Ein unscheinbares Viertel und seine Geheimnisse

Touristen verirren sich nie hierher. Kein Reiseführer käme je auf die Idee, diese Ecke auch nur in einem Nebensatz zu erwähnen. Cafes mit schönem Ausblick und elegante Bars gibt es hier nicht.
Die Häuser sehen alle baufällig aus, der Putz bröckelt herab und auf der engen Einbahnstraße hupen sich die Autofahrer gegenseitig an und fluchen, weil sich der Verkehr zu jeder Tageszeit staut.
Ich komme gerne hier her.

Der Grund sind die vielen kleinen Feinkostläden, die Ateliers und Werkstätten, die Obst- und Gemüseläden, die Bäckereien, die Weinhandlung… Im Gegensatz zum Carmel Markt im Herzen Tel Avivs sind hier die schweizer Schokoladensorten original und somit genießbar, und außerdem kommt hier niemand auf die Idee, mir Ray Ban Sonnenbrillenreplikate für 10 Shekel (etwa 2 Euro) das Stück andrehen zu wollen.
Anders als im Supermarkt bekommt man hier alles offen und nach Bedarf. Pekannüsse, Oliven, Quinoa, Tee (mein Favorit: Erdbeerfrüchtetee).
In der Mittagszeit füllt sich der Falafel Imbiss an der Ecke und auch zwischendruch sieht man immer wieder den einen Ladenbesitzer beim anderen mit einer Espressotasse in der Hand herumstehen. Münchner Gemütlichkeit in Givatayim, möchte ich dazu schon fast sagen.
Eine der Bäckereien wird von aus Ostjerusalem stammenden Muslimen geführt, was ich lange Zeit nicht wusste, weil ihre Kundschaft bis hin zu orthodoxen Juden reicht. Apropos Brot: wer eine Zeit lang in Südeuropa gelebt hat, der kennt das leidige Thema Schwarzbrot. Viele Deutschen haben eine Affinität zu Grau- und Schwarzbroten, während die Südfranzosen und Italiener hauptsächlich Weißbrotsorten anbieten. Man bekommt den Eindruck, dass Brote umso heller werden, desto weiter man gen Süden reist. Eine Freundin von mir ist während ihres Studienaufenthaltes in Lyon daran fast verzweifelt. Letztlich haben ihr dann Freunde und die Familie regelrechte Care-Pakete mit Pumpernickl per Post geschickt. Israel fällt da irgendwie aus der Reihe, man bekommt jede Brotsorte, die man sich erträumt, Brez’n übrigens auch. Aber zurück zum Korazin-Viertel.

Es ist ungewöhnlich für ein industrielles Viertel, so viele unterschiedliche Läden zu beherbergen. In Tel Aviv findet man beispielsweise in einer bestimmten Straße lauter Polstermöbel Geschäfte, in der nächsten lauter Waschmaschinen, dann gibt es ein Viertel für Meterware und so weiter. Die Korazin-Straße in Givatayim hingegen empfängt einen jedes Mal aufs Neue mit ihrem bunten Treiben und dem wirklich brauchbaren Angebot an verschiedensten Dingen. Vor Feiertagen kaufe ich hier Blumen, für Kuchen und Gebäck gibt es einen Laden, der jeden Konditor zum Dahinschmelzen bringt ob der großen Auswahl an Zubehör und Zutaten. In der kleinen Buchhandlung nimmt sich die Verkäuferin jedesmal eine halbe Stunde Zeit für mich, weil sie weiß, dass ich hebräische Bücher nicht so leicht lese wie deutsche oder englische. Im Obstladen schenken sie mir ab und zu Mangos, weil man mir anscheinend ansieht, dass ich die besonders gerne mag. In der Metzgerei, übrigens ist es die einzige, die ich als Vegetarierin gerne betrete, bekommt man so gutes Fleisch, dass man jedes Mal eine halbe Stunde anstehen muss, bis man an der Reihe ist – vor einem in der Schlange geschätzte 80 Menschen, die lieber ihren Hausarzt wechseln würden, als den Metzger ihres Vertrauens.

Es war allerdings nicht immer so. Anfangs habe ich ganz und gar nicht für das Viertel geschwärmt. Ich fand es hässlich, zumal ich, aus Europa kommend, alles hässlich fand, was in den 60er und 70er Jahren in Israel gebaut worden ist. Es hat seine Zeit gebraucht, bis ich die Schönheit der unschönen Ecken erkannte habe, denn sie liegt in den Details. Im Fall des Korazin-Viertels liegt sie vor allem in den Menschen, die es mit Leben erfüllen, die herzlich miteinander umgehen und alle sehr aufgeschlossen sind.

photos by Saskia


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