Monthly Archives: July 2013

Der Garten der Menschenrechte

Unter der Woche gehen wir abends zum Laufen in einen nahegelegenen Park. Um 21 Uhr, wenn es nur noch 27 Grad hat und die Hitze nicht mehr lähmt, lassen wir dort unsere Arbeitstage sportlich ausklingen. Ich empfinde den Park als einen großen Garten, mit Palmen, einem kleinen See und wunderschönen Blumenbeeten. Er ist bis spät nachts voller Menschen. Manchmal tummeln sich sogar so viele auf den Wegen der Parkanlage, dass wir Slalom laufen müssen, um nicht über all die Kinder zu stolpern, die auf Fahrrädern, Inlineskates und Dreirädern herumsausen. Auf den Wiesen verteilt feiern unzählige Familien Kindergeburtstage oder grillen mit Freunden nach Feierabend. Ehepaare sitzen auf den Bänken und unterhalten sich im Mondschein bei lautem Entengequake im Hintergrund. Im Vorbeilaufen höre ich Wortfetzen in Russisch, Arabisch, Hebräisch, Äthiopisch, Philippinisch und Amerikanisch. Es ist ein Ort, an dem die Menschen unterschiedlicher nicht sein könnten: Muslimische Frauen mit Kopftuch spazieren genauso an der Uferpromenade des Sees entlang, wie orthodoxe Juden. Äthiopier nutzen den Park für Hochzeitsfotos, Sportler kommen zum Trainieren.
 

Abends im Park in Ramat Gan

Abends im Park in Ramat Gan


 

Doch dieser Park ist keine Oase, in der etwas Ungewöhnliches passiert. Es ist ein ganz normaler Ort in Israel, an dem der ganz normale Alltag stattfindet: Die Menschen leben friedlich nebeneiner und miteinander, ganz egal welcher Religion sie angehören, aus welchem Land sie ursprünglich kommen und welche Sprache sie sprechen.
Der „Garten der Menschenrechte“ – das ist kein kleiner Park irgendwo in Ramat Gan. Es ist dieses Land im Nahen Osten, Israel.

Nur hier findet man eine lebhafte Demokratie und können Menschen ihre politische Gesinnung öffentlich zum Ausdruck bringen, ganz gleich in welche Richtung sie geht. Nur hier gibt es ein Rechtssystem, das die Menschen untereinander gleichstellt. Egal ob sie Mann oder Frau sind, homosexuell oder heterosexuell, ob sie an Gott glauben oder nicht, an welchen Gott sie glauben und woher sie stammen. Dennoch wird Israel oftmals als menschenfressendes Monster dargestellt, während in den Nachbarländern, von den Medien weitgehend ignoriert, die Hölle tobt. Hölle – das sind nicht nur Bürgerkriege und gewaltsame Umwälzungen in den Gesellschaften, sondern auch der Alltag vieler Frauen, die kein selbstbestimmtes Leben führen dürfen, Mädchen, die extrem jung an alte Männer verheiratet werden, Scharia, Sklaverei.

Nun gibt es wieder Friedensverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern und die Welt schaut mit großen Erwartungen auf dieses Zusammentreffen. Die Palästinenser stellten als Vorbedingung für Verhandlungen, Israel solle Terroristen freilassen. Ich gehe davon aus, dass die Welt es begrüßt hat, als Israel sich darauf einließ. Würde an Deutschland eine derartige Forderung gerichtet, man könnte den Aufschrei der Bevölkerung bis zum Mars hören. Natürlich würde die Bundesrepublik keinen einzigen Straftäter auf freien Fuß setzen und sich nicht erpressen lassen. Israel wird nun aber tatsächlich Schwerverbrecher freilassen. Als Antwort auf den Beginn der Verhandlungen flog aus Gaza bereits eine Rakete nach Israel. Klingt doch alles sehr vielversprechend und friedlich, nicht wahr?
Ich bin ein Befürworter der Zweistaatenlösung, aber ich halte sie für eine Utopie. Israel hat etliche Schritte in Richtung der Palästinenser getan, hat deren unverschämte Forderungen immer wieder erfüllt, um an den Verhandlungstisch zurückkehren zu können und hat niemals vergleichbar krasse Forderungen an die palästinensische Seite gestellt. Das Problem für den Frieden sind die Phantasien der Palästinenser, das gesamte Gebiet des heutigen Israels zu erobern. Ich frage mich dabei immer, wozu sie das Land überhaupt wollen. Dieser Paradiesgarten hier ist ja nur deshalb so schön, weil die israelische Bevölkerung in Frieden lebt und das Land kultiviert, Hightech hervorbringt, Kindergärten und Schulen geschaffen hat, weil alle Menschen vor dem Gesetz gleichgestellt sind und weil das Land von Grund auf demokratisch ist. In dem Moment, in dem die Palästinenser ihren eigenen Staat haben, wird dort Sodom und Gomorra ausbrechen, so wie in jedem anderen arabischen Staat, der nicht vom Ölreichtum profitiert. Würde Israel von der Landkarte verschwinden, dann gäbe es hier denselben Nahostkonflikt, eben nur zwischen arabischen Parteien. Wir sehen das ja in Syrien, Ägypten, Libyen… „Arabischer Frühling“ wurden die Umwälzungen dieser Gesellschaften anfangs genannt. Wer diese idiotische Bezeichnung dafür erfunden hat, möchte ich gerne wissen.
 

Am Strand von Tel Aviv - muslimische Frauen mit Hijab beim Baden

Am Strand von Tel Aviv – muslimische Frauen mit Hijab beim Baden


 
Sehr oft höre ich von Israelkritikern den Satz „Der UN-Menschenrechtsrat sagt, dass..“, was wohl als Untermauerung einer Argumentation gegen Israel dienen soll. Wenn selbst der Menschenrechtsrat sagt, dass Israels Operationen in Gaza falsch sind, ja dann können sie ja nur falsch sein! Irgendwie scheint es niemanden zu stören oder auch nur aufzufallen, dass im UN-Menschenrechtsrat Länder wie Saudi Arabien vertreten sind. Saudi Arabien! Dieses Land saß von 2009 bis 2012 im Menschenrechtsrat. Das ist ungefähr so, wie einen Pädophilen im Kindergarten arbeiten zu lassen. Wer sich die Liste der Mitgliedsländer beim UN-Menschenrechtsrat einmal anschaut, wird anschließend die Qualität der dort getroffenen Entscheidungen hoffentlich in Frage stellen.

In Europa freut man sich indes, dass die Palästinenser und die Israelis an einen Tisch zurückgefunden haben. Zum Glück hat Israel sich zum Auftakt bereit erklärt, Terroristen freizulassen, als Zeichen des guten Willens. Jetzt kann der Frieden also kommen.

 
Photos by Saskia


Am Berg Zion

Heute Morgen beim Frühstücken blätterte ich durch ein Buch und fand dabei ein Gedicht von Yehuda Amichai, das mich irgendwie sehr berührt hat. Manche Gedichte finde ich schwierig zu übersetzen, zumal ich oft die Interpretationsmöglichkeiten der einzelnen Textpassagen nicht kenne. Und eigentlich auch gar nicht kennen möchte, weil ich noch heute mit Grauen an die Deutschstunden in meiner Schulzeit zurückdenke, als wir Prosa interpretieren mussten und die Lehrer dazu irgendwelche platten Reklamheftchen heranzogen. Ich habe Yehuda Amichai’s Gedicht daher einfach so übersetzt, wie dessen Worte ihren Weg in mein Herz gefunden haben.

  רועה ערבי מחפש גדי

 רועה ערבי מחפש גדי בהר ציון,

ובהר ממול אני מחפש את בני הקטן.

רועה ערבי ואב יהודי

בכשלונם הזמני.

קולות שנינו נפגשים מעל

לבריכת השולטן בעמק באמצע.

שנינו רוצים שלא יכנסו

הבן והגדי לתוך תהליך

המכונה הנוראה של חד גדיא.

אחר כך מצאנו אותם בין השיחים,

וקולותינו חזרו אלינו ובכו וצחקו בפנים.

החיפושים אחר גדי או אחר בן

היו תמיד

התחלת דת חדשה בהרים האלה.

יהודה עמיחי

Ein arabischer Hirte sucht nach einer Ziege

Ein arabischer Hirte sucht nach einer Ziege auf dem Berg Zion

und auf dem Berg gegenüber suche ich meinen kleinen Sohn.

Ein arabischer Hirte und ein jüdischer Vater

in ihrem zeitlichen Versagen.

Unsere Stimmen treffen sich über

dem Sultansbecken im Tal in der Mitte.

Wir beide wollen, dass weder der Junge noch die Ziege

hineingeraten in die Mühlen der schrecklichen Maschine „Chad Gadja“.*

 

Dann fanden wir sie zwischen den Büschen

und unsere Stimmen kehrten zu uns zurück und weinten und lachten innerlich.

 

Die Suche nach einer Ziege oder einem Jungen

war seit jeher

der Beginn einer neuen Religion in diesen Bergen.

 

Yehuda Amichai

 

*Chad Gadja ist ein aramäisches Lied, das am Pessachabend gesungen wird und die Unterdrückung des Schwächeren durch den nächst Stärkeren beschreibt. Die Strophen wirken wie eine Endlosschleife, stets wird ein Lebewesen von einem größeren Wesen getötet, bis zum Schluss die Erlösung durch den Heiligen erfolgt, der das Böse besiegt.

 


Sommer in Eilat

Eilat ist ein traumhaft schöner Ort. Wir waren für ein verlängertes Wochenende dort und haben wirklich jede Minute genossen. Ich werde in Bildern von unserem Abstecher ans Rote Meer berichten. Viel Spaß!

Los ging es mit einer langen…. wirklich langen… Busfahrt. Als wir Eilat erreichten, war ich absolut urlaubsreif. Die vielen Kurven auf dem Weg dorthin und das Geplappere der Teenies auf den Sitzen hinter uns hatte mich so meschugge gemacht, dass ich in Eilat erst einmal einen starken Kaffee brauchte. Zum Glück gehörte zum Empfangsservice unseres Hotels ein kostenloser Kaffee mit Kuchen…

Kaffee und Kuchen

 
Anschließend schlenderten wir am Strand entlang und genossen die sommerlichen Temperaturen von 42 Grad im Schatten.

Lagune

Blick aufs Rote Meer

 
In Eilat sind die Preise mehrwertsteuerfrei, was uns dazu verleitet hat, auch ein bisschen Bummeln zu gehen. Auf das relativ neue Einkaufszentrum mit Eislauffläche sind die Einwohner besonders stolz. Ich fand es irgendwie skuril, dass an einem so heißen Ort ausgerechnet eine Eisfläche geschaffen wurde. Alle zwei Monate, wenn die Stromrechnungen verschickt werden, bekommt der Besitzer der Eisfläche wahrscheinlich einen Herzinfarkt. Dann hat er wieder zwei Monate Zeit, um sich von dem Schlag zu erholen, bis ihn der nächste trifft.

Ice Mall

 
Mein Mann hat mir einen kleinen Wunsch erfüllt und mir eine Kette geschenkt, von der ich schon lange geträumt hatte.

Davidstern

 
Am Abend gingen wir schön Essen und ließen unseren ersten Tag ruhig ausklingen.

Ausblick

 
Am nächsten Morgen fuhren wir zum Unterwasser-Observatorium, von wo aus man die Korallenwelt aus nächster Nähe bestaunen kann.

Korallen

Nemo

Seeanemone

Korallen

sharks

Korallenriff

Korallenriff

 
Als wir zurück ins Hotel kamen, wartete die nächste Überraschung auf uns: ein Shabat Shalom Gruß mit Kuchen…

Shabat Shalom

 
Auch an diesem Abend genossen wir wieder ein sehr leckeres Essen in einem der vielen guten Restaurants.

 
Am nächsten Tag wachte ich ziemlich früh auf, weil ich es kaum erwarten konnte, zum Dolphin Reef zu kommen. Doch bevor wir loszogen, stellte ich im Hotel verblüfft fest, dass es beim Frühstücksbuffet an Shabat Jachnoon gibt. Für alle, die diese Spezialität noch nicht kennen, hier eine kleine Geschichte.

Jachnoon

 
Ich hatte noch nie zuvor in meinem Leben Delphine gesehen (außer im Fernsehen natürlich) und freute mich unglaublich darauf. Trotzdem erwartete ich einen touristischen Ort und fragte mich, ob wir überhaupt einen guten Platz mit Blick auf die Delphine bekommen würden. Dann betraten wir die Anlage und ich war einfach sprachlos. Es ist ein kleiner Paradiesgarten mit unzähligen Pflanzen und einem Konstrukt, das einem riesigen Baumhaus gleicht. Das Dolphin Reef in Eilat ist der weltweit einzige (!) Ort, an dem Delphine artgerecht gehalten werden. Sie sind nicht in Schwimmbecken gefangen, sondern haben einen großen Bereich des Meeres, den sie mit unzähligen Fischen und Korallen teilen. Es finden keine idiotischen Shows für Touristen statt. Die Tiere sind zwar an die Präsenz von Menschen gewöhnt, aber sie sind nicht dressiert und können auch keinerlei “Tricks”.

Dolphin Reef

Dolphin Reef

Delphine in Eilat

Delphine

 
Ich habe ein Video von zwei Delphinen gemacht. Leider waren auf meinem Fotoapparat anscheinend Wasserspritzer…

Delphine

 
Von der Baumhauskonstruktion aus hat man einen schönen Ausblick auf das Riff der Delphine.

Ausblick auf das Riff der Delphine

 
Platz für ein Mittagsschläfchen gibt es auch…

Cafe

Lagune

 
Am Abend vor unserer Rückreise ließen wir die vielen einmaligen Erlebnisse Revue passieren. Eilat war wie ein Traum…

Cat in the moonlight

 
 
All photos by Saskia


Die weiße Stadt

Über Walter Gropius und den Bauhausstil wusste ich wenig bevor ich nach Israel zog. Ich interessiere mich zwar grundsätzlich für Architektur, aber eher im Sinne von „Das ist aber ein schönes Haus!“. Daher freue ich mich jedesmal wie ein Schneekönig, wenn mir jemand etwas über den Baustil und die Besonderheiten eines Gebäudes erzählen kann. In Israel ist man stolz auf den Bauhausstil, der vor allem in Tel Aviv das Stadtbild prägt. Ich stolperte also förmlich über die Häuser und ihre Geschichte.

 
Bauhaus

 
Walter Gropius

Walter Gropius ist der Gründer des Bauhauses. Er studierte Architektur, brach sein Studium jedoch ab und machte sich kurz darauf als Industriezeichner und Architekt selbständig. Ich weiß nicht, ob man heute als Architekt Aufträge bekommt, wenn man kein Diplom vorweisen kann, aber im Fall von Gropius haben wir wohl das Glück, dass es zur damaligen Zeit anscheinend niemanden interessierte, als man ihn mit großen Projekten beauftragte.
Gropius wurde Direktor der Hochschule für Bildende Kunst in Weimar, die er umbenannte in „Staatliches Bauhaus in Weimar“ und damit einer neuen Architekturströmung den Weg ebnete. Die Bauhausschule wurde kurze Zeit später nach Dessau verlegt und anschließend nach Berlin, weshalb die beiden Städte, vor allem aber Dessau in Zusammenhang mit dem Bauhausstil gebracht werden. 1933 musste die Schule leider schließen. Gropius’ Traum war, die gesellschaftlichen Unterschiede aufzuheben, Künstler und Handwerker sollten auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Er machte sich mit dieser Idee nicht nur Freunde. Nach der Machtergreifung der Faschisten wurde sein Konzept als kommunistisches Gedankengut verurteilt. 1934 emigrierte er daher nach England und später in die USA. In Cambridge wirkte er als Professor weiter an der Harvard University.

Walter Gropius, 1968

Walter Gropius, 1968

 
Wie der Bauhausstil in den Nahen Osten gelangte

Viele Architekten kamen mit der großen Aliyah in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts nach Tel Aviv und Jerusalem. Unter ihnen Arieh Sharon und Shmuel Mestechkin, Schüler der Bauhausschule, Dov Karmi, Josef Neufeld, Ze’ev Rechter und Richard Kauffmann. Auch der Nationalsozialismus zwang Architekten einige Jahre später noch aus Deutschland auszuwandern, einer von ihnen Erich Mendelsohn, befreundet mit Chaim Weizmann, dem späteren ersten Staatspräsidenten Israels. Spannenderweise setzten die Architekten ihr Schaffen in Nahost intensiv fort und achteten bei der Planung der Häuser auf Belüftungselemente und den Lichteinfall, um den heißen Temperaturen gerecht zu werden. Über 4000 Gebäude entstanden so allein in Tel Aviv im Stil des Bauhauses.
Obwohl die moderne Strömung nicht überall Anklang fand, da sie Funktionalität in den Vordergrund stellte und absolut schnörkellos war, erreichte sie in Palästina ihren Höhepunkt. Vielleicht lässt sich das damit erklären, dass hinter dem Bauhausstil ein ähnliches Konzept steht wie hinter den Kibbuzim: die sozialistisch-zionistische Idee, für die Gemeinschaft zu bauen und die Menschen in ihrem Wohnraum gleichzustellen, ohne gesellschaftliche Unterschiede.

Tel Aviv einst...

Tel Aviv einst…

 
Bauhaus in der Moderne

Es dauerte etliche Jahre, bis man begriff, dass es eine Schande wäre, die alten Häuser im Bauhausstil nicht zu erhalten. Weniger aus Gemeinwohldenken, als mit der Absicht, die restaurierten Häuser anschließend für viel Geld an reiche Käufer zu bringen. Die einst so schöne Idee der gesellschaftlichen Gleichheit im Wohnraum wird damit leider komplett verdrängt, denn ein Bauhaus-Apartment von etwa 100 Quadratmetern im Herzen von Tel Aviv kostet heute im Durchschnitt dreieinhalb Millionen Shekel, was umgerechnet etwa siebenhunderttausend Euro entspricht. Na wenn das mal kein Schnäppchenpreis ist.
Etliche Häuser sind heute allerdings auch in schlechtem Zustand und bedürfen einer kompletten Sanierung. Die Stadt Tel Aviv eröffnete im Jahr 2000 ein Bauhaus-Center in der Dizengoff Street, in dem man viele interessante Informationen zu diesem kulturelle Erbe findet, aber auch Stadtführungen buchen und Vorträge über die Bauhausarchitektur besuchen kann. 2003 setzte die UNESCO die „weiße Stadt Tel Aviv“ auf die Liste des Weltkulturerbes. Da die Kosten der Instandhaltung jedoch nicht der Staat trägt, sondern die Hauseigentümer, entstand in den letzten Jahren ein merkwürdiges Phänomen: Die Eigentümergemeinschaften verkaufen ihre Dächer an einen Käufer, der das gesamte Gebäude renovieren muss, dafür aber zwei zusätzliche Stockwerke auf das Haus aufsetzen darf. Dadurch wachsen die Gebäude, die ursprünglich meist auf nur drei Stockwerke angelegt waren, heute in die Höhe…
Auch neue Gebäude werden teilweise in Anlehnung an den Bauhausstil geschaffen. Es finden sich in Tel Aviv viele Neubauten, die in ihrer Bauweise den alten Vorbildern stark ähneln und das Stadtbild somit harmonisch ergänzen, anstatt es zu verschandeln. Selbstverständlich sind die Immobilienpreise auch hier, in Anlehnung an die historischen Gebäude, astronomisch.

... und heute. Am Dach ein Schild mit der Aufschrift "for sale"

… und heute. Am Dach ein Schild mit der Aufschrift “for sale”

 
Der natürliche Feind der schönen Häuser

In Israel gibt es sehr viele Fledermäuse. Ich glaube, sie bewohnen die großen Bäume in den Alleen der Stadt. In der Nacht kreisen sie unaufhörlich über den Köpfen der Menschen herum und ziehen lautlos ihre Bahnen durch die Dunkelheit. Kaum wurde ein Bauhausgebäude renoviert und wunderschön hell gestrichen, dauert es nur etwa drei Wochen und die gesamte Fassade ist von oben bis unten vollgekackt mit Fledermausdreck. Wahrscheinlich wissen die Fledermäuse, dass sie unter Artenschutz stehen und machen es daher mit Absicht.

 
Bauhaustour

Als meine Eltern im April zu Besuch bei uns waren, unternahmen wir gemeinsam eine Bauhaustour. Wir liehen uns Audioguides vom Bauhaus-Center aus und spazierten gemütlich von Station zu Station. Zwischendurch tranken wir eine Tasse Kaffee und genossen die bereits sommerlichen Temperaturen. Der Audioguide informiert über die Entstehungsgeschichte des Bauhauses in Israel und weist auf architektonische Auffälligkeiten bei den einzelnen Gebäuden hin. Man erfährt auch viel über das „Innenleben“ der Häuser, obwohl man sie nicht betritt. Das Bauhaus-Center bietet natürlich auch geführte Stadttouren an, ich empfand den Audioguide jedoch als sehr angenehm, weil wir in unserem eigenen Tempo die „weiße Stadt“ erkunden konnten.

 
Bauhaus

 

Dieses Haus wird auch "das Thermometer" genannt, wegen seiner baulichen Besonderheit

Dieses Haus wird auch “das Thermometer” genannt, wegen seiner baulichen Besonderheit

 
Bauhaus

 
Bauhaus

 
Bauhaus

 
Bauhaus

 
 
All photos by Saskia, except for “Walter Gropius” & “Tel Aviv einst”


Spontan nach Israel und nie wieder zurück…

Häufig kommt es vor, dass ich gefragt werde, ob ich nicht wieder nach Deutschland zurückgehen möchte. Eine klare Ja/Nein-Antwort kann ich darauf nicht so recht geben. Deshalb möchte ich ein bisschen von meinem Schritt nach Israel erzählen und davon, wie diese Entscheidung mein Leben seither beeinflusst.

Eigentlich habe ich nie entschieden, nach Israel zu ziehen. Ich traf vielmehr die Entscheidung, nicht mehr zurück nach Hause zu fliegen. Vor einigen Jahren habe ich mich in einen israelischen Mann verliebt. Unsere ganze Liebesgeschichte, wie wir uns kennengelernt haben und all das Drumherum, erzähle ich lieber bei einem Glas Rotwein…
Damals lebte ich in Rom und mein israelischer Freund kam mich dort besuchen. Ich wiederrum besuchte ihn in Israel. Da ich natürlich nicht Multimillionärin war (und es heute aus einem mir unerklärlichen Grund leider immer noch nicht bin), war das sehr nervenaufreibend. Meine römischen WG-Mitbewohnerinnen fragten mich regelmäßig, warum meine Telefonrechnungen höher seien als sämtliche Wasser- Strom- und Gasrechnungen zusammen. Sie schüttelten nur irritiert den Kopf, wenn ich ihnen von dem tollen Mann erzählte, der in Israel auf mich wartete. Dann stopfte ich einen Koffer voll mit Sommerkleidern, Shorts und Badesachen, kaufte ein Flugticket und offenbarte meinen WG-Mitbewohnerinnen, dass ich für eineinhalb Wochen Urlaub in Israel machen würde.
Eineinhalb Wochen später, am Abend vor dem Rückflug nach Italien, sagte ich zu meinem Freund, dass ich für immer bei ihm bleiben wolle. „Dann bleib für immer bei mir“, antwortete er.
Am nächsten Tag lachte ich bei der Vorstellung, dass EL AL wohl gerade zum dritten Mal meinen Namen vergeblich ausrufen würde. „This is the last call for passenger Saskia Schumacher travelling to Rom…“

Es mag chaotisch wirken, dass ich eine derart große Entscheidung spontan aus dem Bauch heraus getroffen habe, aber ich habe es zu keinem Zeitpunkt bereut. Im Gegenteil.
Viele Menschen, die nach Israel einwandern wollen, wägen monatelang Pro und Contra ab, machen sich darüber Gedanken, wie es dort weitergehen wird mit ihrem Leben, was sie erwartet, ob sie glücklich sein werden… Leider kommt bei solchen Abwägungen meistens nicht viel heraus, weil es immer etliche positive und negative Aspekte gibt, die gegeneinander aufzuwiegen kaum gelingt. Der Bauch ist da deutlich unkomplizierter, er sagt ganz klar „Mach es!“ oder „Lass es sein!“. Man muss jedoch den Mut haben, dann auch darauf zu hören, was er sagt. Ich hatte keinen Mut, sondern ich war einfach unsterblich verliebt. Da schaltet sich der Kopf sowieso ab…

Meine Eltern reagierten erstaunlicherweise sehr entspannt, als ich ihnen mitteilte, dass ich nun nicht mehr in Rom, sondern in Rishon LeZion leben würde. Sie besuchten uns bald in Israel und wurden sofort so süchtig von diesem Land, dass ihnen am Flughafen Ben Gurion bei der Einreise inzwischen schon gar keine Fragen mehr gestellt werden. „Viel Spaß bei Ihrem tausendvierhundertachtundachtzigsten Urlaub im sonnigen Israel!“

Ich bekam sehr bald eine Arbeitserlaubnis und fand einen schönen Arbeitsplatz, bei dem ich bis heute geblieben bin. Es fiel mir zwar nicht immer leicht, Hebräisch zu lernen, aber ich versuchte, es sportlich zu sehen und nahm die Herausforderung jeden Tag aufs Neue an. Meine Freunde in Europa fragten mich oft, ob ich meinen Schritt nicht bereue und vielleicht zurück nach Deutschland kommen würde (Rom war nur eine Etappe in meinem Leben, ich hatte nie vor, dort dauerhaft zu leben). Ich konnte ihre Fragen gut verstehen und natürlich vermisste ich unsere spontanen Treffen auf einen Kaffee oder gemeinsame Spaziergänge sehr. Im Prinzip ist das bis heute auch so geblieben, in manchen Momenten würde ich meinen engsten Freundinnen einfach gerne persönlich gegenüber sitzen, anstatt mich mit ihnen auf Skype zu unterhalten. Aber dann denke ich mir wieder, dass es wohl auch nicht anders wäre, wenn es mich nach Norddeutschland verschlagen hätte. Die Illusion, dass die Clique aus der Studienzeit immer zusammenbleiben wird, platzt ohnehin wie eine Seifenblase, sobald man ins Berufsleben kommt. Eine italienische Freundin sagte einmal zu mir: „Eine Freundschaft ist wie Feuer und die Distanz wie der Wind. Die kleinen Flammen werden vom Wind ausgeblasen, aber die starken werden durch den Wind nur noch größer.“ Es klingt zwar kitschig, aber letztlich ist es wahr. Eine tiefe Freundschaft bleibt selbst mit der allergrößten Distanz tief. Diese Erfahrung habe ich schon in Italien gemacht und später auch in Israel. Wann immer ich nach Deutschland komme, treffe ich meine engen Freunde und alles ist wie früher, als hätten wir nie aufgehört, diese verrückten Studenten zu sein.

Heimat

Zwei Jahre später heirateten der israelische Mann und ich. Wir hatten zwei unvergesslich schöne Feiern, eine in Deutschland und eine in Israel. Und dann dachten wir tatsächlich darüber nach, ob wir nach Deutschland ziehen wollen. Direkt nach unseren Urlauben dort bekam ich oft Heimweh nach meiner Familie, aber auch nach der Natur. Ich schlich früher gerne in den bayerischen Wäldern herum, wo ich wilde Tiere beobachtete und fotografierte. Dieses Grün fehlt mir in Israel manchmal und, um ehrlich zu sein, hilft gegen starkes Heimweh auch leider gar nichts. In solchen Momenten denke ich mir dann, dass Heimweh eben das Schicksal der Menschen ist, die im Ausland leben. Einerseits ist das Leben in einem anderen Land sehr spannend und bereichernd, andererseits bedeutet es aber auch, seine Wurzeln ein Stück weit zu verlieren. Selbst Menschen, die von Israel jahrelang geträumt hatten bevor sie Aliyah machten, erzählten mir, dass es nicht immer einfach war, Fuß zu fassen.

Wir dachten also darüber nach, in Deutschland zu leben. Schnell erkannten wir jedoch, dass unsere Träume mehr eine Wunschdenken waren, als eine realistische Vorstellung davon, wie unser Leben in Deutschland sein würde. Wir hatten nämlich gemeinsam etliche schöne Urlaube in Deutschland verbracht und Ausflüge unternommen, für die im Alltag gar keine Zeit bliebe. Als Touristen genossen wir die tollsten Städte und Landschaften Deutschlands. Würden wir jedoch dorthin ziehen, müssten wir uns wie jeder andere Pendler auch mit dem schlechten Service der Deutschen Bahn herumärgern, ständig einen Regenschirm in der Tasche mitschleppen (während in Israel die Sonne scheint…) und bald würden wir Deutschland nicht mehr idealisieren, sondern auch dessen Kehrseiten wahrnehmen, so wie sie jedes Land nun einmal hat.
Israels Kehrseite ist für mich ganz klar der Konflikt. Ich komme nicht immer gut damit klar, dass unsere Nachbarländer immer wieder unverblümt manifestieren, dass Israel ausgelöscht werden soll. An Syriens Chemiewaffenlager habe ich mich inzwischen in etwa so gewöhnt, wie man sich an eine Gefahr gewöhnen kann, die einen umgibt aber nicht sichtbar ist. Israelis leben in unmittelbarer Nachbarschaft zu absolut durchgeknallten Fundamentalisten, aber letztlich gibt es wohl kaum einen Ort auf der Welt, an dem man tatsächlich völlig unbeschwert leben kann. Polynesien könnte vielleicht so ein Fleck sein, aber selbst da bin ich mir nicht ganz sicher. Und dennoch leben wir in einer friedlichen Zeit. Der 30 jährige Krieg in Europa muss so verwüstend und entsetzlich gewesen sein, dass der Nahost Konflikt dagegen unbedeutend wirken kann. Man darf Gefahren und die damit verbundenen Ängste nicht herunterspielen, aber man sollte sie auch nicht so stark überhöhen, dass sie die den Alltag überschatten und einem die Luft zum Atmen abschnüren.

Das Leben in Israel ist wunderschön. Wahrscheinlich kann ich gar nicht alles aufzählen, was ich an diesem Land liebe, aber einige Facetten möchte ich unbedingt erwähnen.
Die Israelis haben eine sehr positive und aufgeschlossene Einstellung zum Leben. Sie sind spontan und verbindlich. Wenn mein Mann und ich beispielsweise am Nachmittag Freunde fragen, ob sie noch am selben Abend mit uns Essen gehen wollen, dann sagen sie „ja“. Dasselbe gilt für Verabredungen zum Sport, für Grillfeiern, gemeinsame Kochsessions zu Hause und für einen Kaffee zwischendurch. Niemand kommt in Israel auf die Idee, eine Woche vorher schon zu fragen, ob man sich am Freitagabend zum Essen verabreden möchte. Weil ich aus Deutschland komme, mache ich das manchmal noch, und mein Mann schaut mich jedesmal deutlich irritiert an.
Meine Eltern wohnen in Bayern in einem sehr schönen kleinen Ort, umgeben von Feldern und Seen. Man möchte meinen, dass die Menschen dort mit sich und der Welt im Reinen sind. Bei unserem letzten Urlaub hörte ich zufällig ein Gespräch in einem Garagenhof. Die Anwohner ärgerten sich darüber, dass Kinder mit bunter Kreide auf dem Boden herumgemalt hatten. Überhaupt sollten Kinder nicht in dem Garagenhof spielen, der Lärm sei ja eine Zumutung. Das erinnerte mich stark an einen Vorfall in Berlin Prenzlauer Berg. Der Betreiber eines Cafés hatte ein Schild an der Eingangstür angebracht, um Hunde und Kinderwägen zu verbannen. Ganz richtig, Kinderwägen. Anzunehmen, dass auch der Inhalt des Kinderwagens dort nicht erwünscht ist.
In Israel habe ich noch nie Anwohner über Kinder schimpfen gehört und würde ein Café oder Restaurant ein Zutrittsverbot für Familien mit Kinderwagen verhängen, ich glaube die Betreiber könnten sich danach die Kugel geben.
Überhaupt sind Kinder in Israel sehr willkommen und erwünscht. Man gibt ihnen überall das Gefühl, „dazu zu gehören“. Das sollte ja eigentlich auch selbstverständlich sein. Aber erklär das mal den schrägen Anwohnern aus dem bayerischen Dorf.
Das schöne türkisblaue Meer und den weißen Sandstrand erwähne ich jetzt gar nicht extra, weil mir von Freunden bereits die Kritik zugetragen wurde, ich würde ihnen das mit Absicht jedesmal reindrücken, zumal es bei ihnen kalt und verregnet ist und sie kein Meer vor der Haustür haben…

Viele Israelis sagen, dass es auf der Welt kein Land gebe, das so schön wie Israel sei. Obligatorisch folgt auf diese Feststellung die Frage, ob man das auch so sehe. Man kann sich entweder diplomatisch verhalten und energisch zustimmen, oder man kann ihnen vom Berchtesgadener Land und den Nordseeinseln vorschwärmen. Beide Optionen führen zu einer Vertiefung des Gesprächs, ganz egal ob man im Supermarkt an der Kasse steht oder an der Bushaltestelle auf die Linie 56 wartet. In Israel gehört Kommunikation nämlich zur Kultur und wird gepflegt. In Deutschland kannte ich selbst nach drei Jahren noch immer nicht die Namen der Verkäufer im Obst- und Gemüseladen um die Ecke. In dem Viertel in Givatayim, wo ich meine wöchentlichen Einkäufe erledige, fragen sich mich jedesmal, was es Neues gibt, wie es mir geht und ob ich Melonen oder Kirschen probieren möchte.

Einige Deutsche, die nach Israel gezogen sind, berichteten mir von ihrem anfänglichen Kulturschock: Das Verkehrschaos, die am Telefon manchmal laut schimpfenden Menschen, die Gemächlichkeit, mit der manche Dinge erst bei vehementem Nachbohren erledigt werden. All das blieb mir erspart, weil ich aus Italien kam. Die Menschen empfand ich als unaufdringlich und umgänglich, den Verkehr als absolut sicher, die Behörden als sehr effizient und schnell. Es kommt also auf die Perspektive und die Erwartungen an, mit denen man in ein Land zieht.
Und wer weiß, wenn ich damals nicht auf mein Bauchgefühl gehört und stattdessen den Rückflug nach Rom wahrgenommen hätte, dann würde ich mich heute vielleicht fragen, ob mein persönliches Glück nicht genau dort auf mich gewartet hätte.
Heute kann ich sagen: das hat es.

photo by Saskia