Das kunterbunte Florentinviertel in Tel Aviv

Gehören Sie auch zu den Menschen, die Stadtführungen nicht mögen, weil Sie sich unwohl fühlen in einer Gruppe weißbesockter Touristen mit Brustbeuteln und überdimensionalen Strohhüten?
Dann machen Sie bloß nicht die folgende Tour durch das Florentinviertel in Tel Aviv, denn die ist so klasse, dass Sie danach Ihr Weltbild in Frage stellen müssen!

Zufällig lernte ich vor kurzem Guy Sharett kennen, der fantasievolle Touren durch Tel Aviv anbietet und den Teilnehmern dabei auch noch die Besonderheiten der hebräischen Sprache näherbringt. Ich wählte seine Graffititour und mein Fazit ist: Unbedingt!

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Wir treffen uns im Florentinviertel und spazieren los durch die lebhaften Straßen, vorbei an Cafés, Bäckereien und Restaurants. Guy ist ein humorvoller Israeli und ein absolutes Sprachgenie. Er hat mehrere Jahre im Ausland verbracht und verschiedene Sprachen studiert. Eine Leidenschaft, die man auf der Tour durch das Florentinviertel spürt. Gleich zu Beginn fällt mir auf, dass er fließend Arabisch spricht und schreibt.
Das Konzept seiner Stadtführungen basiert auf der Idee, Hebräisch nicht in einem Unterrichtsraum zu vermitteln, sondern auf spannenden Entdeckungstouren durch die buntesten Ecken Tel Avivs. Er arbeitet mit einer kleinen weißen Tafel, auf die er bei Bedarf hebräische Wörter schreibt und diese dann erklärt. Was seine Methode besonders macht, ist das Hintergrundwissen, das er zur jeweiligen Vokabel liefert und das man sich sehr gut im Kontext der Stadtführung einprägen kann. Neu erlernte Wörter werden verknüpft mit Eindrücken aus der Umgebung, mit Graffitis, Aufklebern an Laternenpfosten und mit Schildern. Man muss natürlich kein Hebräischschüler sein, um an seinen Touren teilzunehmen. Die sprachlichen Einlagen sind eine Bereicherung der Stadtführung, weil sie einen tieferen Einblick in die Kultur und die israelische Gesellschaft erlauben, aber sie sind natürlich nicht der einzige Inhalt der Tour.
Guy zeigt Graffitis an den verschiedensten Stellen, erzählt deren Botschaften und schließt so den Kreis zur Geschichte des Landes und zu politischen und gesellschaftlichen Themen.

"Juden und Araber weigern sich, Feinde zu sein"

“Juden und Araber weigern sich, Feinde zu sein”

Einige Graffitikünstler sind sehr bekannt und ihre Kunstwerke finden sich in der gesamten Stadt wieder. So zum Beispiel die Werke von „dede“, einem Graffitikünstler, dessen Merkmal Pflaster sind: Auf jedem seiner Werke ist irgendwo ein Pflaster zu erkennen. Guy erklärt, dass das Sprayen von Graffitis „eigentlich“ illegal ist, aber er habe von „dede“ gehört, dass man nachts in Tel Aviv ungestört an Bildern arbeiten könne, die Polizei würde zu später Stunde nicht stören…

dede

Ein anderer bekannter Künstler nennt sich „EPK“ -“Eggplant kid“ – und malt überdimensionierte Auberginen auf Mauervorsprünge, Ladentüren und große Flächen. Als wir an einem Laden vorbeikommen, an dessen Eingang sich ein besonders großes Exemplar befindet, spricht Guy den Ladenbesitzer an und fragt, ob es ihn störe, dass da ein großes Graffiti den Eingang zu seinem Nähsalon ziert. Der Ladenbesitzer reagiert gelassen, ihn störe das absolut nicht.

EPK

EPK

Das Graffiti eines französischen Künstlers zeigt einen orthodoxen Juden beim Gebet, dessen Gesicht jedoch nicht nach Jerusalem gerichtet ist, wie das Straßenschild daneben verdeutlicht, sondern hin zum säkularen Tel Aviv.

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Herzl begegnen wir bei unserer Tour ebenfalls: Ein Graffiti zeigt die Silhouette Theodor Herzls und darunter einen Schriftzug mit den Worten „Lo rozim, lo zarich“. Die Übersetzung lässt jede Menge Interpretationsspielraum. Herzl war der Vordenker des modernen jüdischen Staates. Guy erklärt die möglichen Lesarten des Satzes und der darin enthaltenen gesellschaftlichen und auch politischen Kritik. Eine wäre zum Beispiel: „Wenn ihr nicht wollt, dann muss es nicht sein“. Man kann dies verstehen als Kritik am mangelnden Engagement der jungen Generation für den jüdischen Staat. Eine andere Lesart wäre aber auch „Ihr wollt nicht, aber es ist auch nicht erforderlich“ – die Interpretation wäre, dass die Israelis sich nicht weiter mit der Frage nach dem jüdischen Staat auseinandersetzen wollen, es aber auch nicht müssen, weil es ihn zum Glück gibt.

Guy Sharett mit Herzl

Die eineinhalb Stunden vergehen wie im Flug. Ich beschließe, um viele Informationen über das Florentinviertel bereichert, dass ich auf jeden Fall auch andere Stadttouren mit Guy unternehmen werde. Die Graffititour hat mir einen Einblick in die Welt der Graffitikünstler erlaubt, den ich ohne Guy nicht bekommen hätte, und gleichzeitig hat es Spaß gemacht, Tel Avivs Straßen einmal mit anderen Augen zu sehen und die kleinen Botschaften an Hauswänden und Aufklebern genauer anzuschauen…

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Auf Guy Sharetts Internetseite finden sich nähere Informationen zu den einzelnen Touren und zu seinem Hebräischunterricht. Die Touren können unabhängig vom hebräischen Sprachniveau mitgemacht werden – Guy passt sich den Teilnehmern perfekt an und geht auf jeden ein. Vom absoluten Hebräischanfänger bis zum Israeli mit fließendem Hebräisch.

All photos by Saskia


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