Am Berg Zion

Heute Morgen beim Frühstücken blätterte ich durch ein Buch und fand dabei ein Gedicht von Yehuda Amichai, das mich irgendwie sehr berührt hat. Manche Gedichte finde ich schwierig zu übersetzen, zumal ich oft die Interpretationsmöglichkeiten der einzelnen Textpassagen nicht kenne. Und eigentlich auch gar nicht kennen möchte, weil ich noch heute mit Grauen an die Deutschstunden in meiner Schulzeit zurückdenke, als wir Prosa interpretieren mussten und die Lehrer dazu irgendwelche platten Reklamheftchen heranzogen. Ich habe Yehuda Amichai’s Gedicht daher einfach so übersetzt, wie dessen Worte ihren Weg in mein Herz gefunden haben.

  רועה ערבי מחפש גדי

 רועה ערבי מחפש גדי בהר ציון,

ובהר ממול אני מחפש את בני הקטן.

רועה ערבי ואב יהודי

בכשלונם הזמני.

קולות שנינו נפגשים מעל

לבריכת השולטן בעמק באמצע.

שנינו רוצים שלא יכנסו

הבן והגדי לתוך תהליך

המכונה הנוראה של חד גדיא.

אחר כך מצאנו אותם בין השיחים,

וקולותינו חזרו אלינו ובכו וצחקו בפנים.

החיפושים אחר גדי או אחר בן

היו תמיד

התחלת דת חדשה בהרים האלה.

יהודה עמיחי

Ein arabischer Hirte sucht nach einer Ziege

Ein arabischer Hirte sucht nach einer Ziege auf dem Berg Zion

und auf dem Berg gegenüber suche ich meinen kleinen Sohn.

Ein arabischer Hirte und ein jüdischer Vater

in ihrem zeitlichen Versagen.

Unsere Stimmen treffen sich über

dem Sultansbecken im Tal in der Mitte.

Wir beide wollen, dass weder der Junge noch die Ziege

hineingeraten in die Mühlen der schrecklichen Maschine „Chad Gadja“.*

 

Dann fanden wir sie zwischen den Büschen

und unsere Stimmen kehrten zu uns zurück und weinten und lachten innerlich.

 

Die Suche nach einer Ziege oder einem Jungen

war seit jeher

der Beginn einer neuen Religion in diesen Bergen.

 

Yehuda Amichai

 

*Chad Gadja ist ein aramäisches Lied, das am Pessachabend gesungen wird und die Unterdrückung des Schwächeren durch den nächst Stärkeren beschreibt. Die Strophen wirken wie eine Endlosschleife, stets wird ein Lebewesen von einem größeren Wesen getötet, bis zum Schluss die Erlösung durch den Heiligen erfolgt, der das Böse besiegt.

 


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