Monthly Archives: March 2013

Pessach in Israel

Als Vegetarierin habe ich es in Israel eigentlich leicht, ich muss nicht auf Omelett mit Schinken verzichten, oder auf Schweinebraten, denn das habe ich auch in Deutschland nie angerührt. Meine russische Freundin hingegen leidet hier unter den Besuchen beim Metzger sehr. Sie träumt von Schweinsbratwürsten und verzehrt sich nach einem Stück saftigen Schinken. Darum bittet sie uns auch jedes Mal, wenn mein Mann und ich nach Deutschland reisen, ihr ein Stück Schinken oder eine Stange bayerische Hausmachersalami aus dem Urlaub mitzubringen…

An Pessach gelten noch strengere Kaschrut-Regeln als im restlichen Jahr. Während Pessach darf nämlich überhaupt nichts gegessen oder getrunken werden, was gären oder aufgehen könnte, somit also kein gesäuertes Brot, keine Nudeln und sonstige Teigwaren und auch kein Bier. Diese Lebensmittel sind “chametz” und damit unkoscher für Pessach. Das einzige Brot, das es an Pessach gibt, ist flach wie eine Flunder und ähnelt in Aussehen und Geschmack eher einem Knäckebrot. In den Supermärkten werden während der Pessachzeit in Israel etliche Regalreihen mit Papier- oder Stoffbahnen verhängt, damit die für Pessach unkoscheren Lebensmittel aus dem Blickfeld des Käufers gelangen. Und das sieht dann so aus:

Supermarkt an Pessach

Kosher für Pessach

Das ist das Ergebnis unseres Einkaufs gestern abend im Supermarkt:

Einkauf an Pessach

Wir wollten eigentlich ein bisschen mehr kaufen, aber die Auswahl war leider so begrenzt, dass es bei Grüntee, Thunfisch, Putzmittel, Matzen, Käse und Schokoaufstrich blieb…

Doch warum essen Juden an Pessach keine Teigwaren? Das hängt mit der Geschichte zusammen, die dem Pessachfest zugrunde liegt. Pessach erinnert an den Auszug der Israeliten aus Ägypten, wo sie als Sklaven lebten. Gott befahl dem Pharao, sie gehen zu lassen, was der Pharao jedoch verweigerte. Daraufhin suchten zehn Plagen das Land heim, wovon einzig die Israeliten verschont blieben. Die zehnte Plage, der Tod sämtlicher erstgeborenen Söhne, war besonders schwerwiegend für das ägyptische Volk und so drängten die verängstigten Ägypter die Israeliten, das Land zu verlassen. Damit blieb keine Zeit für die Juden, gesäuertes Brot zu backen und es wurden stattdessen Matzen zubereitet.

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Warum die Israelis Deutschland lieben

Anfangs, als ich erst wenige Wochen in Israel lebte, wusste ich nicht so recht, was ich auf die Frage antworten sollte, woher ich komme. Germany. Wie mag das wohl in den Ohren der Israelis klingen, vor allem der Älteren? Ich war unsicher.

Ich erinnere mich noch an die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, bei der ich zum ersten Mal in meinem Leben einen kollektiven Nationalstolz in Deutschland spürte. Überall hingen Deutschlandflaggen aus Fenstern und an jedem zweiten Auto flatterte eine kleine Fahne im Fahrtwind. Es war das erste Mal, dass sich die Deutschen in diesem Ausmaß mit ihrem Land identifizierten. Plötzlich waren wir alle Fußballfans und ich glaube, jeder genoss den Patriotismus und die Liebe zu Deutschland in jenen Tagen. Es war etwas Besonders, denn normalerweise sagen Deutsche nicht, wie stolz sie auf ihr Land sind, wie sehr sie es lieben und wie großartig es ist,  Deutscher zu sein.
Der Grund dafür ist „die deutsche Vergangenheit“, wie sie in Geschichtsbüchern genannt wird – und niemand meint damit Bismarck.
Mit dieser wie Kaugummi an meinen Schuhen klebenden deutschen Vergangenheit kam ich also nach Israel, weil ich mich unsterblich in einen israelischen Mann verliebt hatte.

„Where are you from?“ fragte der Gemüsehändler. „Germany“, entgegnete ich ihm und wahrscheinlich schaute ich dabei etwas verlegen.
„Ah, Germany! I’ve been there recently, in the Shvartswald. Beautifuuuul, beautifuuuul!!“ antwortete er darauf und fing an, von seiner Reise zu erzählen. Entspannt legte ich meine Paprika auf die Theke und bezahlte. Ich hatte anscheinend Glück gehabt und jemanden mit einer positiven Meinung von Deutschland getroffen.

Ein paar Wochen später betrat ich beim Shoppen im Dizengoff Center ein Bekleidungsgeschäft und wurde von der Verkäuferin angesprochen. Nachdem sie merkte, dass ich kein Hebräisch sprach, fragte sie mich, woher ich bin. Wir kamen ins Gespräch und kurz darauf gesellte sich auch der Ladenbesitzer dazu. Er erzählte begeistert, dass er mindestens einmal pro Jahr nach Berlin fliegt, um Freunde dort zu besuchen.
Wie sich in den darauffolgenden Wochen und Monaten herausstellen sollte, ist Berlin sehr populär bei den Israelis. Sobald man sagt, dass man aus Deutschland stammt, wird man auf diese Stadt angesprochen. Junge Israelis sind Deutschland gegenüber aufgeschlossen und Berlin steht auf ihrer Reiseliste ganz oben.

Berlin

Einer der Menschen, die mir hier in meiner großen Familie am nächsten stehen, war als kleiner Junge 1943 von deutschen Soldaten mit vorgehaltenem Gewehr aufgefordert worden, sich an eine Mauer zu stellen. Auch dieser Mensch ist mit mir in meine Heimat gereist und er hat sich kurz darauf sogar nochmal ein Flugticket nach Deutschland gekauft.

Eines Abends saßen wir bei meiner israelischen Familie auf dem Sofa, als im Fernsehen Bilder aus dem syrischen Bürgerkrieg gezeigt wurden und der Nachrichtensprecher die aktuelle Lage beschrieb. Eine der Tanten sagte, dass nur Araber zu solchen Blutbädern fähig seien. Ich widersprach ihr: „Schau doch mal uns Deutsche an, zu was wir fähig waren, vor gar nicht allzu langer Zeit.“
Da mischte sich meine Schwiegermutter ein und rief „Ihr habt aber aus eurer Vergangenheit gelernt! Als wir zusammen in Berlin Urlaub gemacht haben, da habe ich gesehen, wie viel ihr Deutschen für die Erinnerung daran tut.“

Tun wir Deutschen wirklich so viel? Soweit ich weiß, machen wir ehemaligen Zwangsarbeitern das Leben mit absurden bürokratischen Hürden bei Entschädigungs- und Rentenanträgen zur Hölle.

Es bedarf vielleicht einer Außenansicht.
Als ich in Italien lebte, erlebte ich, wie es sich anfühlt, wenn ein komplettes Land seine Vergangenheit zu keinem Zeitpunkt in Frage stellt. Benito Mussolini ist dort für die breite Bevölkerung kein Schwerverbrecher, sondern eine geachtete Persönlichkeit. Vergangenen Sommer wurde in Sardinien eine Straße nach dem Duce benannt, die Via Benito Mussolini. Proteste gab es, aber der Bürgermeister der Stadt Orgosolo stellte in seiner Rede klar, dass der Faschismus in Italien ausgestorben sei und der Straßenname dem Gedenken an diesen großen Mann diene, der sehr viele gute Reformen für das Land hervorgebracht habe.
Viele italienische Akademiker haben ein Geschichtswissen, das einem schwarzen Loch im Universum gleicht: dunkle Leere.
Ich kann nicht genau sagen, wie viel Zeit ich mit Diskussionen darüber verplempert habe, ob Hitler selbst Jude war oder nicht. Viele Italiener gehen fest davon aus, dass er Jude war und wenn man auf der italienschen Seite von Google die Suchbegriffe „Hitler – ebreo“ eingibt (Hitler – Jude), dann erhält man seitenweise dubiose Resultate, die das mit absolut idiotischen Argumentationen bestätigen. Dieselbe Suche auf Google Deutschland (mit deutschen Suchbegriffen) bringt seitenweise Resultate, die sich mit dieser These sachlich befassen und sie als haltloses Gerücht enttarnen. Dasselbe gilt für eine noch erschreckendere Frage: Starben tatsächlich sechs Millionen Juden im zweiten Weltkrieg? Versucht man, sich auf Google Italien zu diesem Thema schlau zu machen, wird man mit einem Ergebnis konfrontiert, das einem die Sprache verschlägt. Suchen Sie nämlich „sei milioni ebrei morti“ auf google.it, bekommen Sie als Antwort, dass diese Zahl ja wohl kaum stimmen kann. Je nachdem, welchen Link Sie anklicken, erfahren Sie dann, dass es entweder „nur“ drei Millionen ermordete Juden waren oder dass der Holocaust sogar eine Erfindung sei. Dieselbe Suche auf Google Deutschland wirft Ergebnisse zu Gedenkveranstaltungen für die sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden aus.

Italien ist natürlich keine Ausnahme. Auch in anderen europäischen Ländern hat es die Bevölkerung anscheinend zu keinem Zeitpunkt für nötig erachtet, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Österreich fiel beispielsweise erst kürzlich negativ auf, als eine Umfrage ergab, dass 42% der dortigen Bevölkerung positive Aspekte an Hitler und der NS-Zeit finden.

Jedem, der an dieser Stelle den Standpunkt einnimmt, es sei ja ein ausschließlich deutsches Verbrechen gewesen, dem möchte ich einen Besuch in Yad Vashem nahelegen.

Deutsche haben in Israel heute einen guten Ruf. Man kann als Tourist entspannt sagen, dass man aus Deutschland kommt, ohne mit Ablehnung rechnen zu müssen und auch Israelis sind ganz begeistert von Reisen nach Deutschland. Das war sicherlich nicht immer so, aber beide Länder haben an einer Freundschaft gearbeitet und das ist deutlich zu spüren.

Am Tag vor meiner Hochzeit mit dem Mann, wegen dem ich nach Israel gezogen bin, saß ich in einem Friseursalon im Prenzlauer Berg in Berlin. Neben mir ein junger Mann, der sich die Haare schneiden ließ, während meine zur Probe für den nächsten Tag hochgesteckt wurden. Er erwähnte in einem Nebensatz, dass er aus Tel Aviv kommt und ich schaute ihn sofort verwundert an. „Wohnst Du jetzt in Berlin?“
„Ja, seit fünf Jahren. Ich habe hier studiert und wohne gerne hier. Diese Stadt ist einfach ein Traum.“
„Dasselbe denke ich eigentlich eher von Tel Aviv: Sommer, Sonne, Strand und Meer, obendrein eine weltoffene und freie Stadt. Warum dann ausgerechnet Berlin?!“
„Ja weißt du, ich bin in Israel aufgewachsen, mit dem Konflikt im Rücken, seit ich denken kann. Hier in Berlin habe ich meine Ruhe. Die Menschen sind super, die Stadt ist kunterbunt und jung, lebendig, wild. Genau das, was ich immer wollte.“
Noch am selben Abend begegnete ich einem weiteren Israeli, den es ebenfalls nach Berlin gezogen hatte. „Wie findest du es hier?“ fragte ich ihn. „Ich liebe es, in dieser Stadt zu leben!“ antwortete er mir begeistert, „Meine Großeltern stammten aus Deutschland. Ich wollte einfach sehen, woher sie kamen und wie es hier wirklich ist. Und dann bin ich irgendwie hängengeblieben und nicht mehr zurück nach Israel gegangen. Inzwischen habe ich mir mein Leben hier aufgebaut und will gar nicht mehr zurück…“

Israel und Deutschland, diese beiden Länder sind ganz stark darin, sich ineinander zu verankern. Ich kenne etliche Deutsche, die der Liebe wegen zu ihren Partnern nach Israel gezogen sind und etliche Israelis, die es nach Deutschland getrieben hat.
Eines der schönsten Komplimente für mein Land hat mir ein Israeli gemacht. Wir saßen mit Freunden auf ein Glas Rotwein im Schatten eines Olivenbaumes und er sagte zu mir, dass Deutsch so eine wunderbare Sprache sei. „Ich dachte immer, Deutsch klänge so wie in den Nazifilmen. Aber wenn ich dich sprechen höre, klingt es total weich und angenehm. Ich würde es am liebsten auch sofort lernen.“
Das ging runter wie Schmieröl. Ausgerechnet in Israel hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben, wie melodisch die deutsche Sprache ist. Wir stießen darauf an und ich war irgendwie stolz darauf, Deutsche in Israel zu sein.


Von wo der Fisch pinkelt

Vergangene Woche hatte ich eine Diskussion mit meiner Krankenversicherung. Mein Mann saß auf dem Sofa, trank genüsslich seinen Kaffee und las einen Roman. Plötzlich sah er von seinem Buch auf und blickte mich erstaunt an, während ich, das Telefon zwischen Kinn und Schulter geklemmt, mit beiden Armen wild herumfuchtelte. Ich schimpfte ins Telefon und nach etlichen Minuten Hick-Hack hatte ich endlich erreicht, was ich wollte.

Als ich auflegte, pfiff mein Mann durch die Zähne und sagte anschließend zu mir: “Na denen hast du aber gezeigt, von wo der Fisch pinkelt.”

Cyprus

Ich schaute ihn verdutzt an und bat ihn, das nochmal zu sagen. “Du hast denen gezeigt, von wo der Fisch pinkelt.”

Achso. Verstanden. Wo der Hammer hängt, eben.


Über den Dächern Jerusalems

Den heutigen Tag habe ich in Jerusalem verbracht, zusammen mit meinen Arbeitskollegen. Einmal im Jahr unternehmen wir gemeinsam etwas und dieses Mal war unser Ausflugsziel die heilige Stadt.
Ich war aufs Neue überwältigt. Jedesmal wenn ich dort bin, entdecke ich etwas Neues. Jerusalem ist wie ein See ohne Grund. Man kann darin eintauchen so tief und so oft man will, die Stadt bleibt dennoch ein Geheimnis.
Wäre ich nicht so müde vom stundenlangen Herumlaufen, dann würde ich diesen unvergesslichen Tag in all seinen Einzelheiten beschreiben. Stattdessen habe ich beschlossen, die Bilder davon erzählen zu lassen:

 

Der Tag begann auf dem Mahane Yehuda Markt mit einem Kaffee und Kostproben an verschiedenen Ständen

Der Tag begann auf dem Mahane Yehuda Markt mit einem Kaffee und Kostproben an verschiedenen Ständen

 

An diesem Kaffeeladen auf dem Mahane Yehuda Markt scheint die Zeit spurlos vorbeigegangen zu sein.

An diesem Kaffeeladen auf dem Mahane Yehuda Markt scheint die Zeit spurlos vorbeigegangen zu sein.

 

Das Damaskustor

Das Damaskustor

 

Blick über die Altstadt

Blick über die Altstadt

 

Blick über die Altstadt

Blick über die Altstadt

 

Die Via Dolorosa von einem der Dächer aus betrachtet

Die Via Dolorosa von einem der Dächer aus betrachtet

 

Am Eingang der Grabeskirche sieht man Gebete und Bitten in allerlei Sprachen in den Stein geritzt und gemeißelt

Am Eingang der Grabeskirche sieht man Gebete und Bitten in allerlei Sprachen in den Stein geritzt und gemeißelt

 

Auch die schweren Holztore der Grabeskirche sind voller Schriftzeichen

Auch die schweren Holztore der Grabeskirche sind voller Schriftzeichen

 

Im Inneren der Grabeskirche

Im Inneren der Grabeskirche

 

Hof neben dem Äthiopischen Kloster - ein sehr stiller und schöner Ort ganz ohne Touristen

Hof neben dem Äthiopischen Kloster – ein sehr stiller und schöner Ort ganz ohne Touristen

 

Eine bemalte Hauswand in der Agripas Street

Eine bemalte Hauswand in der Agripas Street

All photos by Saskia


Paradiesgarten

Der Frühling beginnt in Israel bereits im Februar. Inzwischen ist mein Weg zur Arbeit gesäumt von allerlei blühenden Sträuchern und Bäumen. Ein Baum gefällt mir ganz besonders gut: er ist kahl und noch völlig ohne Blätter, hat aber bereits große rote Blüten. Ein Paradiesbaum, der mich sehr fasziniert.

Hibiskus ist in Israel, genauso wie Oleander, eine typische Pflanze für Gartenhecken. In Deutschland hatte ich ihn im Sommer maximal für drei Monate im Blumenkübel während man hier die majestätischen Blüten das ganze Jahr über sieht.

Was ich früher nur im Botanischen Garten bestaunen konnte, wächst jetzt vor meiner Haustür. Kein Wunder, dass ich ständig das Gefühl habe, im Urlaub zu sein…

Spring blossom 2

spring blossom 6

Spring blossom 1

Spring blossom 5

Spring blossom 3

Spring blossom 4

Spring blossom 7

All photos by Saskia