Wie lernt man Hebräisch?

Israel empfängt Touristen mit offenen Armen und reichlich Gastfreundschaft. Die Menschen sind stets hilfsbereit, sei es wenn man nach dem Weg fragt oder nach einem guten Restaurant für ein schönes Abendessen. Mit Englisch kommt man in Israel als Tourist sehr weit, doch im Alltag ist es manchmal wirklich schwierig , wenn man sich ohne Hebräisch duchschlagen muss.

So ging es mir am Anfang in Israel: Ich stand im Supermarkt und versuchte krampfhaft, die Wörter auf der Inhaltsliste der Produkte zu verstehen, da ich als Vegetarier gerne wissen wollte, ob ich wirklich Gemüsebrühe in den Händen hielt oder eher die Variante der Hühnersuppe. Aber auch das Kühlregal mit den Käsesorten und Yoghurts war ein rotes Tuch für mich. Ich wollte mal einen Käsekuchen backen und suchte nach Quark. Selbstverständlich sind die Becher ausschließlich in Hebräisch beschriftet und sehen zu allem Unglück auch irgendwie alle gleich aus. Letztlich gab es dann einen Schokokuchen und ich fragte am nächsten Tag meine Arbeitskollegin, was man in Israel kauft, wenn man Käsekuchen backen möchte. Natürlich „Gvina lavana“, weißen Käse!
Achso. Natürlich.

Busfahren war nicht minder kompliziert. Einmal war ich mit einer Freundin zum Kino verabredet. Ich wohnte damals noch in Rishon LeZion und musste mit dem Bus irgendwie zu ihr nach Hause nach Tel Aviv kommen. Sie nannte mir den Namen der Bushaltestelle, an der ich aussteigen sollte. Ich nahm also den Bus nach Tel Aviv und fragte den Fahrer, wo diese Haltestelle ungefähr sei. Der Busfahrer antwortete mir auf Hebräisch, dass er kein Englisch spricht. Naja, dachte ich, kein Problem. Ich sprach den Mann neben mir im Bus an, ob er mal eben kurz für mich übersetzen könne. Der Mann schaute mich entschuldigend an und antwortete ebenfalls auf Hebräisch, dass er kein Englisch spricht. Nach weiteren Versuchen bei anderen Fahrgästen gab ich es dann auf. Ich hatte an diesem Tag kein Glück und fuhr also etwas orientierungslos durch Tel Aviv, ohne genau zu wissen, wo ich nun aussteigen sollte. Das Blöde ist ja, dass in Israel die Bushaltestellen keine Schilder in lateinischer Schrift haben. Mein Hebräisch reichte aber auch noch nicht aus, um in der kurzen Zeit schnell die hebräischen Schilder mit dem Namen der Bushaltestelle zu entziffern. Letztlich rief ich meine Freundin an und bat sie, mich von der Haltestelle abzuholen. Ich hielt nach ihr Ausschau und stieg dann aus, als ich sie sah.

Schnell wurde mir klar, ich musste Hebräisch lernen, und zwar besser heute als morgen. Es frustrierte mich, dass ich ständig auf die Dolmetscherhilfe von Fremden angewiesen war und hatte einen enormen Ehrgeiz, Hebräisch zu lernen. Doch wie lernt man eine Sprache, deren Worte man sich bereits deshalb kaum einprägen kann, weil sie in einem anderen Schriftsystem geschrieben werden?

Die beste Voraussetzung ist eine Schwiegermutter. Sie redet auf einen ein, ohne Punkt und Komma, stellt jede Menge Fragen und wartet ungeduldig auf Antworten. Wenn man sie dann mit einem Fragezeichenblick ansieht, wird sie irritiert ausrufen „Lama at lo medaberet ivrit?!“ – Warum sprichst du kein Hebräisch?!
Erklärungen, etwa, dass man erst seit einem Monat in Israel lebt, läßt eine Schwiegermutter nicht gelten. Sie ist ein Ansporn, so schnell wie möglich so viel wie möglich verstehen und antworten zu können, weil man sich dann auch endlich gegen all die blöden Fragen wehren kann, denen man permanent ausgesetzt ist (Wann bekommt ihr endlich ein Kind? Warum isst du so wenig, du hast ja erst einen Teller gegessen?! Warum willst du kein drittes Stück Kuchen? …)

Jedoch reicht eine Schwiegermutter nicht aus, um effizient die hebräische Grammatik zu erlernen. Dazu sollte man schon einen Ulpan besuchen, einen Hebräischkurs, der an Universitäten und Privatschulen angeboten wird. Ich besuchte den Ulpan der Universität von Tel Aviv. Man lernt dort das Alphabet, Hebräisch zu lesen und auch zu schreiben, falls man das nicht schon von den kleinen Enkelkindern der Schwiegermutter beigebracht bekommen hat. Anschließend erhält man einen Überblick über die Strukturen der Verben und über die Satzbildung. Außerdem geht man in der Pause in die Cafeteria, um seine neuen Vokabeln anzuwenden: „Hafuch benoni im sucar, bevakasha“ – einen mittelgroßen Cappuccino mit Zucker, bitte.

Hebräisch hat eine einfache Grammatik. Es gibt eine Gegenwartsform, eine Vergangenheitsform und eine Zukunft. Außerdem hat die Sprache kaum Unregelmäßigkeiten, die man auswendig lernen müsste. Die größte Schwierigkeit lag für mich persönlich darin, dass ich die Worte nicht visualisieren konnte, solange meine Kenntnisse der hebräischen Schrift noch nicht ausreichten. Es ist bis heute so, dass ich mir nicht immer sicher bin, ob ich ein Wort mit Alef oder Ain schreiben muss, da beide Vokale ziemlich gleich klingen. Dasselbe gilt für Kuf und Kaf, zwei Buchstaben, deren Aussprache häufig identisch ist.
In Hebräisch werden die Verben unterschiedlich konjugiert, je nachdem ob ein Mann oder eine Frau gemeint ist. Unterhalte ich mich mit einem Mann, passe ich alle ihn betreffenden Verben der männlichen Verbform an. Rede ich hingegen über mich selbst oder mit einer Frau, sind die Verben in der weiblichen Form. Das kann für Anfänger eine ziemliche Fallgrube sein. Man ist so sehr mit der korrekten Aussprache und dem Zurechtlegen von Sätzen beschäftigt, dass man versehentlich einen Mann fragt: „Ma shlomech?“ anstelle von „Ma shlomcha?“ – wie geht es dir? Ma shlomech ist für die Anrede von Frauen. Die entsetzten Blicke, die man für so einen Ausrutscher erntet, tragen sehr zum Lerneffekt bei…

Haggadah

Cockerel, c1460-c1475. Hebrew script in the shape of a strutting rooster. From the Ashkenazi Haggadah. Copied and illuminated by Joel Ben Simeon Feibusch, South Germany.

Das moderne Hebräisch ist eine Sprache, die im ausgehenden 19. Jahrhundert zu neuem Leben erweckt wurde. Im Grunde unterscheidet sie sich nicht vom „biblischen Hebräisch“, abgesehen davon, dass das Hebräisch der Thora nicht für moderne Alltagsgespräche taugt. Zumindest kommen Worte wie „Kino“ oder „Regenschirm“ nicht darin vor. Eliezer Ben-Yehuda erfand etliche Worte für den neuen Sprachgebrauch und war der erste Vorsitzende und Gründer des Hebrew Language Committee, das Wörterbücher und Zeitschriften zum Thema herausgab. Ich stelle mir das so vor, dass Eliezer Ben-Yehuda immer wieder Briefe bekam, in denen er darum gebeten wurde, neue Wörter für den modernen Alltag zu erfinden:
„Lieber Eliezer,
wie geht es dir und deiner Frau? Vielen Dank, dass du uns neulich wieder ein so schönes Wort geschenkt hast. Wir müssen dich nun leider erneut um Hilfe bitten. Wie sollen wir Eiscreme benennen? Es ist sehr dringend, da der Sommer bevorsteht. Bitte antworte uns schnell.
Mit den besten Grüßen,
Am Yisrael“

Eliezer Ben-Yehuda veröffentliche bald auch eine eigene Zeitung in hebräischer Sprache, die es den Menschen erleichtern sollten, Hebräisch zu lesen und die Sprache im Alltag anzuwenden. Ich finde es genial, wie er durch sein Engagement dieser uralten Sprache neues Leben eingehaucht hat. Er war ein herausragender Geist, dem wir verdanken, dass heute Hebräisch eine lebendige gesprochene Sprache ist.

Wenn man aus dem deutschsprachigen Raum kommt und in Israel lebt, fallen einem immer wieder deutsche Wörter mitten in Unterhaltungen auf. Der Einfluss der jiddischen Sprache ist allgegenwärtig. Mein Mann sagt zum Beispiel am Wochenende häufig, dass er eine Schlafstunde braucht. Er benutzt das deutsche Wort Schlafstunde und meint damit ein Nickerchen. Lustig wird es, wenn Leute über etwas fluchen und man mitten in einem hebräischen Satz das Wort „Dreck“ hört (die Bedeutung ist die Gleiche wie im Deutschen). „A bissele“ antwortet die Tante jedesmal, wenn ich ihr Wein anbiete. Und jemand, der ständig Pech hat, wird als Shlimazel bezeichnet, er steckt also ständig im Schlamassel. Es gibt viele dieser Wörter und sie bringen mich jedesmal zum Schmunzeln.

Nach einem Jahr in Israel war mein Hebräisch nach wie vor mittelmäßig. Es gab Bereiche, die ich mit meinem Vokabular abdecken konnte, aber Vieles eben noch nicht. Für die Käsetheke im Supermarkt reichte es, doch ich wollte mit meinem Mann richtig Hebräisch sprechen können, weil ich mich mit Englisch immer wie ein Außenseiter fühlte. Auf Parties waren wir die Einzigen, die nicht Hebräisch sprachen und ich fand das einfach doof.

Ich entschied mich für eine Privatlehrerin, die mir Einzelunterricht gab und mich genau an dem Punkt abholte, an dem ich sprachlich stand. Sie zwang mich dazu, Texte auf Hebräisch zu schreiben, Rezepte zu übersetzen, Bücher zu lesen, meinen Lebenslauf in Hebräisch zu verfassen, Lückentexte auszufüllen, Dialoge mit ihr zu führen und Vokabeln zu politischen Themen zu pauken. Außerdem musste ich anfangen, Zeitung zu lesen, weil ihre erste Frage in einer jeden Unterrichtsstunde stets lautete „Und, was ist diese Woche in Israel passiert?“
Meine Schwiegermutter und die Tanten haben den Unterschied auch bald bemerkt. Neben lobenden Kommentaren zu meinen Fortschritten kam auch bald die Erkenntnis, dass es besser ist, mich nie wieder zu fragen, ob ich als Vegetarierin nicht doch mal die Hackfleischbällchen probieren will. Was so ein deutlicher Satz auf Hebräisch alles ausmacht…


One response to “Wie lernt man Hebräisch?

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: