Monthly Archives: February 2013

Ein Spaziergang durch…

Jerusalem, das ist die Stadt, die nachts zu einem Meer aus funkelnden Lichtern wird. Es ist die Stadt, die sich unter meinen Füßen so unendlich alt anfühlt, dass ich in ihrer Geschichte klein werde wie ein Regentropfen in einem Gewitter.

Als ich das erste Mal nach Jerusalem fuhr, war es extrem heiß. Die Hitze erschlug mich förmlich, und trotzdem hielt mich das nicht davon ab, mich in die Stadt zu verlieben. Ich schlenderte durch die Altstadt, verlor mich in den Gassen, schaute dem bunten Treiben auf den Plätzen zu und ging zur Klagemauer. Die Sonne brannte auf den weißen Stein und blendete. Im jüdischen Viertel gibt es irgendwo ein wunderschönes Mosaik unter einem Torbogen. Falls Sie sich ebenfalls in der Altstadt verlieren, kommen Sie sicher daran vorbei.

Jewish Quarter Street

Mosaik im Jüdischen Viertel in der Altstadt

„Sie sollten unbedingt…“ ist eine Phrase, mit der Reiseführer auf Sehenswürdigkeiten hinweisen. Jerusalem ist kein Ort für solche Sätze. Man kann die Stadt nicht mit einem Lehrbuch kennenlernen, weil sie größer ist. Größer in ihrer Tiefe. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.
Ich glaube, es liegt daran, dass Menschen aus aller Welt mit religiösen Gefühlen nach Jerusalem kommen. Man sieht den Unterschied in ihren Augen: Es gibt Touristengruppen („Sie sollten unbedingt…“) und dazwischen gibt es diese Stimmen, die man singen hört, bevor man die Gesichter dazu sieht: freudestrahlend und zutiefst bewegt.
Auf dem Basar in der Altstadt verkaufen Händler Schals, fliegende Teppiche, Finjan-Kaffeekännchen, Schmuck und allerlei Krimskrams der glitzert und glänzt. Viele der angebotenen Dinge sind nicht unbedingt die hochwertigste Qualität. Die armenischen Töpferwaren stehen inzwischen jedoch stapelweise in meinem Küchenregal, weil sie sich sehr bewährt haben. Sie sind hübsch anzusehen und die Auswahl an Formen und Farben ist auf dem Basar riesig.

Bazar in Jerusalem

Der Basar in der Altstadt

Etwas außerhalb der Altstadt befindet sich ein Restaurant, das ich als Geheimtipp weiterempfehlen möchte. Es liegt in der Yafo Street 31 im kunterbunten Viertel Nachalat Shiv’a. Diese Gegend ist voller Straßencafés, Restaurants und Künstlerateliers. Das Restaurant, in dem ich regelmäßig in Jerusalem essen gehe, heißt „Eldad vezeo“ und ist dekoriert mit schönen Antiquitäten. Die anspruchsvolle Küche ist mediterran mit Speisen aus Nahost und Europa.

Doch auch auf dem großen Mahane Yehuda Markt gibt es Restaurants, die wirklich empfehlenswert sind. Auf dem Markt findet man frisches Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Gewürze, Süßes… Die kleinen Restaurants dort sind um die Mittagszeit sehr voll und man findet kaum einen Platz, es empfiehlt sich daher, eher am frühen Nachmittag zum Essen dorthin zu kommen. Am Freitag platzt der Markt aus allen Nähten, denn dann kommen die Menschen um den Einkauf vor Shabbat zu machen. Samstags ist der Markt geschlossen. Schön ist ein Besuch unter der Woche, wenn man nicht durchgeschoben wird und sich noch frei bewegen kann…

Mahane Yehuda

Der Mahane Yehuda Markt

Am Nachmittag brauche ich immer eine Tasse Kaffee. In Jerusalem gibt es ein Café, an dem sicher nicht nur Bücherfreunde Gefallen finden: An den Wänden stehen Bücherregale und man hat das Gefühl, in einem Wohnzimmer aus dem 19. Jahrhundert zu sitzen. Zudem ist die Auswahl and Tee- und Kaffeespezialitäten sehr gut. „Tmol Shilshom“ in der Yoel Moshe Salomon Street 5 ist definitiv einen Besuch wert. Dabei ist es trotz seiner Berühmtheit keineswegs ein extravaganter Ort mit überteuerten Preisen.

In der Deutschen Kolonie findet man ebenfalls schöne Cafés. Die malerischen Häuser dort, die im ausgehenden 19. Jahrhundert entstanden, haben einen europäischen Baustil und man kann sich beim Spaziergang durch die Straßen lebhaft vorstellen, in einem alten deutschen Dorf gelandet zu sein.

Jerusalem kann man immer wieder neu entdecken. Neben den touristischen Seiten hat die Stadt außerdem auch ein sehr tolles kulturelles Programm zu bieten.

Mishkenot Sha'ananim

Ausblick auf das Viertel Mishkenot Sha’ananim

***

Anmerkung zu Mea She’arim:
In einem Buchladen blätterte ich vor einiger Zeit in verschiedenen Reiseführern über Israel. Enttäuscht stellte ich fest, dass sie sich in vielen Punkten sehr ähnelten. Zum Beispiel in ihren Empfehlungen zu Mea She’arim.
Reiseführer beschreiben dieses Jerusalemer Viertel als Kuriosität, die man nicht verpassen sollte. Israel ist ein äußerst gastfreundliches Land, das Besucher mit offenen Armen empfängt. Warum müssen Reiseführer die Menschen dann ausgerechnet in jenes Viertel in Jerusalem schicken, dessen Bewohner – als große Ausnahme in Israel – absolut keine Touristenvisiten wünschen? Dieses Viertel wird bewohnt von streng religiösen bis hin zu (ich sage es nur ungern) fanatischen Menschen. Leider kam es in diesem Viertel in der Vergangenheit immer wieder vor, dass Touristen (nicht nur) verbal angegriffen wurden. In der Reiseliteratur wird kurz auf die Problematik eingegangen, aber eher in der Form eines Hinweises, lange Kleidung zu tragen (unschickliche Kleidung ist in Mea She’arim vorsichtig ausgedrückt eine Todsünde!), sich unauffällig zu verhalten und bloß nicht zu fotografieren. Leider beweisen etliche Fälle dennoch, dass diese „Vorsichtsmaßnahmen“ unzulänglich sind und vor allem Reisegruppen trotzdem ungewollt den Zorn der Bewohner des Viertels auf sich ziehen.

All photos by Saskia


Die Charta der Mondrechte

Ron Leshem zählt zu meinen Lieblingsautoren. Er hat erst zwei Romane veröffentlicht, aber beide sind so temporeich und spannend, dass ich sie bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen konnte. Ron Leshem ist auch der Grund, warum ich heute in Israel lebe, aber das ist eine andere Geschichte…

Ron Leshem - Copyright Noam Yosef

Vor zweieinhalb Jahren lernte ich Ron persönlich kennen. Er ist ein extrem belesener Mann, von dessen stiller Art man sich nicht täuschen lassen sollte. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt, über Europa, Politik, Literatur und auch über seine Bücher. Ich hatte kurz zuvor sein erstes Buch „Im Yesh Gan Eden“ ausgelesen, das in Deutschland unter dem Titel „Wenn es ein Paradies gibt“ erschienen ist. Dieser Roman schaffte es auf Anhieb in die Bestsellerlisten weltweit und er beschäftigte und wühlte mich sehr auf. Es war außerdem das erste Buch, das ich auf Hebräisch las. Ich dachte zunächst, Ron habe darin seine eigene Geschichte erzählt, jedoch fand ich heraus, dass er sehr gut recherchiert hatte und das Buch keineswegs seine persönlichen Erfahrungen widerspiegelte.

Sein zweites Buch hat auf Hebräisch den fantasievollen Namen „Megilat Zchujot HaJareach“, was wörtlich übersetzt „Die Charta der Mondrechte“ bedeutet. In Deutschland ist das Buch allerdings unter dem Titel „Der geheime Basar“ erschienen. Mir persönlich gefällt der Originaltitel besser. Das erinnert mich daran, dass Ron Leshem bei unserem Treffen zu mir sagte, sein erstes Buch sei in Italien unter einem Titel erschienen, den er persönlich absolut nicht geistreich fand: Anstelle von „Wenn es ein Paradies gibt“ heißt das Buch in Italien „Die dreizehn Soldaten“. Aber das nur am Rande.

„Der geheime Basar“, das ist der Basar der verbotenen Dinge in Teheran. Ein Schwarzmarkt für Drogen, Schweinefleisch und Bücher. Ausgerechnet die Tochter eines Ministers führt Kami, den Maschinenbaustudenten, dorthin. Die schöne Nilufar, die er während des Studiums kennengelernt hat, wird seine „Prinzessin der Freiheit“. Nilufar mit ihrem unerhörten Traum, Rennfahrerin zu werden, mischt Kamis Leben gründlich auf und auch seine liebenswert schrullige Tante Zahra und deren Nachbarn, Frau Safureh und Babak, werden zu Verbündeten bei der Suche nach Möglichkeiten, die Regeln der Diktatur zu umgehen. Kami, der bei Zahra für die Dauer seines Studiums wohnt, erfährt nach und nach, was im Leben seiner Tante passiert ist und schaut damit in den Spiegel der Geschichte des iranischen Volkes. Doch nicht nur die Vergangenheit liegt wie ein Schatten über Allem. Kami verwechselt das zügellose Leben im Untergrund zunehmens mit der Realität in dem totalitären Regime und erwacht eines Tages in einem Alptraum.

Ich habe mich während der Lektüre oft gefragt, wie Ron Leshem es angestellt hat, ein derart detailliertes Bild der Stadt Teheran zu zeichnen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Er beschreibt nicht nur jeden Winkel so, als kenne er ihn seit frühester Kindheit, sondern fängt auch das Lebensgefühl in einer Weise ein, dass der Leser es spüren und sogar atmen kann. Ron erzählt im Epilog, dass er iranische Filme anschaute, etliche Bücher über das Land las, persische Musik hörte und Karten studierte. Zudem knüpfte er über Facebook Kontakte zu jungen Iranern, aus dem Wunsch heraus, dieses Volk kennenzulernen und sich mit den Menschen und ihren Ansichten auseinanderzusetzen.

Es ist das, was mich an Ron so unglaublich fasziniert – er nähert sich dem Fremden so stark, dass er damit zu verschmelzen scheint.

„Einen Monat nach Beendigung des Buches kamen die Wahlen im Iran. Die Untergrundstadt erzitterte, schwappte für einen Augenblick an die Oberfläche. Ich schrieb meinen Freunden dort: Riskiert nichts. Doch sie waren stark genug, anders zu denken.
Ich schrieb über sie und dachte an mich selbst hier.“

der-geheime-basar


Sozialer Wohnungsbau auf Arabisch

Sie wollten schon immer im Grünen leben? Vielleicht mit einem schönen Garten ums Eigenheim herum? Mit viel Platz für die Kinder zum Spielen und einer Sonnenterrasse?

Im Libanon erfüllt sich dieser Traum jetzt für etliche Menschen. Dort verpachtet und verkauft die Hisbollah nämlich aus tiefem Mitgefühl und Nächstenliebe Häuser zu Niedrigstpreisen an arme schiitische Familien. Unter einer Bedingung: in mindestens einem Raum oder im Keller müssen die Familien Raketen platzieren, welche auf Israel zu feuern sind, wenn die Hisbollah es anordnet.

Sobald diese Raketen auf israelische Dörfer und Städte geschossen werden, wird Israel den Abschussort lokalisieren… Wir können dann alle live dabei sein, wenn es in den Nachrichten wieder heißt: „Israel beschießt mittellose Zivilisten“

Sollten Sie unter diesen Voraussetzungen immer noch Interesse haben an dem schönen Haus mit Ausblick in die sanfte Hügellandschaft, dann melden Sie sich noch heute bei der Hisbollah.

Hört sich an wie ein schlechter Scherz, aber es ist die bittere Wahrheit, von der die Welt nichts erfährt, weil internationale Medien darüber nicht berichten.

Quelle: Ynet


Im Schatten von Gaza

„Es ist wie beim Fußball. Wie viele Tote habt ihr? Achtzehn. Wie viele Tote hat die andere Seite? Fünf. Unsere Toten zählen nicht, weil es weniger sind. Sind unsere Leben weniger wert für die Welt? Sind unsere Angehörigen einen anderen Tod gestorben, einen, der nicht erwähnenswert ist? Punktsieg für Gaza.“ Alfredo Juarez

 

Als ich am Morgen losfuhr wusste ich nicht, was mich an diesem Tag erwarten würde. Ich hielt eine Liste mit Telefonnummern in der Hand und machte mich auf den Weg Richtung Gaza. Ich würde israelische Familien treffen, deren Angehörige durch Raketenangriffe stark traumatisiert, verletzt oder sogar getötet wurden.

Kfar Aza ist ein Kibbuz, der direkt neben Gaza liegt. Dort treffe ich Anna. Ihr Hund springt an mir hoch, als ich ihr Haus betrete und Anna begrüßt mich mit einem Lächeln. Sie bietet mir Kaffee und Kuchen an und während sie den Kaffee kocht, beginnt sie von ihrem Mann zu erzählen. Jimi ist ihre große Liebe. War.
Er starb vor einigen Jahren, als eine Mörsergranate aus Gaza direkt neben dem Haus einschlug. Er wurde nur 47 Jahre alt. Überall im Haus hängen Bilder von ihm und ich frage Anna, wo sie entstanden sind. Die beiden sind viel zusammen gereist. Jimi war sportlich, ein begeisterter Gleitschirmflieger, der auf seinen Ausflügen unzählige Luftaufnahmen gemacht hat. Überhaupt wirkt das ganze Haus sehr lebhaft, so, als wäre es nicht das Zuhause einer Witwe. „Ich habe mich nach diesem Verlust zunächst total zurückgezogen und ganz stark abgenommen. Aber dann begann ich zu Töpfern. Deshalb stehen hier diese bunten Tonfiguren herum.“. Sie sind wunderschön. „Jimi und ich, wir haben uns immer einen alten Olivenbaum für unseren Garten gewünscht. Darüber haben wir oft gesprochen, aber leider sind alte Olivenbäume sehr teuer und man kann sie nicht einfach so irgendwo ausgraben und umpflanzen. Den Olivenbaum, den du jetzt neben der Eingangstür siehst, habe ich nach Jimis Tod geschenkt bekommen. Er ist 491 Jahre alt. Es ist merkwürdig, dass unser Traum ausgerecht mit Jimis Tod in Erfüllung gegangen ist. Der Baum steht an der Stelle, an der mein Mann starb.“ Anna hat den Baum nach Jimis Tod von der Keren Kayemeth LeIsrael geschenkt bekommen, einer Organisation, die sich um die Erhaltung der natürlichen Ressourcen kümmert und viele Aufforstungsprojekte in Israel leitet.
Wir gehen nach draußen in die Sonne und Anna zeigt auf einen großen blauen Blumentopf, der total beschädigt neben dem Eingang steht. „Der Topf ist zerbrochen, als die Granate in der Nähe einschlug und die Splitter überall landeten. Ich sehe ihn jeden Tag, wenn ich nach Hause komme. Auch der Golden Retriever wurde getroffen, weil er meinem Mann überall hin gefolgt ist.“ Der Hund hat überlebt. Jimi nicht.
Ich schaue über die hügelige Landschaft voller Grüntöne und sehe in der Ferne Gaza City. Dann schaue ich zurück zu Anna, die mit dem Hund spielt.

 

Eine Bushaltestelle mit Raketenschutzraum - Alltag in Südisrael

Eine Bushaltestelle mit Raketenschutzraum – Alltag in Südisrael

 

Kurze Zeit später treffe ich auf Yankale, der auch in Kfar Aza mit seiner Familie lebt. Seine Enkelin wurde bei einem Raketenangriff um Haaresbreite getötet. Die Rakete fiel in ihr Zimmer, doch wie ein Wunder überlebte Shir. Yankale ist eine wichtige Person nicht nur für den Kibbuz, sondern für die gesamte Umgebung. Er hat einen Zoo für therapeutische Behandlungen traumatisierter Kinder. Letztes Jahr musste er sein Therapiezentrum schließen, weil das Gebäude zu unsicher war. Die Tiere wurden notdürftig woanders untergebracht und Yankale versucht nach allen Kräften, seine Arbeit weiterzumachen. Er legt mir einen großen Python um den Hals und wendet sich dann einer Schar Kinder zu, die ihn umringen. Ein Mädchen möchte einen Hasen streicheln, ein anderes Kind will den orangenen Papagei auf die Hand nehmen. In der Ecke steht ein Junge und traut sich nicht, näher zu kommen, weil er Angst vor der Schlange hat. Der Python um meinen Hals ist total gleichgültig, wahrscheinlich hat er sich an die vielen Kinderhände gewöhnt, die ihn dauernd betatschen. Yankale kann extrem gut mit Kindern umgehen, ich weiß nicht, wie er es schafft, aber am Ende will der ängstliche Junge den Python gar nicht mehr loslassen.
Das Engagement dieses Mannes ist unbezahlbar. Er schenkt den Kindern ein Lachen und lässt sie vergessen, was sie durchmachen müssen. Wenn „Zeva Adom“ ertönt, haben die Menschen 15 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Erst am Abend zuvor gab es wieder Raketenalarm. Diesmal war es ein falscher Alarm, aber das wussten die Menschen natürlich in diesem Moment nicht. In Deutschland kann man sich das nicht vorstellen. Eine deutsche Mutter kennt das Gefühl nicht, das eine israelische Mutter hat, wenn sie ihre Kinder in den Kindergarten oder in die Schule schickt. Es gibt keine Routine im Krieg. Die Panik bleibt immer dieselbe, wenn der Raketenalarm ertönt. Kinder im Alter von sieben Jahren sind im Süden Israels oft Bettnässer und leiden an schlimmen Schlafstörungen. Yankales Enkelin war Augenzeugin, als der Nachbar bei einem Raketenangriff ums Leben kam. Wie viel kann eine Kinderseele ertragen?

 

„Warum lebt ihr hier im Süden?“, frage ich Alfredo und Diana, die in Mefalsim leben. „Als wir aus Argentinien nach Israel eingewandert sind, lebten wir zunächst in Ra’anana im Zentrum des Landes, aber wir wollten aufs Land ziehen. Wir hatten genug von Buenos Aires und wollten nicht mehr in einer Stadt wohnen. Damals war es im Norden Israels sehr unruhig, also zogen wir in den Süden. Jetzt leben wir hier seit etwas mehr als 10 Jahren und die Lage hat sich dramatisch verschlechtert. Aber wegziehen können wir nicht einfach so. Unsere gesamte Familie ist mit uns hierher gekommen und der Konflikt ist zudem nicht konstant an einem Ort, es ist ein Auf und Ab, manchmal ist es an einem Ort ruhiger, dann wieder an einem anderen. Wir können nicht unser Leben alle fünf Jahre aufgeben und woanders hinziehen.“
Alfredo saß im Auto, als eine Rakete neben ihm einschlug. Eine andere Rakete traf das Café der Familie im Kibbuz. Alfredo erzählt mir, dass er wochenlang nicht mehr aus dem Haus gegangen ist, nachdem das passiert ist. Er wollte auch seine Kinder nicht mehr zur Schule schicken, die gesamte Familie war völlig paralysiert. „Ich dachte immer, dass man diesen Konflikt mit Dialogen lösen kann.“ Nachdem die Rakete neben seinem Auto einschlug, hat er diese Hoffnung aufgegeben. „Wenn es morgens auf meinem Weg in die Arbeit Raketenalarm gibt, finde ich oft Zuflucht bei Familien, die in dieser Situation ihre Haustüren öffnen und den Fremden Zuflucht gewähren. Dann sehe ich ihre Kinder, die schreiend in der Ecke kauern. Ich sehe Tag für Tag, was dieser Konflikt mit unseren Kindern macht.“ Die Familie zeigt uns ein Video, das Vater und Sohn gemeinsam gemacht haben. Darin erzählt Alfredo (mit englischer Übersetzung) davon wie es ist, neben Gaza zu leben. „Wir sind voller Träume und Hoffnung nach Israel gekommen. Es war nicht einfach. Und hier sind wir jetzt und versuchen, alle Schwierigkeiten zu meistern.“

 

 

Hintergrund: Wie es zu den Treffen kam.
Mein Mann, ein israelischer Fotograf, wurde von der amerikanischen Organisation Adopt a Family kontaktiert und gefragt, ob er Bilder von betroffenen Familien im Süden Israels machen könnte. Er sagte sofort zu und so fuhren wir zusammen eines Samstags dorthin. Die Treffen waren nicht als Interviews geplant, mein Mann sollte einfach Fotos der Menschen machen und ihre Lebenssituation mit Bildern dokumentieren. Wir rechneten beide nicht damit, dass die Familien ein so großes Bedürfnis haben würden, uns ihre Geschichte zu erzählen. Ich erkannte, dass ihnen zu wenig Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit dem Konflikt und den Folgen geschenkt wird. Diese Menschen möchten nicht still und leise trauern, sie wollen gehört werden. Die Welt soll sehen, dass es fernab der grauenvollen Fotos getöteter Kinder aus Gaza eine Realität gibt, die der breiten Öffentlichkeit vollkommen verborgen bleibt. Eine Vermarktung der Bilder von Getöteten zu politischen Propagandazwecken lässt sich mit ehrlicher tiefer Trauer absolut nicht vereinbaren.
Leider führt das einseitige Fotografieren und Filmen von Toten und Schwerverletzten mit Mobiltelefonen auf palästinensischer Seite dazu, dass die Weltöffentlichkeit keine emotionale Verbindung zu dem Leid auf der anderen, der israelischen Seite herstellt. Wir können den Tod eines fremden Menschen nicht als persönlichen Schmerz begreifen, weil uns jeglicher Bezug zu dem abstrakten Begriff „Tod“ fehlt. Erst durch Bilder verlieren wir diese Distanz, teilweise sogar so sehr, dass wir gar nicht mehr hinterfragen, wer ein Interesse daran hat, Tote im Internet zu präsentieren und in welchem Zusammenhang die Bilder überhaupt entstanden sind.

 

 

Ich widme diesen Artikel Jimi, über den ich viel erfahren habe und dessen Präsenz auch Jahre nach seinem Tod in den Räumen des Hauses im Kibbuz Kfar Aza stark spürbar war, als ich mich dort mit seiner Frau Anna unterhielt. Der Schmerz seiner Familie soll nicht verschwiegen und vergessen werden.

 

Jimi bei einem seiner Gleitschirmflüge

Jimi bei einem seiner Gleitschirmflüge


Die Hoffnung ist ein Minenfeld

Der Himmel ist dunkelgrau und es regnet so stark, dass ich die Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite nicht mehr sehen kann. An solchen Tagen sitze ich am liebsten mit einem Buch auf dem Sofa. Heute Mittag fiel mir ein alter Gedichtband von Jehuda Amichai in die Hände. Seine Gedichte sind leise und laut zugleich, melancholisch, nachdenklich, sinnlich. Jehuda Amichai zählt zu den größen Dichtern Israels.
Das folgende Gedicht hat mich zum Nachdenken bewegt und genau das ist es, was ich bei Gedichten suche – ich möchte ein Gedicht nicht einfach nur „schön“ finden, sondern Tiefe darin sehen. Es lesen und wieder lesen, seine Worte nachhallen hören.

 

עין יהב

נסיעה לילית לעין יהב בערבה
נסיעה בגשם. כן בגשם.
שם פגשתי אנשים שמגדלים תמרים.
שם ראיתי עצי אשל ועצי אשליה.
שם ראיתי תקווה דוקרנית כמו תיל דוקרני
ואמרתי בלבי: אמת, התקווה צריכה להיות
כמו תיל כדי להגן עלינו מן היאוש.
התקווה צריכה להיות שדה מוקשים

 

Ein Jahav

Eine Nachtfahrt nach Ein Jahav in der Arava-Wüste
Eine Fahrt im Regen. Ja, im Regen.
Dort traf ich Menschen, die Datteln anbauen
Dort sah ich Tamariskenbäume und Illusionen von Bäumen*
Dort sah ich Hoffnung, so stachelig wie Stacheldraht.
Und ich sagte zu mir: Natürlich, Hoffnung muss so sein
wie Stacheldraht, um Verzweiflung fern zu halten.
Die Hoffnung muss ein Minenfeld sein.

 

Ein Yahav

A night drive to Ein Yahav in the Arava Desert,
a drive in the rain. Yes, in the rain.
There I met people who grow date palms,
there I saw tamarisk trees and risk trees,
there I saw hope barbed as barbed wire.
And I said to myself: That’s true, hope needs to be
like barbed wire to keep out despair,
hope must be a mine field.

 

 

Die englische Übersetzung stammt von Chana Bloch und Chana Kronfeld, die etliche Gedichte aus dem Hebräischen ins Englische übersetzt und dabei auch mit Jehuda Amichai persönlich zusammengearbeitet haben.

Die deutsche Übersetzung stammt von mir. An der mit * markierten Stelle bin ich mir nicht sicher, wie sie zu übersetzen ist, weil Jehuda Amichai in seinem Gedicht wortwörtlich “Illusionsbäume” schreibt, während Chana Block und Chana Kronfeld den Ausdruck mit “risk trees” übersetzen, was ich ohne weiterführende Literatur nicht erklären kann. Ich habe daher eine Übersetzung nahe am Wortlaut gewählt.