Die Charta der Mondrechte

Ron Leshem zählt zu meinen Lieblingsautoren. Er hat erst zwei Romane veröffentlicht, aber beide sind so temporeich und spannend, dass ich sie bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen konnte. Ron Leshem ist auch der Grund, warum ich heute in Israel lebe, aber das ist eine andere Geschichte…

Ron Leshem - Copyright Noam Yosef

Vor zweieinhalb Jahren lernte ich Ron persönlich kennen. Er ist ein extrem belesener Mann, von dessen stiller Art man sich nicht täuschen lassen sollte. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt, über Europa, Politik, Literatur und auch über seine Bücher. Ich hatte kurz zuvor sein erstes Buch „Im Yesh Gan Eden“ ausgelesen, das in Deutschland unter dem Titel „Wenn es ein Paradies gibt“ erschienen ist. Dieser Roman schaffte es auf Anhieb in die Bestsellerlisten weltweit und er beschäftigte und wühlte mich sehr auf. Es war außerdem das erste Buch, das ich auf Hebräisch las. Ich dachte zunächst, Ron habe darin seine eigene Geschichte erzählt, jedoch fand ich heraus, dass er sehr gut recherchiert hatte und das Buch keineswegs seine persönlichen Erfahrungen widerspiegelte.

Sein zweites Buch hat auf Hebräisch den fantasievollen Namen „Megilat Zchujot HaJareach“, was wörtlich übersetzt „Die Charta der Mondrechte“ bedeutet. In Deutschland ist das Buch allerdings unter dem Titel „Der geheime Basar“ erschienen. Mir persönlich gefällt der Originaltitel besser. Das erinnert mich daran, dass Ron Leshem bei unserem Treffen zu mir sagte, sein erstes Buch sei in Italien unter einem Titel erschienen, den er persönlich absolut nicht geistreich fand: Anstelle von „Wenn es ein Paradies gibt“ heißt das Buch in Italien „Die dreizehn Soldaten“. Aber das nur am Rande.

„Der geheime Basar“, das ist der Basar der verbotenen Dinge in Teheran. Ein Schwarzmarkt für Drogen, Schweinefleisch und Bücher. Ausgerechnet die Tochter eines Ministers führt Kami, den Maschinenbaustudenten, dorthin. Die schöne Nilufar, die er während des Studiums kennengelernt hat, wird seine „Prinzessin der Freiheit“. Nilufar mit ihrem unerhörten Traum, Rennfahrerin zu werden, mischt Kamis Leben gründlich auf und auch seine liebenswert schrullige Tante Zahra und deren Nachbarn, Frau Safureh und Babak, werden zu Verbündeten bei der Suche nach Möglichkeiten, die Regeln der Diktatur zu umgehen. Kami, der bei Zahra für die Dauer seines Studiums wohnt, erfährt nach und nach, was im Leben seiner Tante passiert ist und schaut damit in den Spiegel der Geschichte des iranischen Volkes. Doch nicht nur die Vergangenheit liegt wie ein Schatten über Allem. Kami verwechselt das zügellose Leben im Untergrund zunehmens mit der Realität in dem totalitären Regime und erwacht eines Tages in einem Alptraum.

Ich habe mich während der Lektüre oft gefragt, wie Ron Leshem es angestellt hat, ein derart detailliertes Bild der Stadt Teheran zu zeichnen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Er beschreibt nicht nur jeden Winkel so, als kenne er ihn seit frühester Kindheit, sondern fängt auch das Lebensgefühl in einer Weise ein, dass der Leser es spüren und sogar atmen kann. Ron erzählt im Epilog, dass er iranische Filme anschaute, etliche Bücher über das Land las, persische Musik hörte und Karten studierte. Zudem knüpfte er über Facebook Kontakte zu jungen Iranern, aus dem Wunsch heraus, dieses Volk kennenzulernen und sich mit den Menschen und ihren Ansichten auseinanderzusetzen.

Es ist das, was mich an Ron so unglaublich fasziniert – er nähert sich dem Fremden so stark, dass er damit zu verschmelzen scheint.

„Einen Monat nach Beendigung des Buches kamen die Wahlen im Iran. Die Untergrundstadt erzitterte, schwappte für einen Augenblick an die Oberfläche. Ich schrieb meinen Freunden dort: Riskiert nichts. Doch sie waren stark genug, anders zu denken.
Ich schrieb über sie und dachte an mich selbst hier.“

der-geheime-basar


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