Auf dem Kamelrücken

Nur wenige Kilometer hinter mir liegt Syrien. Mein Blick schweift zum See Genezareth. Von hier aus sieht man ihn nur in der Ferne, wie ein Spiegel liegt er zwischen den Hügeln. Der Sommer ist vorüber und bald beginnt die regenreiche Zeit. Die Landschaft in dieser Region Israels blüht im Frühjahr auf und wird saftig grün. Jetzt, im Herbst, ist jedoch alles von der Sonne verbrannt und die Erde orangebraun. Am Abendhimmel ragen barocke Wolkengebäude auf und die letzten Sonnenstrahlen tauchen alles in ein unschuldiges Rosa.

Von Tel Aviv fährt man gut zwei Stunden bis zum See Genezareth. Noch eine Kaffeepause dazu und ein Stau, und schon sind es fast drei. Ich erreichte den See gegen halb zehn Uhr morgens und besuchte als erstes das griechisch orthodoxe Kloster in Kafarnaum. Zwischen Bananenplantagen und Orangenhainen liegt es relativ unscheinbar am nördlichen Ufer. Eigentlich erwartete ich mir nicht allzu viel. Als ich die Anlage betrat, wuselte gerade eine russische Reisegruppe herum und ich wollte schon fast wieder auf dem Absatz kehrt machen. Zum Glück hielt mich etwas davon ab und so ging ich den Weg entlang auf die Kirche zu. Sie ist gesäumt von einer Gartenanlage mit uraltem Baumbestand. Auf dem Gelände laufen Pfaue herum und es gibt ruhige Ecken, von denen aus man einen phantastischen Blick über den See hat.

Als ich die Kirche betreten wollte, kam gerade ein Mann heraus und bekreuzigte sich dreimal. Ich ging hinein mit dem Gefühl, dass mich sicher gleich jemand ansprechen würde. So wie in Rom und Neapel, wo ich sah, wie die katholischen Türsteher an Touristinnen herantraten und sie baten, doch ein anderes Mal wiederzukommen, in längerer Kleidung. Jedoch passierte nichts. Ich stand vollkommen unbehelligt mit meinen Shorts in der Kirche und lauschte der Musik. Die meisten Frauen um mich herum trugen ein folkloristisches dreieckiges Kopftuch, unter dem Kinn verknotet. Als die Kirchenglocken zu läuten begannen, wurde mir richtig bewusst, wie lange ich schon keine mehr gehört habe.

Der eigentliche Grund für meinen Abstecher in diese Gegend war jedoch Gamla. Als ich das letzte Mal hier war, konnte ich die Wanderung zu der antiken Stätte nicht machen und wollte es unbedingt jetzt nachholen. Am Besten man geht in der Mittagszeit, wenn die Sonne im Zenit steht und es nirgendwo Schatten gibt. Dann erlebt man die Strapazen der Menschen von vor über 2000 Jahren auch gleich hautnah.
Gamla kommt von dem Wort Gamal, was auf Hebräisch Kamel bedeutet. Den Namen hat der Ort von seinem Hügel, der aussieht wie ein Kamelrücken. Dort, wo heute Ruinen und Steinhaufen liegen, sollen einmal 5000 Menschen gelebt haben. Es fällt mir schwer, mir das Leben dieser Menschen vorzustellen. Die Gegend ist bergig und rau, ebene Wege gibt es kaum. Man geht entweder bergauf oder bergab. Weiter unten hört man einen Fluss plätschern. Ob die Menschen den langen Weg bis nach unten und wieder heraufgeklettert sind, um von dort Wasser zu holen? Ich will bei dieser Hitze gar nicht darüber nachdenken. Angeblich soll Gamla eine wohlhabende jüdische Stadt gewesen sein. Was genau Wohlstand für die damalige Zeit bedeutet, weiß ich nicht so genau. Auf einer Tafel steht, dass die Stadt mindestens vier Mikwen, also rituelle Wasserbecken, besaß. Mein von der Moderne weichgespültes Empfinden kann jedoch selbst mit großem kreativen Aufwand darin keinen Luxus erkennen.
Auf dem Weg vom Ausblickpunk des Nationalparks bis nach unten zum Kamelrücken wandert man vorbei an vielen Tafeln, die von Kriegen erzählen, die hier einst stattfanden. Die Menschen mussten sich zwischen dem 6. Jahrhundert v.Chr. und dem ersten Jahrundert n. Chr. ständig verteidigen, verloren ihre Stadt, eroberten sie zurück und verloren sie wieder.

Über den Schluchten ziehen Adler ihre Kreise. Ihre Rufe dringen durch die Stille. Ich bin fasziniert von diesen Tieren. Wenn es nicht so heiß wäre und ich nicht ständig an ein klimatisiertes Restaurant denken müsste, würde ich diesen Moment wohl noch länger genießen. Ich mache mich an den Aufstieg zurück zum Ausgangspunkt meiner Wanderung.
Die Gegend um den See Genezareth ist bekannt für ihre gute ländliche Küche. Wer hier also nach Sushi sucht, ist völlig fehl am Platz. In Moshav Ramot finde ich ein Restaurant mit Ausblick über den See und die umliegende Landschaft.

Wie Gott in Frankreich, denke ich mir. Nur besser.

All photos by Saskia


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: