Eine kleine Geschichte über Hoffnung

Vor zwei Wochen habe ich über ein unscheinbares Viertel und seine Geheimnisse geschrieben. Einer der Künstler, die in diesem Viertel ihre Ateliers haben, ist David Weitzman. Er ist Gold- und Silberschmied und seine Kreationen sind weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt und gefragt. Viele Jahre zuvor, bevor ich überhaupt wusste, dass mein Schicksal mich eines Tages nach Israel führen würde, trug ich bereits von David handgefertigte Ringe. Durch Zufall fand ich später heraus, dass sein Atelier in Givatyim liegt, in genau dem kleinen Viertel, das ich ständig und immer wieder gerne besuche. Ich rief ihn also an und fragte, ob ich mal zu seiner Werkstatt kommen dürfte. Am Eingang empfing mich sein Kater Felipe, der mir den Weg nach drinnen zeigte und mich zu Davids Arbeitsplatz begleitete. David arbeitete an einem neuen Entwurf, den er auf ein Blatt Papier gezeichnet hatte. Wir unterhielten uns damals über Gott und die Welt und ich fand sein Atelier ausnehmend schön, weil es so viel Ruhe ausstrahlte und gleichzeitig so viel Kreativität.
Inzwischen ist einige Zeit verstrichen, ich habe weiterhin gerne bei ihm Schmuck gekauft und irgendwann kam mir der Gedanke, ihn einfach mal zu fragen, ob er seine Werkstatttür für einen kleinen Einblick in seine Arbeit öffnen würde…

Felipe empfängt mich wieder an der Türe. David kocht Kaffee für uns und wir unterhalten uns sofort über Gott und die Welt. Leider findet unser Treffen zu einem schwierigen Zeitpunkt statt. Gaza bombardiert Israel mit Raketen und Israel bombardiert zurück. Am diesem Abend heulen die Sirenen auch in Tel Aviv, nach über 20 Jahren. 15 Sekunden später höre ich einen lauten dumpfen Knall. Irgendwo in oder bei Tel Aviv hat eine Rakete eingeschlagen.

Frieden ist der größte Wunsch vieler Menschen im Nahen Osten. Davids Schmuck schafft in gewisser Weise Brücken zwischen den Menschen und ihren unterschiedlichen Kulturen. Vielleicht ist das ein Weg hin zum Frieden. Wenn einfach jeder über Grenzen und Religionen hinweg Zeichen setzt und seine Offenheit für Gespräche zeigt. „Vor einiger Zeit schrieb mir eine syrische Frau, die ein Schmuckstück bei mir kaufen wollte. Ich fragte sie, ob sie eigentlich wisse, dass ich Israeli bin. Sie antwortete mir, dass ihr mein Schmuck wichtig sei, nicht meine Nationalität oder Religion.“ Heute sind die beiden Freunde auf Facebook. David zeigt mir ihre Fotos von dem Ort in Syrien, in dem sie lebt. Was für eine schöne Natur dort. Ich erzähle David wie seltsam ich es finde, dass es ausgerechnet in dieser wunderschönen Natur so viel Hass und Krieg gibt. Wie kann sowas sein? Um uns herum ist Schönheit, aber die Menschen führen Kriege und verbreiten Hass.
„Kennst du Top Gear, die britische Sendung über Autos?“ fragt David mich daraufhin. Ja klar, die kenn’ ich. „Erinnerst du dich an die Folge, in der die drei Autoexperten quer durch den Nahen Osten fahren, vom Nord-Irak bis nach Israel? Da ist eine Szene, in der sie über die Landschaft in die Weite blicken und sagen, dass sie nie zuvor so etwas Schönes gesehen haben. Für mich hingegen war das ein ganz normaler Ausblick, unsere Natur eben. Das, was man kennt, schätzt man vielleicht nicht ausreichend. Wir sehen gar nicht, was wir zerstören, weil wir die Schönheit unserer Länder nicht erkennen.“

Vor mir auf dem Tisch liegt eines der neuesten Stücke, an denen David gerade arbeitet. Ich frage ihn, was es bedeutet. „Meine Schmuckstücke beinhalten Symbole aus den verschiedensten Kulturen und Jahrhunderten. Jedes Stück enthält eine Botschaft. Als ich begann, Schmuck herzustellen, kam es mir in erster Linie auf die Aussagekraft einer Kreation an, nicht auf deren Schönheit. Zu diesem Anhänger hat mich ein Jahrhunderte altes mittelamerikanisches Artefakt inspiriert, das bei archäologischen Ausgrabungen entdeckt wurde. Es stellt den Weltbaum dar, der in der Maya-Kultur auch Krokodilbaum genannt wurde, weil er so viele Stacheln hat. Diese Ceiba-Bäume gibt es auch in Israel.“

Welche Materialien verwendest du, frage ich weiter. „ Alles, was schön ist. Meistens Gold und Silber, aber auch Kupfer. Ich probiere auch gerne neue Techniken aus, wie zum Beispiel die alte japanische Technik Mokume-Gane, bei der verschiedene Metalle so miteinander verschmolzen werden, dass eine Oberfläche entsteht, die der Maserung eines Holzes ähnelt.“

Bei David entsteht der Schmuck in Handarbeit. Von der Skizze bis zum letzten Feinschliff fertigt er seine Schmuckstücke selbst an und achtet ganz besonders auf die kleinen Details. Computer kommen dabei nicht zum Einsatz. „Viele Schmuckdesigner arbeiten heute mit Computern, aber das gefällt mir nicht, weil am Ende die Schmuckstücke nicht wie Unikate aussehen, sondern wie Massenproduktion. Mir gefallen die kleinen Unregelmäßigkeiten, an denen man letztlich sieht, dass jemand daran gearbeitet hat.“

Er holt aus einer Schachtel ein weiteres Schmuckstück hervor. Das Motiv sind zwei Seepferdchen mit einer Perle. Die vielen kulturellen Einflüsse machen den Schmuck einzigartig, aber gibt es genügend Käufer dafür? „Ja, ich kann mit Stolz sagen, dass ich einen Stammkundenkreis von 30.000 Menschen weltweit habe, die regelmäßig bei mir Schmuck kaufen. Ich kann von meiner kreativen Arbeit leben.“

Am Ende frage ich David, ob er denselben Beruf auch ausüben würde, wenn er in einem anderen Land wäre.
„Ich weiß es nicht… Vielleicht würde ich Gitarren bauen“, antwortet er und zeigt auf seine Sammlung von alten Gitarren. „Diese hier ist von 1910. Ich habe sie poliert, unter Anwendung einer alten französischen Poliertechnik, die auch für Stradivari-Geigen benutzt wurde.“
Er beginnt, einen Blues auf der Gitarre zu spielen und ich sitze da und höre ihm zu, völlig sprachlos über so viel kreatives Talent.

Das Interview fand am 15.11.2012 statt. Alle Bilder sind von David Weitzman.

http://www.ka-gold-jewelry.com/


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