Der gewöhnliche Alltagswahnsinn

Wir haben unser Auto verschrottet.

Es war schon lange mein Wunsch, ohne Auto zu leben. Ich hasse Staus, Parklücken die man nicht findet, Reparaturrechnungen wenn man gerade kein Geld dafür hat, Knöllchen auf der Windschutzscheibe.
Nachdem unser 20 Jahre altes Auto endgültig den Geist aufgegeben hat, war mein Mann dem Thema Neuwagen gegenüber zwar sehr wohlwollend eingestellt, aber ich habe ihm vorgeschwärmt wie toll es wäre, wenn wir abends ein Taxi zum Restaurant nähmen, die Fahrräder im Alltag, für Ausflüge einen Mietwagen und für Vorratseinkäufe den Bestell- und Lieferservice der Supermärkte. Es ist nämlich so, dass man in Tel Aviv zum Beispiel abends keinen Parkplatz findet, egal wie oft man um den Block fährt. Sollte sich tatsächlich doch mal eine Lücke auftun, sitzt man anschließend angespannt im Restaurant, weil man ahnt, dass es gar kein Parkplatz war und zur Rechnung für das gute Essen noch ein Bußgeld dazukommt, das sich gewaschen hat.
Wir werden jetzt also versuchsweise für ein Jahr ohne Auto leben.

Diese Woche haben wir zum allerersten Mal online bei einer Supermarktkette eingekauft und den Lieferservice in Anspruch genommen. Es war ein komisches Gefühl, mit dem Einkaufszettel vor dem PC zu sitzen und per Mausklick Tomatensauce und Haarshampoo in den virtuellen Einkaufswagen zu legen. Überrascht stellte ich fest, dass die Preise der Produkte gar nicht teurer sind und die Lieferung bis vor die Haustüre nur 30 Shekel kostet, was umgerechnet gerade mal um die sechs Euro sind. Datenschützer sind bei sowas natürlich skeptisch. ‘Jetzt weiß der Supermarkt-Manager ja wo ihr wohnt und mit welchem Klopapier ihr euch den Hintern abwischt!’
Tja, das ist in der Tat hier im Nahen Osten momentan mein größtes Problem…
Mein Mann ist Freiberufler und war tags drauf zu Hause. Also gaben wir für den Lieferzeitraum den Vormittag des folgenden Tages an.
Am kommenden Morgen auf dem Weg ins Büro klingelte mein Handy. Am anderen Ende der Leitung war eine Frau: „Hallo, ich bin vom Supermarkt und bearbeite gerade Ihre Bestellung. Leider haben wir das Shampoo nicht, das Sie geordert haben.“
-“Ja, macht nichts. Streichen Sie das Shampoo einfach von der Liste.“
Wenige Minuten später klingelte es erneut. „Ich bins nochmal. Die Haarkur ist leider auch nicht verfügbar.“
Hmm, Mist.
-“Kein Problem, streichen Sie die dann einfach auch ersatzlos.“
„Geht in Ordnung. Geliefert wird in ein paar Stunden“.

Drei Stunden später klingelte mein Telefon wieder. Mein Mann rief mich völlig verzweifelt an: „Sie haben meinen Thunfisch vergessen!“
– „Bist du sicher? Hast du überall geschaut?“
„Ja! Alles ist durcheinander, sie haben uns dreimal so viele Päckchen Reis geliefert wie bestellt, von der Tomatensauce haben sie uns 24 Stück gebracht, dabei hatten wir doch nur acht gekauft, es kamen 10 Packungen Ohrenstäbchen und 3 Pakete Klopapier…“
– „Was steht denn auf dem Lieferschein?“
„Da ist nur das aufgeführt, was wir tatsächlich bestellt haben. All die zusätzlichen Sachen, die sie uns aus Versehen gebracht haben, stehen da nicht drauf. Aber was mach ich denn jetzt ohne Thunfisch?“
Mein Mann klang total überfordert. Er fragte mich, was er jetzt mit den 144 Rollen Klopapier machen solle und ob ich ihm den Thunfisch auf dem Nachhauseweg am Abend kaufen könne. Während wir uns weiter unterhielten, packte er die restlichen Kartons aus und fand plötzlich das Shampoo und die Haarkur, die eigentlich ausverkauft waren.

Am Abend diskutierten wir dann darüber, ob wir in Zukunft nicht doch wieder ganz normal im Supermarkt einkaufen sollten. Ich war nach wie vor der Überzeugung, dass eine Bestellung uns viel Arbeit erspart, zumal wir in einem alten Gebäude ohne Aufzug wohnen und es vor allem im Sommer jedesmal anstrengend ist, bei Temperaturen von um die 40 Grad den kompletten Einkauf nach oben zu schleppen. Mein Mann ließ sich überzeugen.
Den nächsten Einkauf werden wir vermutlich erst in einem Vierteljahr machen. Bis dahin reichen alle Vorräte die wir unfreiwillig gekauft haben locker…


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