No country for old shoes

Seit einiger Zeit beschäftigt mich das Thema Schuhe. Ich habe zehn Paar Schuhe, um die es hier aber nicht geht .Also, das Schuh-Mysterium von Anfang an:
In der Straße, in der ich wohne, gibt es mehrere Bänke. Und darauf stehen oft alte Schuhe. Wer nach Israel eingewandert ist, der kennt dieses Phänomen: Schuhe auf Parkbänken, Schuhe auf Mauern, Schuhe an Bushaltestellen. Warum werden diese Schuhe nicht entsorgt? Wer stellt sie auf Bänken ab? Und warum handelt es sich niemals um hübsche Schuhe? Warum sehe ich keine Pumps und Sandaletten, sondern flache klobige Treter?
Ich habe Israelis dazu befragt, aber keiner von ihnen scheint die ausgelatschten Schuhe je wahrgenommen zu haben. Wie ist so etwas möglich?
Bei meinen Spaziergängen achtete ich von nun an auf diese Schuhe. Ich beobachtete, wie Menschen an ihnen vorbeigingen ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Wenn aber Israelis diese Schuhe gar nicht sehen, dann können sie doch kaum zu Wohltätigkeitszwecken abgestellt worden sein? Wer sollte die seltsamen Schuhe einsammeln und anziehen?

Eines Tages beschloss ich, mich auf die Lauer zu legen um endlich zu sehen, was mit den Schuhen passiert und woher sie kommen Ich packte ein Kissen als Sitzunterlage und mein Diktiergerät, um die Schuhaussetzer interviewen zu können. Unter einem großen Ficus (denn in Israel werden die sehr groß) machte ich es mir gemütlich. Im Mondschein sah ich die Fledermäuse über meinem Kopf kreisen und hörte das Zirpen der Grillen. Nach gefühlten fünfzehn Minuten stand ich wieder auf und ging zurück ins Haus, um auf Google die Fledermausarten Israels nachzuschauen. Nur zur Sicherheit. Es ist ein komisches Gefühl, nachts ganz alleine auf einer Parkbank. Überhaupt passt ihr Name nicht recht zu diesen Tieren, weil sie so gar nichts Mausiges an sich haben, wenn sie dir über dem Kopf herumfliegen. Laut Wikipedia gibt es Vampire allerdings nur in den südlichen USA und Südamerika.
Zurück unter meinem Ficus starrte ich wieder in die Nacht hinaus. Aber weder die Schuhaussetzer noch die Sammler kamen. Sind sie vielleicht tagaktiv? Ich klemmte mein Kissen wieder unter den Arm und blies diese dämliche Aktion ab. Wie soll ich tagsüber die Bänke überwachen, ohne meinen Job zu verlieren?

Nachdem mir Google bereits mit der Fledermausfrage kompetent weitergeholfen hat, versuche ich das Schuh-Mysterium auf diesselbe Weise zu lösen. Ich gebe „Shoes in Israel“ ein und bekomme einen Haufen Adressen für Schuhläden in Tel Aviv. Woher weiß Google eigentlich, dass ich in HaMerkaz bin und nicht in Eilat? Die Schuhläden sind jedenfalls nicht die Antwort, nach der ich geforscht habe. Neuer Versuch: „Abandoned shoes Israel“. Alle Ergebnisse haben einen militärischen Bezug, unter den Treffern sind sogar Berichte über den Sechs-Tage-Krieg. Haben herrenlose Schuhe eine solch starke Symbolkraft? Oder irrt Google sich? Mir kommt ein unheimlicher Gedanke. Was, wenn es hier doch Vampirfledermäuse gibt?

Vielleicht habe ich das Rätsel immer von der falschen Seite betrachtet. Was, wenn es nicht um die Schuhe geht, sondern um die Orte, an denen sie abgestellt werden? Das würde erklären, warum es sich nie um schöne Schuhe handelt. Wie beim Shoe tossing, bei dem an Schnürsenkeln zusammengebundene Schuhpaare auf Stromleitungen und Äste geschleudert werden, könnte das Abstellen der Schuhe ein Geheimcode in der Szene sein. Gerüchten zufolge sind die an Stromleitungen hängenden Schuhe ein Hinweis auf Drogenumschlagplätze. Gegen diese Theorie spricht jedoch die städtebauliche Struktur meiner Wohngegend: Altersheim, Kindergarten, Altersheim, Grundschule.

Was also hat es auf sich mit den Schuhen?
Da ich diese Frage nach zweijähriger Investigation nicht aufklären konnte, mache ich abschließend einen Selbstversuch, bei dem ich ein Paar Schuhe auf einer Bank vor unserem Haus abstelle. Mal sehen, welche Wirkung es auf mich haben wird. Zurück in der Wohnung stelle ich erfreut fest, dass mehr Platz im Schuhregal ist und ich mir jetzt ohne jedes schlechte Gewissen ein schönes neues Paar kaufen kann.


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