Monthly Archives: March 2010

Dahlia Ravikovitch: Hishtadlut nosefet

אילו יכולתי להשיג אותך כולך
איך אפשר לי להשיג אותך כולך
אפילו יותר מן הפסילים האהובים
יותר מן ההרים החצובים ביותר
יותר ממכרות
הפחם הבוער,
נאמר מכרות הפחם הכבוי
והבל היום הבוער כתנור.

לו אפשר להשיג אותך לכל השנים
איך אפשר להשיג אותך מכל השנים,
איך אפשר להאריך את הזרוע האחת
כפלג אחד של נהר באפריקה,
כראות בחלום את מפרץ הסערות
כראות בחלום אנייה שטבעה,
כשם שמדמים עננים כיצוע
שושני עננים כיצוע לגוף,
אך ברצותך הם לא יישאוך
אל תאמיני כי יישאוך.

לו אפשר להשיג אותך כולך-שבכולך
לו אפשר להשיג אותך כמו המתכת,
נאמר כמו עמודים של נחושת,
נאמר כמו עמוד נחושת סגולה
(העמוד שזכרתי בקיץ שעבר);
וקרקע הים שלא ראיתי
וקרקע הים שאני רואה
בעומס של אלף סובכי-אוויר
אלף ומאה נשימות כבדות.

לא אפשר להשיג אותך כולך-שבעכשיו
איך אפשר שתהיי לי כמו אני עצמי…

השתדלות נוספת, דליה רביקוביץ

If I could only get hold of the whole of you,
How could I ever get hold of the whole of you,
Even more than the most beloved idols,
More than mountains quarried whole,
More than mines
Of burning coal,
Let’s say mines of extinguished coal
And the breath of day like a fiery furnace.

If one could get hold of you for all the years,
How could one get hold of you from all the years,
How could one lengthen a single arm,
Like a single branch of an African river,
As one sees in a dream the Bay of Storms,
As one sees in a dream a ship that went down,
The way one imagines a cushion of clouds,
Lily-clouds as the body’s cushion,
But though you will it, they will not convey you,
Do not believe that they will convey you.

If one could get hold of all-of-the-whole-of-you,
If one could get hold of you like metal,
Say like pillars of copper,
Say like a pillar of purple copper
(That pillar I remembered last summer)—
And the bottom of the ocean I have never seen,
And the bottom of the ocean that I can see
With its thousand heavy thickets of air,
A thousand and one laden breaths.

If one could only get hold of the-whole-of-you-now,
How could you ever be for me what I myself am?

The second trying, Dahlia Ravikovitch, Translation by Chana Bloch and Chana Kronfeld


I miei occhi giacciono

Caro Giuseppe,

la tua storia l’ho conosciuta solo l’anno scorso. Forse perché i nostri cammini non avevano mai possibilità di incrociarsi. Forse perché hai vissuto oltre mille chilometri lontano da me. Forse perché la tua lignua non la sapevo parlare. Eppure il tuo sguardo ha incontrato il mio. Questo tuo sguardo sulla terra che ha cambiato il mio modo di vederla. Avrei voluto dirtelo di persona, ma non ci sono riuscita, il tempo era più veloce di me.
E’ stata una giornata bellissima, d’estate. Fuori splendeva il sole e faceva caldo. Ero seduta sul pavimento del salotto davanti al mio notebook. Poi, per caso, ho trovato il tuo sito e quella poesia. Non sapevo che l’uomo la cui silhouette avevo scoperto navigando in rete eri tu. C’erano anche delle foto in bianco e nero. Tu con berretto e sciarpa. Tu con gli amici. Tu al mare. Sicilia. Sicilia. Come risuona questa bella parola. Poi ho letto la tua biografia e proprio in quel momento mi sono accorta di qualcosa che avrei dovuto capire più presto. Sei morto.
Pensavo che fossimo coetanei. In fondo la penso sempre così, siccome la morte è troppo grande per essere comprensibile veramente. Spensi il pc e andai fuori. Vicino a casa mia c’è un ruscello e i raggi di sole rilucevano sull’acqua. La contraddizione tra la bellezza della natura selvatica e l’amarezza della realtà non avrebbe potuto essere più grande. Il tuo destino mi aveva stretto la gola. Da questo momento in poi ho voluto scriverti una lettera. Eppure le mie righe non ti arriveranno prima di metà marzo 2010, perché le parole hanno bisogno di tempo. Sullo stretto sentiero tra il ruscello e il tuo passato mi fermai un attimo per riflettere. Senza neanche accorgermene l’estate scorsa ho preso una delle decisioni più importanti sulla mia vita.
La Sicilia, circondata dal mare di Ulisse, questa terra con i suoi splendidi colori e le lunghe estati calde, ha permesso che ti assassinassero con una carica di tritolo posta sotto il tuo corpo adagiato sui binari della ferrovia. Sarà che sono tedesca, sarà che in quel momento, sul pavimento del salotto, ero impreparata alle righe che stavo per leggere, il passo sulla notte tra l’8 e il 9 maggio del 1978 l’ho dovuto leggere cinque volte prima di capirlo. Forse non spetta a me di dirtelo, visto che non ci siamo mai conosciuti, ma sappi che nella mia testa si è creata un’immagine indelebile di quella notte; come se ci fossi stata, impotente davanti agli attimi che diventarano l’eternità. Avrai per sempre trent’anni. Fra i miliardi di uomini al mondo ci sei stato tu. Tu con berretto e sciarpa. Tu con gli amici. Tu con la tua sete di giustizia. Con la tua rabbia infinita contro la mafia. Con le tue poesie piene di libertà e dolore. Nel momento in cui ho realizzato le tue speranze, la tua rabbia è diventata la mia.

Puoi contare su di me, Peppino. Questo te lo volevo dire in quella notte in cui non ero ancora nata. Volevo correre dietro a te per dirti quanto ti stimo. Invece ho cominciato a correre solo nell’anno scorso e quindi non ti raggiungerò più. Tu però hai raggiunto me.

«I miei occhi giacciono
in fondo al mare
nel cuore delle alghe
e dei coralli.
Seduto se ne stava
e silenzioso
stretto a tenaglia
tra il cielo e la terra
e gli occhi
fissi nell’abisso.»

 

Peppino Impastato



Brief an dein Land

In der Schublade meines Schreibtisches habe ich vor Kurzem ein altes Foto wiedergefunden, von dem ich nicht einmal wusste, es zu besitzen. Es zeigt ein kleines Mädchen mit blonden Haaren. Je länger ich sein Gesicht ansehe, desto fremder wird es mir, als ob es nicht meines wäre. Und mit einem Mal ist in meinem Zimmer ein vertrauter Geruch. Nach einem Bruchteil von Sekunden verschwindet er wieder, aber das genügt, um mich nachdenklich zu stimmen.

In Castel del Rio in der Provinz von Bologna spielte ich in den 80er Jahren auf dem Küchenboden während Frau Donattini Nudeln selbst machte. Der Duft nach Brot lag in der Luft und aus dem Radio röchelten Volkslieder. Am späten Nachmittag ging ich nach Draußen, wo die Alten vor ihrem Kaffee saßen und plauderten, auf Stühlen aus Eisengestellen mit Plastikschnüren. In keinem anderen Land habe ich jemals solche Stühle gesehen, die ich übrigens nach wie vor wunderschön finde, vielleicht weil ich eine Vorliebe für Dinge habe, die lange zurückliegen.

Zwanzig Jahre später bin ich in Neapel, inmitten eines Platzes, auf dem eine Gruppe von Jungs als Clowns verkleidet mit hohen Stelzen herumläuft. Ich liebe solche Augenblicke, ja ich glaube sogar, dass ich nur Dank dieser Jungen noch über die Realität lachen kann. Der Humor ist eine komplette Parallelwelt, nicht wahr? Er lässt dich vergessen, wo du lebst. Ich schlage den Kragen meiner Jacke nach oben und gehe auf eines der Cafés zu. Der Espresso zieht mir die Schuhe aus, weil ich es gewohnt bin, deutschen Kaffee zu trinken, jenen der von Italienern als dünne Brühe verlacht wird. Ich brauche sehr viel Zucker und fürchte, dass letztlich mehr Zucker als sonst irgendetwas in der Tasse ist. Das erste was ich mir zugelegte als ich mich in Rom eingerichtet habe, war eine French Press, eine Kanne mit Kolben. „Das Geheimnis für einen exzellenten Kaffee“, sagen sie in der Werbung, und ich kann nur hinzufügen, es ist die Wahrheit. Während ich so über den Kaffee philosophiere wird mir plötzlich bewusst, dass ich mich eines Klischees bediene, wenn man bedenkt, dass die Deutschen es lieben, über Pizza Margherita, Espresso und Sanbitter zu reden, während die Italiener Touristen kritisieren, die sich Sandalen in Kombination mit weißen Tennissocken anziehen. In der Bar herrscht großes Gewühl. Alle scheinen sich zu kennen, und genau das liebe ich am Süden. Die Leute sind einfach unglaublich. Wenn du nach Deutschland kommst, wirst du feststellen, dass sich jeder in den Cafés ein ruhiges Plätzchen sucht, um Zeitung zu lesen oder Löcher in die Luft zu starren. Ich warte auf den Tag, an dem mir diese Stille fehlen wird und lass es dich dann wissen.

Eines Abends, zu Hause bei Freunden. Wir saßen am Tisch und irgendwer fragte mich, was ich von der italienischen Politik halte. Ein paar Tage zuvor hatte Berlusconi behauptet, die Studenten würden mit ihren Demonstrationen Gemeingut degradieren. Ich möchte ehrlich sein, die Wahrheit braucht keinen Schnörkel. In Neapel hat mir ein Taxifahrer seine Müllgebührenabrechnung gezeigt und sich dabei ziemlich aufgeregt. Ich habe sie gelesen und genau in diesem Moment realisiert, wie sehr Italien im Verfall ist. Die Verwaltung repräsentiert eines der demokratischen Fundamente und -auch wenn es merkwürdig erscheint- selbst die Erhebung einer einfachen Müllgebühr müsste den Vorschriften des öffentlichen Rechts unterliegen. Wie es scheint hat jemand aufgehört, seine Eingriffe in die Rechte der Bürger zu rechtfertigen. Und dieser Jemand ist kein Geringerer als der Staat. Es reicht vollkommen aus, die Chronik der Zeitungen zu lesen um zu erkennen, dass viele Politiker den Straftatbestand des Amtsmissbrauchs nicht nur aus einem Handbuch zur Korruptionsprävention kennen.

Die Taxifahrt war kurz; ich gestehe, einen Gedanken daran verschwendet zu haben, ein neues Ziel zu wählen. So hätte ich zumindest mehr Zeit gehabt, um das Gespräch mit dem Fahrer zu vertiefen. Letztlich habe ich aber widerstanden, weil nicht einmal die Dauer einer Reise nach St. Petersburg ausgereicht hätte, um das Thema zu klären.

In der Zwischenzeit hat mir der Kellner den zweiten Espresso gebracht. Jedes mal schwöre ich mir, dass es der letzte sein wird. Draußen hat es angefangen zu regnen und darum beschließe ich, noch einen Augenblick zu bleiben. Neben mir ist eine junge Frau mit Kefiah und Lederjacke. Nach einem schüchternen Lächeln beginnen wir zu reden. Da ich mit ausländischem Akzent spreche, will sie wissen, ob ich Urlaub in Neapel mache. Ich antworte, dass ich seit Kurzem in Italien lebe und darum wird sie neugierig und stellt mir viele Fragen. Aber ich habe Schwierigkeiten, ihr offen und ehrlich zu antworten. In Marokko sagen sie „das Herz auf der Zunge tragen“, wenn ein Mensch die Gewohnheit besitzt, halb unbekannten Leuten persönliche Angelegenheiten zu erzählen. Es war die Wut, die mich dazu bewegt hat, hierher zu ziehen, und auch die Liebe zu diesem Land.

Die Amalfiküste hat mich überhaupt nicht verzaubert, als ich das erste Mal dort war. Ich war gekommen, um die Landschaft für ein Reisebuch über Italien zu fotografieren und auf dem Programm standen unter anderem ein Besuch der Küstenstädte und der Inseln Procida, Ischia und Capri. Ich mietete Ende des Jahres 2006 ein Zimmer und umschiffte somit die Tausenden von Touristen, vor denen ich wirklich freiwillig fliehe. Zum Glück sieht man auf den Bildern nicht, dass es schweinekalt war. Ich hatte viel Arbeit und wenig Zeit, weshalb ich jeden Tag am frühen Morgen begann, eingewickelt in einen Schal und mit einem großen Cappuccino. Ich konnte noch kein Italienisch sprechen und so war ich völlig hilflos gegenüber einer Rechnung von siebzehn Euro fünfzig, die sie mich für das Frühstück zahlen ließen. Mein Herz weitet sich bei dem Gedanken an den Moment, der jenen teuer bezahlten Aufenthalt ausgeglichen hat. Ich stand an der Theke eines Cafés in Rom und wahrscheinlich habe ich laut nachgedacht, ob ich nun ein Tiramisu oder einen Cappuccino nehmen soll. Weil ich nicht genug Geld bei mir hatte, musste ich eine Wahl treffen. Nach ein paar Minuten brachte mir eine Frau das Tiramisu. Und einen Cappuccino. Ich machte sie darauf aufmerksam, dass ich nur das Tiramisu bestellt hatte. Ich weiß, antwortete sie mir mit einem Lächeln, das ist ein Geschenk.

Fotografieren kann eine mühsame Arbeit sein. Am Ende eines Tages hast du einen Haufen Filmrollen verschwendet und sie zu entwickeln erfordert viel Aufmerksamkeit, auch wenn du alles hast, außer Geduld. Ich persönlich liebe Schwarz-Weiß-Fotografien von Menschen, aber im Bezug auf das Reisebuch war ich gebeten worden, das Blau des Meeres abzulichten, die romantischen Häuser und die Gärten voller Geheimnisse. Ein Geheimnis das ich sofort entdeckt habe, waren die Müllhaufen zwischen den Felsen. Wo immer ich die Linse meiner Canon hinhielt, war der Dreck mit im Bild. Ich hätte es locker nehmen können, aber denk daran, dass ich bereits siebzehn Euro fünfzig für ein schlechtes Frühstück bezahlt hatte.

Wenn ich so darüber nachdenke, Italien hat wirklich viel getan um zu verhindern, dass ich mich in es verliebe.

Es hat aufgehört zu regen. Ich verlasse die Bar und spaziere in Richtung der schmalen Gassen der spanischen Viertel. Neapel erinnert an einen Roman von Gabriel García Márquez. Das Grollen dieser Stadt, die Sonnenstrahlen zwischen den alten Stadthäusern und die Leidenschaft der napoletanischen Musik, die man in der Luft schwingen hört.

Entweder man liebt es oder man hasst es, ist einer der berühmten Sätze über Neapel, den ich unzählige Male gehört habe, von Deutschen genauso wie von Italienern. Ich liebe es wie verrückt. Aber.

Da ich mich lieber verlaufe, ziehe ich nie einen Stadtplan zu Rate; falls ich wirklich Hilfe brauche, frage ich die Leute. Vielleicht kenne ich deswegen vor allem die dunklen Ecken der Städte, in denen ich bisher in meinem Leben gewesen bin. Die Straßen führen dich überall hin, auch in die Realitäten in denen Magie absolut nicht existiert. Inzwischen sind seit meinem ersten Aufenthalt in Neapel mehr als zehn Jahre vergangen, Jahre in denen sich nichts gewandelt hat. Ich verfolge den Niedergang und hoffe, dass der Wandel kommen wird. Aber wann?

Vor einem Haus setze ich mich auf den Treppenabsatz und schaue den Leuten zu, die von den Balkons herunter schreien.

Vor einiger Zeit, während einer Fahrt von Mailand nach Neapel, hatte mir eine Norditalienerin klarzumachen versucht, weshalb die Tochter den Fehler ihres Lebens begangen hätte, einen Mann aus dem Süden zu heiraten. Auch nicht im Ansatz habe ich ihre Argumentation verstanden. Jedes Mal, wenn ich den Zug nehme, erzählen mir die Menschen in meinem Abteil ihr ganzes Leben, ohne dabei die Kündigung, die Scheidung oder die Schulden für das Haus auszulassen. Warum ziehe ich eigentlich immer Nervensägen an?

Mit der Sensibilität einer Kreissäge sprach die Frau mir gegenüber von den Unterschieden zwischen Nord und Süd und ihre Feindseligkeit ließ sich hinter jedem Wort erahnen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie glücklich ich in dem Moment war, als mich die feuchte Hitze am Hauptbahnhof von Neapel in Empfang nahm.

Abends, wenn ich Heimweh habe, weil ich ganz allein in einer fremden Stadt bin, denke ich an die Worte von Ernst Jünger. „Ich habe lange Strecken meines Lebens mehr in Büchern als in Häusern und Staaten gelebt. Bücher haben den Vorteil fahrbarer Wohnungen mit idealem Komfort. Sie löschen daher andere, weniger angenehme Fahrten und Wohnungen.“ Nun befinde ich mich am Anfang einer neuen Reise, deren Ziel ich noch nicht kenne. Ich suche die Bücher aus, die mein Zuhause sein werden und schaue noch einmal das Foto des kleinen Mädchens mit den blonden Haaren an. Anstatt es zurück in die Schublade des Schreibtisches zu räumen, lege ich es in eines der Bücher. Erst jetzt begreife ich, dass der Geruch Italiens für immer in meinem Leben sein wird.