Monthly Archives: August 2013

Sir Nicky

Er ist heute 104 Jahre alt und wirkt dabei munter und humorvoll. Sir Nicholas Winton, der Jahrzehnte lang nie über die Ereignisse gesprochen hat, denen annähernd 700 Menschen ihr Überleben im 2. Weltkrieg verdanken. Seine Frau fand eines Tages, Ende der 80er Jahre und damit fast 50 Jahre später, auf dem Dachboden des Hauses ein Notizbuch mit Aufzeichnungen ihres Mannes. Es waren Skizzen mit Fotos von Kindern aus dem Jahr 1939.

Kinderfotos

Nicky Winton arbeitete als junger Mann erfolgreich an der Börse. 1938 wollte er einen Skiurlaub in der Schweiz verbringen, wurde dann jedoch von Freunden nach Prag eingeladen. Er war damals 29 Jahre alt, als er in Prag miterlebte, wie jüdische Familien verzweifelt versuchten, aus Tschechien auszureisen und scheiterten. Tief berührt von ihren Schicksalen machte er sich zurück in London daran, einen Plan zur Rettung der Kinder zu erarbeiten. Ein britisches Gesetz erlaubte die Einreise von Flüchtlingskindern unter 17 Jahren. Also organisierte Nicky Winton Visa, sammelte Gelder für die Reisekosten und suchte nach Adoptivfamilien für die Kinder. Es waren mehrere Zugfahrten geplant, die letzte sollte am 3. September 1939 stattfinden, doch leider konnte dieser letzte Zug nicht mehr das Land verlassen.
Die meisten Kinder, die Dank Sir Nicholas Winton überlebten, verloren ihre Familien in der Shoah.

Bis 1988 wussten weder die Kinder noch die Öffentlichkeit, wer sie gerettet hat. Einige der geretteten Kinder erzählten später, dass sie glaubten, das Rote Kreuz habe die Zugreisen nach England zu den Adoptivfamilien organisiert.
Erst durch einen Zufall kam die Wahrheit ans Tageslicht. Grete Winton, Nickys Ehefrau, fand die Dokumente auf dem Speicher des Hauses.

Der junge Nicky Winton mit einem der Kinder

Der junge Nicky Winton mit einem der Kinder

Der dokumentarische Film „Nicky’s Family“ erzählt diese Geschichte. Während „Schindlers Liste“ zu den Klassikern zählt, die jeder gesehen hat, ist dieser Film noch relativ unbekannt und wurde seltsamerweise auch kaum in den Kinos gezeigt, trotz herausragender Kritiken. Ich hoffe, dass sich dies noch ändern wird.

Heute hat Sir Nicky eine riesengroße Familie, denn die Kinder von damals haben ihn kennengelernt und es sind enge Freundschaften entstanden. Ihre unzähligen Kinder, Enkel- und Urenkelkinder leben Dank Sir Nicholas Winton. Ohne ihn gäbe es sie alle heute wohl nicht.

“כל המציל נפש אחת כאילו הציל עולם ומלואו”

„Wer eine Seele rettet, der rettet eine ganze Welt“

Sir Nicholas Winton mit den "Kindern"

Sir Nicholas Winton mit den “Kindern”


Color gone wild

Das Israel Museum in Jerusalem ist eine Schatzkiste. Dort finden sich antike Ausgrabungen – Relikte aus Zeiten, die wir uns heute kaum noch vorstellen können, Fotografie, atemberaubende Kunstwerke, Ausstellungen zum Judentum…
Zuletzt hat König Herodes das Museum weltweit in die Schlagzeilen gebracht.

Israel Musem, Jerusalem

Israel Musem, Jerusalem

Seit dem 6. Juli kann man unter dem Motto „Color gone wild“ Bilder aus einer der bedeudensten Privatsammlungen moderner Kunst, der schweizer Merzbacher Sammlung, bestaunen. Gezeigt werden Gemälde von Picasso, Klee und Matisse über Kandinsky, Modigliani, Vlaminck, Miró und vielen weiteren.
Ich hätte am liebsten alle Bilder mit nach Hause genommen, weil sie so farbenfroh und leuchtend sind. Unfassbar, dass diese wunderschönen Bilder im Dritten Reich von den Nazis als „entartete Kunst“ bezeichnet und ihre Schöpfer verdammt wurden.

Die Ausstellung war so gut besucht, dass ich kaum eine Chance hatte, in Ruhe zu fotografieren. Ständig lief jemand durchs Bild und dementsprechend sehen meine Fotos jetzt ein bisschen windschief aus. Vielleicht vermitteln sie trotzdem eine Vorstellung von der Faszination, die diese Ausstellung auf mich ausgeübt hat:

Color gone wild

Color gone wild

Color gone wild

Color gone wild

Color gone wild

Color gone wild

Color gone wild

Color gone wild

Color gone wild

Color gone wild

Die Ausstellung ist noch bis zum 3. November zu sehen und wer in diesem Zeitraum in Israel ist, sollte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen!

All photos by Saskia


Der israelische Strassenverkehr – oder: warum ich heute Abend ein Jagdgewehr brauche

Im Ausland haben die Israelis den Ruf, sehr verrückt Auto zu fahren. Nachdem ich den Straßenverkehr auf Sizilien gut kenne, möchte ich nicht unbedingt behaupten, dass der Verkehr in Israel mörderisch ist. Der Verkehr in Palermo ist ein ganz anderes Kaliber. Wer es in dieser Stadt schafft, das hohe Alter zu erreichen, in dem man einen Gehstock braucht, der kann sich vermutlich glücklich schätzen. Dennoch, die Israelis und ihr Fahrstil machen mich manchmal wahnsinnig!

Heute Abend auf dem Nachhauseweg von der Arbeit hätte mich um ein Haar ein Motorradfahrer umgebracht. Ich unterstelle ihm Eventualvorsatz, denn er fuhr mit 100km/h auf dem Gehsteig. Ganz richtig, auf dem Gehsteig. Ich war gerade dabei, einen Schritt aus einer Seitengasse auf eben diesen Gehweg zu setzen, als der Motorradfahrer an mir vorbeiraste. Mir blieb das Herz stehen und kurz darauf bekam ich beinahe einen Tobsuchtsanfall. Natürlich war er viel zu schnell, als dass ich sein Kennzeichen hätte erkennen können.
Während sich auf der Straße der Feierabendverkehr staute, fuhr der Motorradfahrer bis zur Kreuzung auf dem Gehweg und schnitt dann dem ersten Auto in der Schlange elegant den Weg ab, als er wieder auf die Straße wechselte.
Ich hätte kotzen können.

Vor einiger Zeit wurde ein Kollege meines Mannes schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Er war damals gerade Vater geworden. Die Ärzte machten seiner Frau nicht viel Hoffnung. Er war an dem Tag mit dem Moped auf dem Ayalon Highway unterwegs in die Arbeit gewesen. Morgens sind die Menschen vom Berufsverkehr besonders genervt und gestresst. Ein Autofahrer hatte eine falsche Ausfahrt vom Highway nach Tel Aviv genommen und fuhr die Ausfahrt eiskalt im Rückwärtsgang wieder herunter. Als ob das nicht schlimm genug wäre, schaute der Fahrer obendrein nicht einmal in den Rückspiegel, um zu sehen, wer hinter ihm war. Er überrollte mit hoher Geschwindigkeit den jungen Familienvater. Und das alles nur, um wieder zurück auf den Highway zu kommen und eine Ausfahrt später ins Stadtzentrum abzubiegen. Zum großen Glück überlebte das Opfer.

In Israel wird unglaublich viel gehupt. Bisweilen finden Touristen das recht lustig, weil man es vor allem in Deutschland nicht gewohnt ist, dass so viel und so lange auf die Hupe gedrückt wird. Wer hier wohnt, findet es weniger lustig, besonders wenn man diesen Lärmpegel am Wochenende bereits früh morgens bei geschlossenem Fenster hat. Man möchte diese Leute einfach erschlagen.

Shimon Peres sagte in einer Rede über die Israelis einmal, dass es unendlich nervtötend sei, wenn sie hupen und sich beim Autofahren aufführen wie die Geisteskranken. Doch dürfe man nicht vergessen, dass eben genau dieser Autofahrer, der einen anhupt und aggressiv fährt, genau derselbe Israeli ist, der für das Land Wehrdienst leistet und im Notfall alles tun würde, um einen zu retten und zu helfen. Es ist sehr viel Wahres an dieser Aussage. Die Haltung der Menschen beim Autofahren hat nichts mit deren Mentalität zu tun. Sie sind tatsächlich unglaublich hilfsbereit und eilen sofort zur Stelle, wenn ein Unfall passiert ist oder sonst Hilfe benötigt wird.
Ich erlebte diesen Sommer in Tel Aviv einen Verkehrsunfall bei dem ein sehr junger Mopedfahrer mit einem Auto zusammenpralle. Der Autofahrer stand unter Schock und war kaum ansprechbar. Sofort liefen unzählige Menschen zur Unfallstelle, nicht jedoch um zu gaffen, wie die Deutschen es leider wahnsinnig gerne tun, sondern um zu helfen. Mein Mann und ich rannten auch dorthin, mein Mann ist ausgebildeter Sanitäter und wollte helfen. Um den verletzten Mopedfahrer standen jedoch bereits mehr als 10 Männer, die alle sagten, dass sie Sanitäter sind und begannen, erste Hilfe zu leisten. Wir sahen, dass wir überflüssig waren und entfernten uns wieder.
In Deutschland habe ich zwar glücklicherweise nie einen Verkehrsunfall miterlebt, jedoch erinnere ich mich bis heute sehr lebhaft an eine skurrile Situation. Ein Mann war in Augsburg mit seinem Rollstuhl nach hinten gekippt, als er auf dem Kopfsteinpflaster über eine Unebenheit fahren wollte. Ich lief sofort zu ihm hin und wollte den Rollstuhl mit dem Mann wieder aufrichten, aber er war viel zu schwer und ich schaffte es einfach nicht alleine. Wir befanden uns mitten in der Fußgängerzone und um uns herum schauten alle Leute neugierig zu. Niemand bot Hilfe an, keiner kam dazu. Ich wurde so wütend, dass ich einen Mann anbrüllte, er solle mir gefälligst helfen, was er dann auch tat, nachdem er den ersten Schrecken verdaut hatte, dass ausgerechnet er nun aus der Meute der Schaulustigen hervortreten sollte.
Ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass es in Israel niemals zu einer derartigen Situation gekommen wäre, weil jeder sich verantwortlich fühlt.
Das mag an dem Konflikt liegen, der dazu führt, dass Menschen sich stets gegenseitig in Notsituationen helfen.

Im Großen und Ganzen empfinde ich den Straßenverkehr hier nicht als Hölle, besonders wenn man als Vergleich französische und süditalienische oder griechische Städte heranzieht.
Nur heute Abend, da bin ich sehr wütend auf diesen Motorradfahrer, der um ein Haar mein Leben vielleicht zerstört hätte. Wenn ich ihn nochmal sehe, dann gnade ihm Gott.