Die Hoffnung ist ein Minenfeld

Der Himmel ist dunkelgrau und es regnet so stark, dass ich die Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite nicht mehr sehen kann. An solchen Tagen sitze ich am liebsten mit einem Buch auf dem Sofa. Heute Mittag fiel mir ein alter Gedichtband von Jehuda Amichai in die Hände. Seine Gedichte sind leise und laut zugleich, melancholisch, nachdenklich, sinnlich. Jehuda Amichai zählt zu den größen Dichtern Israels.
Das folgende Gedicht hat mich zum Nachdenken bewegt und genau das ist es, was ich bei Gedichten suche – ich möchte ein Gedicht nicht einfach nur „schön“ finden, sondern Tiefe darin sehen. Es lesen und wieder lesen, seine Worte nachhallen hören.

 

עין יהב

נסיעה לילית לעין יהב בערבה
נסיעה בגשם. כן בגשם.
שם פגשתי אנשים שמגדלים תמרים.
שם ראיתי עצי אשל ועצי אשליה.
שם ראיתי תקווה דוקרנית כמו תיל דוקרני
ואמרתי בלבי: אמת, התקווה צריכה להיות
כמו תיל כדי להגן עלינו מן היאוש.
התקווה צריכה להיות שדה מוקשים

 

Ein Jahav

Eine Nachtfahrt nach Ein Jahav in der Arava-Wüste
Eine Fahrt im Regen. Ja, im Regen.
Dort traf ich Menschen, die Datteln anbauen
Dort sah ich Tamariskenbäume und Illusionen von Bäumen*
Dort sah ich Hoffnung, so stachelig wie Stacheldraht.
Und ich sagte zu mir: Natürlich, Hoffnung muss so sein
wie Stacheldraht, um Verzweiflung fern zu halten.
Die Hoffnung muss ein Minenfeld sein.

 

Ein Yahav

A night drive to Ein Yahav in the Arava Desert,
a drive in the rain. Yes, in the rain.
There I met people who grow date palms,
there I saw tamarisk trees and risk trees,
there I saw hope barbed as barbed wire.
And I said to myself: That’s true, hope needs to be
like barbed wire to keep out despair,
hope must be a mine field.

 

 

Die englische Übersetzung stammt von Chana Bloch und Chana Kronfeld, die etliche Gedichte aus dem Hebräischen ins Englische übersetzt und dabei auch mit Jehuda Amichai persönlich zusammengearbeitet haben.

Die deutsche Übersetzung stammt von mir. An der mit * markierten Stelle bin ich mir nicht sicher, wie sie zu übersetzen ist, weil Jehuda Amichai in seinem Gedicht wortwörtlich “Illusionsbäume” schreibt, während Chana Block und Chana Kronfeld den Ausdruck mit “risk trees” übersetzen, was ich ohne weiterführende Literatur nicht erklären kann. Ich habe daher eine Übersetzung nahe am Wortlaut gewählt.


8 responses to “Die Hoffnung ist ein Minenfeld

  • Rika

    Auch ich mag die Gedichte von Jehuda Amichai sehr! Vor Jahren hat mir meine Freundin einen Band geschenkt.

    Deine Übersetzung gefällt mir – und dein Blog auch!

    “etzi” bedeutet nach meinem Wörterbuch “holzig” … und dann könnte er gemeint haben, dass die Illusion (die Selbsttäuschung oder der Wunschtraum) so holzig sind, wie die Tamarisken – schon fast ohne Leben

    Viele seiner “Bilder” erschließen sich ja erst bei mehrmaligem Lesen und können nach zwei Jahren schon wieder anders verstanden werden…

    Alles Gute weiterhin….

    • Saskia

      Liebe Rika,

      vielen Dank für die Blumen🙂

      Etz bedeutet auf Hebräisch Baum. Etzey wird verwendet, wenn man den Namen der Bäume nennt, weil im Hebräischen im Plural die Wörter nicht einfach zusammengeschrieben werden, so wie im Deutschen. Also zum Beispiel: Tamariksenbäume = “Etzey Eshel”. Man kann nicht “Etzim Eshel” schreiben.
      “Etzey Ashlaya” sind demnach Illusionsbäume…
      Wie es zu der Übersetzung mit Risk trees im Englischen kam, ist für mich leider nicht nachvollziehbar….🙂

  • Rika

    Liebe Saskia,
    danke für die kleine Auffrischung meiner Hebräisch-kenntnisse🙂
    Es ist schon ziemlich lange her (kanpp 14 Jahre), dass ich regelmäßigen Unterricht hatte und da habe ich ein paar Feinheiten vergessen…😉 Ist das nicht schade, da hat man viel Zeit (und auch Geld) in den Unterricht investiert, konnte auch schon mit den Händlern im Basar in Jerusalem plaudern, sich bei der Polizei verständlich machen, mit Leuten auf deer Straße reden, einfache Texte lesen und … und… und…Und dann geht alles mangels Praxis so schleichend wieder verloren!
    Ab und zu höre ich online-radio und versuche, Sachen in Ivrit zu lesen… naja, mit durchaus eher mäßigem Erfolg, wobei ich die Sprache unglaublich schön finde!

    In einem anderen Blogbeitrag habe ich über Deinen Besuch in Mefalsim gelesen. Mein Sohn hat dort (Februar – April 2000) als Volontär von Hagoshrim gearbeitet, später dann in Kfar Saba im Altenheim, und 2001 haben wir alle ihn in Israel besucht und bei der Gelegenheit auch einen Abstechter nach Mefalsim unternommen….. Nostalgische Erinnerung, so schön!

    • Saskia

      Liebe Rika,

      so ging es mir mit Französisch. Nach der Uni war ich nicht mehr in Frankreich und plötzlich reichten meine Sprachkenntnisse nicht mehr aus für flüssige Unterhaltungen…
      Aber ich bin mir sicher, wenn Du nach Israel kommst, findest Du wieder hinein in die Sprache🙂
      Hebräisch ist ohnehin schwer, und im Ausland, wo man es kaum hört und anwenden kann, ist es umso schwieriger, es beizubehalten.
      Ich möchte auch in Zukunft immer wieder Texte in Hebräisch hier veröffentlichen. Vielleicht Liedertexte und auf jeden Fall auch weitere Gedichte – in Hebräisch und mit deutscher Übersetzung🙂

      Die Orte im Süden Israels sind wunderschön. Es ist sehr schade, dass das Leben dort überschattet wird von dem Konflikt. Auch die Gastfreundschaft der Menschen ist riesig!

  • Lila

    Tamarisk tree ist es dann auf Englisch, ein Versuch, das hebräische Wortspiel entsprechend einzufangen. Nicht sooo schlecht.

  • Aristobulus

    Gej ich mir ba’midbar in der lajle,
    gej mir kejn doss schtetl Ein-Jahav.
    A nechtig lajle inem regn
    waj, doss regent ojfn dejrech as mir megn.
    Ot sej ich landslajt mit chorewe bajmlech
    wu si machn wakssn datlech,
    wu si machn waksn chojlmlech –
    oj sej ich tikwe, asoj milchomedik
    as di milchome, as men nischt werd
    ojssgeloschn.
    Un ich wajss,
    di tikwe derf sajn asoj.

    (Ari)

    • Saskia

      Jiddisch sollt ich sprechen lernen…

      • Aristobulus

        🙂
        Wobei meine Übersetzung gar nichts von Amichais Härte und Klarheit widergibt. Das kann man im Jidischen gar nicht. Da redet kein Mensch über ein Minenfeld und all so’ne Sachen – men sugt oj!, milchome un mojre!, got sol schitzn!

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