden deutschen Vergangenheit kam ich also nach Israel, weil ich mich unsterblich in einen israelischen Mann verliebt hatte.

„Where are you from?“ fragte der Gemüsehändler. „Germany“, entgegnete ich ihm und wahrscheinlich schaute ich dabei etwas verlegen.
„Ah, Germany! I’ve been there recently, in the Shvartswald. Beautifuuuul, beautifuuuul!!“ antwortete er darauf und fing an, von seiner Reise zu erzählen. Entspannt legte ich meine Paprika auf die Theke und bezahlte. Ich hatte anscheinend Glück gehabt und jemanden mit einer positiven Meinung von Deutschland getroffen.

Ein paar Wochen später betrat ich beim Shoppen im Dizengoff Center ein Bekleidungsgeschäft und wurde von der Verkäuferin angesprochen. Nachdem sie merkte, dass ich kein Hebräisch sprach, fragte sie mich, woher ich bin. Wir kamen ins Gespräch und kurz darauf gesellte sich auch der Ladenbesitzer dazu. Er erzählte begeistert, dass er mindestens einmal pro Jahr nach Berlin fliegt, um Freunde dort zu besuchen.
Wie sich in den darauffolgenden Wochen und Monaten herausstellen sollte, ist Berlin sehr populär bei den Israelis. Sobald man sagt, dass man aus Deutschland stammt, wird man auf diese Stadt angesprochen. Junge Israelis sind Deutschland gegenüber aufgeschlossen und Berlin steht auf ihrer Reiseliste ganz oben.

Berlin

Einer der Menschen, die mir hier in meiner großen Familie am nächsten stehen, war als kleiner Junge 1943 von deutschen Soldaten mit vorgehaltenem Gewehr aufgefordert worden, sich an eine Mauer zu stellen. Auch dieser Mensch ist mit mir in meine Heimat gereist und er hat sich kurz darauf sogar nochmal ein Flugticket nach Deutschland gekauft.

Eines Abends saßen wir bei meiner israelischen Familie auf dem Sofa, als im Fernsehen Bilder aus dem syrischen Bürgerkrieg gezeigt wurden und der Nachrichtensprecher die aktuelle Lage beschrieb. Eine der Tanten sagte, dass nur Araber zu solchen Blutbädern fähig seien. Ich widersprach ihr: „Schau doch mal uns Deutsche an, zu was wir fähig waren, vor gar nicht allzu langer Zeit.“
Da mischte sich meine Schwiegermutter ein und rief „Ihr habt aber aus eurer Vergangenheit gelernt! Als wir zusammen in Berlin Urlaub gemacht haben, da habe ich gesehen, wie viel ihr Deutschen für die Erinnerung daran tut.“

Tun wir Deutschen wirklich so viel? Soweit ich weiß, machen wir ehemaligen Zwangsarbeitern das Leben mit absurden bürokratischen Hürden bei Entschädigungs- und Rentenanträgen zur Hölle.

Es bedarf vielleicht einer Außenansicht.
Als ich in Italien lebte, erlebte ich, wie es sich anfühlt, wenn ein komplettes Land seine Vergangenheit zu keinem Zeitpunkt in Frage stellt. Benito Mussolini ist dort für die breite Bevölkerung kein Schwerverbrecher, sondern eine geachtete Persönlichkeit. Vergangenen Sommer wurde in Sardinien eine Straße nach dem Duce benannt, die Via Benito Mussolini. Proteste gab es, aber der Bürgermeister der Stadt Orgosolo stellte in seiner Rede klar, dass der Faschismus in Italien ausgestorben sei und der Straßenname dem Gedenken an diesen großen Mann diene, der sehr viele gute Reformen für das Land hervorgebracht habe.
Viele italienische Akademiker haben ein Geschichtswissen, das einem schwarzen Loch im Universum gleicht: dunkle Leere.
Ich kann nicht genau sagen, wie viel Zeit ich mit Diskussionen darüber verplempert habe, ob Hitler selbst Jude war oder nicht. Viele Italiener gehen fest davon aus, dass er Jude war und wenn man auf der italienschen Seite von Google die Suchbegriffe „Hitler – ebreo“ eingibt (Hitler – Jude), dann erhält man seitenweise dubiose Resultate, die das mit absolut idiotischen Argumentationen bestätigen. Dieselbe Suche auf Google Deutschland (mit deutschen Suchbegriffen) bringt seitenweise Resultate, die sich mit dieser These sachlich befassen und sie als haltloses Gerücht enttarnen. Dasselbe gilt für eine noch erschreckendere Frage: Starben tatsächlich sechs Millionen Juden im zweiten Weltkrieg? Versucht man, sich auf Google Italien zu diesem Thema schlau zu machen, wird man mit einem Ergebnis konfrontiert, das einem die Sprache verschlägt. Suchen Sie nämlich „sei milioni ebrei morti“ auf google.it, bekommen Sie als Antwort, dass diese Zahl ja wohl kaum stimmen kann. Je nachdem, welchen Link Sie anklicken, erfahren Sie dann, dass es entweder „nur“ drei Millionen ermordete Juden waren oder dass der Holocaust sogar eine Erfindung sei. Dieselbe Suche auf Google Deutschland wirft Ergebnisse zu Gedenkveranstaltungen für die sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden aus.

Italien ist natürlich keine Ausnahme. Auch in anderen europäischen Ländern hat es die Bevölkerung anscheinend zu keinem Zeitpunkt für nötig erachtet, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Österreich fiel beispielsweise erst kürzlich negativ auf, als eine Umfrage ergab, dass 42% der dortigen Bevölkerung positive Aspekte an Hitler und der NS-Zeit finden.

Jedem, der an dieser Stelle den Standpunkt einnimmt, es sei ja ein ausschließlich deutsches Verbrechen gewesen, dem möchte ich einen Besuch in Yad Vashem nahelegen.

Deutsche haben in Israel heute einen guten Ruf. Man kann als Tourist entspannt sagen, dass man aus Deutschland kommt, ohne mit Ablehnung rechnen zu müssen und auch Israelis sind ganz begeistert von Reisen nach Deutschland. Das war sicherlich nicht immer so, aber beide Länder haben an einer Freundschaft gearbeitet und das ist deutlich zu spüren.

Am Tag vor meiner Hochzeit mit dem Mann, wegen dem ich nach Israel gezogen bin, saß ich in einem Friseursalon im Prenzlauer Berg in Berlin. Neben mir ein junger Mann, der sich die Haare schneiden ließ, während meine zur Probe für den nächsten Tag hochgesteckt wurden. Er erwähnte in einem Nebensatz, dass er aus Tel Aviv kommt und ich schaute ihn sofort verwundert an. „Wohnst Du jetzt in Berlin?“
„Ja, seit fünf Jahren. Ich habe hier studiert und wohne gerne hier. Diese Stadt ist einfach ein Traum.“
„Dasselbe denke ich eigentlich eher von Tel Aviv: Sommer, Sonne, Strand und Meer, obendrein eine weltoffene und freie Stadt. Warum dann ausgerechnet Berlin?!“
„Ja weißt du, ich bin in Israel aufgewachsen, mit dem Konflikt im Rücken, seit ich denken kann. Hier in Berlin habe ich meine Ruhe. Die Menschen sind super, die Stadt ist kunterbunt und jung, lebendig, wild. Genau das, was ich immer wollte.“
Noch am selben Abend begegnete ich einem weiteren Israeli, den es ebenfalls nach Berlin gezogen hatte. „Wie findest du es hier?“ fragte ich ihn. „Ich liebe es, in dieser Stadt zu leben!“ antwortete er mir begeistert, „Meine Großeltern stammten aus Deutschland. Ich wollte einfach sehen, woher sie kamen und wie es hier wirklich ist. Und dann bin ich irgendwie hängengeblieben und nicht mehr zurück nach Israel gegangen. Inzwischen habe ich mir mein Leben hier aufgebaut und will gar nicht mehr zurück…“

Israel und Deutschland, diese beiden Länder sind ganz stark darin, sich ineinander zu verankern. Ich kenne etliche Deutsche, die der Liebe wegen zu ihren Partnern nach Israel gezogen sind und etliche Israelis, die es nach Deutschland getrieben hat.
Eines der schönsten Komplimente für mein Land hat mir ein Israeli gemacht. Wir saßen mit Freunden auf ein Glas Rotwein im Schatten eines Olivenbaumes und er sagte zu mir, dass Deutsch so eine wunderbare Sprache sei. „Ich dachte immer, Deutsch klänge so wie in den Nazifilmen. Aber wenn ich dich sprechen höre, klingt es total weich und angenehm. Ich würde es am liebsten auch sofort lernen.“
Das ging runter wie Schmieröl. Ausgerechnet in Israel hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben, wie melodisch die deutsche Sprache ist. Wir stießen darauf an und ich war irgendwie stolz darauf, Deutsche in Israel zu sein.