Masada bei 43 Grad

Wir sind früh am morgen losgefahren, um das Tote Meer noch vor der Mittagshitze zu erreichen. Die Gegend um das Tote Meer wirkt auf den ersten Blick karg, wohin man sieht Felsen und Berge. Zwischendrin allerdings findet man Palmenhaine, die vor der Kulisse des blautürkisen Meeres faszinierend aussehen. Wir haben uns für heute vorgenommen, den snake path nach Masada hoch zu wandern. Der Höhenunterschied beträgt ungefähr 400 Meter.
Nun stehen wir am Fuße des Berges. Ein Pfad schlängelt sich vor unseren Augen nach oben, ein weiterer führt geradeaus, hinein in die bergige Landschaft.

„Und wohin müssen wir jetzt gehen?“

Ich deute mit dem Zeigefinger auf die Bergspitze, “da rauf.“

Meine Mutter schaut mich mit einem Blick an, der mir sofort und unwiderruflich klarmacht, dass sie mich für total meschugge hält.

„Also da kannst du jetzt alleine raufwandern, wir nehmen die Seilbahn.“

Sagt’s und kehrt um, in Richtung Fahrkartenverkauf für die Bahn hinauf aufs Plateau.
Mein Mann und ich überlegen kurz, ob wir uns meinen Eltern anschließen sollen, aber ich will unbedingt zu Fuß hochlaufen. Es ist mir egal, dass es über 40 Grad hat, hauptsache wir laufen da jetzt zu Fuß rauf. Ich hasse Abkürzungen, wenn es um Erlebnisse geht. Masada ist so ein Erlebnis. Ich stelle mir vor, dass ich es anders wahrnehmen werde, wenn ich oben ankomme und den Weg zu Fuß heraufgekommen bin. In etwa wie bei einer Pilgerreise. Wer mit dem Bus ankommt, hat den wichtigen Teil ausgespart.
Der Schlangenpfad besteht zum Teil aus Stufen und es ist anstrengender als ich es mir vorgestellt hatte. Schatten gibt es jetzt um diese Zeit keinen. Hinzu kommt, dass mein Mann ein Roadrunner ist, dessen normales Gehtempo etwa bei der Durchschnittsgeschwindigkeit eines Joggers liegt. Dass es auch bergauf nach Masada so sein würde, hatte ich befürchtet. Er legt ein Tempo vor, bei dem die Teilnehmer eines Allgäuer Bergmarathons neidisch werden könnten.
Meine Eltern müssten jetzt in der Seilbahn sein, die über unseren Köpfen nach oben schwebt. Sie macht ein surrendes Geräusch und ich denke mir, dass ich froh bin, zu Fuß nach Masada zu laufen. Ich kann meinen Gedanken nachhängen und grüble darüber nach, was sich hier vor 2000 Jahren abgespielt hat. Masada ist eine jüdische Festung, die im ersten Jahrhundert nach Chr. von Römern belagert wurde. Die Römer rückten immer näher und als die Juden erkannten, dass sie den Römern unterliegen würden, wählten sie den Freitod und töteten sich selbst, um der Ermordung durch die Römer oder der Sklaverei zu entkommen.
Masada ist von einer solch atemberaubenden Natur und Friedlichkeit umgeben, dass ich es nicht wirklich schaffe, einen Bezug zu den historischen Ereignissen herzustellen. Es ist, als habe sich die Geschichte an einem anderen Ort zugetragen.

Inzwischen sind wir fast oben angekommen. Wir begegnen auf den letzten hundert Metern Dave, einem Amerikaner Mitte 50, und kommen ins Gespräch – sofern man es Gespräch nennen kann, wenn man völlig außer Atem kaum noch in der Lage ist, mehr als zwei Worte aneinanderzureihen. Wir erfahren, dass Dave in Israel geboren ist. Er wollte als Junge schon diesen Weg nach Masada hochlaufen, aber dann zog seine Familie in die USA und irgendwie kam es nicht mehr dazu. Jetzt holt er es nach und es erfüllt ihn mit stolz, trotz der Hitze bis nach oben zu gehen, Schritt für Schritt.

Mein Mann rennt weiter, ich hinterher. Als wir oben ankommen, erwarten meine Eltern uns schon. “Ihr wart ganz schön schnell, das hätten wir nicht gedacht, dass ihr das in einer Dreiviertelstunde schafft.”
Was meine Eltern nicht mit einberechnen ist die Zeit, die wir nach diesem Schnellaufstieg brauchen, um wieder zu Atem zu kommen. Wir sitzen also weitere 20 Minuten im Schatten und schweigen, weil uns die Luft zum Reden fehlt.
Dave ist inzwischen auch oben angekommen und wir begrüßen ihn freudig. Es ist schön, die Freude über diesen für ihn sehr bewegenden Moment in seinen Augen zu sehen.

Mein Fotoapparat fängt den Ausblick nicht ein, der sich uns auf dem Plateau bietet. Über dem Toten Meer liegt ein leichter Dunstschleier und dahinter, am Horizont, sieht man Jordanien. Das Meer breitet sich unendlich weit vor uns aus.

Irgendwie meint man, die Krümmung der Erde erkennen zu können, weil sich einem nichts ins Bild stellt, was das Auge ablenken könnte. Nur Meer und Weite.



All photos by Saskia


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