Monthly Archives: May 2013

Daniel Hope

Seit ich denken kann, wollte ich Geige spielen lernen. Als Dreijährige sah ich Anne-Sophie Mutter, wie sie Mozart’s „Kleine Nachtmusik“ spielte, und war bis in alle Ewigkeit von dem Instrument verzaubert.
Wir fliegen diese Woche nach Deutschland und die Wahl des Termins für den Urlaub fiel auch nicht zufällig auf Anfang Juni. In München findet am 1. Juni ein Konzert statt. Ich fragte meinen Mann vergangenen Winter, ob wir auf dieses David Garrett Konzert gehen könnten. Mein Mann sagte ja, also bat ich ihn, Flugtickets nach Deutschland zu kaufen und Karten für die vorderste Reihe (er hat meine Bitte mit erstaunlich viel Fassung getragen).

Ich lebe für meine Geige. Das Instrument hat mich überall hin begleitet und wenn ich den Klang einer Violine höre, berührt mich das sehr tief. Ich habe das Glück, dass in der Wohnung unter uns ein guter Klavierspieler wohnt und im Altersheim um die Ecke ein begnadeter Geiger. Ich habe mir fest vorgenommen, das nächste Mal wenn er spielt, rüberzugehen, um ihn persönlich kennenzulernen. Er spielt derartig gut, dass ich den Verdacht habe, er war früher Musiker im Symphonieorchester.
Manchmal greift mein Mann zur Gitarre, wenn ich Geige spiele, und entsteht daraus eine Jam Session. Ich glaube, Musik ist das schönste Geschenk, das der Mensch jemals bekommen hat. Sie erzählt so viele Geschichten und bringt dabei so viele Gefühle zum Ausdruck, dass es der Worte gar nicht bedarf. Oft sitze ich mit der Geige auf dem Bett und spiele Stücke, die ich irgendwo auf der Straße gehört habe. Eines dieser Stücke stammt von einem Album, das mich vom allerersten Moment an weggeblasen hat: „Spheres“ von Daniel Hope.

Daniel Hope. Photo by Harald Hoffmann

Daniel Hope. Photo by Harald Hoffmann

Daniel Hope ist ein grandioser Geigenspieler, seine Interpretationen bergen so viel Gefühl und Tiefe, dass man in seiner Musik zu versinken scheint wie in Treibsand.
In einem Interview zu seinem neuen Album sagte Daniel Hope: „Pythagoras hatte die Idee, dass Planeten Musik machen, wenn sie sich bewegen. Ob das stimmt oder nicht, wissen wir nicht, aber ich fand diese Idee so kurios.“

Auf Sound Cloud stellt Daniel Hope sein Album (in englischer Sprache) mit Hörproben vor:

Mit dieser Musik auf meinem iPod beginnt diese Woche also unsere Reise nach Deutschland.
Und ich glaube er hatte recht – Pythagoras. Die Planeten machen Musik auf ihren Umlaufbahnen.


Kinderbilder

Diese Geschichte beginnt 1998, in einem staubigen Winkel der Stadtbücherei Augsburg. Es war ein verregneter Tag im November, ich saß in der hintersten Ecke neben einer Heizung auf dem Fußboden der Bücherei und zog wahllos Bücher aus dem Regal vor mir. Ich erinnere mich nicht daran, ob ich überhaupt nach einem bestimmten Titel suchte oder einfach nur dem Regen entkommen wollte und mich deswegen in die Bücherei geflüchtet hatte.
Plötzlich hielt ich ein weißes Buch in der Hand. Einen kleinen Bildband mit einer Einleitung, die ich überblätterte, und etlichen Seiten mit Farbtafeln. Darauf waren Zeichnungen zu sehen, Kinderkritzeleien. Ich las die Bildunterschriften und vergaß mit einem Mal alles um mich herum.

Vorgestern stolperte ich wieder über diesen Bildband. Wieder die von Kinderhand geschaffenen Skizzen, Aquarelle und Zeichnungen: Schmetterlinge, Häuser, Familien.
Schwarze Nacht.

Als mich mein Mann fragt, worüber ich als nächstes auf meinem Blog schreiben werde, antworte ich ihm, dass es um das weiße Buch geht, das ich am Wochenende in den Händen hielt.
Es geht um einen dunklen Ort, betrachtet mit Kinderaugen. Es geht um die bunten Schmetterlinge, die Kinder in dem gottverlassenen KZ Theresienstadt gemalt haben.
Wer den Film „Das Leben ist schön“ (org. „La vita e’ bella“) von Roberto Begnini gesehen hat, der weiß, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt, sobald man spürt, dass der Tod hinter jedem humorvollen Versuch des Vaters, seinen Sohn zu retten, lauert. Genauso ging es mir mit den Kinderbildern aus dem KZ Theresienstadt, besonders, als ich den lächelnden KZ Aufseher sah:

Der Name des Kindes, das dieses Bild gemalt hat, ist unbekannt

Der Name des Kindes, das dieses Bild gemalt hat, ist unbekannt

 

Theresienstadt (heute heißt der Ort Terezín) wird manchmal fälschlicherweise als Ghetto bezeichnet. Im Dritten Reich waren Ghettos Stadtviertel, die man Juden zugewiesen hatte, bevor sie deportiert wurden. Theresienstadt war ein Konzentrationslager.

Es gibt viel Literatur über Theresienstadt und die Propagandamaschinerie der Nazis. Obwohl ich kein Historiker bin, habe ich das Bedürfnis, darüber zu schreiben. Weniger, um geschichtliche Fakten auszubreiten, als wegen des tiefen und bleibenden Eindrucks, den die Kinderbilder und später ein Konzert in mir hinterlassen haben. Denn eines Tages fand in der Synagoge in Augsburg ein Konzert statt. Ein Streichquartett spielte Werke, die in Theresienstadt komponiert worden waren. Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her und ertrug die Dissonanzen nur mit Mühe. Normalerweise gehe ich auf klassische Konzerte, weil ich gerne Violinen höre und weil mir die Musik sehr viel gibt. Die Stücke von Gideon Klein, der nur 25 Jahre alt wurde, sind nicht zur Entspannung geeignet. Je nachdem, über was man nachdenkt, wenn man seine Stücke hört, ist man entweder genervt von dem Chaos der Töne, oder man begreift seine Musik als Teil seiner Existenz im Konzentrationslager Theresienstadt. Ich gebe zu, letzteres ist sehr belastend.
 

 
Warum gab es in Theresienstadt Musik?
Theresienstadt war ein „Vorzeigelager“. Seit 1942 war Kunst dort nicht mehr verboten, sondern wurde Bestandteil des Lageralltags, in Form von Opernaufführungen, Konzerten, Malerei und kulturellem Leben. Man wollte verschleiern, wie es den Insassen von Konzentrationslagern ging. Darum gab es eine Infrastruktur mit Cafés, die Straßen hatten Namensschilder, es gab einen Kinderspielplatz und einen Musikpavillion.
Am 23. Juni 1944 besuchte eine internationale Kommission des Roten Kreuzes das KZ, um sich von der Harmlosigkeit der Lager am Beispiel von Theresienstadt zu überzeugen. Nach Treblinka oder Auschwitz hätte man die Kommission ja schlecht einladen können.
 

Die Kinderbilder
Das Lager wurde nicht gänzlich aus Baracken aufgebaut, sondern bestand aus der gesamten Stadt. Daher gab es auch schöne Häuser, die jedoch vollkommen überfüllt waren. Vor dem Krieg betrug die Einwohnerzahl höchstens 7.000 Personen. Die Gemeinde wurde aufgelöst und ihre Bewohner ausgewiesen, um in den folgenden Jahren Juden dorthin deportieren zu können. Im September 1942 wurden annähernd 60.000 Personen in Theresienstadt verzeichnet. Insgesamt waren mehr als 150.000 Menschen in Theresienstadt. Etwa 15.000 Kinder waren dort untergebracht. Davon überlebten nur 150.
Wenn man mit großen Zahlen um sich schmeißt, muss man sie irgendwie auch veranschaulichen. Ich komme aus Bayern, vom Land. In dem Ort, in dem das Haus meiner Eltern steht, leben heute etwa 13.700 Einwohner. Ich kenne nur wenige davon persönlich, die Nachbarn meiner Eltern, den Bäcker, den Friseur, ein paar Freunde, Ladenbesitzer. Ich konnte mit dem Fahrrad um die Ortschaft herumradeln und ihre Fläche abschätzen, aber ich habe nie alle Einwohner kennengelernt. Wenn alle diese Einwohner Kinder wären, dann wäre immer noch nicht die Anzahl der Kinder erreicht, die in Theresienstadt ihre Kindheit verbringen mussten und die niemals das Erwachsenenalter erreicht haben. Und am Ende blieben von all diesen Kindern nur 150 übrig. Hundertfünfzig.

Margit Koretzova, Schmetterlinge

Margit Koretzova, Schmetterlinge

 

Eva Bulova, Schmetterlinge

Eva Bulova, Schmetterlinge

 

Margit Gerstmann, Theresienstadt

Margit Gerstmann, Theresienstadt

 

Margit Gerstmann, Theresienstadt

Margit Gerstmann, Theresienstadt

 

Helga Weissova, Letzter Abschied

Helga Weissova, Letzter Abschied

 

Helga Weissova, Brot auf dem Leichenwagen

Helga Weissova, Brot auf dem Leichenwagen

 

Die Kinder von Theresienstadt - Foto aus dem Archiv von Yad Vashem

Die Kinder von Theresienstadt – Foto aus dem Archiv von Yad Vashem

 

Der Name des Kindes, das dieses Bild gemalt hat, ist unbekannt

Der Name des Kindes, das dieses Bild gemalt hat, ist unbekannt

 

Eine Schulklasse in Theresienstadt - Foto aus dem Archiv von Yad Vashem

Eine Schulklasse in Theresienstadt – Foto aus dem Archiv von Yad Vashem

 

Ruth Hein, Spielplatz

Ruth Hein, Spielplatz

 

Das Jüdische Museum Berlin zeigt in einer Sonderausstellung noch bis zum 25. August 2013 Bilder des Künstlers Bedřich Fritta, die zwischen 1942 und 1944 im KZ Theresienstadt entstanden sind.


Freitags in Tel Aviv…

Seit Mitte der Woche liege ich mit einer Magendarmgrippe im Bett. Eigentlich hatte ich für dieses Wochenende zwei tolle Unternehmungen geplant, über die ich anschließend auf meinem Blog schreiben wollte. Das eine war ein Konzert von Daniel Zamir in Jerusalem, das aber vom Veranstalter kurzfristig abgesagt wurde (vielleicht hat Daniel Zamir auch eine Magendarmgrippe?) und das andere war die Fresh Paint Kunstmesse in Tel Aviv. Ich wollte mit einer guten Freundin dorthin, stattdessen jedoch sitze ich jetzt vor einem Glas dampfend heißen Kamillentees.
Ich hatte in Deutschland nie Magendarmgrippen. Vielleicht liegt das an dem warmen Klima hier. Die erste Magendarmgrippe vor zwei Jahren erwischte mich so hart, dass ich nachts ins Krankenhaus musste. Wir wohnten damals noch in Rishon LeZion. Neben mir in der Notaufnahme lag ein muslimischer Mann mit Bauchkrämpfen. Seine Frau stand neben ihm und sah ziemlich hilflos aus. Die beiden sprachen kaum ein Wort Hebräisch, der Mann wurde jedoch genauso schnell und intensiv behandelt wie alle anderen Patienten (soviel zu dem idiotischen Thema „Apartheid in Israel“).
Freitag ist normalerweise der beste Tag der Woche, das Wochenende hat begonnen, Tel Aviv ist voller Leben, überfüllte Cafés und Restaurants an allen Ecken und Enden. Straßenmusiker spielen auf den großen Alleen, Freunde treffen sich zu einer Partie Boule auf dem Rothschild Boulevard, auf dem in der Mitte ein breiter Fußgängerstreifen mit Flächen zum Boulespielen angelegt ist. Mein Mann und ich nutzen diesen Tag für lange Spaziergänge und Restaurantbesuche. Nur heute leider nicht. Darum habe ich beschlossen, Bilder von unseren Freitagen in Tel Aviv zu zeigen:

 

Auf dem Platz neben dem Theater "HaBima"

Auf dem Platz neben dem Theater “HaBima”


 

Eine Fotocollage die Hafen und Strand von Tel Aviv zeigt - All rights reserved Noam Yosef

Eine Fotocollage die Hafen und Strand von Tel Aviv zeigt – All rights reserved Noam Yosef


 

Der Aufpasser. Ein großer Hund am Eingang zu einem Kinderspielplatz. Unklar war mir, ob er aufpasste, dass keine Kinder rauslaufen, oder ob er keine Leute hereinlassen wollte. Ich habe es dann auch nicht ausprobiert...

Der Aufpasser. Ein großer Hund am Eingang zu einem Kinderspielplatz. Unklar war mir, ob er aufpasste, dass keine Kinder rauslaufen, oder ob er keine Leute hereinlassen wollte. Ich habe es dann auch nicht ausprobiert…


 

Der Schornstein im Hintergrund gehört zum Elektrizitätswerk "Reading". Das Bild ist eine Fotocollage - All rights reserved Noam Yosef

Der Schornstein im Hintergrund gehört zum Elektrizitätswerk “Reading”. Das Bild ist eine Fotocollage – All rights reserved Noam Yosef


 

Auf dem Rothschild Boulevard - All rights reserved Noam Yosef

Auf dem Rothschild Boulevard – All rights reserved Noam Yosef


 

Überfüllte Cafés, Fotocollage. All rights reserved Noam Yosef

Überfüllte Cafés, Fotocollage. All rights reserved Noam Yosef


 

Pizza aus dem Steinofen - in der Bograshov Street kann man bei der Zubereitung zuschauen.

Pizza aus dem Steinofen – in der Bograshov Street kann man bei der Zubereitung zuschauen.


 

Was im ersten Moment aussieht wie eine Fotocollage, ist in Wirklichkeit eine Spiegelung im Fenster eines meiner Lieblingsrestaurants, "Sus Etz" in der Shenkin Street

Was im ersten Moment aussieht wie eine Fotocollage, ist in Wirklichkeit eine Spiegelung im Fenster eines meiner Lieblingsrestaurants, “Sus Etz” in der Shenkin Street


 

Zum Schluss noch ein Stück von Daniel Zamir, „Ich glaube“ („Ani ma’amin“). Das Video habe ich vor ein paar Jahren mal gemacht, mit Bildern von Israel.


Das kunterbunte Florentinviertel in Tel Aviv

Gehören Sie auch zu den Menschen, die Stadtführungen nicht mögen, weil Sie sich unwohl fühlen in einer Gruppe weißbesockter Touristen mit Brustbeuteln und überdimensionalen Strohhüten?
Dann machen Sie bloß nicht die folgende Tour durch das Florentinviertel in Tel Aviv, denn die ist so klasse, dass Sie danach Ihr Weltbild in Frage stellen müssen!

Zufällig lernte ich vor kurzem Guy Sharett kennen, der fantasievolle Touren durch Tel Aviv anbietet und den Teilnehmern dabei auch noch die Besonderheiten der hebräischen Sprache näherbringt. Ich wählte seine Graffititour und mein Fazit ist: Unbedingt!

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Wir treffen uns im Florentinviertel und spazieren los durch die lebhaften Straßen, vorbei an Cafés, Bäckereien und Restaurants. Guy ist ein humorvoller Israeli und ein absolutes Sprachgenie. Er hat mehrere Jahre im Ausland verbracht und verschiedene Sprachen studiert. Eine Leidenschaft, die man auf der Tour durch das Florentinviertel spürt. Gleich zu Beginn fällt mir auf, dass er fließend Arabisch spricht und schreibt.
Das Konzept seiner Stadtführungen basiert auf der Idee, Hebräisch nicht in einem Unterrichtsraum zu vermitteln, sondern auf spannenden Entdeckungstouren durch die buntesten Ecken Tel Avivs. Er arbeitet mit einer kleinen weißen Tafel, auf die er bei Bedarf hebräische Wörter schreibt und diese dann erklärt. Was seine Methode besonders macht, ist das Hintergrundwissen, das er zur jeweiligen Vokabel liefert und das man sich sehr gut im Kontext der Stadtführung einprägen kann. Neu erlernte Wörter werden verknüpft mit Eindrücken aus der Umgebung, mit Graffitis, Aufklebern an Laternenpfosten und mit Schildern. Man muss natürlich kein Hebräischschüler sein, um an seinen Touren teilzunehmen. Die sprachlichen Einlagen sind eine Bereicherung der Stadtführung, weil sie einen tieferen Einblick in die Kultur und die israelische Gesellschaft erlauben, aber sie sind natürlich nicht der einzige Inhalt der Tour.
Guy zeigt Graffitis an den verschiedensten Stellen, erzählt deren Botschaften und schließt so den Kreis zur Geschichte des Landes und zu politischen und gesellschaftlichen Themen.

"Juden und Araber weigern sich, Feinde zu sein"

“Juden und Araber weigern sich, Feinde zu sein”

Einige Graffitikünstler sind sehr bekannt und ihre Kunstwerke finden sich in der gesamten Stadt wieder. So zum Beispiel die Werke von „dede“, einem Graffitikünstler, dessen Merkmal Pflaster sind: Auf jedem seiner Werke ist irgendwo ein Pflaster zu erkennen. Guy erklärt, dass das Sprayen von Graffitis „eigentlich“ illegal ist, aber er habe von „dede“ gehört, dass man nachts in Tel Aviv ungestört an Bildern arbeiten könne, die Polizei würde zu später Stunde nicht stören…

dede

Ein anderer bekannter Künstler nennt sich „EPK“ -“Eggplant kid“ – und malt überdimensionierte Auberginen auf Mauervorsprünge, Ladentüren und große Flächen. Als wir an einem Laden vorbeikommen, an dessen Eingang sich ein besonders großes Exemplar befindet, spricht Guy den Ladenbesitzer an und fragt, ob es ihn störe, dass da ein großes Graffiti den Eingang zu seinem Nähsalon ziert. Der Ladenbesitzer reagiert gelassen, ihn störe das absolut nicht.

EPK

EPK

Das Graffiti eines französischen Künstlers zeigt einen orthodoxen Juden beim Gebet, dessen Gesicht jedoch nicht nach Jerusalem gerichtet ist, wie das Straßenschild daneben verdeutlicht, sondern hin zum säkularen Tel Aviv.

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Herzl begegnen wir bei unserer Tour ebenfalls: Ein Graffiti zeigt die Silhouette Theodor Herzls und darunter einen Schriftzug mit den Worten „Lo rozim, lo zarich“. Die Übersetzung lässt jede Menge Interpretationsspielraum. Herzl war der Vordenker des modernen jüdischen Staates. Guy erklärt die möglichen Lesarten des Satzes und der darin enthaltenen gesellschaftlichen und auch politischen Kritik. Eine wäre zum Beispiel: „Wenn ihr nicht wollt, dann muss es nicht sein“. Man kann dies verstehen als Kritik am mangelnden Engagement der jungen Generation für den jüdischen Staat. Eine andere Lesart wäre aber auch „Ihr wollt nicht, aber es ist auch nicht erforderlich“ – die Interpretation wäre, dass die Israelis sich nicht weiter mit der Frage nach dem jüdischen Staat auseinandersetzen wollen, es aber auch nicht müssen, weil es ihn zum Glück gibt.

Guy Sharett mit Herzl

Die eineinhalb Stunden vergehen wie im Flug. Ich beschließe, um viele Informationen über das Florentinviertel bereichert, dass ich auf jeden Fall auch andere Stadttouren mit Guy unternehmen werde. Die Graffititour hat mir einen Einblick in die Welt der Graffitikünstler erlaubt, den ich ohne Guy nicht bekommen hätte, und gleichzeitig hat es Spaß gemacht, Tel Avivs Straßen einmal mit anderen Augen zu sehen und die kleinen Botschaften an Hauswänden und Aufklebern genauer anzuschauen…

Florentin

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Auf Guy Sharetts Internetseite finden sich nähere Informationen zu den einzelnen Touren und zu seinem Hebräischunterricht. Die Touren können unabhängig vom hebräischen Sprachniveau mitgemacht werden – Guy passt sich den Teilnehmern perfekt an und geht auf jeden ein. Vom absoluten Hebräischanfänger bis zum Israeli mit fließendem Hebräisch.

All photos by Saskia


Straßen von gestern

Neben mir auf dem Schreibtisch liegt ein besonderes Buch. Solange es geschlossen ist, mag man es für einen gewöhnlichen Roman halten, eine Geschichte unter Tausenden. Doch schlägt man es auf und beginnt zu lesen, bleibt die Zeit um einen herum stehen, man verliert sich in der Vergangenheit, ist Gefangener einer dunklen Zeitreise, die einen an Orte und zu Geschehnissen führt, die man beeinflussen möchte, aber nicht kann.

 

„Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, dass wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.“

 
strassen-von-gestern

 
Rainer Maria Rilkes Worte aus der ersten Duineser Elegie sind die Einleitung des Romans, in dem Silvia Tennenbaum ein großes, erschütterndes und stark autobiographisches Epos über den Aufstieg und Verfall einer jüdischen Familie erzählt. Es ist die Geschichte der Familie Wertheim, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesellschaftlich angesehen und wirtschaftlich gut situiert in Frankfurt lebt. Im Laufe der politischen Entwicklungen wird die Familie, bis zum Jahr 1945, völlig entwurzelt. Niemand ist auf das vorbereitet, was sie ab 1933 erwartet.
Moritz Wertheim ist ein Frankfurter Textilhändler von Rang und Namen. Er hat fünf sehr unterschiedliche Söhne, Siegmund, Nathan, Jacob, Eduard und Gottfried. Siegmund arbeitet für seinen Vater, Nathan ist Rechtsanwalt, Jacob ist Buchhändler und Eduard ist Bankier und Kunstsammler. Gottfried fällt total aus der Reihe, er wird von der Famile nach einer versuchten Vergewaltigung nach Amerika geschickt.
Eduard erkennt frühzeitig, dass Deutschland nicht mehr sicher ist und wandert in die Schweiz aus, von wo aus er versucht, die Familienangehörigen zu retten. Dennoch fallen mehrere Mitglieder der Wertheims dem Nationalsozialismus zum Opfer. Darunter auch Caroline, Nathans Ehefrau. Ihrer Tochter Lene hingegen gelingt zusammen mit ihrer Familie die Ausreise. Sie flieht mit einem Visum in die USA.
Ein Dialog, der mich sehr berührt hat, ist das Gespräch zwischen Lene und ihrer Tocher Claire kurz vor Ende des Krieges.
„Du hast Bennos Brief gelesen“, sagte Lene.
„Woher weißt du das?“
„Mütter wissen alles.“
„Ich wünschte, ich hätte ihn nicht gelesen. Ich muss andauernd an diese Greuel denken, und doch weiß ich, dass ich davon nicht berührt worden bin. Was kann ich jemals tun, um es wieder gutzumachen?“

Die „Schuld“, überlebt zu haben, das Schuldgefühl, nicht zusammen mit den anderen Familienangehörigen in den Tod gegangen zu sein, wird zu einer Verzweiflung, mit der weder Mutter noch Tochter klarkommen. Selbst ihre Freiheit und Sicherheit schmecken bitter und sind schwer zu ertragen.

 

Beeindruckt hat mich vor allem die atmosphärische Tiefe des Romans, die mich in den Strudel der historischen Ereignisse hineingezogen und mit vielen Aspekten des Nationalsozialismus konfrontiert hat, die man aus Geschichtsbüchern nicht erfährt, weil sie vielmehr ein Spiegel der Stimmung der damaligen Zeit sind. Es kommt zum Beispiel die Entwurzelung der Familie und die Zerrissenheit zwischen dem Deutschland, das einst eine schöne Heimat war, und dem faschistischen Deutschland, das der Familie alles genommen hat, sehr stark zum Ausdruck. Auch die teilweise sehr verheerenden Fehleinschätzungen der Gefahr werden drastisch deutlich. So beschwichtig einer der Charaktere die Lage mit den Worten „Meine Freunde im Verlag glauben, solange die Wirtschaft gesund bleibt, besteht Hoffnung, daß man die Rechtsparteien im Zaum halten kann. Die Nazis werden die Kommunisten bekämpfen, die zwei werden sich gegenseitig schwächen, und wir übrigen werden davon profitieren.“

 

Silvia Tennenbaum

 

Silvia Tennenbaum wurde 1928 in Frankfurt am Main geboren und lebt heute in den USA. Sie ging 1936 zunächst mit ihren Eltern ins Exil in die Schweiz und wanderte von dort nach New Jersey aus. Das Buch „Straßen von gestern“ schrieb sie in englischer Sprache. Es erschien Anfang der 80er Jahre zum ersten Mal in deutscher Fassung und wurde 2012 erneut aufgelegt.