Die weiße Stadt

Über Walter Gropius und den Bauhausstil wusste ich wenig bevor ich nach Israel zog. Ich interessiere mich zwar grundsätzlich für Architektur, aber eher im Sinne von „Das ist aber ein schönes Haus!“. Daher freue ich mich jedesmal wie ein Schneekönig, wenn mir jemand etwas über den Baustil und die Besonderheiten eines Gebäudes erzählen kann. In Israel ist man stolz auf den Bauhausstil, der vor allem in Tel Aviv das Stadtbild prägt. Ich stolperte also förmlich über die Häuser und ihre Geschichte.

 
Bauhaus

 
Walter Gropius

Walter Gropius ist der Gründer des Bauhauses. Er studierte Architektur, brach sein Studium jedoch ab und machte sich kurz darauf als Industriezeichner und Architekt selbständig. Ich weiß nicht, ob man heute als Architekt Aufträge bekommt, wenn man kein Diplom vorweisen kann, aber im Fall von Gropius haben wir wohl das Glück, dass es zur damaligen Zeit anscheinend niemanden interessierte, als man ihn mit großen Projekten beauftragte.
Gropius wurde Direktor der Hochschule für Bildende Kunst in Weimar, die er umbenannte in „Staatliches Bauhaus in Weimar“ und damit einer neuen Architekturströmung den Weg ebnete. Die Bauhausschule wurde kurze Zeit später nach Dessau verlegt und anschließend nach Berlin, weshalb die beiden Städte, vor allem aber Dessau in Zusammenhang mit dem Bauhausstil gebracht werden. 1933 musste die Schule leider schließen. Gropius’ Traum war, die gesellschaftlichen Unterschiede aufzuheben, Künstler und Handwerker sollten auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Er machte sich mit dieser Idee nicht nur Freunde. Nach der Machtergreifung der Faschisten wurde sein Konzept als kommunistisches Gedankengut verurteilt. 1934 emigrierte er daher nach England und später in die USA. In Cambridge wirkte er als Professor weiter an der Harvard University.

Walter Gropius, 1968

Walter Gropius, 1968

 
Wie der Bauhausstil in den Nahen Osten gelangte

Viele Architekten kamen mit der großen Aliyah in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts nach Tel Aviv und Jerusalem. Unter ihnen Arieh Sharon und Shmuel Mestechkin, Schüler der Bauhausschule, Dov Karmi, Josef Neufeld, Ze’ev Rechter und Richard Kauffmann. Auch der Nationalsozialismus zwang Architekten einige Jahre später noch aus Deutschland auszuwandern, einer von ihnen Erich Mendelsohn, befreundet mit Chaim Weizmann, dem späteren ersten Staatspräsidenten Israels. Spannenderweise setzten die Architekten ihr Schaffen in Nahost intensiv fort und achteten bei der Planung der Häuser auf Belüftungselemente und den Lichteinfall, um den heißen Temperaturen gerecht zu werden. Über 4000 Gebäude entstanden so allein in Tel Aviv im Stil des Bauhauses.
Obwohl die moderne Strömung nicht überall Anklang fand, da sie Funktionalität in den Vordergrund stellte und absolut schnörkellos war, erreichte sie in Palästina ihren Höhepunkt. Vielleicht lässt sich das damit erklären, dass hinter dem Bauhausstil ein ähnliches Konzept steht wie hinter den Kibbuzim: die sozialistisch-zionistische Idee, für die Gemeinschaft zu bauen und die Menschen in ihrem Wohnraum gleichzustellen, ohne gesellschaftliche Unterschiede.

Tel Aviv einst...

Tel Aviv einst…

 
Bauhaus in der Moderne

Es dauerte etliche Jahre, bis man begriff, dass es eine Schande wäre, die alten Häuser im Bauhausstil nicht zu erhalten. Weniger aus Gemeinwohldenken, als mit der Absicht, die restaurierten Häuser anschließend für viel Geld an reiche Käufer zu bringen. Die einst so schöne Idee der gesellschaftlichen Gleichheit im Wohnraum wird damit leider komplett verdrängt, denn ein Bauhaus-Apartment von etwa 100 Quadratmetern im Herzen von Tel Aviv kostet heute im Durchschnitt dreieinhalb Millionen Shekel, was umgerechnet etwa siebenhunderttausend Euro entspricht. Na wenn das mal kein Schnäppchenpreis ist.
Etliche Häuser sind heute allerdings auch in schlechtem Zustand und bedürfen einer kompletten Sanierung. Die Stadt Tel Aviv eröffnete im Jahr 2000 ein Bauhaus-Center in der Dizengoff Street, in dem man viele interessante Informationen zu diesem kulturelle Erbe findet, aber auch Stadtführungen buchen und Vorträge über die Bauhausarchitektur besuchen kann. 2003 setzte die UNESCO die „weiße Stadt Tel Aviv“ auf die Liste des Weltkulturerbes. Da die Kosten der Instandhaltung jedoch nicht der Staat trägt, sondern die Hauseigentümer, entstand in den letzten Jahren ein merkwürdiges Phänomen: Die Eigentümergemeinschaften verkaufen ihre Dächer an einen Käufer, der das gesamte Gebäude renovieren muss, dafür aber zwei zusätzliche Stockwerke auf das Haus aufsetzen darf. Dadurch wachsen die Gebäude, die ursprünglich meist auf nur drei Stockwerke angelegt waren, heute in die Höhe…
Auch neue Gebäude werden teilweise in Anlehnung an den Bauhausstil geschaffen. Es finden sich in Tel Aviv viele Neubauten, die in ihrer Bauweise den alten Vorbildern stark ähneln und das Stadtbild somit harmonisch ergänzen, anstatt es zu verschandeln. Selbstverständlich sind die Immobilienpreise auch hier, in Anlehnung an die historischen Gebäude, astronomisch.

... und heute. Am Dach ein Schild mit der Aufschrift "for sale"

… und heute. Am Dach ein Schild mit der Aufschrift “for sale”

 
Der natürliche Feind der schönen Häuser

In Israel gibt es sehr viele Fledermäuse. Ich glaube, sie bewohnen die großen Bäume in den Alleen der Stadt. In der Nacht kreisen sie unaufhörlich über den Köpfen der Menschen herum und ziehen lautlos ihre Bahnen durch die Dunkelheit. Kaum wurde ein Bauhausgebäude renoviert und wunderschön hell gestrichen, dauert es nur etwa drei Wochen und die gesamte Fassade ist von oben bis unten vollgekackt mit Fledermausdreck. Wahrscheinlich wissen die Fledermäuse, dass sie unter Artenschutz stehen und machen es daher mit Absicht.

 
Bauhaustour

Als meine Eltern im April zu Besuch bei uns waren, unternahmen wir gemeinsam eine Bauhaustour. Wir liehen uns Audioguides vom Bauhaus-Center aus und spazierten gemütlich von Station zu Station. Zwischendurch tranken wir eine Tasse Kaffee und genossen die bereits sommerlichen Temperaturen. Der Audioguide informiert über die Entstehungsgeschichte des Bauhauses in Israel und weist auf architektonische Auffälligkeiten bei den einzelnen Gebäuden hin. Man erfährt auch viel über das „Innenleben“ der Häuser, obwohl man sie nicht betritt. Das Bauhaus-Center bietet natürlich auch geführte Stadttouren an, ich empfand den Audioguide jedoch als sehr angenehm, weil wir in unserem eigenen Tempo die „weiße Stadt“ erkunden konnten.

 
Bauhaus

 

Dieses Haus wird auch "das Thermometer" genannt, wegen seiner baulichen Besonderheit

Dieses Haus wird auch “das Thermometer” genannt, wegen seiner baulichen Besonderheit

 
Bauhaus

 
Bauhaus

 
Bauhaus

 
Bauhaus

 
 
All photos by Saskia, except for “Walter Gropius” & “Tel Aviv einst”


2 responses to “Die weiße Stadt

  • leckerbox

    Danke für den Informativen Artikel, spannend das Dächer verkauft werden um die Häuser aufzustocken. Und das es viele Fledermäuse in Israel gibt wusste ich auch noch nicht. Wir waren letzte Woche im Urlaub in einem kleinen Zoo, da gab es auch ganz viele Fledermäuse. Von der Decke hatten sie ganz viele Orangen und Melonen halbiert aufgehangen und dort hingen die Fledermäuse dran und liesen es sich schmecken.
    LG Simone

    • Saskia

      Ja ungefähr so ist das hier mit den Fledermäusen auch, nur dass die Früchte natürlich an den Bäumen hängen und die perzigen Tierchen zu Scharen anziehen…🙂

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