Der israelische Strassenverkehr – oder: warum ich heute Abend ein Jagdgewehr brauche

Im Ausland haben die Israelis den Ruf, sehr verrückt Auto zu fahren. Nachdem ich den Straßenverkehr auf Sizilien gut kenne, möchte ich nicht unbedingt behaupten, dass der Verkehr in Israel mörderisch ist. Der Verkehr in Palermo ist ein ganz anderes Kaliber. Wer es in dieser Stadt schafft, das hohe Alter zu erreichen, in dem man einen Gehstock braucht, der kann sich vermutlich glücklich schätzen. Dennoch, die Israelis und ihr Fahrstil machen mich manchmal wahnsinnig!

Heute Abend auf dem Nachhauseweg von der Arbeit hätte mich um ein Haar ein Motorradfahrer umgebracht. Ich unterstelle ihm Eventualvorsatz, denn er fuhr mit 100km/h auf dem Gehsteig. Ganz richtig, auf dem Gehsteig. Ich war gerade dabei, einen Schritt aus einer Seitengasse auf eben diesen Gehweg zu setzen, als der Motorradfahrer an mir vorbeiraste. Mir blieb das Herz stehen und kurz darauf bekam ich beinahe einen Tobsuchtsanfall. Natürlich war er viel zu schnell, als dass ich sein Kennzeichen hätte erkennen können.
Während sich auf der Straße der Feierabendverkehr staute, fuhr der Motorradfahrer bis zur Kreuzung auf dem Gehweg und schnitt dann dem ersten Auto in der Schlange elegant den Weg ab, als er wieder auf die Straße wechselte.
Ich hätte kotzen können.

Vor einiger Zeit wurde ein Kollege meines Mannes schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Er war damals gerade Vater geworden. Die Ärzte machten seiner Frau nicht viel Hoffnung. Er war an dem Tag mit dem Moped auf dem Ayalon Highway unterwegs in die Arbeit gewesen. Morgens sind die Menschen vom Berufsverkehr besonders genervt und gestresst. Ein Autofahrer hatte eine falsche Ausfahrt vom Highway nach Tel Aviv genommen und fuhr die Ausfahrt eiskalt im Rückwärtsgang wieder herunter. Als ob das nicht schlimm genug wäre, schaute der Fahrer obendrein nicht einmal in den Rückspiegel, um zu sehen, wer hinter ihm war. Er überrollte mit hoher Geschwindigkeit den jungen Familienvater. Und das alles nur, um wieder zurück auf den Highway zu kommen und eine Ausfahrt später ins Stadtzentrum abzubiegen. Zum großen Glück überlebte das Opfer.

In Israel wird unglaublich viel gehupt. Bisweilen finden Touristen das recht lustig, weil man es vor allem in Deutschland nicht gewohnt ist, dass so viel und so lange auf die Hupe gedrückt wird. Wer hier wohnt, findet es weniger lustig, besonders wenn man diesen Lärmpegel am Wochenende bereits früh morgens bei geschlossenem Fenster hat. Man möchte diese Leute einfach erschlagen.

Shimon Peres sagte in einer Rede über die Israelis einmal, dass es unendlich nervtötend sei, wenn sie hupen und sich beim Autofahren aufführen wie die Geisteskranken. Doch dürfe man nicht vergessen, dass eben genau dieser Autofahrer, der einen anhupt und aggressiv fährt, genau derselbe Israeli ist, der für das Land Wehrdienst leistet und im Notfall alles tun würde, um einen zu retten und zu helfen. Es ist sehr viel Wahres an dieser Aussage. Die Haltung der Menschen beim Autofahren hat nichts mit deren Mentalität zu tun. Sie sind tatsächlich unglaublich hilfsbereit und eilen sofort zur Stelle, wenn ein Unfall passiert ist oder sonst Hilfe benötigt wird.
Ich erlebte diesen Sommer in Tel Aviv einen Verkehrsunfall bei dem ein sehr junger Mopedfahrer mit einem Auto zusammenpralle. Der Autofahrer stand unter Schock und war kaum ansprechbar. Sofort liefen unzählige Menschen zur Unfallstelle, nicht jedoch um zu gaffen, wie die Deutschen es leider wahnsinnig gerne tun, sondern um zu helfen. Mein Mann und ich rannten auch dorthin, mein Mann ist ausgebildeter Sanitäter und wollte helfen. Um den verletzten Mopedfahrer standen jedoch bereits mehr als 10 Männer, die alle sagten, dass sie Sanitäter sind und begannen, erste Hilfe zu leisten. Wir sahen, dass wir überflüssig waren und entfernten uns wieder.
In Deutschland habe ich zwar glücklicherweise nie einen Verkehrsunfall miterlebt, jedoch erinnere ich mich bis heute sehr lebhaft an eine skurrile Situation. Ein Mann war in Augsburg mit seinem Rollstuhl nach hinten gekippt, als er auf dem Kopfsteinpflaster über eine Unebenheit fahren wollte. Ich lief sofort zu ihm hin und wollte den Rollstuhl mit dem Mann wieder aufrichten, aber er war viel zu schwer und ich schaffte es einfach nicht alleine. Wir befanden uns mitten in der Fußgängerzone und um uns herum schauten alle Leute neugierig zu. Niemand bot Hilfe an, keiner kam dazu. Ich wurde so wütend, dass ich einen Mann anbrüllte, er solle mir gefälligst helfen, was er dann auch tat, nachdem er den ersten Schrecken verdaut hatte, dass ausgerechnet er nun aus der Meute der Schaulustigen hervortreten sollte.
Ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass es in Israel niemals zu einer derartigen Situation gekommen wäre, weil jeder sich verantwortlich fühlt.
Das mag an dem Konflikt liegen, der dazu führt, dass Menschen sich stets gegenseitig in Notsituationen helfen.

Im Großen und Ganzen empfinde ich den Straßenverkehr hier nicht als Hölle, besonders wenn man als Vergleich französische und süditalienische oder griechische Städte heranzieht.
Nur heute Abend, da bin ich sehr wütend auf diesen Motorradfahrer, der um ein Haar mein Leben vielleicht zerstört hätte. Wenn ich ihn nochmal sehe, dann gnade ihm Gott.


8 responses to “Der israelische Strassenverkehr – oder: warum ich heute Abend ein Jagdgewehr brauche

  • Andreas Moser

    Oje, ich werde im Oktober nach Sizilien ziehen. Danke für die Warnung!

    Als ich mal zwei Wochen in Israel Auto gefahren bin, habe ich nach der Rückkehr nach Deutschland auch dort fast immer gehupt, wenn ich in eine Kreuzung reingefahren bin. Hat eigentlich Spaß gemacht.

    Bist Du Juristin? (wegen “Eventualvorsatz”)

    • Saskia

      Ich wollte immer in Süditalien leben, wegen der Landschaft, der Mentalität, dem Wetter… Als ich dann tatsächlich dort wohnte, war ich sehr bald genervt. Gerade auf Sizilien spürt man die Präsenz der Cosa Nostra sehr stark.
      Warum hast Du Dir denn ausgerechnet Sizilien ausgesucht?

      Ich bin Juristin, ja🙂

      • Andreas Moser

        Irgend jemand muß ja endlich mal mit der Mafia Schluß machen.🙂

        Die Entscheidungsfindung verlief so:
        1. Nachdem ich letzten Winter im Norden war, wollte ich diesmal rechtzeitig in den Süden.
        2. Auf meiner Liste waren v.a. Kroatien, Italien und Marokko.
        3. Da meine Frau nur einen iranischen Pass hat und deshalb jeder Grenzübertritt in eine komplexe Prozedur ausartet, hat sie eine Präferenz für Schengen-Staaten. Also Italien. (Kroatien ist zwar jetzt in der EU, aber noch nicht in Schengen.)
        4. Innerhalb Italiens stelle ich dann bei Couchsurfing ein paar Anfragen, ob jemand eine günstige Wohnung zu vermieten hat. Das erste Angebot nehme ich an. Schnell und spontan. Ist ja nur für 7 Monate, dann geht es wieder weiter.

        Ich freue mich vor allem schon darauf, Italienisch zu lernen.

      • Saskia

        Das klingt sehr abenteuerlustig! Finde ich toll!
        Wie entstehen eure Pläne? Entscheidet ihr sehr spontan oder habt ihr bereits jetzt Vorstellungen für die Zeit nach Sizilien?
        Kannst Du in den Ländern jeweils arbeiten? Da es Europa ist, stelle ich die Frage weniger aus arbeitsrechtlicher Sicht, sondern eher, wie es in der Praxis tatsächlich aussieht. Findet man leicht Arbeit, wenn man von Land zu Land reist?

  • AMC

    Entgegen vielen anderen Berichten, die ich las/hörte, empfanden wir den Autoverkehr in Israel als sehr angenehm. Außer auf den Serpentinen des Bergs Tabor. Sonst gab es nicht die geringste “brenzlige” Situation in 10 Tagen.

  • heplev

    Einem Freund in Jerusalem gegenüber sagte ich einmal: “Ist es nicht so: Setz’ einen Israeli hinter ein Steuer und du hast einen Anarchisten.”
    Mein Frend, den ich als sehr weisen und überlegten Menschen schätze meinte dazu: “Da tust den Anarchisten aber Unrecht.”🙂

    • Saskia

      Haha! Das ist eine sehr weise und treffende Antwort🙂
      Ich schaue mich immer zehnmal um, bevor ich eine Straße überquere – selbst wenn die Ampel für mich grün ist…

  • heplev

    Im Übrigen kann ich das mit der Hilfsbereitschaft nur bestätigen – und das, ohne in Israel je einen Unfall gehabt oder gesehen zu haben. Das fängt schon bei Kleinigkeiten an wie der Suche nach der richtigen Buslinie.

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