Category Archives: Gedichte

Yehuda Amichai – eine Jazz Session

Vielleicht ist es dem einen oder anderen Leser dieses Blogs aufgefallen, dass ich nicht mehr regelmäßig schreibe… Mein Mann und ich erwarten ein Kind und nun ist es nur noch ein Katzensprung bis zur Geburt. Wir sind sehr gespannt und meine Aufmerksamkeit liegt momentan eher bei Spieluhren, Stramplern und winzigen Mützchen. Vermutlich wird der Blog eine Weile lang darunter leiden.
Trotzdem bleibe ich natürlich offen für spannende Themen rund um Israel und hoffe, dass ich auch weiterhin Freiräume zum Schreiben und Fotografieren finden werde.

Vor einiger Zeit kontaktierte mich Sina, eine sehr liebenswürdige Musikerin, die sich für ein Gedicht von Yehuda Amichai begeisterte, das sie auf meinem Blog entdeckt hatte. Es inspirierte sie zu einem neuen Projekt und nachdem sie mich wiederrum damit begeisterte, bat ich sie, mir das Ergebnis unbedingt zu schicken. Es hat eine Weile gedauert, aber jetzt erreichte mich vor Kurzem ihre Email mit einem Konzertmitschnitt, den ich mit Sinas Erlaubnis auf Youtube gestellt habe und unbedingt hier teilen möchte.
Der Text des Stücks basiert auf dem Gedicht “Ein Jahav”, das hier in hebräischer, englischer und deutscher Sprache zu finden ist.

Applaus für Sina Fehre!! Sie spielt Kontrabass, hat die Musik komponiert und singt in diesem Stück auf Hebräisch, was sie zu diesem Zweck extra eingeübt hat, da sie eigentlich kein Hebräisch spricht – das nötigt mir noch mehr Respekt ab!


Am Berg Zion

Heute Morgen beim Frühstücken blätterte ich durch ein Buch und fand dabei ein Gedicht von Yehuda Amichai, das mich irgendwie sehr berührt hat. Manche Gedichte finde ich schwierig zu übersetzen, zumal ich oft die Interpretationsmöglichkeiten der einzelnen Textpassagen nicht kenne. Und eigentlich auch gar nicht kennen möchte, weil ich noch heute mit Grauen an die Deutschstunden in meiner Schulzeit zurückdenke, als wir Prosa interpretieren mussten und die Lehrer dazu irgendwelche platten Reklamheftchen heranzogen. Ich habe Yehuda Amichai’s Gedicht daher einfach so übersetzt, wie dessen Worte ihren Weg in mein Herz gefunden haben.

  רועה ערבי מחפש גדי

 רועה ערבי מחפש גדי בהר ציון,

ובהר ממול אני מחפש את בני הקטן.

רועה ערבי ואב יהודי

בכשלונם הזמני.

קולות שנינו נפגשים מעל

לבריכת השולטן בעמק באמצע.

שנינו רוצים שלא יכנסו

הבן והגדי לתוך תהליך

המכונה הנוראה של חד גדיא.

אחר כך מצאנו אותם בין השיחים,

וקולותינו חזרו אלינו ובכו וצחקו בפנים.

החיפושים אחר גדי או אחר בן

היו תמיד

התחלת דת חדשה בהרים האלה.

יהודה עמיחי

Ein arabischer Hirte sucht nach einer Ziege

Ein arabischer Hirte sucht nach einer Ziege auf dem Berg Zion

und auf dem Berg gegenüber suche ich meinen kleinen Sohn.

Ein arabischer Hirte und ein jüdischer Vater

in ihrem zeitlichen Versagen.

Unsere Stimmen treffen sich über

dem Sultansbecken im Tal in der Mitte.

Wir beide wollen, dass weder der Junge noch die Ziege

hineingeraten in die Mühlen der schrecklichen Maschine „Chad Gadja“.*

 

Dann fanden wir sie zwischen den Büschen

und unsere Stimmen kehrten zu uns zurück und weinten und lachten innerlich.

 

Die Suche nach einer Ziege oder einem Jungen

war seit jeher

der Beginn einer neuen Religion in diesen Bergen.

 

Yehuda Amichai

 

*Chad Gadja ist ein aramäisches Lied, das am Pessachabend gesungen wird und die Unterdrückung des Schwächeren durch den nächst Stärkeren beschreibt. Die Strophen wirken wie eine Endlosschleife, stets wird ein Lebewesen von einem größeren Wesen getötet, bis zum Schluss die Erlösung durch den Heiligen erfolgt, der das Böse besiegt.

 


Die Hoffnung ist ein Minenfeld

Der Himmel ist dunkelgrau und es regnet so stark, dass ich die Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite nicht mehr sehen kann. An solchen Tagen sitze ich am liebsten mit einem Buch auf dem Sofa. Heute Mittag fiel mir ein alter Gedichtband von Jehuda Amichai in die Hände. Seine Gedichte sind leise und laut zugleich, melancholisch, nachdenklich, sinnlich. Jehuda Amichai zählt zu den größen Dichtern Israels.
Das folgende Gedicht hat mich zum Nachdenken bewegt und genau das ist es, was ich bei Gedichten suche – ich möchte ein Gedicht nicht einfach nur „schön“ finden, sondern Tiefe darin sehen. Es lesen und wieder lesen, seine Worte nachhallen hören.

 

עין יהב

נסיעה לילית לעין יהב בערבה
נסיעה בגשם. כן בגשם.
שם פגשתי אנשים שמגדלים תמרים.
שם ראיתי עצי אשל ועצי אשליה.
שם ראיתי תקווה דוקרנית כמו תיל דוקרני
ואמרתי בלבי: אמת, התקווה צריכה להיות
כמו תיל כדי להגן עלינו מן היאוש.
התקווה צריכה להיות שדה מוקשים

 

Ein Jahav

Eine Nachtfahrt nach Ein Jahav in der Arava-Wüste
Eine Fahrt im Regen. Ja, im Regen.
Dort traf ich Menschen, die Datteln anbauen
Dort sah ich Tamariskenbäume und Illusionen von Bäumen*
Dort sah ich Hoffnung, so stachelig wie Stacheldraht.
Und ich sagte zu mir: Natürlich, Hoffnung muss so sein
wie Stacheldraht, um Verzweiflung fern zu halten.
Die Hoffnung muss ein Minenfeld sein.

 

Ein Yahav

A night drive to Ein Yahav in the Arava Desert,
a drive in the rain. Yes, in the rain.
There I met people who grow date palms,
there I saw tamarisk trees and risk trees,
there I saw hope barbed as barbed wire.
And I said to myself: That’s true, hope needs to be
like barbed wire to keep out despair,
hope must be a mine field.

 

 

Die englische Übersetzung stammt von Chana Bloch und Chana Kronfeld, die etliche Gedichte aus dem Hebräischen ins Englische übersetzt und dabei auch mit Jehuda Amichai persönlich zusammengearbeitet haben.

Die deutsche Übersetzung stammt von mir. An der mit * markierten Stelle bin ich mir nicht sicher, wie sie zu übersetzen ist, weil Jehuda Amichai in seinem Gedicht wortwörtlich “Illusionsbäume” schreibt, während Chana Block und Chana Kronfeld den Ausdruck mit “risk trees” übersetzen, was ich ohne weiterführende Literatur nicht erklären kann. Ich habe daher eine Übersetzung nahe am Wortlaut gewählt.


בבוקר – Morning

If you think love poems are kitschy, try this:

בבוקר

בבוקר, אני עומד ליד מיטתך

צילי נופל על פנייך

ומעמיק את שנתך

ועושה לך תוספת לילה.

כאצבעות מעשן

נפשך כהתה

מכורה לאהבה.

אני אוהב אותך

בכל מאודי

ובכל אודי.

יהודה עמיחי

Morning

In the morning I stand beside your bed.

My shadow falls on your face,

Deepening your sleep,

Making you part of the night.

Like a smoker’s finger, your soul

Darkens, addicted to love.

I love you

With all my might

As long as I live.

Yehuda Amichai

 


Dahlia Ravikovitch: Hishtadlut nosefet

אילו יכולתי להשיג אותך כולך
איך אפשר לי להשיג אותך כולך
אפילו יותר מן הפסילים האהובים
יותר מן ההרים החצובים ביותר
יותר ממכרות
הפחם הבוער,
נאמר מכרות הפחם הכבוי
והבל היום הבוער כתנור.

לו אפשר להשיג אותך לכל השנים
איך אפשר להשיג אותך מכל השנים,
איך אפשר להאריך את הזרוע האחת
כפלג אחד של נהר באפריקה,
כראות בחלום את מפרץ הסערות
כראות בחלום אנייה שטבעה,
כשם שמדמים עננים כיצוע
שושני עננים כיצוע לגוף,
אך ברצותך הם לא יישאוך
אל תאמיני כי יישאוך.

לו אפשר להשיג אותך כולך-שבכולך
לו אפשר להשיג אותך כמו המתכת,
נאמר כמו עמודים של נחושת,
נאמר כמו עמוד נחושת סגולה
(העמוד שזכרתי בקיץ שעבר);
וקרקע הים שלא ראיתי
וקרקע הים שאני רואה
בעומס של אלף סובכי-אוויר
אלף ומאה נשימות כבדות.

לא אפשר להשיג אותך כולך-שבעכשיו
איך אפשר שתהיי לי כמו אני עצמי…

השתדלות נוספת, דליה רביקוביץ

If I could only get hold of the whole of you,
How could I ever get hold of the whole of you,
Even more than the most beloved idols,
More than mountains quarried whole,
More than mines
Of burning coal,
Let’s say mines of extinguished coal
And the breath of day like a fiery furnace.

If one could get hold of you for all the years,
How could one get hold of you from all the years,
How could one lengthen a single arm,
Like a single branch of an African river,
As one sees in a dream the Bay of Storms,
As one sees in a dream a ship that went down,
The way one imagines a cushion of clouds,
Lily-clouds as the body’s cushion,
But though you will it, they will not convey you,
Do not believe that they will convey you.

If one could get hold of all-of-the-whole-of-you,
If one could get hold of you like metal,
Say like pillars of copper,
Say like a pillar of purple copper
(That pillar I remembered last summer)—
And the bottom of the ocean I have never seen,
And the bottom of the ocean that I can see
With its thousand heavy thickets of air,
A thousand and one laden breaths.

If one could only get hold of the-whole-of-you-now,
How could you ever be for me what I myself am?

The second trying, Dahlia Ravikovitch, Translation by Chana Bloch and Chana Kronfeld