Feuerpause.

Wie kommt man nach einer Woche des Wahnsinns im Nahen Osten wieder zurück in die Normalität? Mir schwirren viele Fragen im Kopf herum und ich weiß nicht, ob ich sie wegschieben oder Antworten suchen soll.
Das Leben ist kein Buch, das man nach Belieben zuschlagen oder in dessen Seiten man weiterblättern kann. Die Medien werden genau das tun: das Thema wechseln, einen neuen Konflikt finden, eine neue Katastrophe, neue Schlagzeilen.
Für die Betroffenen ist der Krieg jedoch noch lange nicht mit dem Waffenstillstand beendet, sie werden noch Wochen und Monate unter den Folgen leiden. Erinnerungen, die nicht fortgehen wollen, zerstörte Häuser und schlimmer noch, Menschen, die unbeteiligt waren und einen sinnlosen Tod gestorben sind. Auf beiden Seiten.
Der natürliche Impuls vieler Europäer ist, Frieden als etwas gänzlich Natürliches und Einfaches zu betrachten. Als einen Zustand. Dabei ist Frieden alles andere als ein Zustand, es ist eine Errungeschaft, um die man sich immer wieder aufs Neue bemühen muss. Meine Generation ist in Deutschland in Frieden aufgewachsen. Manchmal, finde ich, klingt dieses Wort fast schon pathetisch, „Frieden“…
Wenn mein Mann von seiner Kindheit erzählt, stoße ich oft an die Grenzen meiner Vorstellungskraft. Mein Mann wuchs in Jamit auf, das heute zu Ägypten gehört. 1982 musste seine Familie ihr Haus dort aufgeben, weil die Sinai-Halbinsel an Ägypten zurückgegeben wurde. Als ich meine Schwiegereltern auf diesen Teil der israelischen Geschichte angesprach, erfuhr ich, dass es sie bis heute schmerzt, nicht nur ihr Haus aufgegeben, sondern auch die Zerstörung der Stadt Jamit erlebt zu haben. Mein Mann hat schöne Kindheitserinnerungen an die Zeit in Jamit, an die Stadt, die nicht mehr existiert. Es muss seltsam sein, wenn man niemals an den Ort seiner Kindheit zurückkehren kann.
Mein Mann erlebte als Kind den Libanonkrieg, den Golfkrieg und die erste Intifada, später als junger Mann die zweite Intifada, den zweiten Libanonkrieg und ein Bombenattentat, das er nur durch Glück überlebte.
Zu Beginn des Jahres 1991 ging ich in Bayern zur Grundschule und interessierte mich für Tiere und Pflanzen. Ich besuchte damals eine „Gartengruppe“ in meiner Schule und wusste weder was Gewalt, noch was Krieg bedeuten. Mein Mann, den ich damals natürlich noch nicht kannte, saß zur selben Zeit im Luftschutzkeller mit einer Gasmaske auf dem Kopf, während Sirenen heulten und Scud-Raketen auf Israel niedergingen. „Frieden“, dieses Wort steht zwischen meiner Kindheit und seiner. Oder auch: „Krieg“.

Gestern wollte ich in Tel Aviv ein paar Dinge erledigen. Ich stieg in der Shaul HaMelech Straße aus dem Bus und fand mich plötzlich in einer völlig anderen Realität wieder. Der Terroranschlag auf eine andere Buslinie fand nur wenige Minuten und Meter enfernt von mir statt. Als ich in Deutschland lebte, sah ich derartige Szenen mit Betroffenheit in den Nachrichten, ohne dabei jedoch wirklich zu begreifen, wie viel bequeme Distanz zwischen mir und dem Geschehen lag. Auch mein Umzug nach Israel änderte an dieser Distanz vorerst nichts, da ich davon ausging, trotzdem niemals in eine solche Situation zu kommen. Diese Sicherheit habe ich gestern verloren.

Heute ist der erste Tag der Waffenruhe, „Hafsakat Esh“, wie es auf Hebräisch heißt, Feuerpause. Ich habe mich dazu entschlossen, die vergangenen sieben Tage von mir wegzuschieben. In Deutschland lässt es sich so leicht über Frieden philosophieren, über Möglichkeiten und Wege, über demokratische Pflichten und Kompromisse. Ich glaube jedoch, dass ich selbst erst hier im Nahen Osten begriffen habe, was Frieden wirklich bedeutet. Frieden, das ist, wenn man morgens aufwacht und abends einschläft ohne über Frieden nachzudenken.


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